Archiv für den Monat Oktober 2016

Rezension: Die Verlockung – Andrea Camilleri – Nagel & Kimche Verlag

Wer ist frei von Schwächen?

Die Verlockung – Andrea Camilleri (Autor), Karin Krieger (Übersetzerin), 160 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (25. Juli 2016), 18 €, ISBN-13: 978-3312009961

Gibt es einen Menschen, der frei ist von Schwächen? Nein!

„Die Verlockung“ von Andrea Camilleri erzählt die verzweifelte Suche nach der schwächsten Stelle eines einfachen Mannes, Mauro Assante.

Er ist staatlicher Bankprüfer und soll einen Bericht über die Bank Santamaria abgeben. Das wird nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Folgen haben.

Während des Schreibens dieses Berichts, er ist in der Endphase, gibt es unerklärliche Ereignisse. Eine mysteriöse Gruppe von Menschen, scheinbar ohne Skrupel und mit der klaren Absicht, den Bericht zu verhindern, stören sein Leben ganz empfindlich. Sie suchen den Riss in seiner Seele. Bisher verlief das Leben unseres Protagonisten routinemäßig und genau, eintönig, aber beruhigend.

Mauro Assante ist, wie wir alle, ein fragiles Geschöpf. Es braucht nur sehr wenig, um es zu zerstören. Wenn eine gute Portion Bösartigkeit mit einem hinterhältigen Geist verbunden ist, gibt es kein Entkommen. Vor allem nicht für Menschen wie Mauro, die keine Kompromisse eingehen wollen und die nicht sehen wollen oder können, dass das Leben voller Missverständnisse ist und die weiterhin nicht sehen wollen oder können, dass Menschen in der Lage sind, alles zu tun, um ihre eigenen Interessen zu schützen. Sollen wir es Dummheit nennen? Oder Naivität? Auf jeden Fall wird das vorsichtige und ruhige Temperament von Mauro, seine analytischen Fähigkeiten und Rationalität, auf die er so stolz ist, auf eine harte Probe gestellt.

Das Buch lässt sich gut zu lesen und bietet ein paar Stunden angenehmer Lektüre. Der Stil von Camilleri ist sehr flüssig und einnehmend. Mit einfachen Gesten und Gedanken zeichnet er sehr effektiv die Charaktere und nutz dabei seine Fähigkeit, Spannung auf zu bauen und Spannung zu vermitteln, ohne sensationell Fakten zu benötigen. Der Motor des Lesers ist der Wunsch herauszufinden, was wirklich los ist und wie es enden wird.

Das Buch beginnt leise und beschleunigt sanft und der Leser wird vom Erzählrhythmus mitgetragen. Nie Langweilig. Ein perfekter Lesegenuss, vor allem durch die psychologische Selbstbeobachtung der Figur des Mauro Assante

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Kimche & Nagel Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-verlockung/978-3-312-00996-1/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rzezension: The new Jim Crow – Michelle Alexander – Antje Kunstmann Verlag

Die unerwünschten Anderen

The new Jim Crow – Michelle Alexander (Autorin), Gabriele Gockel, Thomas Wollermann (Übersetzer), Antje Kunstmann Verlag, 19.10.2016, 24 €, ISBN 978-3-95614-128-7

Jim Crow, so wurde die rassistische Rassengesetzgebung in den Vereinigten Staaten genannt, die ab 1964 aufgehoben wurde. Michelle Alexander sieht einen „New Jim Crow“, die den alten Jim Crow durch die Praxis der Masseninhaftierungen seit 1980 abgelöst hat.

Die unerwünschten Anderen stehen in diesem rassischen Kastensystem im Fadenkreuz von Polizei, Justiz und Politik.

Die Autorin Michelle Alexander ist Hochschullehrerin an der Ohio State University am Moritz College of Law und Anwältin, vor allem für Sammelklagen wegen Rassen- und Geschlechterdiskriminierung.

In sechs Kapiteln belegt sie ihre Thesen von der Masseneinkerkerung im Zeitalter der Farbenblindheit mit Fakten und Beispielen.

Ihr Buch umfasst fast die ganze Geschichte der USA, vor allem der Gesetzgebungsseite her: Von der Abschaffung der Sklaverei durch den 13. Zusatzartikel der Verfassung im Jahre 1833 bis zum Anti-Drug-Abuse-Act von 1986. „Neben anderen harten Maßnahmen sah das Gesetz Mindesthaftstrafen für den Handel mit Kokain vor, und zwar deutlich schärfere für das vor allem mit Schwarzen assoziierte Crack als für das klassische Kokain, das hauptsächlich von Weißen konsumiert wurde.“ (Seite 86)

Sie liefert „eine Bestandsaufnahme der Mittel, mit denen der Krieg gegen die Drogen die Jagd auf einen derart hohen Prozentsatz der US-Bevölkerung und dessen Wegschließung ermöglicht.“ (Seite 95)

All diese Gesetze, Vorgehensweisen, Deals und illegale Machenschaften gehen in erster Linie zu Lasten der Afro-Amerikaner, die in Gefängnissen überrepräsentiert sind. Human Right Watch berichtet, „dass im Jahre 2000 in 7 Bundesstaaten 80 – 90 Prozent der Personen, die wegen Drogenvergehens im Gefängnis saßen, Afroamerikaner waren.“ (Seite 143)

