Archiv für den Monat November 2016

Rezension: Metamorphosen – Natalie Zemon Davis – Klaus Wagenbach Verlag

Eine Frau, die sich nicht festlegen lässt

Metamorphosen Das Leben der Maria Sibylla Merian – Natalie Zemon Davis (Autorin), Wolfgang Kaiser (Übersetzer), 192 Seiten. Wagenbach, K (28. November 2016), 13,90 €, ISBN 978-3-8031-2766-2

Die Historikerin Natalie Zemon Davis untersucht in diesem Buch das Leben von Maria Sibylla Merian, eine bekannte deutsche Naturforscherin und begabte Zeichnerin, Graveurin und Verlegerin Künstlerin und Mitglied einer radikalen protestantischen Sekte aus der Schweizer Familie Merian.

Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn über Maria Sibylla Merian gibt es wenig Nachgelassenes: Kein Tagebuch, außer ihrem Skizzenbuch, kein ausführlicher Briefwechsel, keine Autobiographie. Nur ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Neues Blumenbuch, 3 Bände (1675, 1677 und 1680); 3 Bände Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung (1679, 1683, 1717) und Metamorphosis insectorum Surinamensium (1705)

Als eine der ersten Insektenforscherinnen beschäftigte sie sich intensiv mit der Metamorphose von Insekten.

Und so greift Natalie Zemon Davis auch zu den Phasen der Metamorphose im Leben der Maria Sibylla Merian, nach denen sie das Buch aufbaut. Als Raupe scheint mir die Zeit in Frankfurt und Nürnberg zu gelten. Eine Zeit in der sie die Grundlagen, künstlerisch und handwerklich für ihr weiteres Schaffen legte.

Als Verpuppung mag die Zeit ab 1685 gelten. Sie entschloss sich Merian nach zwanzigjähriger Ehe, mit 38 Jahren, zusammen mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern (damals 17 und 7 Jahre alt) für unbestimmte Zeit nach Schloss Waltha bei Wieuwerd im niederländischen Friesland zu gehen. Das Schloss gehörte drei Schwestern des Gouverneurs von Surinam, Cornelis van Aerssen van Sommelsdijk; sie hatten es der frühpietistischen Sekte der Labadisten als Zufluchtsort zur Verfügung gestellt. Die etwa 350 Personen der Kolonie fühlten sich urchristlichen Idealen verpflichtet, jenseits der naturfernen Orthodoxie der Amtskirche. Allerdings hatte sich gerade diese Gruppe unter Leitung ihres Predigers Yvon (1646–1707) zu einer strengen, moralisch engherzigen, dabei zu schwärmerischer Übertreibung neigenden Gemeinschaft entwickelt, die Merians Wesen kaum entsprach. „Wie immer behielt sie ihr inneres Leben für sich […] dieser fünfjährige Rückzug […] war nichts anderes als eine Zeit der Verpuppung, des Wachstums im Verborgenen, eine Zeit des Lernens für eine Frau, die sich nicht festlegen ließ.“ (Seite 55)

Und dann ab 1691, als sie Schloss Waltha verließ und nach Amsterdam ging sowie ihre Reise nach Surinam war wohl die Zeit als prachtvoller Schmetterling. Und hier zeigten sich die Wirkungen ihrer Vorstufen. „Merian hätte niemals das Insektenbuch geschaffen, wenn sie bei den Erwählten geblieben wäre, aber sie hätte nie die Überfahrt nach Surinam gewagt, wäre sie nicht einst das Wagnis eingegangen, eine Labadistin zu werden.“ (Seite 65)

Was macht diese Frau zu etwas Besonderem? Sie sieht sich selber weniger als Frau, sondern als Künstlerin und Wissenschaftlerin und die Autorin lässt sie sagen „Man hätte mich zusammentun müssen mit den naturforschenden Malern und den Gelehrten, die Insekten und Pflanzen studieren.“ (Seite 8)

Sie ist ein Mensch, der mit Konventionen bricht, ihren eigen Weg geht, immer neue Ansätze findet. Sie ist eine der ersten Umweltaktivistin der Welt, da sie einerseits dokumentierte, wie einzelne Arten miteinander interagieren und andererseits das entwickelte, was wir Nahrungskette nennen.

Es ist auch ein zentrales Buch über das Leben der Frauen des 17. Jahrhunderts. Aber auch über die Möglichkeit von starken Frauen aus den ihr zugewiesenen Rollenverständnis auszubrechen und ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen, obwohl Frauen damals nur begrenzte Möglichkeiten hatten. So gehört Maria Sibylla Merian auch zu den ersten Feministinnen. Maria Sibylla Merian, führte ein Leben von erstaunlicher Vollendung und Unabhängigkeit für eine Frau des 17. Jahrhunderts.

