Die unscheinbare Auster an der Adria

Die unscheinbare Auster an der Adria

… oder warum niemand Ravenna links liegen lassen sollte

L’anguilla c’e? Ist Aal da? Diese Frage erübrigt sich in Comacchio, dieser originellen und faszinierenden Stadt im Po-Delta. Umso erstaunlicher, dass das Restaurant, in dem wir gelandet sind, diesen Namen trägt. Aber der Reihe nach.

Es ist als ob Hermann Hesse in seinem Gedicht Ravenna von 1904 schon alles über diese Stadt gesagt hat:

Ich bin auch in Ravenna gewesen. / Ist eine kleine tote Stadt, / Die Kirchen und viel Ruinen hat, / Man kann davon in den Büchern lesen. / Du gehst hindurch und schaust dich um, / Die Straßen sind so trüb und nass / Und sind so tausendjährig stumm / Und überall wächst Moos und Gras. / Das ist wie alte Lieder sind  – / Man hört sie an und keiner lacht / Und jeder lauscht und jeder sinnt / Hernach bis in die Nacht.

Soweit so richtig, auf den ersten Blick. Gut, Ravenna liegt inmitten vom Nirgendwo. Aber ein schönes Nirgendwo. Denn hier herrscht eine entspannte Gelassenheit. Gut, Ravenna ist eher eine durchschnittlich-langweilige Stadt, der man ihre Zeit als Hauptstadt des weströmischen Reiches auf den ersten Blick nicht ansieht. Ravenna war einmal eine Lagunenstadt. Der Po änderte seinen Zufluss in die Adria und Ravenna verlandete. Heute liegt der Stadtkern ca. 9 km vom Meer entfernt. Eine eher Nach dem geplatzten Traum von Ravenna als Ort der politischen und kulturellen Vereinigung von Orient und Okzident begann die Stadt, langsam und unaufhaltsam zu verfallen. Erst der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg ließ die Stadt sich zu einem Industriezentrum von nationaler Bedeutung entwickelt, mit dem zweitgrößten Hafen Italiens.

Uns so bietet Ravenna, wenn man sich der Stadt vom Südosten her nähert, das Bild, das wir von vielen Randzonen italienischer Städte kennen, Supermärkte, neu und verkommene Industriebauten nebeneinander, Krankenhäuser, Brachflächen. Genau wie alle Austern von außen grau-schwarz-hässlich aussehen. Erst wenn man sie öffnet entfalten sie ihren Perlmuttschimmer und wir entdecken möglicherweise eine schöne Perle.

Direkt nach dem Parkplatz hinter der Basilica di San Vitale entfaltet Ravenna seinen ganzen Charme, mit weniger Touristen, getaucht in eine ruhige und entspannende Atmosphäre. Eine völlig neue Erfahrung für den Geist: Kultur, Essen und Kunst all’italiana. Ein echter Schatz, an denen Italien so reich ist in seinen schönen vergessenen Orten und zauberhaften Städten.

Und dann findet man sofort die Perle in der Auster: den großen Reichtum an wertvollen Mosaiken und Monumenten, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind und alle aus Zeit vor 1600 Jahren stammen als Ravenna dreimal Hauptstadt war: Des Weströmischen Reiches (402-476), des Ostgotischen Reiches unter Theoderich (493-553) und des Byzantinischen Reiches in Europa (568-751).

In der Basilika San Vitale fesselt uns der hohe Raum, die prachtvollen Mosaiken der Apsis, die Geräumigkeit des Innenraumes und die Barockfresken der Kuppel. Fast übersehen wir dabei einen kleinen, wenig bekannten Schatz, fast unbemerkt genau vor dem Altar: ein Labyrinth, dessen kleine Pfeilspitzen aus der Mitte des Labyrinths auf verschlungenen Pfaden bis in die Mitte der Basilika führen.

Dann die weihevolle Dämmerung und die Pracht der Mosaiken, die ihren Höhepunkt in der Kuppel, die kein Tageslicht erhält, mit dem blau-goldenen Sternenhimmel haben, dem Kreuz und den Symbolen der 4 Evangelisten. Es fehlen nicht der gute Hirte, Symbol der Geborgenheit, und die vom Wasser des Glaubens und des Ewigen Lebens trinkenden Hirsche und Tauben.

Weiter geht es. Direkt hinein in das alte Zentrum von Ravenna. Es ist eine einzige große Fußgängerzone, so dass es einfach ist, die vielen interessanten Orte zu erreichen. Ohne Hektik durch die via Cavour, eine beliebte Einkaufsstraße gemächlich zum Piazza del Popolo, dem bedeutendsten Teil der Stadt, der seinen Charakter aus dem fünfzehnten Jahrhundert beibehalten hat. Über die Via Roma zur Basilica di Sant`Apollinare Nuovo, irgendwann erbaut zwischen 493 nach Christus und dem frühen sechsten Jahrhundert. Hier trifft römische Architektur mit der aus der Zeit Theoderichs aufeinander, hier sind arianischer Kult und katholischer Gottesdienst vereint. In drei Mosaikzyklen sind dargestellt: die Episoden aus den Evangelienlesungen in der Karwoche und Ostern. Dann ein ikonographisches Meisterwerk, bestehend aus zweiunddreißig Figuren von Propheten, sechzehn auf jeder Seite. Und zu guter Letzt eine verschwenderische Prozession der Heiligen, angeführt von St. Euphemia, mit langsamen und rhythmischen Gang voran, eine symbolische Krone tragend. An der gegenüberliegenden Wand gibt es eine endlos scheinende Prozession von sechsundzwanzig Märtyrer in weißen Gewändern, die in immer gleichem Bild, alle Individualität zu Gunsten der gemeinsamen Botschaft auszuschließen scheinen.