Aber mit einer Verurteilung z.B. wegen eines Schuldeingeständnisses, nur um eine milderes Urteil zu bekommen ist das Martyrium noch lange nicht zu Ende. „Der Täter wird vielleicht zu einer Bewährungsstrafe, Gemeindedienst oder zur Übernahme der Gerichtskosten verurteilt. Ohne Wissen dieses Delinquente […] verliert er aufgrund seiner Verurteilung die Berechtigung zu vielen vom Bund finanzierten Gesundheits- und Sozialleistungen, zum Erhalt von Lebensmittelmarken, einer Sozialwohnung und von Bildungsbeihilfen des Bundes. Ihm kann der Führerschein entzogen werden und er kann sich nicht mehr für bestimmte Tätigkeiten und Berufe bewerben.“ (Seite 200)

Und all das hat dazu geführt, dass ein neues, brutales und ungerechtes System der rassischen und sozialen Kontrolle entstanden ist. „Heute befinden sich mehr Afrikaner in den Mühlen der Justiz – im Gefängnis oder unter Bewährungs- und Meldeauflagen auf freiem Fuß – als es im Jahre 1850, ein Jahrzehnt vor dem Bürgerkrieg, Sklaven gab.“ (Seite 247)

Vor dreißig Jahren wurden in den Vereinigten Staaten weniger als 350.000 Menschen in Gefängnissen und Gefängnissen festgehalten. Heute übersteigt die Zahl der Insassen in den Vereinigten Staaten 2.000.000. Alexander belegt, dass dieses System der Masseneinkerkerung als ein eng vernetztes System von Gesetzen, Politikern, Sitten und Institutionen arbeitet, die kollektiv arbeiten, um den untergeordneten Status einer Gruppe zu gewährleisten, die weitgehend durch Rasse definiert wird.

Das Buch von Michelle Alexander ist sehr gut dokumentiert und die Autorin argumentiert sehr systematisch. Es ist alarmierend, provokant und überzeugend. Und es sollte auch uns, die Leser sensibilisieren für ein Thema, das weit über die USA und die dortigen Afroamerikaner hinausgeht. Denn auch bei uns gibt es „Kastensysteme“, Ausgrenzung und Benachteiligung von Minderheiten, Reiche und Arme, Erfolgreich und schändliche Verlierer. Für all diese gelten auch hier die Worte des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin: „Du wurdest hineingeboren in eine Gesellschaft, die Dir mit brutaler Deutlichkeit und auf jede nur mögliche Art und Weise zu verstehen gab, dass du ein wertloser Mensch bist.“ (Seite 353)

Dieses aufschlussreiche Buch kann Ihnen dazu verhelfen, die Welt in einer anderen Art und Weise zu sehen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/the_new_jim_crow-1186/

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Rezension: Ein nachgelassenes Bekenntnis – Marcellus Emants – Manesse Verlag

Innenansicht eines Frauenmörders

Ein nachgelassenes Bekenntnis – Marcellus Emants (Autor), John Coetzee (Nachwort), Gregor Seferens (Übersetzer), 320 Seiten, Manesse Verlag (12. September 2016), 26,95 €, ISBN-13: 978-3717523666

Der Autor, Marcellus Emants (1848-1923) war kein fröhlicher Mensch. Er stammt aus einer prominenten, niederländischen Juristenfamilie. So wird Marcellus Emants von seinem Vater mehr oder weniger gezwungen, Jura zu studieren. Als sein Vater 1871 stirbt, bricht Emants sein Studium ab. Das Erbe erlaubt es ihm, sich voll und ganz der Literatur zu widmen. So lebt er wie der Protagonist seines wichtigsten Buches, „Ein nachgelassenes Geständnis“ von seiner Erbschaft. Aus seinen Büchern spricht ein radikaler Pessimismus.

Willem Termeer ist der tragische Anti-Held und Icherzähler dieses rätselhaften Romans. Das Buch beginnt mit seinem Geständnis:

„Meine Frau ist tot und längst begraben.“ (Seite 5) „Sooft ich in den Spiegel sehe – was ich nach wie vor tue – wundert es mich, dass so ein blasses, mageres, unbedeutendes Männlein mit stumpfem Blick, kraftlos geöffnetem Mund – viele werden sagen: solch ein Nichtsnutz – in der Lage war, seine Frau … die Frau, die er auf seine Art doch geliebt hat … zu ermorden.“ (Seite 6)

Er will belegen, beweisen, argumentieren und verteidigen, was ihn dazu geführt hat, seine Frau zu ermorden, obwohl niemand weiß, dass er der Täter ist. Er folgt der Spur weit zurück.

Er wächst in einer lieblosen Familie ohne Geschwister auf. Seine wohlhabenden Eltern starben, als er noch sehr jung war. So zieht er in die Welt um Menschen zu treffen, kennen zu lernen, vielleicht sogar zu lieben. Aber einen echten, normalen Kontakt mit anderen Menschen gelingt ihm nicht.