Das Buch ist für den interessierten Laien wie auch für den Wissenschaftler eine wahre Fundgrube und ein Lesevergnügen der besonderen Art. Das Porträt einer ungewöhnlichen Frau und einer großen Entdeckerin einer Zeit, die so manche Parallelen zum Heute hat.

Natalie Zemon Davis hat eine eigene Art der Geschichtsschreibung entwickelt, vielstimmig und voller Inspiration. Das Buch liest sich wie ein Roman. Erleben Sie selbst, wie interessant diese vormoderne Zeit sein kann.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1060-metamorphosen.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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Essay: Lobbykratie statt Demokratie …

Lobbykratie statt Demokratie …

… oder wer regiert uns wirklich?

„Mehrheit ist Mehrheit“ Dieser Zwischenruf in einer Bundestagssitzung zeigt den Zerfall der Gewaltenteilung. Die Exekutive (Regierung) dominiert die Legislative (Parlament), da die Mehrheit des Parlamentes die Regierung stellt und über Fraktionszwang automatisch und immer die Regierungsmeinung vertritt. Die alte Gewaltenteilung gibt es nur bedingt.

Die klassische Staatslehre unterscheidet zwischen drei Staatsgewalten, der ersten Gewalt (gesetzgebende Gewalt = Legislative = Parlament), der zweiten Gewalt (ausführende Gewalt = Exekutive, bestehend aus Regierung und Verwaltung) und der dritten Gewalt (rechtsprechende Gewalt = Judikative = Richter). Die erste Gewalt stellt die Spielregeln (Gesetze) auf, nach denen der Staat funktionieren soll und denen alle unterworfen sind (vgl. Art 20 Grundgesetz). Die zweite Gewalt handelt praktisch im Rahmen der Gesetze (macht die Politik, führt die Gesetze aus). Die dritte Gewalt (vgl. Art. 92 Grundgesetz) wacht darüber, dass die Gesetze eingehalten werden (beispielsweise auch darüber, dass sich die zweite Gewalt an die von der ersten Gewalt festgelegten Spielregeln hält). Das Zusammenspiel der drei Staatsgewalten setzt voraus, dass keine über die anderen die Oberhand gewinnt und sie beherrscht. Andernfalls hätte man nicht mehr eine Aufteilung der Staatsgewalt auf drei verschiedene Machtträger, sondern die Alleinherrschaft einer einzigen Gewalt, was die Gewaltenteilung gerade verhindern soll.

Das alte Herrschaftsprinzip „divide et impera“ (teile und herrsche) hat anscheinend bis heute nichts von seiner Wirkmächtigkeit verloren. Die Parteien teilen die Bevölkerung in Untergruppen ein und spielen deren Interessen dann gegeneinander aus: Mann gegen Frau, Jung gegen Alt, geringverdienende Abhängige gegen besserverdienende Abhängige, Inländer gegen Ausländer, Christen gegen Moslems, Raucher gegen Nichtraucher, Linke gegen Rechte, Dicke gegen Dünne, Homo gegen Hetero, Hund gegen Katz und so weiter und so fort.

Aber warum tun Parteien und Regierenden das? Neben der Absicht ihren Job zu erhalten und ihre Macht zu sichern, stehen sie unter zwei Einflüssen, denen sich kaum ein Politiker entziehen kann: der vierten und fünften Gewalt in unserer Gesellschaft, den Medien und den Lobbyisten.

Mehr als 6000 Lobbyisten agieren in Berlin, 15 000 in Brüssel, 27 000 in Washington. Viele Gesetze sind – bis hin zum Wortlaut! – das unmittelbare Werk von Lobbyisten. Kein Wähler hat sie je gewählt – sind sie dennoch unsere heimlichen Herrscher? Unbehelligt von der Öffentlichkeit, kaum kontrolliert vom Bundestag. Größtenteils mit freiem Zugang: Bürgen fünf Abgeordnete oder ein Fraktionsvorsitzender für einen Lobbyisten, kann er einen Hausausweis für den Bundestag bekommen. Das heißt: freier Zugang zu den Abgeordnetenbüros. An die Berliner Interessenvertreter wurden 4500 dieser Ausweise ausgegeben – die Journalisten, beispielsweise, bekamen erheblich weniger. Ein Beleg dafür, wie gut in Berlin Volks- und Wirtschaftsvertreter miteinander vernetzt sind.

Es ist ein Spiel weniger Personen. Mal gewinnt die Atom-Lobby, dann wieder die Windkraft-Lobby, umweltfreundlich sind sie beide nicht. Offenbar könnten die Energiekonzerne wie zuvor die Großbanken sowie die Pharma- und die Privatkassen-Lobby der Politik die Bedingungen diktieren, über die die Öffentlichkeit „gezielt im Unklaren“ gelassen werde.

