Rezension: Metamorphosen – Natalie Zemon Davis – Klaus Wagenbach Verlag

Eine Frau, die sich nicht festlegen lässt

Metamorphosen Das Leben der Maria Sibylla Merian – Natalie Zemon Davis (Autorin), Wolfgang Kaiser (Übersetzer), 192 Seiten. Wagenbach, K (28. November 2016), 13,90 €, ISBN 978-3-8031-2766-2

Die Historikerin Natalie Zemon Davis untersucht in diesem Buch das Leben von Maria Sibylla Merian, eine bekannte deutsche Naturforscherin und begabte Zeichnerin, Graveurin und Verlegerin Künstlerin und Mitglied einer radikalen protestantischen Sekte aus der Schweizer Familie Merian.

Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn über Maria Sibylla Merian gibt es wenig Nachgelassenes: Kein Tagebuch, außer ihrem Skizzenbuch, kein ausführlicher Briefwechsel, keine Autobiographie. Nur ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Neues Blumenbuch, 3 Bände (1675, 1677 und 1680); 3 Bände Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung (1679, 1683, 1717) und Metamorphosis insectorum Surinamensium (1705)

Als eine der ersten Insektenforscherinnen beschäftigte sie sich intensiv mit der Metamorphose von Insekten.

Und so greift Natalie Zemon Davis auch zu den Phasen der Metamorphose im Leben der Maria Sibylla Merian, nach denen sie das Buch aufbaut. Als Raupe scheint mir die Zeit in Frankfurt und Nürnberg zu gelten. Eine Zeit in der sie die Grundlagen, künstlerisch und handwerklich für ihr weiteres Schaffen legte.

Als Verpuppung mag die Zeit ab 1685 gelten. Sie entschloss sich Merian nach zwanzigjähriger Ehe, mit 38 Jahren, zusammen mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern (damals 17 und 7 Jahre alt) für unbestimmte Zeit nach Schloss Waltha bei Wieuwerd im niederländischen Friesland zu gehen. Das Schloss gehörte drei Schwestern des Gouverneurs von Surinam, Cornelis van Aerssen van Sommelsdijk; sie hatten es der frühpietistischen Sekte der Labadisten als Zufluchtsort zur Verfügung gestellt. Die etwa 350 Personen der Kolonie fühlten sich urchristlichen Idealen verpflichtet, jenseits der naturfernen Orthodoxie der Amtskirche. Allerdings hatte sich gerade diese Gruppe unter Leitung ihres Predigers Yvon (1646–1707) zu einer strengen, moralisch engherzigen, dabei zu schwärmerischer Übertreibung neigenden Gemeinschaft entwickelt, die Merians Wesen kaum entsprach. „Wie immer behielt sie ihr inneres Leben für sich […] dieser fünfjährige Rückzug […] war nichts anderes als eine Zeit der Verpuppung, des Wachstums im Verborgenen, eine Zeit des Lernens für eine Frau, die sich nicht festlegen ließ.“ (Seite 55)

Und dann ab 1691, als sie Schloss Waltha verließ und nach Amsterdam ging sowie ihre Reise nach Surinam war wohl die Zeit als prachtvoller Schmetterling. Und hier zeigten sich die Wirkungen ihrer Vorstufen. „Merian hätte niemals das Insektenbuch geschaffen, wenn sie bei den Erwählten geblieben wäre, aber sie hätte nie die Überfahrt nach Surinam gewagt, wäre sie nicht einst das Wagnis eingegangen, eine Labadistin zu werden.“ (Seite 65)

Was macht diese Frau zu etwas Besonderem? Sie sieht sich selber weniger als Frau, sondern als Künstlerin und Wissenschaftlerin und die Autorin lässt sie sagen „Man hätte mich zusammentun müssen mit den naturforschenden Malern und den Gelehrten, die Insekten und Pflanzen studieren.“ (Seite 8)

Sie ist ein Mensch, der mit Konventionen bricht, ihren eigen Weg geht, immer neue Ansätze findet. Sie ist eine der ersten Umweltaktivistin der Welt, da sie einerseits dokumentierte, wie einzelne Arten miteinander interagieren und andererseits das entwickelte, was wir Nahrungskette nennen.

Es ist auch ein zentrales Buch über das Leben der Frauen des 17. Jahrhunderts. Aber auch über die Möglichkeit von starken Frauen aus den ihr zugewiesenen Rollenverständnis auszubrechen und ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen, obwohl Frauen damals nur begrenzte Möglichkeiten hatten. So gehört Maria Sibylla Merian auch zu den ersten Feministinnen. Maria Sibylla Merian, führte ein Leben von erstaunlicher Vollendung und Unabhängigkeit für eine Frau des 17. Jahrhunderts.

Das Buch ist für den interessierten Laien wie auch für den Wissenschaftler eine wahre Fundgrube und ein Lesevergnügen der besonderen Art. Das Porträt einer ungewöhnlichen Frau und einer großen Entdeckerin einer Zeit, die so manche Parallelen zum Heute hat.

Natalie Zemon Davis hat eine eigene Art der Geschichtsschreibung entwickelt, vielstimmig und voller Inspiration. Das Buch liest sich wie ein Roman. Erleben Sie selbst, wie interessant diese vormoderne Zeit sein kann.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1060-metamorphosen.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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