Willem Termeer ist ein schüchterner Neurotiker. Er ist überzeugt, dass er das seinen Vorfahren zu verdanken hat. Daraus folgt, dass alles, was er tun wird, zum Scheitern verurteilt ist, und er kann dafür nicht kritisiert werden, weil es eben diese ererbte Natur verursacht hat. Der freie Wille ist nicht da. Termeer ist ein typischer Vertreter des naturalistischen Denkens. Alles ist vorbestimmt und es ist unmöglich, seinem Schicksal zu entgehen, wenn jemand durch seine Geburt schon als „degeneriert“, als „entartet“ festgelegt ist.

Marcellus Emants liefert uns messerscharf die Innenansicht eines Menschen. Ein angenehmer Mensch ist er sicher nicht, im Gegenteil, verdorben, aufgebläht, arrogant, paranoid, egozentrisch, narzisstisch. Und gerade das macht ihn so interessant, weil wohl in uns allen ein Stück Willem Termeer steckt.

Das Buch hat eine einfache Struktur, eine glatte, fast moderne Sprache, einen ganz realistischen Antihelden und es erweckt Gefühle in uns, mit denen wir vielleicht gar nicht konfrontiert werden wollen. Deshalb ist es auch heute noch lesenswert.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Manesse Verlages

https://www.randomhouse.de/Buch/Ein-nachgelassenes-Bekenntnis/Marcellus-Emants/Manesse/e467268.rhd

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Rezension: Guter Junge – Paul McVeigh – Klaus Wagenbach Verlag

Ein turbulenter Weg aus dem Chaos

Guter Junge – Paul McVeigh (Autor), Nina Frey und Hans-Christian Oeser (Übersetzer) Gebundene, 256 Seiten, Wagenbach, K (26. August 2016), 22 €, ISBN-13: 978-3803132796

Es ist Ende der 1970er Jahre. Mickey Donnelly ist 10 Jahre alt. Er lebt in Ardoyne in West-Belfast. Mickey hat seine Prüfung mit 11+ bestanden und ihm wurde ein Platz an der St. Malachy’s Grammar School angeboten. Aber ihm wird gesagt, dass seine Familie es sich nicht leisten kann, ihn dorthin zu schicken.

Paul McVeigh, ebenfalls in Belfast geboren, erzählt die Geschichte von den neun Wochen von Mickys Sommerferien, bevor er zur Höhere Schule geht. Er erzählt es durch Mickeys Augen, die alle Gedanken, Ideen und wilden Träume eines vorpubertierenden Jungen vermitteln. Ardoyne ist ein römisch-katholisches Gebiet, das mehr oder weniger von protestantischen Gebieten umgeben ist. Es ist nicht überall in Ardoyne sicher, denn dies ist die Zeit der nordirischen Unruhen, wenn auf den Straßen zu jeder Zeit Gewalt ausbrechen kann.

Ein besorgter Zehnjähriger durchstreift harte Straßen und Ödland in Belfast während der Unruhen der frühen schwierigen 1980er Jahre. Er will hart sein, ist es aber nicht. Er beobachtet andere Jungs und versucht sie zu imitieren. Und er erzählt uns seine Abenteuer in dieser zerrissenen Stadt. Mickey ist ein Junge am Rande der Dinge, der versucht, die Grenzen und das Niemandsland zwischen Straßen und Freundschaften zu überwinden. Unruhig, zwischen Spiel und Verantwortung wird er langsam zu einem fast erwachsenes Kind und stolpert dabei durch Gewalt und Enttäuschungen.

Paul McVeigh hat einen glaubwürdigen, individuellen 10-jährige Jungen mit unabhängigen Ansichten und einzigartiger Stimme geschaffen. Er ist ein unruhiger Charakter. Er ist charmant, gelehrig und warm, ansteckend lustig.  Ja, er ist oft verwirrt, aber sind wir nicht alle verwirrt als Kinder? Ja, er leidet Herzschmerz, aber ist das nicht Teil des Erwachsenwerdens? Mickey ist ein intelligenter Junge, und er hat eine Strategie fürs Überleben – er handelt. Er entscheidet, dass es Dinge gibt, die er haben muss und Dinge, die er tun muss.

„Guter Junge“ ist eine kontinuierliche Erzählung mit einer bestimmten tickenden Uhr, ein Countdown, bis die Schulferien enden, und Mickey an der Sekundarschule von St. Gabriel anfangen muss, in der er von den anderen Kindern zerrissen wird. Es gibt Gefahr durch die lokale IRA und durch die Polizei. Vor allem gibt es Vorahnungen, aus denen heraus Mickey beschließt, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen und alles zu einem heftigen Abschluss zu bringen. Es ist die äußerst lebendige, herzergreifende Beschreibung einer (der) irischen Kindheit, die uns vor allem Armut, Paranoia und Gewalttätigkeit vermittelt.

Paul McVeigh ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, mit lebendigen Dialogen und einer visuellen Sprache, die grob und doch subtil, zwingend und mitfühlend zugleich ist.

