Rezension: Rom, Rom – Pier Paolo Pasolini – Klaus Wagenbach Verlag

Rom, gezeigt von einem Unbequemen

Rom, Rom –  Pier Paolo Pasolini (Autor), Annette Kopetzki, Hans-Peter Glückler, Bettina Kienlechner (Übersetzer) 120 Seiten, Wagenbach, K (19. August 2014), 16 €, ISBN-13: 978-3803113061

Pier Paolo Pasolini (geboren am 5. März 1922 und ermordet in Rom am 2. November 1975 war ein Dichter, Schriftsteller, Regisseur, Drehbuchautor, Dramatiker und italienischer Journalist, und gilt als einer der größten Künstler und Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Künstlerisch sehr vielseitig verzeichnet er auch Erfolge in einer Reihe von Bereichen, so etwa als Maler, Romancier, Linguist, Übersetzer und Essayist.

Er, Ketzer und Häretiker, war ein unbequemer Beobachter der Veränderungen in der italienischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Mitte der siebziger Jahre, erregte oft starke Kontroversen und hitzige Debatten wegen der Radikalität seiner Urteile, sehr kritisch gegenüber den bürgerlichen Gewohnheiten und der steigenden Konsumgesellschaft aber auch gegen die 68er-Bewegung und ihre Protagonisten.

Mit 27 Jahren, im Winter des Jahres 1949 zieht Pasolini, zusammen mit seiner Mutter, nach Rom, in diese vorindustriell anmutende Stadt, in diese Stadt, die sich radikal von der archaischen, bäuerlichen, friaulischen Kultur unterscheidet, in der er aufgewachsen ist. Dort kommt es zu ersten Kontakten mit Künstlern wie Laura Betti oder Alberto Moravia. Daneben fühlte sich Pasolini aber stets auch zum Milieu der römischen Vorstädte (borgate) hingezogen. Wie zuvor schon in der bäuerlich geprägten Gesellschaft des Friauls, entdeckte er in den borgate eigenständige kulturelle Traditionen und Wertvorstellungen, die sich von den kleinbürgerlichen Vorstellungen seines eigenen Umfeldes deutlich unterschieden. Für diese einfachen Leute in ihren wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen empfand er eine tiefe Sympathie, mit ihnen fühlte er sich wohl. Er entwickelte ein engagiertes Interesse am Aufzeigen und der Änderung der sozialen Missstände.

Neun Geschichten aus und über Rom sind in diesem Büchlein versammelt. Und das sind neun Liebeserklärungen an eine Stadt, Liebeserklärungen an ein Paradies an den Rändern Roms.  Er erkundet darin die Stadt aber auch die eigene Person.

Die des abseitigen, dunklen und schmutzigen Roms der 50er – 60er Jahre. Es ist die Lebenswelt der Zuwanderer, der Ausgestoßenen, der Diebe, Gauner, Huren und Stricher, kurzum die Welt des ungebändigten Proletariats der Nachkriegsjahre, dessen urwüchsige Kraft den Dichter – kreativ wie sexuell – inspirierte und der er schließlich beinahe sein ganzes Œuvre zu verdanken hat. Wie kein anderer verabscheute Pasolini die biedere Bürgerlichkeit des römischen Stadtzentrums und solidarisiert folglich mit den Menschen der Peripherie, um nur wenige Jahre später – 1973 in einem Interview mit dem römischen „Il Messaggero“ – entsetzt festzustellen, dass die aufkommenden Massenmedien der 70er Jahre nun auch die kulturelle Nivellierung dieser Vorstadtrömer bewirkt und sie zu spießigen Kleinbürgern gemacht hat.

Nicht so sehr der Inhalt der Geschichten ist von Bedeutung, sondern eher die Lebenssituation von Pasolini aus der heraus sie entstanden. Und deshalb werde ich auch nicht den Schreibstil von ihm diagnostizieren. Für mich zeichnet er sich durch detailfreudige Beobachtungen von Straßenszenen aus. Und mir scheint sich eine Leitlinie durch zu ziehen: Charaktere zu zeichnen und zu erkennen in einer psychologischen Vielfalt, die ganz unterschiedlich zu unserer eigenen Lebenserfahrung stehen.

Mit dieser Lektüre begreift man vielleicht etwas vom anhaltenden Nachruhm dieses Mannes, der bald länger tot sein wird, als er gelebt hat. Für Pasolini-Leser unverzichtbar, aufschlussreiche Lektüre für all jene, die hinter Roms Gegenwartskulissen schauen wollen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/961-rom-rom.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: paolo pasolinihttp://www.rotezora.deier

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