Essay: Bildung und soziale Durchlässigkeit

Bildung und soziale Durchlässigkeit

… oder warum Bildung nicht gleichbedeutend mit Aufstieg ist.

Für, Konrad, 28 Jahre alt, ist es unmöglich den ausgehängten Fahrplan zu lesen, vom Ausfüllen eines Formulars bei egal welcher Behörde wollen wir gar nicht reden. Konrad kann zwar Buchstaben erkennen und ist durchaus in der Lage, seinen Namen und ein paar Wörter zu schreiben, jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes versteht er gar nicht, um praktischen Nutzen davon zu haben.

Evelyn arbeitet als Bedienung in einer Gastwirtschaft, bei den Gästen beliebt wegen ihrer Freundlichkeit, beim Chef geachtet wegen ihres Arbeitens. Nur wenn es ans Bezahlen geht, dann hat sie Schwierigkeiten. Auch für das Addieren von zweimal 1,70 Euro für zwei Bier bekommt sie Schwierigkeiten, auch wenn sie es schriftlich macht.

Und beide Fälle nach über 9 Jahren Schulbesuch!!! Kann das sein? Schüler sind nicht dumm, Lehrer sind nicht faul und unsere Schulen sind nicht kaputt. Aber irgendetwas stimmt nicht.

„Bildung für Alle“, „Aufstieg durch Bildung“, „Bildung ist der Rohstoff der Zukunft“ „Bildungsrepublik Deutschland“ sind die Schlagwörter der Politik. Taten? Fehlanzeige. Ist auch kein Wunder bei einem derart schwammigen Begriff wie Bildung.

Meint Bildung jetzt einen bestimmten Schul- bzw. Hochschulabschluss? Dann wären mehr als Dreiviertel der Erwerbstätigen in Deutschland ungebildet, denn sie haben keinen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss.

Oder zielt Bildung auf einen bestimmten Wissensstand? Brauchen wir ein Allgemeinwissen, bei der wir Fragen beantworten können wie zum Beispiel: „Wer hat diesen oder jenen Spruch im vorvorletzten Jahrhundert getan?“ oder „Wie heißen die Länder Afrikas oder Europas und welche Hauptstädte haben sie?“

Oder vermutet man hinter Bildung einfach eine bestimmte soziale Schicht, wie zum Beispiel das „Bildungsbürgertum“? Kann auch nicht sein, denn Bildungswege werden heute immer noch vererbt. Gerade einmal 17 Prozent aller Studierenden kommen heute noch aus Arbeiterfamilien. Etwa 10 % der deutschen Taxifahrer sind Menschen mit einem Hochschulabschluss.

Oder steckt hinter Bildung eigentlich das Wort Erziehung. Erziehung bedeutet, dass Erwachsene ihre Vorstellung darüber, wie ein Kind sein soll – wenn „nötig“ auch gegen den Willen des Kindes – durchsetzen. Ein Erzieher geht von der Vorstellung aus, Kinder seien „machbar“. Eigenschaften des Zöglings, die der Erzieher als negativ ansieht, versucht er zu unterdrücken, während er „positive“ Eigenschaften verstärken will. Erziehung respektiert junge Menschen nicht, sondern versucht sie zu manipulieren. Sie hat den Anspruch, Menschen zu ändern.  Der Erzieher versucht zu erreichen, dass das Kind in der von ihm festgelegten Zeit zu den von ihm festgesetzten Zielen gelangt. Er stellt Ge- und Verbote auf und sorgt für deren Einhaltung, indem er nach entsprechender Androhung auch seine Machtmittel einsetzt. Es gibt bei Erziehung immer ein Erziehungssubjekt und ein Erziehungsobjekt, den Ziehenden und den Gezogenen, den Erzieher und den Zögling, ein Oben und ein Unten. Damit ist Erziehen immer undemokratisch. Allein schon das Setzen eines Zieles, das das Kind erreichen soll, ist undemokratisch. Auch die so genannte antiautoritäre Erziehung hält an dem Ziel fest, junge Menschen zu formen; sie sollen besonders autoritätskritisch werden. Erziehung ist immer von oben nach unten – also hierarchisch – gedacht. Der Erzieher glaubt, er handele im Interesse des Kindes, so wie die Kolonialherren einst auch glaubten oder vorgaben, im Interesse der Kolonisierten zu handeln.

Bildung löst auch nicht die sozialen Probleme. Ganz unten und ganz oben spielt zum Beispiel Bildung keine Rolle. Und einen kausalen Zusammenhang, zwischen Bildung und Aufstiegschance gibt es nicht.

Also was soll Bildung nun vermitteln? Viel Wissen, ohne es irgendwie anwenden zu können, wird wertlos. Andererseits ist ein blindes Anwenden, ein Tun ohne Ziel oder Sinn, nicht gerade weise. Wer einen Weg geht, kann ohne ein Ziel losmarschieren, kann Abenteuer erleben, aber auch böse Überraschungen. Wer vom Weg abkommt, braucht mit der Zeit doch ein Wissen, wie man den Weg wiederfinden kann. Man kann nach dem Weg fragen oder, falls es einen Kiosk in der Gegend hat, eine Landkarte kaufen. Mit einer solchen Karte kann man sich orientieren, kann man die Orientierung wiederfinden. Ist diese Landkarte aber veraltet, so ist sie wertlos und es ist nicht weise, sich auf allen Wegen auf sie zu verlassen. Doch noch schlimmer als eine veraltete Karte ist gar keine Landkarte, wenn man sich verirrt hat.