Es lohnt sich, „Guter Junge“ zu lesen. Es ist interessant, liebenswert, charmant und herzzerreißend. Paul McVeigh navigiert uns mit viel Geschick über das stürmische Meer von Mickeys wechselnden Erfahrungen und seinen sich schnell verändernden Gefühlen mit Geschick. Und schafft damit nicht nur einen unvergesslichen Charakter. Und der Blick auf den Nordirland-Konflikt aus der Sicht eines Kindes macht nicht nur Gewalt und Hass so absurd und anachronistisch, wie sie sicher sind. und er erinnert uns daran, dass das Leiden der Kinder immer im Mittelpunkt der Kriegsführung steht.

Und es ist ein Roman, der uns sehr viel über die Art und Weise beibringen kann, wie wir als Erwachsene die Welt um uns herum betrachten bzw. betrachten sollten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1042-guter-junge.html

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Rezension: Kryptozän – Pola Oloixarac – Klaus Wagenbach Verlag

Biologen und Hacker – die totale Kontrolle

Kryptozän – Pola Oloixarac (Autor), Timo Berger (Übersetzer) 192 Seiten, Wagenbach, K (26. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3803132802

„Krytozän“ ist um Cassio gebaut. Er ist ein argentinisch-brasilianischen Junge, der schon in frühen Jahren seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und sein großes Interesse am Computer zeigt. Mit leicht asozialem Charakter konzentriert er sich auf Maschinen und endet als ein Hacker, als Teil eines illegalen Projekts, das einen radikalen Schritt bei der Kontrolle des Verhaltens von Individuen unternimmt.

Und das scheint mir die Stärke dieses Romans zu sein, dass, wenn wir Verbrauchsdaten sammeln, wir bald genügend Informationen über Verhaltensmuster haben könnten, um Einzelpersonen direkt steuern zu können. Wenn soziale Netzwerke heute Zugang zu Informationen über unsere Interessen, unsere Recherchen, unsere Familie und Freunde haben, was wird im Jahr 2024 geschehen?

Die Arbeit gliedert sich in drei Kapitel zu verschiedenen historischen Perioden (1882, 1983 und 2024) und drei verschiedene Protagonisten (Niklas Bruun, Cassio und Piera). Was haben diese drei Teile gemeinsam? Alle konzentrieren sich auf die Fortschritte der Wissenschaft im Laufe einiger Jahrhunderte. Wie wir wissen, war im neunzehnten Jahrhundert die wissenschaftliche Forschung, vor allem eine Arbeit der Biologen, die die Welt bereisten, um die Arten zu studieren. Dies ist der Fall bei Niklas, der an der Expedition teilnimmt eine Pflanze namens Crissia pallida zu studieren. Cassio lebt seinerseits in der Ära der Entwicklung von Computern und speziell als Hacker. Piera ist Biologin wie Niklas, aber im Jahr 2024. Die Biologie hat sich komplett verändert und Cassio, beteiligt sich an einer Forschungsgruppe, die Proben menschlicher DNA sammelt.

Die drei Charaktere werden als einsame Menschen porträtiert, isoliert und vom Rest der Welt falsch verstanden. Oloixarac verwendet eine wissenschaftliche Sprache, wo Computer und Botanik ein großes Repertoire an Metaphern bieten.

Pola Oloixarac schafft eine dystopische Welt, in der die Bevölkerung durch ihr genetisches Material überwacht wird, eine Art neuer Hacker. Pola Oloixarac zeigt uns eine Zukunft, wo die Geheimnisse der DNA sowie die Geheimnisse des Lebens von Pflanzen und Tieren, die Erstellung eines perfekten Mischungen verschiedener Spezies ermöglichen könnte.

Es ist die Art und Weise wie die Autorin ihr Buch und das Thema aufbaut, weniger die Schönheit des Textes. Es ist für mich neu und spannend.

Wer auf der Suche nach einer kunstvollen Erzählung voller technologischer Referenzen und mit einem Hauch von Science-Fiction ist, der liegt mit diesem Buch genau richtig.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

http://www.wagenbach.de/buecher/titel/1043-kryptozaen.html

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Rezension: Bologna und Emilia Romagna – Eine literarische Einladung – Carl-Wilhelm Macke

La mia gente che mi vuole bene

Bologna und Emilia Romagna – Eine literarische Einladung – Carl-Wilhelm Macke (Herausgeber), 144 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach; Auflage: 1. (18. August 2009), 17 €, ISBN-13: 978-3803112675

Ich liebe nicht nur die Landschaft, das Essen und die Weine, sondern auch die Romagnoli, die Menschen aus der Romagna. Und nichts kann es besser ausdrücken als das Lied von Casadei:

La mia gente che mi vuole bene, la gente mia che mi sa capir. La mia gente che m’aspetta ancora, la gente mia ce l’ho qui nel cuor.

Meine Leute, die mich mögen, meine Leute, die mich verstehen. Meine Leute, die mich immer erwarten, meine Leute, die ich im Herzen trage.

Die Romagna ist für mich immer ein bisschen, wie nach Hause kommen. Seit über 45 Jahren bereise ich diese Gegend und viele meiner Freunde sind Romagnoli.