Wenn der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) Papiere gegen das Arzneimittelsparpaket der Bundesregierung schreibt und sich später Formulierungen des Papiers wörtlich in Gesetzestexten wiederfinden, dann mag sich manch ein Vorstand eines Pharmakonzerns denken, dass sich die Ausgaben für die Dependance in Berlin gelohnt haben. Mit Transparenz und einem demokratischen Verfahren hat dies nicht viel zu tun. Völlig unkontrollierbar wird es aber, wenn einstige Lobbyisten direkt in die Ministerien versetzt werden.

Ein Lobbyist der Privaten Krankenversicherer (PKV) in Berlin wurde Leiter der mächtigen Grundsatzabteilung des Gesundheitsministeriums. In den vergangenen zehn Jahren sind fünf geplante Reformen im Gesundheitswesen gescheitert. Ein Mitarbeiter von Fraport, dem Betreiber des Frankfurter Flughafens, sitzt im Verkehrsministerium, schreibt an den Lärmschutzbestimmungen für Flughäfen mit und verhindert ein bundesweites Nachtflugverbot. Ein Lobbyist der Deutschen Börse AG schreibt mehr als drei Jahre im Finanzministerium am Gesetzentwurf zur Modernisierung des Investmentwesens mit und trägt dazu bei, dass die Zwischensteuer bei Investmentfonds abgeschafft wird. Die Krankenkasse DAK finanziert einen Angestellten, der im Gesundheitsministerium arbeitet und dort vertrauliche Dokumente zur Gesundheitsreform kopiert und an seinen Arbeitgeber weiterleitet.

Einem Bericht des Bundesrechnungshofes aus dem Jahr 2008 zufolge waren in den Jahren 2004 bis 2006 jährlich zwischen 88 und 106 externe Mitarbeiter in den Ministerien beschäftigt. Über 60 % dieser Wirtschaftsvertreter wirkten an der Außenvertretung der Bundesregierung mit, über 20 % waren an der Erarbeitung von Gesetzes- und Verordnungsentwürfen beteiligt und in Einzelfällen wurden durch sie sogar Führungspositionen in den Ministerien bekleidet.

Wie sagte schon der erste Reichskanzler Otto von Bismarck: „Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.“

Und bei den öffentlichen Medien? Sie haben natürlich die Manipulationsmacht. Das fängt bei der Themenauswahl an: Mit der Auswahl kommt es zwangsläufig zu einer Gewichtung. Außerdem hat niemand einen Anspruch auf Medienpräsenz. Medienschaffende entscheiden, was veröffentlicht wird. Und wer sich bei der veröffentlichten Meinung kein Gehör verschaffen kann, wird im Medienzeitalter zur Nichtperson.

Hinzu kommt, dass wir sehr viele Nachrichten haben, die eigentlich keine Nachrichten sind, sondern allenfalls geschickte PR oder Propaganda. Untersuchungen deutscher Universitäten besagen, dass 70% aller Nachrichten, die ein Bürger täglich konsumiert, direkt oder indirekt aus den Pressestellen, aus den PR-Abteilungen der politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Kräfte kommen. Nicht einmal 10% sind echte eigenredigierte Nachrichten. Insofern haben wir eher ein Defizit an aufklärerischen Nachrichten als einen Überschuss.

Durch die ständig wachsende Macht der immer weniger werdenden Medien wird das Wesen einer Gewaltenteilung unterminiert.

In Italien beispielsweise hat Berlusconi nahezu „Gleichschaltung“ der Medien erreichte. Und bei uns in Deutschland?

Der Markt bundesweiter seriöser Zeitungen wird von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung beherrscht. Eine geringere Bedeutung haben Die Welt und die Frankfurter Rundschau. Das private Fernsehen in Deutschland wiederum wird heute von zwei Mediengruppen beherrscht, der RTL Group und von ProSiebenSat.1. Im PayTV-Bereich ist Sky marktbeherrschend.  Bundesweit besitzt die Bild-Zeitung eine Monopolstellung als einzige bundesweite Boulevardzeitung. Der Markt populärer Zeitschriften wird von der Verlagshäusern Gruner und Jahr, Burda, Bauer und Axel Springer AG beherrscht.

Die Gewaltenteilung gilt als eines der Hauptmerkmale für die Demokratie als politisches System. Wie sieht es mit der Demokratie aus, wenn zwei der fünf Gewalten, die offiziell ja gar nicht existieren, völlig ohne Kontrolle sind?

Man kann über die Funktion des Lobbyismus’ im politischen System auch grundsätzlich debattieren. Aber ich glaube nicht, dass es notwendig ist, gegen Lobbyismus an sich etwas zu tun. Stattdessen sollte konstruktiv darüber gesprochen werden, wie Rahmenbedingungen aussehen müssen, um Auswüchse zu verhindern. Und diese Rahmenbedingungen sind dann auch zwingend durchzusetzen. Wäre das politisch durchsetzbar?

