Essay: Der Pakt mit der Kälte

Der Pakt mit der Kälte

… oder warum unsere Gesellschaft immer inhumaner wird

Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat Menschen lange Zeit beschäftigt. Nur in unserer posthumanen Gesellschaft scheint sie keinen mehr zu interessieren. Die Mehrheit wird schon Recht haben: Spaß, Konsum und persönlicher Erfolg, zum eigenen Nutzen und scheißegal auf wessen Kosten

Gibt es in dieser kalten, technisierten, computerisierten, digitalen Welt keine Möglichkeit, heil raus zu kommen? Viele Menschen sehen die Lösung des Problems darin, kein Problem sehen zu wollen. Sie „paktieren“ mit der Bedrohung, in dem Sie vorgeben, keine Wärme zu vermissen.

Die Welt wird kälter und sinnloser. Der neue Mensch im dritten Jahrtausend ist beziehungslos und einsam. Er lebt in der posthumanen Gesellschaft. Gentechnik und Informatik verändern die Wirklichkeit. Humanistische Traditionen werden durch eine neue Moral, eine praktische Ethik abgelöst. Gott-Vater, Gott-Mutter, die von sich aus liebende, schützende, bergende Präsenz wird abgelöst vom Gott des Machbaren. Der Perfektionismus wird angebetet. In den Medien werden permanent neue Menschen kreiert, die ihre Haut wie das Make-up oder die Kleidermode wechseln. Man trägt nicht mehr Herz. Wir entwerfen für uns ein neues Profil, ein neues Ich, neue Kinder, Designerbabys. Geboren werden Ichlinge, eine Wortschöpfung des Soziologen Ulrich Beck, Ichlinge für die Ich-Gesellschaft?“

Unser Gesellschaftssystem ist ausschließlich auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet. Grenzen des Wachstums werden nicht diskutiert, sondern zum großen Teil ignoriert oder gar geleugnet. Vergänglichkeit als Wirtschaftsprinzip und „Alles dürfen, was geht“ als Handlungsmaxime. Auch die Linke – seit Marx – setzt ihre Hoffnung „in die Fortschritte der kapitalistischen Produktionsweisen“

Die Illusion von der allheilenden Kraft des freien Marktes suggeriert uns, dass durch den freien Markt generell der bestmögliche Ausgang der Ereignisse garantiert sei. Und diese Ergebnisse definieren alle Parteien als Wohlstand für alle

Wohlstand baut auf das Elend anderer. Wohlstand für alle ist eine Floskel derer, die andere verarmen und gezielt in Armut halten. Wenn es einen Wohlstand für alle gäbe, bräuchten wir keine Wohlfahrt. Verfassungsmäßig verbürgt: Die Würde der Reichen ist unantastbar.

Zwei der schlimmsten Krankheiten der Menschheit sind Gier und Geiz – beide führen zum sicheren Tode und beide führen zu einem Leben leer jeglicher Liebe.

Shoppen ist zu einer eigenständigen Aktivität mit einem Wert an sich geworden und liefert zur gleichen Zeit die Grundlage für die Pose, für das Schauspiel, das an die Stelle des Handelns getreten ist.

Alle sozialen Beziehungen und Strukturen in der Gesellschaft sind von der Warenwirtschaft festgelegt. Dadurch sind die Menschen nicht nur von ihrer Arbeit, sondern von ihrem ganzen Leben entfremdet. Durch den Konsum aller sozialen Beziehungen ist der Mensch zum passiven Beobachter seines Lebens geworden. das Schauspiel ist die Kultur der Warenwirtschaft – die Bühne ist aufgebaut, die Handlung läuft, wir applaudieren, wenn wir uns freuen, wir gähnen, wenn wir uns langweilen, aber wir können die Show nicht verlassen, da es keine Welt außerhalb des Theaters gibt.