So bin ich vorbelastet, wenn ich über dieses schmale Bändchen aus dem Klaus Wagenbach Verlag schreibe. Die Meinung eines Autors beeinflusst natürlich immer den Tenor seines Artikels. Also Vorsicht.

35 Autoren auf 130 Seiten? Manchem mag das zu viel erscheinen. Mir ist es fast zu wenig. Denn bei der Emilia Romagna gibt es so viel zu sehen, zu hören, zu genießen und zu erkunden, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören sollte. Insofern ist diese Auswahl eine gelungene Mischung aus:

Den Städten der Emilia-Romagna: Bologna, Parma, Modena, Piacenza, Reggio Emilia, Ferrara, Ravenna, Rimini mit ihren wunderbaren Plätzen und Renaissancepalästen kommen ebenso zu Wort wie kleine, verschlafene Nester mit Gastwirtschaften im Fünfziger-Jahre-Stil in den Hügeln und Bergen des Apennins oder in der Ebene. Wobei nicht nur das alte Italien in unseren Köpfen so heil und so idyllisch sind, sondern auch die Zerstörung und die Zersiedelung der Emilia-Romagna thematisiert werden und vor allem, die langweiligen, kommerzialisierten und hässlichen Vorstädte mit ihren Supermärkten, Outlet-Stores, Autowaschanlagen und Diskotheken nicht ausgespart werden.

Die Straßen der Emilia Romagna: Auch hier, beispielsweise im Beitrag von Banni Celati „Die Lichtverhältnisse auf der Via Emilia“ wird ein lebensnahes Bild gezeichnet. „… fährt man zwischen zwei Kulissen dahin, die aus großen Werbeplakaten, länglichen, flachen Fabriken, Tankstellen, Möbel- und Lampenlagern, Ausstellungsdepots voller neuer Autos, Bars, Restaurants, kleinen Villen in lebhaften Farben oder ganze Stadtvierteln von mitten auf dem Land hochragenden riesigen Wohnblöcken bestehen.“ (Seite 43/44)

Natürlich der Po, der Vater-Fluss Italiens. „Alles was unrein ist, wird von diesem Wasser angezogen werden, das bereit ist zu leiden wie ein Märtyrer aus Fleisch und Blut, und jedes Jahrhundert wird ihm sein Leid anvertrauen.“ (Seite 98)

Das Essen: „Wenn ihr von der Bologneser Küche sprechen hört, verneigt Euch, denn sie verdient es.“ (Seite 116). Bekanntlich ist ja die italienische Küche die Mutter der französischen Küche und unter den italienischen Regionalküchen ist die der Emilia-Romagna die Regina, die Königin. Besonders gelungen der Beitrag von Alberto Savinio „Der Parmesan ist ein Basiskäse“ „Er ist in der Käsefamilie, das was der Kontrabass in der Familie der Saiteninstrumente ist.“ (Seite 115)

Die Menschen der Emilia Romagna: Die ganz unterschiedlichen Typen kommen zu Wort. Die Schriftsteller der Romagna: „Die Wesensart von Schriftstellern der Romagna ist wie der Garbino, der Südwestwind aus den Bergen.“ (Seite 20). Die jungen Leute: und ihr Verhalten: „… es bedarf unermüdlicher Anwesenheit, um sich den Platz in der Bar zu verdienen.“ (Site 104) Oder ihre Gewohnheiten wie in der unvergleichlichen Geschichte Tonia Todisco (Seite 117) von Jessica Franco Carlevero. Trotz aller Unterschiede, die Menschen in der Emilia-Romagna sind offen, herzlich und gastfreundlich.

Lesen Sie dieses kleine Büchlein und verlieben Sie sich in die Emilia-Romagna, in die sanften Hügelketten, die wilden Schluchten, in diese atemberaubenden Landschaften zwischen Meer und Gebirge, in die feinsandigen Strände, in das unverfälschte, ruhige Hinterland, in die dahindämmernden Dörfern, bunt, verschlafen, gleichzeitig lebendig und unglaublich italienisch. in diese Region des Genusses, die so viel mehr zu bieten hat als Sonne, Meer und Strand. Lernen Sie diese Gegenden des Kontrastes einmal aus literarischer Sicht kennen.

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https://www.wagenbach.de/buecher/titel/401-bologna-und-emilia-romagna.html

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Rezension: Rom. Eine literarische Einladun – Margit Knapp – Klaus Wagenbach Verlag

Rom, schön und hässlich

Rom. Eine literarische Einladung – Margit Knapp (Herausgeber), Luigi Malerba (Vorwort), 144 Seiten,  Wagenbach, K (1. Januar 1996), 17 €, ISBN-13: 978-3803111562

Rom, einst die Hauptstadt der Welt, ist heute so faszinierend wie seit Jahrtausenden. Die Stadt einmal besuchen und ganz viel Zeit für die Menschen und die schier unendlich vielen Bauwerke und Sehenswürdigkeiten zu haben, römische Luft zu atmen und zugleich ein wenig den Alltag mit den Römern zu teilen,  wer hat nicht schon solche Träume gehabt? Rom in all seinen Widersprüchen zu erleben?

