Rezension: Die kleinen Tugenden – Natalia Ginzburg – Klaus Wagenbach Verlag

Ihre und unsere eigene, intime Geschichte

Die kleinen Tugenden – Natalia Ginzburg (Autorin), Maja Pflug und Alice Vollenweider (Übersetzerinnen), 160 Seiten, 15,50 € ISBN-13: 978-3803132833

Natalia Levi wurde in Palermo am 14. Juli 1916 als Tochter des jüdischen Vaters, Giuseppe Levi und der katholischen Mutter Livia Tanzi geboren. Und hier gibt sie uns ein wertvolles Zeugnis der Qualitäten wie die Schwächen eines großen Schriftstellers.

„Die kleinen Tugenden“ von Natalia Ginzburg ist eine Sammlung von elf Texten, Erinnerungen und Reflexionen (irgendwo angesiedelt zwischen Aufsatz und Kurzgeschichte), die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften über mehrere Jahre veröffentlicht wurden. Elf Arten, um die Fakten, die Dinge, die Gesten, die Stimmen, die Orte zu „fühlen“. Was ist Freundschaft? Was bedeutet Tugend? Reden und Schweigen, welchen Wert haben sie? Was ist der Sinn des Lebens?

Ein melancholisches, aber äußerst luzides Porträt ist in diesen Seiten vorhanden, in denen die Autorin über ihre intimen Gedanken berichtet, ihre eigene intime Geschichte zu den großen historischen Ereignissen der Jahre, in denen sie lebte (das faschistische Regime, die Opposition von Intellektuellen in Turin, die Inhaftierung und Tod von Leone Ginzburg, die Verfolgung der Juden)

Natalia Ginzburg erzählt in der ersten Person in einem fließenden Stil, scheinbar einfach, aber voller Anspielungen und extrem musikalisch, leicht und tief zugleich; in der Tat ist es der Rhythmus der Sätze, die dem Leser ein ruhiges Bewusstsein vermitteln und ihn Zeile für Zeile, zu der Entdeckung, was sind die „kleinen Tugenden“ (oder Wahrheit) hinziehen.

Drei möchte ich besonders herausgreifen.

Aus dem ersten Teil die Geschichte „Er und ich“ (Seite 53), in der Natalia Ginzburg das Leben mit ihrem zweiten Mann, Gabriele Baldini, dem berühmten Anglisten thematisiert und dazu das Paar in einer Art Doppelporträt einander gegenüberstellt.

Aus dem zweiten Teil „Die menschlichen Beziehungen“ (Seite 107), ein langes Gleichnis ihrer eigenen Erfahrungen mit den Anderen – Familie, Freunde, Liebesaffären -, endete mit der Erkenntnis, dass wir in jeder Phase und in jeder Rolle unseres Lebens, das wir arme und unbedeutende  Menschen haben, nur eines brauchen, ein wenig Gnade, ein bisschen aufrichtiger Empathie und Nähe. „… die lange notwendige Parabel, der ganze lange Weg, den wir zurücklegen müssen, um so weit zu kommen, dass wir ein wenig Erbarmen haben.“ (Seite 136)

Und vor allem auch „Porträt eines Freundes“ (Seite 21) aus dem ersten Teil über ihren Freund Cesare Pavese, das gleichzeitig eine eindringliche, unwiderstehliche Beschreibung Turins liefert. „Unsere Stadt hat übrigens ein melancholisches Gepräge. An den Wintermorgen hat sie einen eigenartigen Geruch von Bahnhof und Ruß, der sich in allen Alleen verbreitet …“ (Seite 22) Für mich die bewegendste Geschichte, die Beschreibung der Stadt, die schmerzhaften Erinnerungen an einen verlorenen, bewunderten Freund.

Diese elf kurzen Reflexionen sind elf Kompositionen miteinander verflochten, und die gemeinsame Melodie ist das Leben: Leben als Frau, Tochter, Mutter, Freund, Begleiter, Überlebende, Schreiberin, Person, Reisende.

Der Ton von Natalia Ginzburg ist trocken, einfach, ohne Schnickschnack. Nie unnötig lyrisch. Aber auch mit Ironie hinter einer Traurigkeit oder einem scheinbaren Sanftmut. Zu traurig? Zu beschreibende? Zu metaphorisch? Zu resigniert? Nein, es sind empfindlichen Akkorde zum tiefsten Leiden und den wunderbaren Seiten des Lebens. Ein Fresko ihrer Gedanken und Qualen, scharf und tief in wenige Seiten komprimiert. Das gehört zu der schönsten zeitgenössischen Prosa.

Das Buch liest sich so, als ob die leise Stimme von Natalia Ginzburg ganz vertraut in unserem Ohr klingt, als ob sie über Dinge redet, die wir immer gewusst haben, ohne dass es uns bewusst war. Hier fühlt man sich einfach zu Hause.

Lesen Sie dieses Büchlein immer wieder, lassen Sie es zu Ihrem täglichen Begleiter werden. In jedem Text finden Sie eine große Tugend, die uns Natalia Ginzburg durch ihr Leben und ihre Erfahrungen lehrt. Das Buch hilft uns, sich wieder auf uns selbst zu besinnen und unsere eigene, vielleicht verlorene Identität wieder zu finden, die so leicht zwischen der Hektik des Alltags und die Oberflächlichkeit der menschlichen Beziehungen verloren gehen kann.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

http://www.wagenbach.de/buecher/titel/116-die-kleinen-tugenden.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

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