Nur die ständige Vergrößerung des Warenangebots könne die dauernde Konsumgier befriedigen und so „die Brennstäbe des Neids vor dem Durchbrennen“ schützen. Nur, wer sich von der Sklaverei freimacht, bleibt Herr seiner selbst und seines Lebens

Alles Theater – Die Frage ist nicht, wer an den Fäden des „politischen Puppentheaters“ hängt oder wer den „Kasper“ spielt, sondern, wer an den Fäden zieht. Aber dummerweise sieht man immer nur die „Marionetten“ – nie die „Puppenspieler“. Das „Publikum“ Volk betrachtet das Spektakel auf der „politischen Bühne“, ahnt aber nichts von den Geschehnissen und Verhältnissen im Hintergrund: Während die Figuren scheinbar agieren, um ernste Konflikte zu lösen, bereden die wahren Akteure heimlich, wie sie gemeinsam die Kasse plündern…

Die mediale Gehirnwäsche Volksverdummung schreitet nicht nur weiter voran, sondern wird bewusst gefördert und bedient. „Spaßkultur“ und „Klamauk-Kommunikation“ herrschen aller Orten

Bloß nichts fühlen – Bloß nicht denken. Einer ganzen Gesellschaft patriarchalisch stolz, konsumgeil und fleischgeil, geil nach Waschbrettbauch und weißen Zähnen – Gleichgültigkeit ist immer Droge Nr. 1 und die Schizophrenie wird zum Alltäglichen.  Lifestyle – Ekstase und Abgebrühtheit – „Coolness“ bezeichnet eine Art von Schlingern zwischen Begeisterungssucht und Gelassenheit in der so genannten Spaßgesellschaft

Bei den meisten steht in ihrer Hierarchie der Werte ihre individuell-persönliche, vor allem ihre berufliche Selbstverwirklichung an erster Stelle und dann kommt erst alles andere. Denn die Sehnsucht, dazuzugehören, ist verführerisch, in dieser Image-Gesellschaft, die schillert, glänzt und leuchtet, so grell, dass der Schein blendet

Wir leben in einer narzisstischen Gesellschaft, und das heißt auch, des Oberflächlichen, das heißt auch der Beziehungsverarmung, einem kränkelnden Bedürfnis nach Anerkennung, ohne Vorbehalte und ohne Hinweise darauf, dass man die Anerkennung auch verdient hat oder nicht. Das Narzisstische ist das, was die Pose der Werbung zum Menschenbild erhebt.

Jenseits der schieren Quantität haben „die Netze“ nichts zu bieten; ihre Qualität ist die nicht mehr zu bewältigende Menge, die längst zur Un-Menge geworden ist. Und alles wird reduziert auf „Gefällt“ oder „Gefällt nicht.“ Über Sinnloses wissen wir fast alles, über Wertvolles so gut wie nichts – das ist, zugespitzt, die kritische Formel für den qualitativen Aggregatzustand der Information in der Informationsgesellschaft.

Ist es das, was uns droht: dass wir über alles wissen und doch nichts, was wir brauchen können, um uns Ziele zu setzten und das Leben zu gestalten? Dass wir alles anklicken können und abrufen, jedoch nichts erfahren, was uns hilft, unsere Orientierungsnöte zu lindern: den Hunger nach Sinn, den Durst nach Erkenntnis zu stillen, das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu befriedigen? Dass wir unter den aufgehäuften Bergen von nutzlosem Wissen das Existenzwissen verschütten, so, dass wir am Ende über alles Auskunft geben können, nur nicht mehr darüber, was wir eigentlich wollen und was für uns und für andere gut ist?

Die moderne Gesellschaft ist auf dem Weg zurück in die Antike, zu einer „Zivilisation der neuen Grausamkeit“ und Demokratie ist zu einem Schlagwort für Vorherrschaft verkommen. Ganze Menschengruppen werden auf Teilbereiche des Menschen reduziert z.B.: Empfänger von Sozialleistungen = Schmarotzer

Die Weichen für eine humane Welt werden ausschließlich im Inneren unserer eigenen Seele gestellt. Liebe, Vertrauen, Wärme und Wahrheit – was wir Menschen hier bekommen oder nicht bekommen, das entscheidet mehr als alles andere über Krieg oder Frieden in der Welt. Ob sich die gesunde Lebenskraft in einer weichen Atmosphäre von Vertrauen und Wärme in Kinderherzen sammeln kann, ob Liebende ohne Angst und Lüge, ohne Unterdrückung und falsche Moral sich begegnen können, das entscheidet weltweit über das Schicksal der Völker.

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2 Gedanken zu „Essay: Der Pakt mit der Kälte

  1. Hubert Moll

    Auch in früheren Zeiten war die große Mehrheit der Menschen egoistische Mitläufer, mal für den Kaiser, dann für den Führer dann für den Kommunismus heute eben für Konsum und Geld. Die Mehrheit der Menschen läuft immer irgendetwas hinterher, weil sie nicht die Kraft haben für sich selbst einzustehen.

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