Nach Rom ist gar nicht so weit. Nur ein schmales dünnes Bändchen von etwa 140 Seiten und Sie erleben Rom auf eine ganz andere, intensivere und treffendere Art als bei jeder Touristenfahrt.

Maria Knapp hat es möglich gemacht. Sechsundzwanzig Texte, Romanauszüge und Kunstbetrachtungen, Geschichten und Gedichte hat sie zu einem Streifzug durch römische Zustände und zugleich durch die italienische Gegenwartsliteratur zusammengetragen. Ganz unterschiedliche Schriftsteller kommen zu Wort, wie Alberto Arbasino, Ignazio Buttitta, Italo Calvino, Luca Canali, Guido Ceronetti, Umberto Eco, Ennio Flaiano, Carlo Emilio Gadda, Natalia Ginzburg, Marco Lodoli, Curzio Malaparte, Luigi Malerba, Giorgio Manganelli, Dacia Maraini, Elsa Morante, Alberto Moravia, Giampaolo Morelli, Aldo Palazzeschi, Pier Paolo Pasolini, Anna Maria Ortese, Gianni Rodari, Mario Soldati, Sebastiano Vassalli, Sandro Veronesi, Rodolfo Wilcock oder Valentino Zeichen.

Sie geben alle ihr Bekenntnis zu Rom, ihre Erkenntnisse von Rom wieder:

„Es ist die Unentschlossenheit der Stadt Rom, die nie genau weiß, ob sie Süden oder Norden ist, ob sie Tirol oder Afrika ähneln soll.“ (Seite 102) Das meint Natalia Ginzburg in ihrem kleinen Bericht über die Straßen, in denen sie gelebt hatte.

„Alle Übel in Italien kommen von Rom, und das begann schon vor 2500 Jahren. Von Rom, dieser ungeheuerlichen Macht und Gewaltmacht, von diesem in der Weltgeschichte vielleicht einzigartigen Beispiel für Zentralgewalt: eine Stadt, nach deren ein Weltreich, eine Sprache, eine Kultur und schließlich eine Religion benannt wurden!“ (Seite 137) So schreibt Mario Soldati in seinem Beitrag zu diesem Büchlein.

Es entsteht ein Bild von Widersprüchlichkeiten, das Pier Paolo Pasolini wohl am treffendsten beschreibt: „Ganz sicher ist Rom die schönste Stadt Italiens, wenn nicht gar der ganzen Welt. Aber sicher auch die hässlichste, die gastfreundlichste, die dramatischste, die reichste, die elendste.“ (Seite 106)

Mancher mag ein gewisses Jammern in vielen der Beiträge zu lesen. Meiner Meinung nach sind es aber in erster Linie lustige und traurige, geschmeidige, elegante und nuancierte Geschichten, mit präzisen Blick und viel Freude am Detail über die alte Hauptstadt der Welt und die neue Hauptstadt Italiens, die uns Rom sehr viel näherbringen, als die Lektüre eines Reiseführers.

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http://www.wagenbach.de/buecher/titel/429-rom.html

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Rezension: Das Spiel der hundert Blätter – Varujan Vosganian – Paul Zsolnay Verlag

Ins Tal der Tränen tritt man nicht irgendwie ein.

Das Spiel der hundert Blätter – Varujan Vosganian (Autor), Ernest Wichner (Übersetzer), 224 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (22. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3552058002

Varujan Vosganian, ein rumänischer Wirtschafts-wissenschaftler, Politiker, Essayist und Lyriker armenischer Abstammung, legt mit „Das Spiel der hundert Blätter“ seinen zweiten Roman auf Deutsch vor.

Mir scheint es das Epos einer, seiner, Generation, nicht allein von Rumänen, sondern aller derer, die im Osten Europas als Erwachsene den Systembruch um das Jahr 1990 erlebt haben.

Vier Freunde waren es: Tili, Jenica, Maca, Luca. Jetzt, zwanzig Jahre nach dem Umbruch von 1989/90 treffen sich drei wieder. Luca fehlt. Sie erinnern sich an ein Spiel, das sie als Kinder erfunden haben: Bei jedem Schritt auf dem Schulweg mussten sie den Fuß auf ein herabgefallenes Kastanienblatt setzen. Lag gerade keines vor ihren Füßen, durften sie eines von abgezählten hundert Blättern aus ihrem Ranzen vor sich hinlegen.

Es sind drei skurrile, verschrobene Typen die drei: Tili berät einen Puppenmacher indem er dessen Puppen Namen verleiht. Jenica hilft in einer Lottoannahmestelle aus, wo er in erster Linie versucht die Kunden vom Spiel abzuhalten. „Es ist nicht gut, wenn das Glück einfach so, so unerwartet eintrifft.“ (Seite 69) und Maca rast mit seinem Motorrad durch die Gegend und sammelt Flüche. „Wie man weiß, hielt er Flüche für Versöhnungsformeln mit der Welt.“ (Seite 212) Jenica hat Zugang zu den Akten der Securitate und gemeinsam versuchen sie, das Schicksal ihres ehemaligen Freundes Luca zu klären.