Gegen Lobbyismus hilft meiner Meinung nach nur Transparenz. Und vor allem eine Trennung zwischen „externem Sachverstand“ und „Interessenvertretung“. In Italien gibt es den Begriff „dietrologia“, eine    Manie (vor allem in der Politik), hinter allem verborgene Beweggründe zu vermuten. Vielleicht täte uns ein bisschen mehr „dietrologia“ gut oder einfach gesagt, etwas mehr Misstrauen gegenüber allem, was uns täglich so vorgesetzt wird, an Meldungen, Erklärungen, Verharmlosungen, Dementis, Versprechen und Entschuldigungen. Sonst gilt weiterhin:

Rückständige Diktaturen manipulieren Wahlen, die sogenannten Demokratien manipulieren die Wähler.

Essay: Bildung und soziale Durchlässigkeit

Bildung und soziale Durchlässigkeit

… oder warum Bildung nicht gleichbedeutend mit Aufstieg ist.

Für, Konrad, 28 Jahre alt, ist es unmöglich den ausgehängten Fahrplan zu lesen, vom Ausfüllen eines Formulars bei egal welcher Behörde wollen wir gar nicht reden. Konrad kann zwar Buchstaben erkennen und ist durchaus in der Lage, seinen Namen und ein paar Wörter zu schreiben, jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes versteht er gar nicht, um praktischen Nutzen davon zu haben.

Evelyn arbeitet als Bedienung in einer Gastwirtschaft, bei den Gästen beliebt wegen ihrer Freundlichkeit, beim Chef geachtet wegen ihres Arbeitens. Nur wenn es ans Bezahlen geht, dann hat sie Schwierigkeiten. Auch für das Addieren von zweimal 1,70 Euro für zwei Bier bekommt sie Schwierigkeiten, auch wenn sie es schriftlich macht.

Und beide Fälle nach über 9 Jahren Schulbesuch!!! Kann das sein? Schüler sind nicht dumm, Lehrer sind nicht faul und unsere Schulen sind nicht kaputt. Aber irgendetwas stimmt nicht.

„Bildung für Alle“, „Aufstieg durch Bildung“, „Bildung ist der Rohstoff der Zukunft“ „Bildungsrepublik Deutschland“ sind die Schlagwörter der Politik. Taten? Fehlanzeige. Ist auch kein Wunder bei einem derart schwammigen Begriff wie Bildung.

Meint Bildung jetzt einen bestimmten Schul- bzw. Hochschulabschluss? Dann wären mehr als Dreiviertel der Erwerbstätigen in Deutschland ungebildet, denn sie haben keinen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss.

Oder zielt Bildung auf einen bestimmten Wissensstand? Brauchen wir ein Allgemeinwissen, bei der wir Fragen beantworten können wie zum Beispiel: „Wer hat diesen oder jenen Spruch im vorvorletzten Jahrhundert getan?“ oder „Wie heißen die Länder Afrikas oder Europas und welche Hauptstädte haben sie?“

Oder vermutet man hinter Bildung einfach eine bestimmte soziale Schicht, wie zum Beispiel das „Bildungsbürgertum“? Kann auch nicht sein, denn Bildungswege werden heute immer noch vererbt. Gerade einmal 17 Prozent aller Studierenden kommen heute noch aus Arbeiterfamilien. Etwa 10 % der deutschen Taxifahrer sind Menschen mit einem Hochschulabschluss.

Oder steckt hinter Bildung eigentlich das Wort Erziehung. Erziehung bedeutet, dass Erwachsene ihre Vorstellung darüber, wie ein Kind sein soll – wenn „nötig“ auch gegen den Willen des Kindes – durchsetzen. Ein Erzieher geht von der Vorstellung aus, Kinder seien „machbar“. Eigenschaften des Zöglings, die der Erzieher als negativ ansieht, versucht er zu unterdrücken, während er „positive“ Eigenschaften verstärken will. Erziehung respektiert junge Menschen nicht, sondern versucht sie zu manipulieren. Sie hat den Anspruch, Menschen zu ändern.  Der Erzieher versucht zu erreichen, dass das Kind in der von ihm festgelegten Zeit zu den von ihm festgesetzten Zielen gelangt. Er stellt Ge- und Verbote auf und sorgt für deren Einhaltung, indem er nach entsprechender Androhung auch seine Machtmittel einsetzt. Es gibt bei Erziehung immer ein Erziehungssubjekt und ein Erziehungsobjekt, den Ziehenden und den Gezogenen, den Erzieher und den Zögling, ein Oben und ein Unten. Damit ist Erziehen immer undemokratisch. Allein schon das Setzen eines Zieles, das das Kind erreichen soll, ist undemokratisch. Auch die so genannte antiautoritäre Erziehung hält an dem Ziel fest, junge Menschen zu formen; sie sollen besonders autoritätskritisch werden. Erziehung ist immer von oben nach unten – also hierarchisch – gedacht. Der Erzieher glaubt, er handele im Interesse des Kindes, so wie die Kolonialherren einst auch glaubten oder vorgaben, im Interesse der Kolonisierten zu handeln.

