Rezension: Drei Söhne: Ein Mordprozess – Helen Garner

Die Banalität des Bösen

Drei Söhne: Ein Mordprozess – Helen Garner (Autorin), Lina Falkner (Übersetzerin), 352 Seiten, Berlin Verlag (1. September 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3827012692

„Drei Söhne“ beginnt fast wie ein modernes Märchen: „Es war einmal ein schwer arbeitender Mann, der mit seiner Frau und seinen drei kleinen Söhnen in einer Kleinstadt in Victoria lebte. Sie schlugen sich mit seinem Raumpflegerslohn durch und bauten mühsam an einem größeren Haus.“ (Seite 9)

Doch schon im nächsten Satz ist das Märchen zu Ende und ein Happyend ausgeschlossen. Denn seine Frau trennt sich von ihm und behält die Kinder.

Und „zehn Monate später, an einem Septemberabend 2005, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, als der abgelegte Ehemann gerade seine Söhne von einem Vatertagsausflug zurück zur Mutter fuhr, kam sein alter, weißer Commodore, kaum fünf Minuten von der Haustür entfernt, plötzlich von der Fahrbahn ab und versank in einem Baggersee. Der Mann befreite sich aus dem Auto und schwamm ans Ufer. Das Auto sank auf den Grund und alle drei Kinder ertranken.“ (Seite 10)

Soweit der Anfang dieser wahren Begebenheit. Tragischer Unfall oder Mord aus Rache? Diese Frage beschäftigte nicht nur die australischen Gerichte und die Öffentlichkeit. Auch die Autorin Helen Garner verfolgt den Prozess vor dem hohen Gericht in Canberra.

Helen Garner verknüpft Beschreibungen des Gerichtsverfahrens mit Szenen aus jener verhängnisvollen Nacht und Zeugenaussagen zu einem herzzerreißenden Drama. Es ist kein „whodunnit“-Krimi, sondern mehr ein „Warum hat er es getan?“ Sie richtet ihren Fokus nicht so sehr auf das Urteil, sondern auf die innere Welt einer verurteilten Familie. Das Ganze legt sie an als eine überaus gekonnte Mischung aus Bericht, Gerichtsreportage, Zeugenaussagen, Gesprächswidergabe, Erzählung und immer wieder die ganz persönlichen Eindrücke der Autorin.

Im Mittelpunkt ihre Geschichte steht Rob Farquharson, der liebende Vater von Jai, Tyler und Bailey und ihr möglicher Mörder. Es entsteht das Porträt eines gewöhnlichen Menschen und eines undenkbaren Verbrechens. Aber auch tiefe Einblicke in die Seele und das Denken aller Beteiligten: Richter, Anwälte, Ankläger, Freunde, Verwandte und Zeugen. Sie beobachtet sorgfältig jedes einzelnen Verhalten und jede Regung aller Personen in diesem langen Indizienprozess.

Eigentlich wollen wir als Leser, dass Rob unschuldig am Tod der Kinder ist, ein tragisches Ereignis eben und nicht, dass er vorsätzlich und rücksichtslos handelt. Aber das wollen wir nicht unbedingt, weil wir glauben, dass er unschuldig sei, sondern weil es einfach zu schrecklich ist, die Alternative zu betrachten, weil es einfacher ist, daran zu glauben, dass das Leben der Kinder für einen Vater zu kostbar wäre, um es in einem Moment der Vergeltung zu zerstören.

Es ist eine Geschichte über Verlust, über die unerträglichen Bereiche des menschlichen Verhaltens, über die Spannung zwischen Liebe und Hass, Pflicht und Rache. Sie schreibt erschütternde Szenen, berührende Beobachtungen der Schwäche gepaart mit ironischen Momenten des Humors. Besonders gelungen finde ich die Gegenüberstellung des intellektuellen Ansatzes des Staatsanwaltes Jeremy Rapke, gegen die emotionale Darstellung des Verteidigers Peter Morrissey. „Während die Anklage für das Schlussplädoyer eine trockene und verstandesmäßige Herangehensweise gewählt hatte, versuchte die Verteidigung direkt aufs Herz zu zielen.“ (Seite 219)

Helen Garner schreibt einfühlsam und zugleich schonungslos, schnörkellos und doch facettenreich.

Ein Buch voller Kraft und Leidenschaft. Wenn Ihnen beispielsweise Truman Capotes „Kaltblütig“ gefallen hat, dann haben Sie hier eine australische Version. Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie diesen Fall nicht mehr vergessen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/drei-soehne-isbn-978-3-8270-1269-2

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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