Vor dem Hintergrund der realen Geschichte erzählt der Roman sehr bildhaft und in Gleichnissen von den großen Themen des Lebens: Von Tod, Glück, Verzeihen und Vergessen, von Vergangenheit und Zukunft und von Menschen, die vor vielem Angst haben und vergeblich ihre Identität in diesen unsicheren Zeiten suchen. Eindringlich schildert Vosganian das prekäre und sinnentleerte Leben der Hauptpersonen im postkommunistischen Land. Irgendwie können sie nichts mit der neuen Freiheit anfangen: „Ich habe diese Mengen an Zukunft ziemlich satt. Anstelle einer strahlenden Zukunft, die niemals eintrifft, hätte ich lieber eine Vergangenheit, an der ich mich erfreuen könnte. Ich will das Recht auf eine Vergangenheit erwirken.“ (Seite 63) Jeder der Protagonisten verzweifelt auf seine Art.

Varujan Vosganian schreibt traurig, lakonisch, manchmal wunderlich, mit vielen Bildern und Metaphern (die hundert Blätter, der Eilzug nach Bukarest, das Bild des Spiegels), die immer wieder auftauchen und miteinander verwoben sind. Und der Roman endet auch mit Tills Blick in den Spiegel. „Der Puppenmeister hatte einen Spiegel aus der Kiste geholt. Till sah sich selbst, und zum allerersten Mal fiel ihm kein Name ein. Er bemühte sich, etwas zu finden, aber er spürte es war zu spät. Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und stöhnte. Die Welt, mit oder ohne ihn, auch unbenannt, existierte weiter …“ (Seite 223)

An sich sehr locker und entspannt zu lesen, wer aber einen angenehmen und leichten Stoff erwartet, irrt. Denn eine Aufgabe kommt auf den Leser dieser anspruchsvollen Lektüre zu: Er muss diese Geschichte weiter erzählen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-spiel-der-hundert-blaetter/978-3-552-05800-2/

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Rezension: Die weiße Straße – Edmund de Waal – Paul Zsolnay Verlag

Reine Leidenschaft

Die weiße Straße: Auf den Spuren meiner Leidenschaft – Edmund de Waal (Autor), Brigitte Hilzensauer (Übersetzer) 464 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (26. September 2016), 26 €, ISBN-13: 978-3552057715

Ohne Leidenschaft bleibt jedes Tun und Handeln ein Flickwerk. Die Leidenschaft garantiert das berühmte Quäntchen Engagement, welches über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Und Erfolg hat er.

Edmund de Waal nennt sich selbst „potter“, einen Töpfer. Hier stapelt er natürlich etwas tief, denn immerhin ist er einer der bekanntesten Keramiker, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit Porzellan arbeitet. Edmund de Waal ist ein Künstler, dessen Porzellanarbeiten in Museen und Galerien auf der ganzen Welt ausgestellt sind.

In diesem Buch begibt er sich auf Spurensuche nach Porzellan. Seine Absicht hinter diesem Buch beschreibt er so: „Es ist eigentlich ganz einfach, eine Art Wallfahrt zu den Anfängen, eine Chance, den Berg zu besteigen, von dem die weiße Erde kommt. […] Ich habe vor, drei Orte aufzusuchen, wo das Porzellan erfunden oder wiedererfunden wurde, drei weiße Berge in China und Deutschland und England.“ (Seite 17)

Er begibt sich auf die Reise, die er uns in drei Hauptabschnitten schildert: China, Dresden, Cornwall – jeder hat seine Hügel und jeder seine weißen Objekte. Seit Jahrhunderten wussten nur die Chinesen, wie Porzellan zu machen ist. Sie hatten zwei Mineralien entdeckt, die sie miteinander mischten: Petuntse, was weißer Ziegel bedeutet und Kaolin. Beide sind weiß. Beide müssen in den richtigen Verhältnissen abgebaut, gereinigt und gemischt werden. Bei intensiver Hitze von 1300° C verschmolzen die beiden. Porzellan ist fast eine Form von Glas.

Auf über 400 Seiten reiht de Waal aneinander: Namen, Ereignisse, Wunder, Elend, Reiseerlebnisse, geschichtliche Anmerkungen, Kaiser und Königen, Handwerkern, Bergleuten, Arbeitern, Luxusgüter und Gebrauchsgegenstände, Alchimisten und Mystiker, Künstler und Macher, persönliche Eindrücke, alles um seine Leidenschaft, dem Stoff der Welt, alles um Porzellan.

Was ist das: eine Biographie, eine Geschichte, ein Reisebericht, eine philosophische Betrachtung? Auf jeden Fall ein bisschen von allem.

Es gibt keinen Zweifel, dass „Die weiße Straße“ eine gewaltige Leistung ist. Hut ab vor Edmund de Waal, der wie ein Besessener Geschichte und Geschichten zusammenführt und sie in diesem Buch verarbeitet. Und dann ist er doch erleichtert, als er wieder an seiner Töpferscheibe sitzt und 2453 weiße Gefäße herstellt. „Ich verwende all das vollkommene, vorläufige, tröstliche, melancholische, bedrohliche, leuchtende Weiß von meiner Reise.“ (Seite 456)

Das ist De Waals unbestrittenes Talent: obsessive Forschung zu betreiben, zu suchen, zu stapeln und zusammen zu führen, den Leser an dieser fast hektischen Reise zu beteiligen und Notizen zu machen und zu Lesen. Und dann das Ganze in ein Buch voller Charme, mit einem gewissen selbstironischen Humor zu gießen. Es ist ein elegantes, aber fast atemloses Buch.

