Rezension: Das Spiel der hundert Blätter – Varujan Vosganian – Paul Zsolnay Verlag

Ins Tal der Tränen tritt man nicht irgendwie ein.

Das Spiel der hundert Blätter – Varujan Vosganian (Autor), Ernest Wichner (Übersetzer), 224 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (22. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3552058002

Varujan Vosganian, ein rumänischer Wirtschafts-wissenschaftler, Politiker, Essayist und Lyriker armenischer Abstammung, legt mit „Das Spiel der hundert Blätter“ seinen zweiten Roman auf Deutsch vor.

Mir scheint es das Epos einer, seiner, Generation, nicht allein von Rumänen, sondern aller derer, die im Osten Europas als Erwachsene den Systembruch um das Jahr 1990 erlebt haben.

Vier Freunde waren es: Tili, Jenica, Maca, Luca. Jetzt, zwanzig Jahre nach dem Umbruch von 1989/90 treffen sich drei wieder. Luca fehlt. Sie erinnern sich an ein Spiel, das sie als Kinder erfunden haben: Bei jedem Schritt auf dem Schulweg mussten sie den Fuß auf ein herabgefallenes Kastanienblatt setzen. Lag gerade keines vor ihren Füßen, durften sie eines von abgezählten hundert Blättern aus ihrem Ranzen vor sich hinlegen.

Es sind drei skurrile, verschrobene Typen die drei: Tili berät einen Puppenmacher indem er dessen Puppen Namen verleiht. Jenica hilft in einer Lottoannahmestelle aus, wo er in erster Linie versucht die Kunden vom Spiel abzuhalten. „Es ist nicht gut, wenn das Glück einfach so, so unerwartet eintrifft.“ (Seite 69) und Maca rast mit seinem Motorrad durch die Gegend und sammelt Flüche. „Wie man weiß, hielt er Flüche für Versöhnungsformeln mit der Welt.“ (Seite 212) Jenica hat Zugang zu den Akten der Securitate und gemeinsam versuchen sie, das Schicksal ihres ehemaligen Freundes Luca zu klären.

Vor dem Hintergrund der realen Geschichte erzählt der Roman sehr bildhaft und in Gleichnissen von den großen Themen des Lebens: Von Tod, Glück, Verzeihen und Vergessen, von Vergangenheit und Zukunft und von Menschen, die vor vielem Angst haben und vergeblich ihre Identität in diesen unsicheren Zeiten suchen. Eindringlich schildert Vosganian das prekäre und sinnentleerte Leben der Hauptpersonen im postkommunistischen Land. Irgendwie können sie nichts mit der neuen Freiheit anfangen: „Ich habe diese Mengen an Zukunft ziemlich satt. Anstelle einer strahlenden Zukunft, die niemals eintrifft, hätte ich lieber eine Vergangenheit, an der ich mich erfreuen könnte. Ich will das Recht auf eine Vergangenheit erwirken.“ (Seite 63) Jeder der Protagonisten verzweifelt auf seine Art.

Varujan Vosganian schreibt traurig, lakonisch, manchmal wunderlich, mit vielen Bildern und Metaphern (die hundert Blätter, der Eilzug nach Bukarest, das Bild des Spiegels), die immer wieder auftauchen und miteinander verwoben sind. Und der Roman endet auch mit Tills Blick in den Spiegel. „Der Puppenmeister hatte einen Spiegel aus der Kiste geholt. Till sah sich selbst, und zum allerersten Mal fiel ihm kein Name ein. Er bemühte sich, etwas zu finden, aber er spürte es war zu spät. Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und stöhnte. Die Welt, mit oder ohne ihn, auch unbenannt, existierte weiter …“ (Seite 223)

An sich sehr locker und entspannt zu lesen, wer aber einen angenehmen und leichten Stoff erwartet, irrt. Denn eine Aufgabe kommt auf den Leser dieser anspruchsvollen Lektüre zu: Er muss diese Geschichte weiter erzählen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-spiel-der-hundert-blaetter/978-3-552-05800-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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