Essay: Gelassenheit und innere Ruhe

Gelassenheit und innere Ruhe

… oder du kannst die Brandung nicht aufhalten, aber du kannst surfen lernen.

Nehmen wir uns doch einfach ein Beispiel an kleinen Kindern. Kinder können sich für alles begeistern. Sie genießen, was immer sie tun, und sie sind voller Hingabe dabei. Sie denken nicht an das Morgen oder das Gestern. Sie lähmen sich nicht durch negative Einstellungen und Erwartungen. Sie haben keine „Wenns“ und „Abers“, mit denen sie schon im Vorhinein entscheiden, dass ihnen eine Sache keinen Spaß machen wird oder sie etwas nicht könnten. Sie gehen auf andere Menschen offen und ohne Vorurteile zu und schließen schnell Freundschaft. Kinder kennen keine Angst vor dem Scheitern. Das Schönste an der Kindheit ist ihre absolute Narrenfreiheit, Unbekümmertheit und die völlige Abwesenheit von Scham.

Und vor allem ist es toll, wie schnell Kinder negative Gefühle wie Ärger oder Traurigkeit überwinden. Sie laufen nicht den ganzen Tag mit einer Wut im Bauch herum und lassen den Kopf hängen. Nach wenigen Sekunden oder Minuten haben sie den Vorfall vergessen und sind schon wieder mit Hingabe bei etwas Anderem.

Ja und dann bekommen sie Rückmeldung aus ihrem Umfeld: „Du bist nicht zu Deinem Vergnügen auf der Welt“. „Du wirst sehen, was Du davon hast“. „Erst die Arbeit, dann das Spiel.“ „Sei nett.“ „Sei lieb.“ „Nimm Rücksicht.“ Und sie werden mit anderen verglichen, meist nicht zu ihren Gunsten: „Warum bist du nicht so fleißig wie deine Schwester?“ „Schau dir den Markus an, der ist immer sauber und ordentlich.“ „Du bist genau wie dein Onkel Josef, dieser Taugenichts – Wo wirst Du noch mal landen?“  Ja und dann werden wir vor der Schule gewarnt „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“

Diese und ähnliche Sätze verfestigen sich zu unwiderlegbare Lebens-, Werte- und Glaubensmuster, die uns weiß machen, dass wir so wie wir sind, eben doch nicht ganz so richtig sind. Und dann wundern wir uns, wo all der Spaß und die Heiterkeit geblieben sind, wo all die Leichtigkeit, Gelassenheit und innere Ruhe hin verschwunden sind.

Wie stehen die meisten von uns heute da? Sind wir glücklich und zufrieden? Ja, werden sie sagen: Die Stürme des Lebens, diese Stürme der Ungewissheit und des Unbekannten brausen und werfen hohe Wellen. Trennung von einem Partner, ein Todesfall oder eine andere Veränderung sind Stürme, die uns ganz schön beuteln können. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab, wie die Gefühle, die uns begegnen. Sie zerren an uns, reißen Wunden, nagen an uns.

Andererseits macht das alles nicht den Menschen zum Menschen, mit all seinen Fehlern und Eigenarten?

Wie können wir den Wechselwinden des Lebens widerstehen? Wie können wir dafür sorgen, dass uns die stürmische Brandung nicht weggespült und nicht entwurzelt?

Äußere Ereignisse können wir nur bedingt ändern, manchmal fegt das Leben aus heiterem Himmel über uns hinweg wie ein Tornado, den wir vor wenigen Minuten noch gar nicht ahnten.

Jetzt wäre es gut Gelassenheit, Gleichmut, innere Ruhe zu zeigen und vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit und Stress. Schön, wenn wir diese Gelassenheit immer und überall hätten. Doch viele Menschen leben ständig in einem Zustand geistiger Ruhelosigkeit.

 

Wie wir denken und was wir für wahr halten, beeinflusst unser Verhalten und unser Leben. Und nur allzu oft bremsen uns solche Denkmuster aus oder schaden uns. Denn dahinter steht das Gesetz der sich selbsterfüllenden Prophezeiungen. Das sind Annahmen oder Voraussagen, die allein aus der Tatsache heraus, dass sie gemacht werden, das angenommene, erwartete oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lassen und so ihre eigene Richtigkeit bestätigen. Diese selbsterfüllenden Prophezeiungen sind die Wellen, die sich langsam aufbauen, bis wir in der Brandung zu ertrinken drohen.

