Rezension: Ein nachgelassenes Bekenntnis – Marcellus Emants – Manesse Verlag

Innenansicht eines Frauenmörders

Ein nachgelassenes Bekenntnis – Marcellus Emants (Autor), John Coetzee (Nachwort), Gregor Seferens (Übersetzer), 320 Seiten, Manesse Verlag (12. September 2016), 26,95 €, ISBN-13: 978-3717523666

Der Autor, Marcellus Emants (1848-1923) war kein fröhlicher Mensch. Er stammt aus einer prominenten, niederländischen Juristenfamilie. So wird Marcellus Emants von seinem Vater mehr oder weniger gezwungen, Jura zu studieren. Als sein Vater 1871 stirbt, bricht Emants sein Studium ab. Das Erbe erlaubt es ihm, sich voll und ganz der Literatur zu widmen. So lebt er wie der Protagonist seines wichtigsten Buches, „Ein nachgelassenes Geständnis“ von seiner Erbschaft. Aus seinen Büchern spricht ein radikaler Pessimismus.

Willem Termeer ist der tragische Anti-Held und Icherzähler dieses rätselhaften Romans. Das Buch beginnt mit seinem Geständnis:

„Meine Frau ist tot und längst begraben.“ (Seite 5) „Sooft ich in den Spiegel sehe – was ich nach wie vor tue – wundert es mich, dass so ein blasses, mageres, unbedeutendes Männlein mit stumpfem Blick, kraftlos geöffnetem Mund – viele werden sagen: solch ein Nichtsnutz – in der Lage war, seine Frau … die Frau, die er auf seine Art doch geliebt hat … zu ermorden.“ (Seite 6)

Er will belegen, beweisen, argumentieren und verteidigen, was ihn dazu geführt hat, seine Frau zu ermorden, obwohl niemand weiß, dass er der Täter ist. Er folgt der Spur weit zurück.

Er wächst in einer lieblosen Familie ohne Geschwister auf. Seine wohlhabenden Eltern starben, als er noch sehr jung war. So zieht er in die Welt um Menschen zu treffen, kennen zu lernen, vielleicht sogar zu lieben. Aber einen echten, normalen Kontakt mit anderen Menschen gelingt ihm nicht.

Willem Termeer ist ein schüchterner Neurotiker. Er ist überzeugt, dass er das seinen Vorfahren zu verdanken hat. Daraus folgt, dass alles, was er tun wird, zum Scheitern verurteilt ist, und er kann dafür nicht kritisiert werden, weil es eben diese ererbte Natur verursacht hat. Der freie Wille ist nicht da. Termeer ist ein typischer Vertreter des naturalistischen Denkens. Alles ist vorbestimmt und es ist unmöglich, seinem Schicksal zu entgehen, wenn jemand durch seine Geburt schon als „degeneriert“, als „entartet“ festgelegt ist.

Marcellus Emants liefert uns messerscharf die Innenansicht eines Menschen. Ein angenehmer Mensch ist er sicher nicht, im Gegenteil, verdorben, aufgebläht, arrogant, paranoid, egozentrisch, narzisstisch. Und gerade das macht ihn so interessant, weil wohl in uns allen ein Stück Willem Termeer steckt.

Das Buch hat eine einfache Struktur, eine glatte, fast moderne Sprache, einen ganz realistischen Antihelden und es erweckt Gefühle in uns, mit denen wir vielleicht gar nicht konfrontiert werden wollen. Deshalb ist es auch heute noch lesenswert.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Manesse Verlages

https://www.randomhouse.de/Buch/Ein-nachgelassenes-Bekenntnis/Marcellus-Emants/Manesse/e467268.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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