Rezension: Das Feld in der Fremde – Dola de Jong – Antje Kunstmann Verlag

Ein brandaktueller Coming-of-Age-Roman

Das Feld in der Fremde – Dola de Jong (Autorin), Anna Carstens (Übersetzerin), 272 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (14. September 2016), 22 €, ISBN-13: 978-3956141232

Aart und Lies, ein niederländisches Paar sind jung und verliebt und sind mit ihrem Wohnwagen in Frankreich unterwegs und landen schließlich in Tanger. Auf dem Weg dorthin sammeln sie Kinder aller Art und Nationalitäten ein, die durch die Wechselfälle des Krieges verwaiste sind. Zu ihrem eigenen Baby Dolfje. In Tanger gelandet pachtet Aart ein unfruchtbares Stück Land – zur Belustigung der Einheimischen – und bearbeiten es mit den Kindern, mit Berthe, Maria, Hans, Pierre, Luba und anderen. Es mangelt an Wasser und egal, wie viel Krüge und Töpfe die Kinder heranschleppen, das Feld ist unersättlich. „Eigentlich war es eher ein Garten, eine schmale Scholle, die Aart von einer Französin aus der Stadt gepachtet hatte.“ (Seite 12)

Die Handlung beginnt an einem noch unbestimmten Ort in einer bestimmten Zeit. Während in Europa der Krieg in vollem Gange ist, sind alle in Tanger gefangen, ein Schmelztiegel der Araber, Flüchtlinge, Abenteurer und Spione. Und die Flüchtlinge setzen alle Hoffnungen auf einen teuren Platz in einem überfüllten Boot nach Lissabon. Die Verbindung mit den aktuellen Ereignissen ist offensichtlich.

Die ganze Welt scheint ein unfruchtbares Feld zu sein mit unsäglich schweren Steinen. Von allen Seiten droht Gefahr: von den Einheimischen, von den reichen „Gutmenschen“ wie der Konsulsgattin, Frau von Balekom, von Verbrechern und sogar von einem Landsmann, der eine Hütte am Strand hat und eines der Kinder, ein Mädchen mitnimmt. Es ist nicht einfach, ein neues Leben aufzubauen, das Feld gibt zu wenig her und die Kinder haben Sehnsucht nach ihrem alten Leben, das für immer verschwunden ist.

Es ist ein Buch, das Unabhängigkeit atmet, fast wider besseres Wissen. Ein Blick auf die Welt jener Zeit, die auch für uns noch grausig genug ist. Der Erzähler nimmt eine Multiperspektive ein durch die Augen der Kinder und aller Arten von Nebenfiguren. Und das gelingt der Autorin ganz ausgezeichnet.

Weil die Perspektive regelmäßig wechselt, entdecken wir, wie jeder auf seine Weise versucht, seine Leben zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Im zweiten Teil des Buches, als Aart durch ein Missverständnis im Gefängnis landet, wird der Fokus stark auf Hans gerichtet. Seine Geschichte ist letztlich die vollständigste. Für ihn ist das Feld die Welt. Wie jemand, durch die Umstände gezwungen, in kurzer Zeit von einem Teenager zu einem klugen und Erwachsenen, der Verantwortung zu übernehmen hat, heranwächst, das hat die Autorin sehr schön beschrieben.

Dola de Jong verwendet keine bombastische Sprache, sondern beschreibt sehr subtil, sehr frisch und mit einem unterschwellig zwischen den Zeilen lauernden Unterton. Die Verzweiflung der Flüchtlinge, die Angst vor Verrat, die Unsicherheit spürt der Leser in jeder Zeile.  Vor alle zeigt die Autorin eine beispiellose Empfindsamkeit für Kinderseelen.

Eine überzeugende Anklage gegen den Krieg und die Behandlung von Flüchtlingen. Das älteste Kind, der siebzehn Jahre alte Hans fragt sich, ob Menschen eine normale Welt erwarten, nachdem der Krieg geführt wurde. Er glaubt, dass der Krieg nur Krieg gebären kann. Ist er der einzige, der erkennt, dass die eine Hälfte der Menschheit die andere Hälfte hasst? Ein schmerzhafter Zynismus für einen so jungen Menschen. „Was hatten die Kinder von der Zukunft, wenn sie jetzt schon verdorben wurden? Die junge Generation in Europa wurde mit Hass genährt, von der Angst gesteuert und zu Mördern erzogen.“ (Seite 162)

Ein Buch aus dem Jahre 1945 – wen interessiert das noch? Diese Neuauflage kommt genau zum „richtigen“ Zeitpunkt. Täglich sehen wir die schrecklichen Bilder von Kriegsflüchtlingen im Fernsehen, vor allem von Kindern. Und Dola de Jong gibt uns einen Einblick in die Gedanken und Gefühle dieser kleinen Flüchtlinge. Heute aktueller denn je. Und es macht das, was wir täglich sehen, noch schlimmer.

Lesen Sie es, um besser zu verstehen, wie sich Kriegsflüchtlinge jetzt fühlen, vor allem die Kinder. Obwohl das Buch für Erwachsene geschrieben ist, denke ich, es sollte auch seinen Platz auf der Leseliste für Schüler bekommen. Das Buch ist ein absolutes Leseerlebnis.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/das_feld_in_der_fremde-1218/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

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