Vor dem fachlichen Wissen müssen die methodischen und sozialen Fähigkeiten stehen. Wie lerne ich lernen? Wie entwickle ich Ideen? Wie löse ich Probleme? Wie treffe ich Entscheidungen? Diese Fragen werden uns lebenslang gestellt. Hier brauchen wir die notwenigen Fähigkeiten. Fachwissen ändert sich sowieso mehrmals in unserem Leben. Dazu brauchen wir im Überleben sowohl intuitive als auch emotionale Intelligenz, damit wir mit neuen Situationen und in einem neuen Umfeld überhaupt zurechtkommen.

Geschichtsdaten zu kennen nutzt nichts, wenn wir nicht aus der Geschichte lernen. Grammatikalische Regeln und Ausnahmen zu kennen nutz nichts, wenn wir nicht in der Lage sind, in der fremden Sprache ein ganz normales Alltagsgespräch zu führen. Die 5. Wurzel aus der 6. Potenz zu ziehen bleibt wertlos, wenn wir die Fragestellungen hinter einem Problem nicht sehen.

Und dazu brauchen wir eine Schule, die Lernen für alle Kinder – ohne Aussonderung – ermöglicht. Jedes Kind und auch jeder Erwachsene muss zu jeder Zeit die Möglichkeit haben, ohne Einschränkungen und selbst bestimmt das Bildungsangebot nutzen zu können, dass er möchte. Und ohne Einschränkung heißt weder Förderschule in die die angeblich Geringbegabten abgeschoben werden, noch Eliteschulen in die die angeblich Hochbegabten eine besondere Förderung erhalten.

Während in Deutschland der Trend zur Förderschule anhält, geht das Ausland seit Jahrzehnten andere Wege. So hat man in Italien bereits in den 70er-Jahren konsequent alle Förderschulen abgeschafft und die Kinder in Regelschulen integriert. In Norwegen und Finnland werden über 90 Prozent der Förderkinder an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Vor allem Letztere haben bei den PISA-Studien seit 2001 im Leistungsvergleich in den meisten Fächern besser als Deutschland abgeschnitten.

Nur wenige können sich für eine bessere Bildung ihrer Kinder eine Privatschule leisten. Vielen aber ist es möglich, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Dies geschieht unter geringem Kostenaufwand im Wohnzimmer, am Küchentisch, im privaten Büro oder in einem eigens dafür hergerichteten «Schulzimmer». Unsere Bildungsalternative ist die «Privatschule des kleinen Mannes». Die Lehrer sind die Mütter und Väter, welche auf diese Weise nebenbei selber wieder zu Lernenden werden und gemeinsam mit den Kindern die Welt entdecken und die Bildungsinhalte auswählen und erarbeiten.

Wir brauchen ein Angebot, das stufenförmig aufgebaut ist und wo der Abschluss einer Stufe gleichgewichtig und gleichberechtigt der Zugang zu den weiteren Stufen ist. Warum sollte sich jemand nach einer Lehre nicht gleichgewichtig zwischen Meisterweiterbildung oder Studium entscheiden können?

Wenn wir eine „Vorschule“, früher Kindergarten genannt, haben, dann sollten die Kinder mit dem 6. oder 7. Lebensjahr geeignet dafür sein, eine Schule zu besuchen, die ihnen die Grundlagen vermittelt. Dann können sie mit dem 11. Lebensjahr in eine Schule eintreten, die aufbauend weiteres Wissen und Kenntnisse vermittelt. Mit dem 16ten Lebensjahr kann die fachliche, berufliche Ausrichtung beginnen, sodass mit dem 19. Lebensjahr ein Studium oder ein Meisterkurs begonnen wird und spätestens mit dem 23. Lebensjahr abgeschlossen ist.

Wo und wie jemand sich sein Wissen aneignet, kann egal sein, wenn er es denn kann. Also Schule als Möglichkeit und nicht als Pflicht.

Alle reden gerne von der Notwenigkeit des lebenslangen Lernens. Lernen muss im Alltagshandeln stattfinden. Mit der zunehmenden Auflösung der Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen, aber auch zwischen Arbeit und Freizeit, brauchen wir informelles Lernen: ein Lernen in Lebenszusammenhängen, das ursprünglich vor allem als ein Lernen außerhalb des formalen Bildungswesens (z. B. Schulen) angesehen wurde.

Also orientieren wir uns an der Aussage von Ernst von Feuchtersleben (1806 – 1849): Bis ins späteste Alter lernen (nicht auswendig, sondern inwendig), das ist Genießen, das ist Leben. Da wächst die Seele, in konzentrischen Kreisen, göttlichen Sphären zu.

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2 Gedanken zu „Essay: Bildung und soziale Durchlässigkeit

  1. Hubert Moll

    Unterschiedliche Menschen bringen nunmal unterschiedliche Charaktereigenschaften mit, einige sind intelligenter als andere. Das Problem ist eben nur das im Kapitalismus der Wert eines Menschen an dessen Arbeitsleistung gemessen wird. Wer also in Schrift/Mathe nicht mithalten kann wird zwangsläufig ein schwierigen Stand auf dem Arbeitsmarkt haben und sehr viel eher zu den Abgehängten gehören.

    Soziale Durchlässigkeit wird also zwangsläufig vom Markt diktiert und ist somit im Kapitalismus nicht gegeben.

    Möglichkeiten wären gegebenenfalls durch ein allgemeines Grundeinkommen ein Grundsicherung zu schaffen welche allen Zusteht um somit allen unabhängig von den angeborenen bzw erlernten Fähigkeiten ein ihren Bedingungen entsprechend gutes Leben zu ermöglichen.

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