Rezension: Terror in Frankreich – Gilles Kepel – Antje Kunstmann Verlag

Salafisten wollen den Zusammenbruch Europas

Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa – Gilles Kepel (Autor), Werner Damson (Übersetzer), 352 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (14. September 2016), 24 €, ISBN-13: 978-3956141294

Gilles Kepel Professor am Institut für politische Studien in Paris, ein Spezialist für den Islam und die zeitgenössische arabische Welt, erforscht fast dreißig Jahre lang die Entwicklung der arabisch-muslimischen Gesellschaften.

Kepel führte seine Analyse durch als Historiker und Politikwissenschaftler. Er zeigt Zusammenhänge auf in einer kompromisslosen Analyse der US-Außenpolitik (Afghanistankrieg). Er spricht über die Unruhen von 2005, über die Verzweiflung der Vorstädte, über postkoloniale Verletzungen und Ablehnung der französischen Werte durch eine radikalisierte Jugend mit Migrationshintergrund.

Er seziert mit der Präzision eines Wissenschaftlers, die islamistischen Bewegungen, ihre Entstehung und Entwicklung in den Städten, die zweite und dritte Generation von Einwanderern, deren Ablehnung der französischen Staatsbürgerschaft, die keine Bedeutung für sie hat. Die Gewalt der Terrorakte im Jahr 2015 zeugt von diesen Terroristen und ihre Bereitschaft sich von Frankreich loszusagen.

Kepel geht chronologisch vor: er analysiert im Detail diese historischen Prozesse, zeigt uns die verschiedenen Phasen von Afghanistan, Algerien, Al Qaida und schließlich IS und ermöglicht uns, die verschiedenen Ereignisse zu verknüpfen, damit wir – was noch häufig geschieht – sie nicht nur in ihrer Singularität betrachten. Er sieht drei große Zäsuren:

1979 Afghanistan im Kampf gegen die Sowjets. Die Kämpfer kommen aus allen islamischen Ländern um gegen die Rote Armee zu kämpfen, unterstützt von Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten.

Die zweite Phase ist uns besser bekannt. Es ist dem 11. September 2001. Al-Qaida und der Jihad fungieren als hierarchische Organisation, mit dem Kopf Osama bin Laden und dem Ideologen Al-Sawahiri.

Für Gilles Kepel ist 2005 das Schlüsseljahr. Es ist der online veröffentlichte „Aufruf zum globalen islamischen Widerstand“ des Syrers Abu Musab al-Suri. Die hierarchische Organisation der Al Quaida wird durch kleine Gruppen schlecht integrierter Migranten ersetz, mit dem Ziel durch terroristische Aktionen Chaos zu erzeugen, eine Islamophobie zu schaffen und so die Muslime gegen andere auszuspielen, was schließlich in einem Bürgerkrieg enden sollte. Und schließlich wurde im Jahr 2005 YouTube geboren, das zu einem außergewöhnlichen Verbreitungsmedium für Terroristen werden sollte. Es entstand eine Art unterirdisches Wurzelwerk, ein Netzwerk, das die sozialen Medien für die Propaganda nutzt und dem die Gefängnisse als Inkubatoren dienen. Durch den Zusammenbruch der arabischen Staaten hat dieses System einen ungeheuren Aufschwung erfahren. Es gibt nun rechtlose Gebiete, gescheiterte Staaten in unmittelbarer Nähe Europas, in Syrien in Libyen, im Jemen und im Irak.

Er predigt keine Apokalypse, was viele andere tun. Die Anschläge von Paris, Nizza oder Brüssel zielten auf die westliche Lebensweise. Dennoch sei der Terror in Europa kein Ausdruck eines Krieges zwischen dem Westen und dem Islam, meint Gilles Kepel. Den Terroristen gehe es darum, die Gesellschaft zu spalten, indem sie feindliche Reaktionen gegenüber allen Muslimen erzeugen. Und wenn man wirksam gegen die Brüche in den europäischen Gesellschaften kämpfen will, dann nicht mit Krieg, sondern mit Polizeiarbeit und Bildung.

Kurz gesagt, dieses Buch ermöglicht uns, den Feind zu verstehen. Und dieser Feind ist unter uns. Er kommt nicht nur von außen. Und das scheint mir nicht nur auf Frankreich zuzutreffen.

Die Schlussfolgerungen von Gilles Kepel kann ich voll unterschreiben: Es gibt keinen Krieg des IS in Frankreich, Deutschland oder sonst wo in Europa. Es gibt eine große Herausforderung für Polizei, Geheimdienste und vor allem für die Gesellschaft. Warum brechen Teile der Bevölkerung bewusst aus der nationalen Gemeinschaft aus? Hier stellt uns der Salafismus vor große kulturelle Herausforderungen.

Denn er will, dass die jungen europäischen Muslime oder Konvertiten, die schlecht integriert sind, sich aus wirtschaftlichen Gründen oder aufgrund von Fremdenfeindlichkeit ausgeschlossen fühlen und sich gegen die europäischen Staaten erheben. Sie sollen im Inneren dieser Länder Anschläge verüben, um die „Ungläubigen“ zu treffen. Sie sollen dabei gegen „weiche Ziele“ vorgehen – Juden oder sogenannte Feinde des Islams wie z.B. die Zeichner von „Charlie Hebdo“. Das soll eine Reaktion der europäischen Gesellschaften hervorrufen – ein Pogrom gegen Muslime. Das würde auf einen Krieg zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen hinauslaufen. Letztlich sollte das zum Zusammenbruch Europas und zur Errichtung des Kalifats auf dessen Ruinen führen.

Wir laufen Gefahr, vollständig vom Ressentiments, der Angst, Zorn, Hass und dem Rachedurst beherrscht zu werden. Die internationale Politik wird davon bereits getrieben und geprägt. Das ist offensichtlich. Wir leben also in sehr nervösen, sehr unberechenbaren Zeiten.

Aber gerade deshalb werden wir hier nur dann einen großen Schritt vorangekommen, wenn politisch Verantwortliche gewählt werden, die in der Lage sind, eine Vision zu entwickeln, und die nicht wahltaktisch von einem Tag zum nächsten reagieren. Vor allem sollten wir in unserem Denken ein Paradigmenwechsel vornehmen, nach Raymond Aron „Menschen opfern ihre Leidenschaften nicht für ihre Interessen. Wer das glaubt, hat unser Jahrhundert nicht verstanden!“

Ein unverzichtbares Buch für alle, die die Komplexität eines historischen und soziologischen Phänomens, den Dschihad-Entwicklungsprozess oder ganz allgemein den radikalen Islam verstehen wollen und dessen Ursachen klarer sehen und die Folgen erkennen möchten.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/terror_in_frankreich-1221/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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