Rezension: Das Walmesser – C. R. Neilson

Das Überleben steht auf dem Spiel

Das Walmesser – C. R. Neilson (Autor), Ulrich Thiele (Übersetzer), 512 Seiten, Heyne Verlag (28. Dezember 2016), 13,99 €, ISBN-13: 978-3453419674

Der Schotte John Callum verlässt Glasgow und fliegt zu den Färöer-Inseln, 18 Inseln in der Mitte des Nordatlantik, unverdorbene Schönheit, unberührte Natur,  saubere Luft und frisches Wasser. Eine aufregende und einzigartige Kombination.  Dort will er in Tórshavn leben. Warum? Hat das etwas mit seinen Albträumen zu tun, in denen immer wieder ein Liam Donan vorkommt? Wir werden es erfahren. Nach und nach breitet der Ich-Erzähler John in seinen eingeschobenen Albträumen seine Vorgeschichte aus. „Ich war auf die Färöer gereist, um der Welt zu entkommen. Jetzt konnte ich nicht mehr zurück, selbst wenn ich gewollt hätte.“ (Seite 265)

Doch auch in Tórshavn meint das Schicksal es wohl nicht gut mit ihm. Total besoffen wacht er auf dem nassen Boden der Kaimauer auf. In seiner Manteltasche ein Grindaknivur, ein Walmesser. „An der Klinge klebt das Blut eines anderen.“ (Seite 13) Was hat er getan? Hat er überhaupt etwas getan?

Doch der Reihe nach: John Callum lässt sich in Tórshavn nieder, auf den beeindruckenden Färöer-Inseln. Er findet schnell Kontakt. Zu Menschen, die ihn freundlich behandeln, wie Martin Hojgaard, der ihm Arbeit in einer Lachszucht gibt. Zu Menschen, die er nicht so richtig einordnen kann, wie Tummas Barthel, ein Alt-Rocker, dessen Lachen so klang, „als würde er mit Kies gurgeln.“ (Seite 79) oder der französische Fotograph Serge Gotteri, mit einem Akzent „herb wie tiefblaue Gouloises-Schwaden und geschmeidig wie ein Schluck Camus-Cognac.“ (Seite 97) Er trifft aber auch Menschen, die ihm feindlich gesonnen sind, wie die Brüder Aaron und Nils Dam. Tórshavn ist beileibe kein verschlafenes Nest, sondern ein hochmodernes Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum, mit vielen Pubs, Bars und Cafés, in denen John Callum seine Freizeit verbringt, die unzähligen Biersorten probiert und sich mit Whisky betrinkt.

Dabei begegnet er auch der jungen Künstlerin Karis Lisberg. „Sie hatte ein sehr hübsches, aber beinahe jungenhaftes Gesicht, etwas Spitzbübisches, wie eine junge, dunkelhaarige Twiggy. Oder wie die färöische Audrey Hepburn.“ (Seite 98) Sie ist die Tochter des ehrwürdigen Pastors Esmundur Lisberg, „der Hüter unseres gemeinschaftlichen Gewissens.“ (Seite 144)

Und da ist natürlich die zweite Hauptperson dieses Romans, die Färöer-Inseln, mit ihren unvergleichlichen Landschaften „eine rasch vorbeiziehende Orgie aus Grün- und Brauntönen im Dämmerlicht […] mit grauen Steinen gesprenkelte Hänge, durchsetzt mit trägen Bächen […] ein Schlachtfeld widerstreitender Kräfte: Erde und Wasser kollidierten miteinander, und wohin man auch blickte, sah man die Opfer dieses Krieges.“ (Seite 21) Und natürlich die Färinger, die ihre Traditionen und ihre Sprache, das Färingisch pflegen und die von sich selbst sagen, dass sie glücklich sind. Ein besonderer Menschenschlag, stoisch und verschlossen der die Einsamkeit liebt, der Wind und Kälte trotzt, in dieser atemberaubenden aber eben auch sehr harten Natur, die den Menschen sehr schnell und oft unbarmherzig ihre Grenzen aufzeigt.

John Callum lernt die Färöer mit all ihren Widrigkeiten zu lieben. „Die Tristesse meiner ersten Eindrücke des vernieselten, ereignisarmen Tórshavn war vom Wind fortgeblasen worden. Jetzt nahm ich eine andere Stadt wahr, eine Stadt voller Farben, Leben und Charme. Bevölkert von ruhigen, freundlichen, bescheidenen Menschen, die einem nur zu gerne weiterhalfen. Selbst den Regen hatte ich liebgewonnen, über den Wind sah ich schulterzuckend hinweg, ganz wie die Färinger selbst.“

John Callum ist weit weggerannt, er könnte endlich die Vergangenheit ruhen lassen, aber weit gefehlt, da holt ihn das Ganze mit enormer Gewalt wieder ein. Kann er seine Wut, seine ohnmächtige Wut im Zaum halten? Kann er seine eigene Verletzlichkeit so in Bahnen lenken, dass sie nicht zu Aggressionen führt, die andere verletzen? „Ich habe entsetzliche Angst davor, dass sich die Vergangenheit wiederholt haben könnte. (Seite 249)

Die Geschichte ist sehr geschickt aufgebaut und zwingt den Leser mit John Callum zu bangen, zu fürchten, zu hoffen und zu leiden. Es ist eine wunderbare Mischung aus Charakterzeichnungen, Landschafts- und Wetterbeschreibungen, Gedanken und Handlungen. Eine sehr gelungene, äußerst dichte Einheit, die einfach fesselt.

C.R. Neilson schreibt einen gut lesbaren, aber wortgewaltigen Stil, der reich an Metaphern ist. Das sehen Sie schon an den wenigen Zitaten in dieser Rezension. Er lässt uns alle Situationen hautnah miterleben, die Stürme, den Regen, die überfüllten Pubs, die Menschen. Besonders gelungen sind ihm die Albträume Callums und dessen Dialoge. Der Autor bietet das, was für mich bei jedem Roman mitentscheidend ist: ein ästhetisches Lesevergnügen.

Ein exzellenter nordischer Thriller, mit viel Atmosphäre und nicht nur sehr lebendige Figuren, sondern auch mit einer sehr starken Handlung voller Überraschungen. Für alle, die besondere Krimis mögen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Heyne Verlages

https://www.randomhouse.de/Paperback/Das-Walmesser/C.-R.-Neilson/Heyne/e494922.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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