Rezension: Paris-Austerlitz – Rafael Chirbes – Antje Kunstmann Verlag

Gefangen in Liebe und Verlangen

Paris-Austerlitz – Rafael Chirbes (Autor), Dagmar Ploetz (Übersetzerin), 160 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (24. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3956141225

„Je t`ai eu, ich hab dich gefangen.“ (Seite 28). Dieser Satz bezieht sich nicht nur auf die Liebe als tödliche Falle, sondern auch als unheilvolle Prophezeiung auf vieles andere in diesem mitreißenden Buch. Auf das Gefangensein in unnötiger und betäubender Arbeit oder auch gefangen sein in der verachtenswürdigen Existenz derer, die nicht arbeiten müssen. Aber auch das Gefangensein in Einstellungen wie, auf keinen Fall bürgerlich zu sein, auf keinen Fall als Moralist zu gelten. Gefangen sein in den eigenen inneren Widersprüchen.

Rafael Chirbes, mit Sicherheit einer der bedeutendsten spanischen Gesellschaftschronisten der letzten Jahrzehnte erzählt hier die Geschichte von zwei Menschen:

Ein junger, linker und homosexueller Maler verlässt Madrid, um der drückenden Atmosphäre seiner bürgerlichen Familie zu entfliehen. Angezogen wird er von der schillernden, künstlerischen Atmosphäre von Paris. Er trifft Michel, viel älter als er, aus einer total anderen sozialen Schicht: ein französischer Arbeiter, mit einer von Armut geprägten Kindheit und Jugend, ohne Vater aufgewachsen, oft betrunken, neidisch und besitzergreifend. Ein Mann von großer Durchschnittlichkeit aber auch von erotischer Gefräßigkeit. Die Handlung spielt in einem Armenviertel von Paris, abseits der touristischen Routen, bewohnt von Migranten und Ausgestoßenen, die Drogen, Alkohol und Sex konsumieren. Doch schon bald droht die Enge der Beziehung ihn zu ersticken, und seine Arbeit als Maler leidet.

Es ist die Geschichte einer Liebe in Paris von der ersten Verliebtheit an, über Zärtlichkeit und Leidenschaft bis zum Verschwinden der Begierde. Aber die Geschichte ist viel mehr: eine tiefe Reflexion über den Egoismus des menschlichen Verhaltens, über die Erbarmungslosigkeit des Todes, über den menschlichen Zustand in unserer Zeit. Eine intime und traurige Geschichte um die Frage: Rechtfertigt es die Liebe, das Leben über Bord zu werfen, auch wenn sie nicht mehr als „Verlangen“ ist. Und durch alles weht der unverkennbare Hauch eines existenziellen Pessimismus, der gespeist wird durch den Glauben an die Notwendigkeit, nachhaltig zu lieben, und zur gleichen Zeit, durch unsere Unfähigkeit, die Fülle der Liebe zu verlängern.

Rafael Chirbes schreibt schonungslos, analytisch und ohne Sentimentalitäten. Eine intensive Prosa, prägnant, direkt und kompromisslos. Eine Erzählordnung fehlt. Ich habe sie auch nicht vermisst. Und auch der Leser, der einem zeitlichen oder logische Mustern zu folgen gewohnt ist, wird sehr schnell in den Bann dieses großartigen Romans gezogen, vor allem mit bildgewaltigen Formulierungen, wie „Paris blieb draußen, das unerschütterliche Tier aus Eis, die rauen Schuppen seiner Steine und der scharfe Schiefer seiner Dächer.“ (Seite 76)

Mich fasziniert die Rohheit seiner Sprache, die das Leben beschreibt, wie es ist – „manchmal legte sich meine Mutter auch zu mir ins Bett und wärmte mich. Und weißt du, was ich von Nächten, in denen wir zusammenschliefen, erinnere? Dass sie nach fremdem Schweiß roch und ich mich ekelte, auch wenn ich wusste, was immer sie tat, sie tat es für mich und meine Brüder“ (S. 60/61).

Jetzt ist das der letzte Roman von Rafael Chirbes, erst nach seinem Tod veröffentlicht. Manche sehen im letzten Werk eines Schriftstellers sein literarisches Vermächtnis. Das wäre vielleicht zu hoch gegriffen. Ich ziehe lieber einen Vergleich zu seinem ersten Roman „Mimoun“, der ihn berühmt machen sollte. Ein junger Mann sucht die Erfahrung der Fremde in einem marokkanischen Nest, Mimoun. Aber er gerät unter Nachäffer und Amoksäufer. Ein Buch über die Lebensgier in uns und die Fremde um uns. Ein Buch über die Einsamkeit, den Tod und die Vergeblichkeit, den Sinn des Lebens in der Fremde zu finden.

In beiden Romanen, Paris-Austerlitz und Mimoun, konzentriert er sich weniger auf eine Gruppe von Menschen als vielmehr auf das Individuum und er spricht über Gefühle einzelner Menschen. Sie sind intimer und autobiographischer als seine anderen Werke. Sie scheinen mir wie ein Rahmen, in denen der Rest seiner Arbeit sich entwickelt hat, die große Chronik Spaniens von 1936 bis 2015.

Ein rauer, beeindruckender und beunruhigender Roman, dessen Faszination sich kein Leser entziehen kann.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/paris_austerlitz-1216/

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