Bildung löst auch nicht die sozialen Probleme. Ganz unten und ganz oben spielt zum Beispiel Bildung keine Rolle. Und einen kausalen Zusammenhang, zwischen Bildung und Aufstiegschance gibt es nicht.

Also was soll Bildung nun vermitteln? Viel Wissen, ohne es irgendwie anwenden zu können, wird wertlos. Andererseits ist ein blindes Anwenden, ein Tun ohne Ziel oder Sinn, nicht gerade weise. Wer einen Weg geht, kann ohne ein Ziel losmarschieren, kann Abenteuer erleben, aber auch böse Überraschungen. Wer vom Weg abkommt, braucht mit der Zeit doch ein Wissen, wie man den Weg wiederfinden kann. Man kann nach dem Weg fragen oder, falls es einen Kiosk in der Gegend hat, eine Landkarte kaufen. Mit einer solchen Karte kann man sich orientieren, kann man die Orientierung wiederfinden. Ist diese Landkarte aber veraltet, so ist sie wertlos und es ist nicht weise, sich auf allen Wegen auf sie zu verlassen. Doch noch schlimmer als eine veraltete Karte ist gar keine Landkarte, wenn man sich verirrt hat.

Vor dem fachlichen Wissen müssen die methodischen und sozialen Fähigkeiten stehen. Wie lerne ich lernen? Wie entwickle ich Ideen? Wie löse ich Probleme? Wie treffe ich Entscheidungen? Diese Fragen werden uns lebenslang gestellt. Hier brauchen wir die notwenigen Fähigkeiten. Fachwissen ändert sich sowieso mehrmals in unserem Leben. Dazu brauchen wir im Überleben sowohl intuitive als auch emotionale Intelligenz, damit wir mit neuen Situationen und in einem neuen Umfeld überhaupt zurechtkommen.

Geschichtsdaten zu kennen nutzt nichts, wenn wir nicht aus der Geschichte lernen. Grammatikalische Regeln und Ausnahmen zu kennen nutz nichts, wenn wir nicht in der Lage sind, in der fremden Sprache ein ganz normales Alltagsgespräch zu führen. Die 5. Wurzel aus der 6. Potenz zu ziehen bleibt wertlos, wenn wir die Fragestellungen hinter einem Problem nicht sehen.

Und dazu brauchen wir eine Schule, die Lernen für alle Kinder – ohne Aussonderung – ermöglicht. Jedes Kind und auch jeder Erwachsene muss zu jeder Zeit die Möglichkeit haben, ohne Einschränkungen und selbst bestimmt das Bildungsangebot nutzen zu können, dass er möchte. Und ohne Einschränkung heißt weder Förderschule in die die angeblich Geringbegabten abgeschoben werden, noch Eliteschulen in die die angeblich Hochbegabten eine besondere Förderung erhalten.

Während in Deutschland der Trend zur Förderschule anhält, geht das Ausland seit Jahrzehnten andere Wege. So hat man in Italien bereits in den 70er-Jahren konsequent alle Förderschulen abgeschafft und die Kinder in Regelschulen integriert. In Norwegen und Finnland werden über 90 Prozent der Förderkinder an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Vor allem Letztere haben bei den PISA-Studien seit 2001 im Leistungsvergleich in den meisten Fächern besser als Deutschland abgeschnitten.

Nur wenige können sich für eine bessere Bildung ihrer Kinder eine Privatschule leisten. Vielen aber ist es möglich, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Dies geschieht unter geringem Kostenaufwand im Wohnzimmer, am Küchentisch, im privaten Büro oder in einem eigens dafür hergerichteten «Schulzimmer». Unsere Bildungsalternative ist die «Privatschule des kleinen Mannes». Die Lehrer sind die Mütter und Väter, welche auf diese Weise nebenbei selber wieder zu Lernenden werden und gemeinsam mit den Kindern die Welt entdecken und die Bildungsinhalte auswählen und erarbeiten.

Wir brauchen ein Angebot, das stufenförmig aufgebaut ist und wo der Abschluss einer Stufe gleichgewichtig und gleichberechtigt der Zugang zu den weiteren Stufen ist. Warum sollte sich jemand nach einer Lehre nicht gleichgewichtig zwischen Meisterweiterbildung oder Studium entscheiden können?