Lassen Sie sich von diesem Buch verführen. Unausgesprochen übt es eine sogartige Wirkung aus. Wenn Ihnen Porzellan bisher nur wenig sagte, werden Sie ihm verfallen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-weisse-strasse/978-3-552-05771-5/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Rom, Rom – Pier Paolo Pasolini – Klaus Wagenbach Verlag

Rom, gezeigt von einem Unbequemen

Rom, Rom –  Pier Paolo Pasolini (Autor), Annette Kopetzki, Hans-Peter Glückler, Bettina Kienlechner (Übersetzer) 120 Seiten, Wagenbach, K (19. August 2014), 16 €, ISBN-13: 978-3803113061

Pier Paolo Pasolini (geboren am 5. März 1922 und ermordet in Rom am 2. November 1975 war ein Dichter, Schriftsteller, Regisseur, Drehbuchautor, Dramatiker und italienischer Journalist, und gilt als einer der größten Künstler und Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Künstlerisch sehr vielseitig verzeichnet er auch Erfolge in einer Reihe von Bereichen, so etwa als Maler, Romancier, Linguist, Übersetzer und Essayist.

Er, Ketzer und Häretiker, war ein unbequemer Beobachter der Veränderungen in der italienischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Mitte der siebziger Jahre, erregte oft starke Kontroversen und hitzige Debatten wegen der Radikalität seiner Urteile, sehr kritisch gegenüber den bürgerlichen Gewohnheiten und der steigenden Konsumgesellschaft aber auch gegen die 68er-Bewegung und ihre Protagonisten.

Mit 27 Jahren, im Winter des Jahres 1949 zieht Pasolini, zusammen mit seiner Mutter, nach Rom, in diese vorindustriell anmutende Stadt, in diese Stadt, die sich radikal von der archaischen, bäuerlichen, friaulischen Kultur unterscheidet, in der er aufgewachsen ist. Dort kommt es zu ersten Kontakten mit Künstlern wie Laura Betti oder Alberto Moravia. Daneben fühlte sich Pasolini aber stets auch zum Milieu der römischen Vorstädte (borgate) hingezogen. Wie zuvor schon in der bäuerlich geprägten Gesellschaft des Friauls, entdeckte er in den borgate eigenständige kulturelle Traditionen und Wertvorstellungen, die sich von den kleinbürgerlichen Vorstellungen seines eigenen Umfeldes deutlich unterschieden. Für diese einfachen Leute in ihren wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen empfand er eine tiefe Sympathie, mit ihnen fühlte er sich wohl. Er entwickelte ein engagiertes Interesse am Aufzeigen und der Änderung der sozialen Missstände.

Neun Geschichten aus und über Rom sind in diesem Büchlein versammelt. Und das sind neun Liebeserklärungen an eine Stadt, Liebeserklärungen an ein Paradies an den Rändern Roms.  Er erkundet darin die Stadt aber auch die eigene Person.

Die des abseitigen, dunklen und schmutzigen Roms der 50er – 60er Jahre. Es ist die Lebenswelt der Zuwanderer, der Ausgestoßenen, der Diebe, Gauner, Huren und Stricher, kurzum die Welt des ungebändigten Proletariats der Nachkriegsjahre, dessen urwüchsige Kraft den Dichter – kreativ wie sexuell – inspirierte und der er schließlich beinahe sein ganzes Œuvre zu verdanken hat. Wie kein anderer verabscheute Pasolini die biedere Bürgerlichkeit des römischen Stadtzentrums und solidarisiert folglich mit den Menschen der Peripherie, um nur wenige Jahre später – 1973 in einem Interview mit dem römischen „Il Messaggero“ – entsetzt festzustellen, dass die aufkommenden Massenmedien der 70er Jahre nun auch die kulturelle Nivellierung dieser Vorstadtrömer bewirkt und sie zu spießigen Kleinbürgern gemacht hat.

Nicht so sehr der Inhalt der Geschichten ist von Bedeutung, sondern eher die Lebenssituation von Pasolini aus der heraus sie entstanden. Und deshalb werde ich auch nicht den Schreibstil von ihm diagnostizieren. Für mich zeichnet er sich durch detailfreudige Beobachtungen von Straßenszenen aus. Und mir scheint sich eine Leitlinie durch zu ziehen: Charaktere zu zeichnen und zu erkennen in einer psychologischen Vielfalt, die ganz unterschiedlich zu unserer eigenen Lebenserfahrung stehen.

Mit dieser Lektüre begreift man vielleicht etwas vom anhaltenden Nachruhm dieses Mannes, der bald länger tot sein wird, als er gelebt hat. Für Pasolini-Leser unverzichtbar, aufschlussreiche Lektüre für all jene, die hinter Roms Gegenwartskulissen schauen wollen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/961-rom-rom.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: paolo pasolinihttp://www.rotezora.deier