Essay: Bedingungsloses Grundeinkommen

Nur wer frei ist, kann Verantwortung übernehmen

… oder warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen

„Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Diesen Satz finden Sie bei fast allen Parteien und Politikern. Das ist eine leere Floskel, denn sozial ist nicht, was Arbeit schafft, sondern, was Einkommen schafft – und damit die Freiheit, das zu tun, was man selbst für nötig und für richtig hält.

Möglichst viele persönliche Freiheiten beanspruchen, und wenn’s schiefgeht, die Verantwortung anderen aufbürden: In Wirtschaft und Privatleben leider eine inzwischen gängige Praxis. Freiheit und Verantwortung gehören immer zusammen. Wenn wir mehr Verantwortung abgeben, z. B. an den Staat oder z. B. auch an unsere Mitmenschen dann verlieren wir immer mehr Freiheiten.

„Der Mensch, wenn er geboren wird, ist eigentlich noch gar kein Mensch. Er wird erst ein Mensch, wenn er sich bildet, indem er Grenzen erfährt, indem er Freude erlebt, Leid oder Trauer spürt, liebt und Verantwortung übernimmt – der Mensch wird zu einem Menschen.“ (Jeanne Hersch)

Wer Verantwortung übernehmen soll, der braucht Freiheit. Wenn nur ein Teil der Individuen die Verantwortung für ihr Handeln übernimmt und der andere nicht, müssen andere die Last für Verantwortungslosigkeit anderer tragen. Damit ist aber zwangsläufig auch ein Verlust an Freiheit für diejenigen verbunden, die zugunsten der Verantwortungslosen belastet werden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger stärkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und gibt ihnen die Freiheit dazu. Freiheit ohne finanzielle Sicherung gibt es nicht. Das Grundeinkommen braucht nicht beantragt zu werden und es ist kein Ausgleich für ein zu niedriges Erwerbseinkommen – es ist ein wirkliches Bürger-Einkommen ohne Bedürftigkeitsprüfung.

Wenn Freiheit statt Bevormundung gefordert wird, stimmen alle zu. Wenn aber als Grundlage dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger verlangt wird, wehren sich fast alle. „Nicht bezahlbar.“ „Das macht die Faulen nur noch fauler.“

Das Geld, welches heute schon im Sozial- und Steuersystem kursiert, kann so ausgegeben werden, dass jeder aus Steuern ein die Lebensgrundbedürfnisse deckendes Grundeinkommen erhält, bedingungslos, d. h. unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht, ob er arm ist oder reich. Das ältere Recht auf Arbeit wird durch ein allgemeines, arbeits-unabhängiges Recht auf Existenz ersetzt.

Dann ändert sich der Sinn des Arbeitens. Dann geht es beim Arbeiten nicht mehr um die Sicherung der Existenz, sondern – wesentlich bedeutsamer – um den Sinn der Arbeit selbst und damit verbunden, um Steigerung der Lebensqualität – sei dies die eigene oder die der Gemeinschaft.

Arbeitsplätze müssen so eingerichtet werden, dass sie dem Sinnbedürfnis und einer Erhöhung von Lebensgefühl und Lebensqualität der Menschen entsprechen. Sinnlose oder menschenunwürdige Routinearbeiten würde natürlich niemand mehr übernehmen. Sie können automatisiert werden. Das werden sie sowieso, wenn der Arbeiter teurer wird als der Automat. Unnötig gewordene Arbeiten können, wie es der Logik der modernen Entwicklung entspricht, endlich sozialverträglich abgeschafft werden. Dadurch wird Potential für neue Arbeitsfelder frei.

Niemand kann mehr aufgrund einer Notlage ausgebeutet und zu sinnlosen, entwürdigenden Arbeiten gezwungen werden. An ihre Stelle treten personalintensive Arbeiten im Sozialen, in der Bildung, im Umweltschutz, in Kunst und Kultur. Diese können endlich geleistet werden, weil nicht mehr der Lebensunterhalt, sondern nur noch der gesellschaftlich bedeutsame „Wert“ der erbrachten Leistung bezahlt werden muss. Familien werden unterstützt: Kinder bringen das Geld für ihren Lebensunterhalt durch das Ihnen gewährte Grundeinkommen gewissermaßen mit. Eltern können frei entscheiden, in welchem Umfang und in welcher Rollenverteilung sie dem „Arbeitsmarkt“ oder den Kindern zur Verfügung stehen.

Studium, Aus- und Weiterbildung sind jederzeit möglich, da die Lebens-grundhaltungskosten gedeckt sind.

Ältere Menschen geraten auch bei unzureichenden Rentenansprüchen nicht in Not, dürfen Geld hinzuverdienen und hinzuerhalten und bleiben von sozialstaatlicher Gängelung ihrer Lebensführung frei.

Selbstständigkeit und neue Initiativen werden unterstützt. Man muss durch seine Arbeit nicht mehr den eigenen Lebensunterhalt, sondern nur noch die Betriebskosten der erbrachten Initiative decken.

Produzierende Betriebe dürfen rationalisieren (Effizienzsteigerung). Sie entlassen ihre Menschen in eine sich entwickelnde „Kulturlandschaft“ und nicht mehr ins „soziale Nichts“. Die angeworbenen Mitarbeiter haben eine höhere Motivation und damit steigt die Produktivität der Unternehmen.

Durch Verbesserung der allgemeinen Motivationslage und Änderung der Lohnstruktur wird der Wirtschaftsstandort Deutschland wieder attraktiv. Dem Angebot an Waren und Dienstleistungen steht im Volke Kaufkraft gegenüber.

Alles zusammengenommen heißt das: Das Lebensgefühl des Menschen wird geachtet. Die „Entfremdung“ der Arbeit schwindet. Grundeinkommen ist das schönste Arbeits-Motivations-Programm!

Diese Idee des bedingungslosen Grundeinkommens liegt bei allen Parteien in der Schublade, aber keiner hat den Mut es anzupacken.

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