Rezension: Die letzten Tage des Comandante – Alberto Barrera Tyszka – Nagel & Kimche

Alles ist Fiktion, auch die Realität

Die letzten Tage des Comandante – Alberto Barrera Tyszka (Autor), Matthias Strobel (Übersetzer), 256 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (22. August 2016), 22 €, ISBN-13: 978-3312009947

Diesen Roman können Sie aus drei Blickrichtungen lesen: literarisch, soziologisch und politisch.

Worum geht es? In erster Linie um Venezuela, genauer gesagt um das Venezuela zur Zeit des „Chavismus“, als die Herrschaft von Hugo Chávez sich dem Ende nähert. Einer Zeit des Übergangs, der sich auch in den Personen und ihren Geschichten zeigt.

Da ist zum einen Miguel Sanabrina und seine Frau Beatrix. „Das, was er sich immer vom Leib gehalten hatte, holte ihn nun ein: dieses Land.“ (Seite 11) Miguel Sanabrina bekommt einen Anruf von seinem Neffen Vladimir, einem Offizier der Chavez-Regierung. Hugo Chávez, hält sich zur Behandlung seiner Krebskrankheit in Havanna auf.

Da ist Fredy Lucana, ein Journalist, der mit seiner Lebensgefährtin und seinem Sohn Rodrigo in der Wohnung über Sanabrina wohnt. Er hat seine Stellung verloren und will ein Buch über Hugo Chávez schreiben. Kann ihm die Kubanerin Aylin mit Informationen aus einem Kontakt in Havanna dabei nützlich sein?

Diese Wohnung gehört Andreina Mijares, die auf der Suche nach dem amerikanischen Traum nach Miami auswandert, und jetzt, nachdem das amerikanische Wunder sich zu einem amerikanischen Albtraum gewandelt hatte, nach Caracas in ihre Wohnung zurückkehren will

Und da gibt es noch Maria, ein zehnjähriges Mädchen, das mit ihrer Mutter alleine lebt. „Pass auf. Sei auf der Hut. Vertrau niemandem.“ (Seite 34) Cecilia, die Patin von Maria, sorgt für eine Internetverbindung, um das Kind nicht von der Außenwelt zu isolieren. Und so begann Maria, freundschaftliche Beziehungen über das Netzwerk. Sie gehört zu einer neuen Generation von Kindern, deren Präsenz im öffentlichen Raum aus unterschiedlichen Gründen sehr schwierig ist und sie zu Gefangenen in den eigenen Räumen werden.

Und schließlich Madeleine Butler, eine amerikanische Journalistin, die nach Venezuela gekommen ist, um ein Porträt über Hugo Chávez zu erstellen.

Natürlich ist auch Hugo Chávez anwesend, in seiner Mehrschichtigkeit als politischer, ideologischer, wirtschaftlicher und sogar religiöser Führer, ohne das er mit eigener Stimme im Roman vorkommt.

Alberto Barrera Tyszka liefert eine komplexe, facettenreiche Erzählung über Venezuela in den letzten Jahren des Lebens von Hugo Chávez. Um das zu erreichen, baut er einen Roman ohne Zentrum oder einer klaren Handlung. Er hat die Fähigkeit und Kraft eine Vielzahl von lebenswichtigen Übergängen im Leben seiner Figuren, ein literarisches Gewand zu geben, vor allem in einfachen Dialoge, die über eine Situation oder ein Ereignis entstehen und schafft so Möglichkeit sich den Charakteren aus verschieden Sichtweisen zu nähern.

Das Buch kommt, bezogen auf die Situation von Venezuela in der Post- Chávez-Zeit zu einem Schluss: die Rückkehr zur Utopie, oder sogar zu einem „Normalzustand“ ist nicht möglich. Und nun, was ist zu tun? Und wenn wir die Entwicklung Venezuelas heute betrachten, dann ist eine Antwort noch immer nicht gefunden. „Willst du zurück?“ – „Das geht nicht mehr.“ – „Was machen wir dann? Wo gehen wir hin?“ (Seite 250)

Das Buch in all seinen Facetten ist zwar gut zu lesen, aber nicht einfach zu verdauen. Aber die Mühe lohnt sich.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Nagels & Kimche Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-letzten-tage-des-comandante/978-3-312-00994-7/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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