Essay: Das letzte Tabu: „Weniger“

Das letzte Tabu: „Weniger“

… oder können wir besser leben, ohne mehr zu haben?

Ein Tabu beruht auf einer stillschweigend praktizierten gesellschaftlichen Übereinkunft, die Verhalten auf elementare Weise gebietet oder verbietet. Tabus sind unhinterfragt, strikt, bedingungslos, sie sind universell und ubiquitär. Bei Tabus herrscht ein absolutes Rede-, Denk- und Frageverbot, sonst wäre es ja kein Tabu.

Es gibt zwar in Deutschland eine Reihe von Dingen, die „man“ nicht tut, oder die politisch nicht korrekt sind, aber das ist meistens „freiwillige Selbstzensur“ oder weil der Zeitgeist es so will. Eben trendy. Eben aalglatt, austauschbar,

Unser letztes Tabu heißt „Weniger“ z. B. weniger Wachstum. Was nützt der Boom, wenn die Jobs immer stressiger werden, der Druck auf den Einzelnen immer höher? Was nützt der Wohlstand, wenn er vor allem denen da oben zugutekommt und unten die prekären Jobs boomen? Was, wenn wir genau wissen, dass wir unsere Umwelt und die Staatsfinanzen ruinieren, und Angst haben müssen, das spätestens für unsere Kinder das „gute Leben“ immer schwieriger zu finden sein wird?

„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ unter diesem Titel kommt wie ein Mantra die Antwort aus Politik und Wirtschaft: Wachstum, Wachstum, Wachstum! Obwohl eigentlich jedem klar ist, dass wir uns auf wirtschaftliches Wachstum als Problemlöser und Friedensstifter nicht verlassen können.

Nun ist eine stetig wachsende Wirtschaft aber bei näherem Hinsehen geradezu ein Schreckgespenst. Wirtschaftswachstum kann nur aus zwei Quellen stammen: Entweder wir arbeiten mehr. Oder wir arbeiten produktiver. Ein konstantes Wachstum von nur 3 % im Jahr, das ist ungefähr das, was sich unsere sogenannten Wirtschaftsexperten mindestens wünschen, bedeutet, dass wir unsere Produktivität oder unsere Arbeitszeit in rund zwanzig Jahren verdoppeln und in rund 75 Jahren gar verzehnfachen müssten. Oder, wenn wir noch weiter schauen (aber wer wird denn gleich sooo weit vorausschauen wollen) in rund 150 Jahren verhundertfachen müssten.

Technisch mag das möglich sein. Aber den zehn- oder gar hundertfachen Produktionsumfang mit dem gleichen Energie- und Rohstoffeinsatz zu realisieren wie wir ihn heute haben, ist völlig unrealistisch. Das weiß eigentlich jeder. Das Wachstum käme ja auch weniger aus der Produktion, sondern aus dem Dienstleistungsbereich. Doch was in aller Welt soll ein Mensch mit so viel Dienstleistungen anfangen? Worin sollen die bestehen? Und woher nehmen wir dann die Zeit, all die schönen Dienstleistungen zu nutzen? Vielleicht jeden Tag zweimal zum Friseur gehen? Oder uns mit dem Taxi nur so zum Vergnügen durch die Landschaft kutschieren lassen?

Hinter der Wachstumsgläubigkeit verbirgt sich ein verkümmertes Bild vom Menschen. Der Mensch wird auf sein Einkommen reduziert. Regierungen streben Wirtschaftswachstum und die Zunahme des Bruttoinlandsproduktes an. Doch dabei werden die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen vernachlässigt: Soziale Kontakte, Liebe, Freundschaft und das vielfältige Tätigsein.

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben ist überall spürbar. Einem Leben, das aus der Logik des immerwährenden Wachstums ausbricht.

Wäre es nicht vielleicht klüger, dass wir alle weniger und in gemütlicherem Tempo arbeiten, und hinterher genüsslich und ohne Hast die Annehmlichkeiten der Technik genießen. Oder wäre es nicht sinnvoller, statt immer billigere Wegwerfprodukte herzustellen, hochwertige Produkte und sauber ausgeführte Dienstleistungen anzubieten. Sie halten länger und belasten Umwelt und Ressourcen weniger. Dafür dürfen sie ruhig teurer sein.