Wenn wir eine „Vorschule“, früher Kindergarten genannt, haben, dann sollten die Kinder mit dem 6. oder 7. Lebensjahr geeignet dafür sein, eine Schule zu besuchen, die ihnen die Grundlagen vermittelt. Dann können sie mit dem 11. Lebensjahr in eine Schule eintreten, die aufbauend weiteres Wissen und Kenntnisse vermittelt. Mit dem 16ten Lebensjahr kann die fachliche, berufliche Ausrichtung beginnen, sodass mit dem 19. Lebensjahr ein Studium oder ein Meisterkurs begonnen wird und spätestens mit dem 23. Lebensjahr abgeschlossen ist.

Wo und wie jemand sich sein Wissen aneignet, kann egal sein, wenn er es denn kann. Also Schule als Möglichkeit und nicht als Pflicht.

Alle reden gerne von der Notwenigkeit des lebenslangen Lernens. Lernen muss im Alltagshandeln stattfinden. Mit der zunehmenden Auflösung der Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen, aber auch zwischen Arbeit und Freizeit, brauchen wir informelles Lernen: ein Lernen in Lebenszusammenhängen, das ursprünglich vor allem als ein Lernen außerhalb des formalen Bildungswesens (z. B. Schulen) angesehen wurde.

Also orientieren wir uns an der Aussage von Ernst von Feuchtersleben (1806 – 1849): Bis ins späteste Alter lernen (nicht auswendig, sondern inwendig), das ist Genießen, das ist Leben. Da wächst die Seele, in konzentrischen Kreisen, göttlichen Sphären zu.

Essay: Bedingungsloses Grundeinkommen

Nur wer frei ist, kann Verantwortung übernehmen

… oder warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen

„Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Diesen Satz finden Sie bei fast allen Parteien und Politikern. Das ist eine leere Floskel, denn sozial ist nicht, was Arbeit schafft, sondern, was Einkommen schafft – und damit die Freiheit, das zu tun, was man selbst für nötig und für richtig hält.

Möglichst viele persönliche Freiheiten beanspruchen, und wenn’s schiefgeht, die Verantwortung anderen aufbürden: In Wirtschaft und Privatleben leider eine inzwischen gängige Praxis. Freiheit und Verantwortung gehören immer zusammen. Wenn wir mehr Verantwortung abgeben, z. B. an den Staat oder z. B. auch an unsere Mitmenschen dann verlieren wir immer mehr Freiheiten.

„Der Mensch, wenn er geboren wird, ist eigentlich noch gar kein Mensch. Er wird erst ein Mensch, wenn er sich bildet, indem er Grenzen erfährt, indem er Freude erlebt, Leid oder Trauer spürt, liebt und Verantwortung übernimmt – der Mensch wird zu einem Menschen.“ (Jeanne Hersch)

Wer Verantwortung übernehmen soll, der braucht Freiheit. Wenn nur ein Teil der Individuen die Verantwortung für ihr Handeln übernimmt und der andere nicht, müssen andere die Last für Verantwortungslosigkeit anderer tragen. Damit ist aber zwangsläufig auch ein Verlust an Freiheit für diejenigen verbunden, die zugunsten der Verantwortungslosen belastet werden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger stärkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und gibt ihnen die Freiheit dazu. Freiheit ohne finanzielle Sicherung gibt es nicht. Das Grundeinkommen braucht nicht beantragt zu werden und es ist kein Ausgleich für ein zu niedriges Erwerbseinkommen – es ist ein wirkliches Bürger-Einkommen ohne Bedürftigkeitsprüfung.

Wenn Freiheit statt Bevormundung gefordert wird, stimmen alle zu. Wenn aber als Grundlage dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger verlangt wird, wehren sich fast alle. „Nicht bezahlbar.“ „Das macht die Faulen nur noch fauler.“

Das Geld, welches heute schon im Sozial- und Steuersystem kursiert, kann so ausgegeben werden, dass jeder aus Steuern ein die Lebensgrundbedürfnisse deckendes Grundeinkommen erhält, bedingungslos, d. h. unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht, ob er arm ist oder reich. Das ältere Recht auf Arbeit wird durch ein allgemeines, arbeits-unabhängiges Recht auf Existenz ersetzt.

Dann ändert sich der Sinn des Arbeitens. Dann geht es beim Arbeiten nicht mehr um die Sicherung der Existenz, sondern – wesentlich bedeutsamer – um den Sinn der Arbeit selbst und damit verbunden, um Steigerung der Lebensqualität – sei dies die eigene oder die der Gemeinschaft.

Arbeitsplätze müssen so eingerichtet werden, dass sie dem Sinnbedürfnis und einer Erhöhung von Lebensgefühl und Lebensqualität der Menschen entsprechen. Sinnlose oder menschenunwürdige Routinearbeiten würde natürlich niemand mehr übernehmen. Sie können automatisiert werden. Das werden sie sowieso, wenn der Arbeiter teurer wird als der Automat. Unnötig gewordene Arbeiten können, wie es der Logik der modernen Entwicklung entspricht, endlich sozialverträglich abgeschafft werden. Dadurch wird Potential für neue Arbeitsfelder frei.

