Essay: Leben und leben lassen

Leben und leben lassen

… oder wie liberal ist unsere Gesellschaft

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – liberté, égalité, fraternité: Was ist aus diesem Leitsatz der Französischen Revolution geworden? Was ist aus den Liberalen und dem Liberalismus geworden?

Ursprünglich geht „liberal“ auf das lateinische „liberalis“, „eines freien Mannes würdig, edel, vornehm, anständig“ zurück und kam im ausgehenden 18. Jahrhundert als französisches Fremdwort nach Deutschland. Hier bedeutet es „frei“ und meint einen jener Werte, den die Französische Revolution erkämpft hatte.

Der Liberalismus war im 19. Jh. eine weltweite politische Bewegung des aufstrebenden Bürgertums, die allerdings in Deutschland politisch weitgehend machtlos blieb. In der sogenannten Deutschen Revolution von 1848 scheiterte das Bürgertum bei dem Versuch, eine politische Führungsrolle in Deutschland zu übernehmen. Die industrielle Entwicklung in Deutschland und der Ausbau des Wirtschafts-Liberalismus fanden auf der Basis eines konservativen, obrigkeitsstaatlichen Staatsverständnisses statt. Und aufgrund des sozialen Elends wurde ein konservativer Sozial-Staat aufgebaut. In der Weimarer Republik zerfiel der politisch gespaltene Deutsche Liberalismus weitgehend. Er gewann erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der FDP als liberaler Partei wieder an Bedeutung, die sich weniger aus der Größe der vergleichsweise kleinen Wählerbasis, sondern durch die fortgesetzte Regierungsbeteiligung erklärt.

Wirtschaftspolitisch wies der Liberalismus dem Staat die Aufgabe zu, die notwendigen Rahmenbedingungen für einen freien Wettbewerb zu schaffen und durch regulierende Eingriffe in die wirtschaftlichen Prozesse dafür zu sorgen, dass der Wettbewerb aufrechterhalten bleibt. Diese Variante des Liberalismus wurde vor allem von Walter Eucken in der Freiburger Schule des Ordo- oder Neo-Liberalismus entwickelt.  Ihr wichtigster politischer Vertreter war Ludwig Erhard, der zusammen mit A. Müller-Armack die sogenannte Soziale Marktwirtschaft begründete.

Die programmatische Wende zum „Sozialen Liberalismus“ der Freiburger Thesen (u. a. Werner Maihofer) erfolgte 1971 unter dem Vorsitzenden und späteren Bundespräsidenten W. Scheel. Die Rückkehr ins Mitte-Rechts-Spektrum und zum Wirtschaftsliberalismus (1982) wurde von Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff vollzogen. Und unter Guido Westerwelle verkam das Liberale zu einer reinen Steuersenkungs- und Klientelpartei.

Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter „liberal“ eine tolerante, lockere, freie, bewegliche Einstellung, die sich gegen jede Form von Starrheit richtet.

Aber gehen wir zu den ursprünglichen Forderungen zurück:

Unter Freiheit innerhalb einer Gesellschaft versteht man die Möglichkeit jedes Einzelnen, sich so zu entfalten und so zu leben, wie er es für richtig hält. Freiheit des Individuums z. B. Glaubens-, Meinungsfreiheit begrenzt die Reichweite staatlicher Gewalt. Wobei die Freiheit des Einzelnen aber dort endet, wo die Freiheit eines anderen Individuums beeinträchtigt wird. Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit Individualismus oder gar Egoismus. Aber warum schränkt der Staat über die Maßen die Freiheit des Einzelnen oder gar aller ein? Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung, Rauchverbot, Echtzeit-Überwachung im Internet, Einsicht in Bankkonten von jeder Behörde aus, E-Reisepass, E-Personalausweis, Bewegungsprofil aus überwachten Handys. Alle Bank-, Steuer- und Flugdaten werden massenhaft gesammelt und umstandslos weitergereicht. Einfach so, ohne Verdacht. Also wo ist sie, die viel gepriesene Freiheit in unserem Land.

Das Wort Gleichheit ist vielen zuwider. Klingt es doch zu sehr nach Gleichmacherei, nach den Linken, die fordern, jeden Bürger auch noch wirtschaftlich auf gleiche Ebene zu stellen. Menschen sind nicht gleichartig, sondern gleichwertig. Und sie sind auch nicht gleichberechtigt, aber jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft. Aber viele sehen sich nicht mehr als einen solchen kleinen Teil eines wichtigeren Ganzen. Es geht ihnen um andere Dinge, die nur sie selbst betreffen.

Alle Menschen sind gleich viel wert, unabhängig davon, welche Arbeit sie tun, wie begabt oder unbegabt sie sein mögen, wie gesund oder krank sie sind. Das gibt den Menschen eine Sicherheit – innerlich wie äußerlich – wie es kaum eine andere geistige Haltung zu geben vermag. Aber wo finden wir noch diese Überzeugung?

Alle Menschen sind gleich, niemand darf benachteiligt oder bevorzugt werden – das Grundgesetz macht es möglich. Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben und Weltanschauung, Behinderung: Nichts von dem dürfe zu ungleicher Behandlung führen. Jedenfalls steht es so auf dem Papier. Und wie sieht es in der Praxis aus?