Es gäbe noch viel zu sehen in Ravenna: das Grab von Dante Alighieri, das Mausoleum des Theoderich, mit seinem Steindach von rund elf Metern Durchmesser und einem Meter Dicke, das aus einem einzigen Monolithen herausgearbeitet wurde, den Duomo und, und und … Aber wir sind erschlagen von den Eindrücken der Mosaiken und außerdem meldet sich ein leichter Hunger.

Wir beschließen, nicht in Ravenna zu essen, trotz vieler verlockender Möglichkeiten. Lieber fahren wir die dreißig Kilometer nach Comacchio, ein kleines Städtchen, gelegen auf 13 Inseln mit einem sehr gut erhaltenen historischen Zentrum. Und das zu Recht. Mit seinen Kanälen, hübschen Brücken und Palästen erinnert es ein wenig an Venedig. Wir bummeln an den Kanälen vorbei und dann sehen wir es, das kleine Ristorante mit dem seltsamen Namen „L‘ Anguilla C’e’“

Endlich. Aal. Dieser ungeliebte Fisch, den die meisten von uns nur als geräucherten, fetttriefendes Stück kennen. Und Günter Grass lässt in der Blechtrommel Agnes, die Mutter der Hauptfigur ausrufen: „Bild dir bloß man nich ein, dass ich von dem Aal ess“, stöhnt Agnes. „Überhaupt kein Fisch ess ich mehr und Aale schon ganz und gar nicht.“ Und als ihr Mann dann auch noch zwei der Viecher mit nach Hause nimmt und sie zu Aalsuppe verarbeitet, ist es hinüber mit ihr. Sie kreischt und schluchzt vor lauter Abscheu. Diese Reaktion auf die Aale können viele Menschen nachvollziehen.

Zu Unrecht, denn der Aal ist ein delikater Knochenfisch mit einem Fettgehalt von nur 26% und war schon in der Antike ein begehrter Speisefisch. Homer erwähnt den Aal als einzigen Fisch namentlich, in seiner Odyssee und preist ihn als göttliche Speise.

Also nichts wie an einen Tisch. Antipasto von Fisch und Meeresfrüchten, darauf schon ein Stück marinierten Aals. Das Primo überspringen wir, um uns ganz auf das Secondo konzentrieren zu können: Aal frisch auf dem Grill geröstet, selbstverständlich mit Haut und dazu traditionell gebratene Polenta.

Wein dazu? Selbstverständlich einen Vino delle Sabbie. Eine Art die es so ähnlich auch in Sardinien gibt. Wein des Sandes: die sandigen Böden ehemaliger Dünen im Po-Delta, die besondere Feuchtigkeit, der Nebel und insbesondere die salzhaltige Luft, die in Brisen vom nahen Meer herüberweht, bestimmen den Charakter dieser Weine. Wir nehmen einen Bosco Eliceo bianco, aus Trebbiano- und Malvasia-Trauben. Mit seinem relativ geringen Alkoholgehalt von 10,5°, seinem intensiven Duft und seinem frischen, fruchtigen, akzentuierten Geschmack begleitet er ganz hervorragend unsere Vorspeisen.

Ja, und zum gegrillten Aal? Natürlich einen Fortana, aus dem gleichen Anbaugebiet. Die Fortanareben werden auch „Uva d`Oro“ genannt. Ein rubinroter Wein mit recht weinigem Geruch, einem angenehm trockenen Geschmack, leichtes Tannin, optimale Säure aber körperreich.

Bei einem starken Kaffee erzählt uns die Wirtin von einem weiteren Aalgericht zu anderer Jahreszeit „Aal-Eintopf mit Zwiebeln, Essig und Tomaten“, dort auch als “a becco d’asino” wegen seiner einfachen Zubereitung bekannt. Und es schein wirklich einfach: Etwas Öl in eine Auflaufform und diese mit zentimeterdicken Scheiben zweier dicker Zwiebeln auslegen. Etwa drei bis vier Aale von etwa 150 – 200 Gramm pro Stück ebenfalls in Scheiben schneiden und darüberlegen. Mit etwas Essig und Wasser bis zur Höhe des Fisches auffüllen. Mit Tomatenkonzentrat, Salz und Pfeffer würzen. Das Ganze leicht köcheln lassen und mit der Gabel prüfen ob der Fisch durch ist. Möglichst heiß servieren.

Die Aromen und Düften Italiens sind unverwechselbar, berauschend, unvergesslich.

 

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