Niemand kann mehr aufgrund einer Notlage ausgebeutet und zu sinnlosen, entwürdigenden Arbeiten gezwungen werden. An ihre Stelle treten personalintensive Arbeiten im Sozialen, in der Bildung, im Umweltschutz, in Kunst und Kultur. Diese können endlich geleistet werden, weil nicht mehr der Lebensunterhalt, sondern nur noch der gesellschaftlich bedeutsame „Wert“ der erbrachten Leistung bezahlt werden muss. Familien werden unterstützt: Kinder bringen das Geld für ihren Lebensunterhalt durch das Ihnen gewährte Grundeinkommen gewissermaßen mit. Eltern können frei entscheiden, in welchem Umfang und in welcher Rollenverteilung sie dem „Arbeitsmarkt“ oder den Kindern zur Verfügung stehen.

Studium, Aus- und Weiterbildung sind jederzeit möglich, da die Lebens-grundhaltungskosten gedeckt sind.

Ältere Menschen geraten auch bei unzureichenden Rentenansprüchen nicht in Not, dürfen Geld hinzuverdienen und hinzuerhalten und bleiben von sozialstaatlicher Gängelung ihrer Lebensführung frei.

Selbstständigkeit und neue Initiativen werden unterstützt. Man muss durch seine Arbeit nicht mehr den eigenen Lebensunterhalt, sondern nur noch die Betriebskosten der erbrachten Initiative decken.

Produzierende Betriebe dürfen rationalisieren (Effizienzsteigerung). Sie entlassen ihre Menschen in eine sich entwickelnde „Kulturlandschaft“ und nicht mehr ins „soziale Nichts“. Die angeworbenen Mitarbeiter haben eine höhere Motivation und damit steigt die Produktivität der Unternehmen.

Durch Verbesserung der allgemeinen Motivationslage und Änderung der Lohnstruktur wird der Wirtschaftsstandort Deutschland wieder attraktiv. Dem Angebot an Waren und Dienstleistungen steht im Volke Kaufkraft gegenüber.

Alles zusammengenommen heißt das: Das Lebensgefühl des Menschen wird geachtet. Die „Entfremdung“ der Arbeit schwindet. Grundeinkommen ist das schönste Arbeits-Motivations-Programm!

Diese Idee des bedingungslosen Grundeinkommens liegt bei allen Parteien in der Schublade, aber keiner hat den Mut es anzupacken.

Rezension: Die Mondschatzjäger – Boris Koch – Heyne Verlag

Wandelnde Geister sind auf Schatzsuche.

Die Mondschatzjäger – Boris Koch (Autor) 304 Seiten, Heyne Verlag (12. September 2016), 12,99 €, ISBN-13: 978-3453270466

Hagen Julius Kaiser, 10 Jahre alt und sein achtjähriger Bruder Axel sind die Helden dieses Buches. Ergänzt wird das Duo durch Hagens Freund Robbie „Nachname Lahm, obwohl er der schnellste in unserer Klasse war“ (Seite 12) und dessen Bruder Oskar, auch acht Jahre alt, wie Axel. Zusammen bildeten Sie die Bande „Wandelnde Geister“.

Solche Banden schreien förmlich nach Abenteuern. Und die gibt es in Hülle und Fülle in diesem Buch. Vor allem in der Ruine der Villa des alten Ringlers. „Das Feuer hatte die Villa bis auf die rußverschmierten Mauern niedergebrannt. Nur die Papageien und die Kanone waren unversehrt geblieben.“ (Seite 23) Und vor allem ist das Testament des reichen Ringlers in der Zeitung und im Internet veröffentlicht, mit rätselhaften Hinweisen. Also los geht die Schatzsuche.

Natürlich hat so eine Bande viele Feinde. Einer davon ist der „gestriegelte Aufschneider“ Lionel Hartmann, mit seiner Gang ohne Namen – einfach nur Lionels Gang. Und da gibt es auch noch Robbies Cousine Eleanor. Welche Rolle spielt sie bei der Schatzsuche?

Und so erleben wir den aufregenden Alltag der Jungs in Falkenhof, einem kleinen bayrischen Dorf, viele lustige Szenen, viel Abenteuer, viel Verbotenes, viele Beulen und Wunden. In diesem Buch vereinigt Boris Koch alles, was Kinder interessiert: Freundschaft und Abenteuer. Viel Witz. Viel Tempo. Und Tollpatsch Axel stolpert in jedes Fettnäpfchen.