Menschen, die keine Arbeit mehr finden können, sind Schmarotzer. Und nicht nur das: In unserer ökonomisierten Welt wird der Mensch zum Produktionsfaktor herabgestuft. Alle Menschen sind gleich: aber nur, wenn sie Arbeit haben und etwas leisten!

Die Brüderlichkeit ist ein sehr viel mehr umfassender Begriff als Freiheit oder Gleichheit. Vielleicht sollten wir ihn, nicht nur wegen der Geschlechtsneutralität durch Solidarität ersetzen. Das Prinzip der Solidarität richtet sich gegen die Vereinzelung und Vermassung und betont die Zusammengehörigkeit, die gegenseitige Mitverantwortung und Mitverpflichtung. Sie bezeichnet den Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Jetzt könnten wir natürlich den bekannten Satz von Augustinus ins Spiel bringen, „Liebe Deinen Nächsten, und tue, was Du willst.“ Klingt einerseits verlockend einfach, dass man alle Gesetze ignorieren kann und nur noch nach einem einzigen Gebot leben soll. Ich muss meinen Nachbarn nicht lieben, aber ich kann versuchen mit ihm auszukommen. Miteinander leben und aufeinander hören, das reicht schon.

Die politischen Eliten, die Vorreiter eines selektiven Denkens, haben Demokratie, Menschenwürde, Toleranz, Freiheit, Sicherheit zu leeren Worthülsen verkommen lassen. Sie nähren damit Unzufriedenheit, Hass, Neid, Missgunst, Kontrollwahn nicht nur bei den Regierenden, sondern auch bei den Bürgern. Deshalb „gängeln“ vor allem wir Deutsche so gerne.

Üben wir den Liberalismus in unserem täglichen Leben. Lassen wir jedem seine Eigenarten und Eigenheiten. Ob Burka oder Mini, ob Krawatte oder Piercing, ob hetero, schwul, lesbisch oder bi, ob dick oder schlank, ob gottgläubig oder Satansanbeter, ob Heavy Metal oder Barockorchester, ob Pop oder Jazz, versuchen wir nicht, die Menschen zu ändern. Wenn wir jemand ändern wollen, dann haben wir genug damit zu tun es bei uns selber zu versuchen. Dann stirbt auch der Liberalismus nicht und es gilt weiterhin der unbequeme Satz von Marion Gräfin Dönhoff:

„Der legitime Platz des Liberalen ist zwischen allen Stühlen. Es darf ihn nicht kümmern, wenn er von allen Seiten beschimpft wird. Wer stark genug ist, den Vorwurf der Linken zu ertragen und vor der Rechten nicht in die Knie zu gehen, der kann auch der Zukunft getrost entgegensehen – selbst wenn der Liberalismus immer wieder totgesagt wird.“

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2 Gedanken zu „Essay: Leben und leben lassen

  1. d.morschett@doris-morschett.de

    Danke Jules, für diesen schönen Beitrag. Ich komme nochmal darauf zurück. Über einiges muss ich noch intensiver nachdenken.

    Wenn wir die Idee des Sozialen Liberalismus, der Freiburger Thesen nicht vergessen und wieder Leute finden die diese Idee umsetzen können, hat sich meine Mitgliedschaft gelohnt. Irgendwie war mein Leben oft zwischen allen Stühlen.

    Marion Gräfin Dönhoff:

    „Der legitime Platz des Liberalen ist zwischen allen Stühlen. Es darf ihn nicht kümmern, wenn er von allen Seiten beschimpft wird. Wer stark genug ist, den Vorwurf der Linken zu ertragen und vor der Rechten nicht in die Knie zu gehen, der kann auch der Zukunft getrost entgegensehen – selbst wenn der Liberalismus immer wieder totgesagt wird.“

    Hast du inzwischen Verständnis für den liberalen Gedanken oder geht es dir in Zeiten der AfD um Daseinsberechtigung der Liberalen?

    Am Freitagabend waren wir zum Neujahrsempfang unserer Gemeinde. Bürger durften Fragen stellen, der Bürgermeister antwortete. Meine Frage galt der Instandsetzung unserer Straße, der Abgabekosten für Anlieger und dem Hebesatz von 380% für 2017, 2014 waren es noch 300 %. Die Antworten waren eher „basta“, weit weg von Demokratie. Meiner Meinung nach! Noch schlimmer empfand ich das Interesse der Anwesenden. (eingeladene Vereine, Feuerwehr, Parteimitglieder jeder Couleur). Fazit: bleib zu Hause und male oder schreibe oder tue sonst was dir gefällt. „Einsatz bringt mehr als Worte“, das war einmal. Für mich.

    Hoffe es geht dir soweit gut

    Liebe Grüße aus Bous Doris

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    1. julesbarrois Autor

      Danke, liebe Doris für deinen Kommentar. Ich war mein Leben lang ein Liberaler, geprägt vor allem von Maihofer, Stützel (meine Professoren in Recht und Volkswirtschaft) znd anderen aus dieser Zeit (Baum, Hirsch etc) Was bicht unbedingt bedeutet, dass ich grundsätzlich mit der FDP übereinstimme.
      Liebe Grüße
      Jules

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