Aber wir Menschen neigen eher zu kurzfristigem Denken, das selten über die eigene Lebensdauer hinausgeht, wenn überhaupt. „Na, solange wir leben und unsere Kinder wird es wohl noch gut gehen. Veränderungen müssen sein. Aber später.“

Materieller Konsum kann nicht Sinn und Krönung unserer menschlichen Existenz sein. Leider werden uns heute als Vorbilder, nur Menschen mit schamlosem Konsumverhalten präsentiert.

Ein qualitatives Wachstum kann aber von uns nur geleistet werden, wenn die hochwertigen Produkte auch angenommen werden und vor allem wenn die Bevölkerung einen entsprechenden hochwertigen Ausbildungsstand aufweist. Es mangelt uns an Fähigkeiten und Fertigkeiten ein ganz anderes Leben zu führen. Hier besteht bei uns ein immenser Nachholbedarf. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Volk, das in großen Teilen kaum anspruchsvolle Aufgaben bewältigen kann, ein qualitatives Wirtschaftswachstum zustande bringt.

Wie können Menschen auch bei geringerem materiellen Wohlstand zufrieden leben und ihre Gemeinwesen funktionsfähig halten? Dieser Frage müssen wir uns all stellen. In erster Linie natürlich Politik und Wirtschaft. Die Chancen hier eine Antwort zu finden stehen schlecht. Denn gerade Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise fördern jene mehr denn je das Wachstum, ohne die langfristigen Folgen dieser Vorgehensweise zu berücksichtigen. Unser ganzes Bildungssystem ist ausschließlich auf Broterwerb gerichtet. Der Teil der uns zu einem eigenständigen, immateriell reichen Leben befähigt bleibt außen vor. Wo und von wem bekommen unsere Kinder mit, wie lebendige zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut werden? Wer lehrt sie, dass Fürsorge für andere zum Menschsein gehört? Wer zeigt ihnen, dass Freude an Kunst und Natur weit größer sein kann, als diese Mickeymouse-Gesellschaft vor und mit den Spielekonsolen und vor den Billigproduktionen der „scripted reality shows.

„Sind das noch Menschen“, fragt sich 1874 schon Nietzsche, „oder vielleicht nur Denk-, Schreib- und Rechenmaschinen.“

Von allem haben wir mehr und sind doch nicht glücklich. Wir haben mehr Wissen, aber weniger gesunden Menschenverstand. Wir haben mehr Experten, aber immer mehr ungelöste Probleme. Wir haben mehr Medizin, aber weniger gute Gesundheit. Wir kaufen mehr, genießen es aber immer weniger.

Ein gutes und glückliches Leben ist bei Befragungen für die meisten vor allem Gesundheit, finanzielle Sicherheit, sprich „das tägliche Brot“, gute Freunde, eine gelungene Beziehung. Soweit die Theorie. Im täglichen Leben verschwenden wir die meiste Zeit an die Arbeit und um irgendeinem imaginären Aufstieg nach zu hecheln. Wie viel Zeit verbringen wir mit unserer Familie, mit unseren Freunden? Im Durchschnitt hängt der Bundesbürger pro Tag rund vier Stunden vor der Glotze. Wie viel Zeit verbringt er mit Lesen, Musik, Theater?

Wer kann sich zu einem echten Kurswechsel aufraffen? Denn jene voraussichtlich neun Milliarden Menschen, die in wenigen Jahrzehnten die Erde bevölkern werden, werden mit Sicherheit nicht so leben können wie wir heute leben.

 

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Ein Gedanke zu „Essay: Das letzte Tabu: „Weniger“

  1. dichternebel

    Guter Beitrag.
    Umkreist die immer widerkehrende(n) Frage(n) dessen, was „gutes Leben“ ausmacht. Obschon immerhin erwähnt werden muss, dass für den ein oder anderen schon Glückseligkeit darin zu finden ist, eben nur „vor der Glotze“ abzuhängen, weil sie passiv unterhalten werden wollen, ohne irgendetwas zu tun. Das unterstreicht definitiv das „kurzfristige Denken“ und die Forderungen nach Lösungen mit direktem Ergebnis.

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