Locker und leicht geschrieben und ebenso locker und leicht zu lesen. Angenehm und kindgerecht. Vielleicht ist 8 Jahre noch etwas früh um es zu lesen. Es erfordert schon den geübten Leser. Aber auf jeden Fall ist es auch für Jüngere gut geeignet zum Vorlesen.

Und für alle Omas, Opas, Patentanten und -onkeln und natürlich für alle anderen auch ein ganz vorzügliches Weihnachtsgeschenk. Gönnen Sie sich und ihren Kindern diese tolle Abenteuergeschichte. Ihr werdet viel Spaß haben.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Heyne Verlages

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Mondschatzjaeger/Boris-Koch/Heyne-fliegt/e487312.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Die letzten Tage des Comandante – Alberto Barrera Tyszka – Nagel & Kimche

Alles ist Fiktion, auch die Realität

Die letzten Tage des Comandante – Alberto Barrera Tyszka (Autor), Matthias Strobel (Übersetzer), 256 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (22. August 2016), 22 €, ISBN-13: 978-3312009947

Diesen Roman können Sie aus drei Blickrichtungen lesen: literarisch, soziologisch und politisch.

Worum geht es? In erster Linie um Venezuela, genauer gesagt um das Venezuela zur Zeit des „Chavismus“, als die Herrschaft von Hugo Chávez sich dem Ende nähert. Einer Zeit des Übergangs, der sich auch in den Personen und ihren Geschichten zeigt.

Da ist zum einen Miguel Sanabrina und seine Frau Beatrix. „Das, was er sich immer vom Leib gehalten hatte, holte ihn nun ein: dieses Land.“ (Seite 11) Miguel Sanabrina bekommt einen Anruf von seinem Neffen Vladimir, einem Offizier der Chavez-Regierung. Hugo Chávez, hält sich zur Behandlung seiner Krebskrankheit in Havanna auf.

Da ist Fredy Lucana, ein Journalist, der mit seiner Lebensgefährtin und seinem Sohn Rodrigo in der Wohnung über Sanabrina wohnt. Er hat seine Stellung verloren und will ein Buch über Hugo Chávez schreiben. Kann ihm die Kubanerin Aylin mit Informationen aus einem Kontakt in Havanna dabei nützlich sein?

Diese Wohnung gehört Andreina Mijares, die auf der Suche nach dem amerikanischen Traum nach Miami auswandert, und jetzt, nachdem das amerikanische Wunder sich zu einem amerikanischen Albtraum gewandelt hatte, nach Caracas in ihre Wohnung zurückkehren will

Und da gibt es noch Maria, ein zehnjähriges Mädchen, das mit ihrer Mutter alleine lebt. „Pass auf. Sei auf der Hut. Vertrau niemandem.“ (Seite 34) Cecilia, die Patin von Maria, sorgt für eine Internetverbindung, um das Kind nicht von der Außenwelt zu isolieren. Und so begann Maria, freundschaftliche Beziehungen über das Netzwerk. Sie gehört zu einer neuen Generation von Kindern, deren Präsenz im öffentlichen Raum aus unterschiedlichen Gründen sehr schwierig ist und sie zu Gefangenen in den eigenen Räumen werden.

Und schließlich Madeleine Butler, eine amerikanische Journalistin, die nach Venezuela gekommen ist, um ein Porträt über Hugo Chávez zu erstellen.

Natürlich ist auch Hugo Chávez anwesend, in seiner Mehrschichtigkeit als politischer, ideologischer, wirtschaftlicher und sogar religiöser Führer, ohne das er mit eigener Stimme im Roman vorkommt.

Alberto Barrera Tyszka liefert eine komplexe, facettenreiche Erzählung über Venezuela in den letzten Jahren des Lebens von Hugo Chávez. Um das zu erreichen, baut er einen Roman ohne Zentrum oder einer klaren Handlung. Er hat die Fähigkeit und Kraft eine Vielzahl von lebenswichtigen Übergängen im Leben seiner Figuren, ein literarisches Gewand zu geben, vor allem in einfachen Dialoge, die über eine Situation oder ein Ereignis entstehen und schafft so Möglichkeit sich den Charakteren aus verschieden Sichtweisen zu nähern.

Das Buch kommt, bezogen auf die Situation von Venezuela in der Post- Chávez-Zeit zu einem Schluss: die Rückkehr zur Utopie, oder sogar zu einem „Normalzustand“ ist nicht möglich. Und nun, was ist zu tun? Und wenn wir die Entwicklung Venezuelas heute betrachten, dann ist eine Antwort noch immer nicht gefunden. „Willst du zurück?“ – „Das geht nicht mehr.“ – „Was machen wir dann? Wo gehen wir hin?“ (Seite 250)

Das Buch in all seinen Facetten ist zwar gut zu lesen, aber nicht einfach zu verdauen. Aber die Mühe lohnt sich.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Nagels & Kimche Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-letzten-tage-des-comandante/978-3-312-00994-7/

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