Zum Glück müssen wir das nicht einfach hinnehmen. Denn unser Denken ist keine Einbahnstraße. Wir können es auch ändern.

Unser Denken und unser Verhalten zieht eine direkte Verbindung zwischen der Meinung der Anderen über unser Verhalten und dem Wert der eigenen Persönlichkeit. Akzeptieren wir uns so, wie wir sind, mit unseren Stärken und Schwächen. Lösen wir uns von zweitrangigen Motivationen. Unser Wert ist nicht abhängig von Können oder Talenten. So wie wir sind, so sind wir und wir haben einen Wert an sich.

Und wir können unsere Maßstäbe verändern. Es gibt mehr als nur gut – böse, richtig – falsch. Akzeptieren wir die Gegensätzlichkeit in unserem Leben,

Außer unser Denken zu verändern, was können wir tun?

Machen wir uns frei, alles und jeden zu bewerten. Nehmen wir unsere Umwelt, unsere Mitmenschen und ihr Verhalten wahr, ohne zu bewerte und ohne vorzuverurteilen. Sonst bleiben wir im bekannten Teufelskreis von Vorwürfen und Rechtfertigungen stecken. Sehen, was ist.

Teilen wir dem anderen mit, wie seine verbale oder nonverbale Mitteilung bei uns angekommen ist und welche Empfindungen sie auslösen. Bekennen wir uns zur Subjektivität der eigenen Aussage. „Das wirkt auf mich arrogant“ hat wesentlich weniger Sprengstoff als „Sie sind arrogant.“

Im Ich leben: Wie sagt man immer so schön: „Jeder sollte vor seiner eigenen Türe kehren.“ Jedem bleibt es selbst überlassen, wie er sein Leben einrichtet. Ich mag anderer Meinung sein, aber es geht mich nichts an, was andere machen. Also: Kümmern wir uns nicht um Dinge, die uns nichts angehen.

Schon der griechische Philosoph Epiktet sagte: „Es sind nicht die Dinge oder Ereignisse an sich, die uns beunruhigen, sondern die Einstellungen und Meinungen, die wir zu den Dingen haben.“ Und dazu gehören vor allem perfektionistische Leistungsansprüche, übertriebener Ehrgeiz und übersteigertes Verantwortungsbewusstsein. Damit setzen wir uns selbst unter Druck. Meistens brauchen wir gar nicht 100 % oder gar 150 % zu geben, 80 % reichen auch für ein sehr gutes Ergebnis. Wie selbstkritisch und perfektionistisch sind wir mit uns selbst und unseren Tätigkeiten. Wo hetzten und treiben wir uns stets in neue schwindelnde Höhen durch unsere himmelhohen Ansprüche an uns selbst?

Wir alleine sind für die Wirklichkeit verantwortlich, die unsere Gedanken, Hoffnungen oder Befürchtungen schaffen. Die geistige Energie, die jeder unserer Gedanken darstellt, formt uns selbst am meisten.

Wir gewinnen Kraft, wenn wir damit aufhören, unsere Gedanken zu missbrauchen. Innere Gelassenheit liefert Ihnen seelische Stärke und seelische Unverletzlichkeit. Dinge loslassen, sich loslösen von Regeln, von Sicherheit und von Erwartungen setzt Energie frei.

Verwechseln wir Gelassenheit nicht mit Gleichgültigkeit, mit „dickem Fell“ oder mit überheblichem „Über den Dingen stehen“.

Gelassenheit bedeutet einfach, Dinge, die wir sowieso nicht ändern können, so zu lassen und zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind. Gelassenheit heißt, dem Leben gegenüber keine Hemmungen, keine Anspannung, keine Abwehrhaltung, keinen Widerstand, zu haben.

Nehmen wir doch einfach das Gelassenheitsgebet von amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr als Grundsatz unseres Lebens:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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