Essay: Fühlen und Denken statt Zählen

Fühlen und Denken statt Zählen

… oder warum wir lieber auf unseren Bauch hören sollten

Unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt werden immer komplexer. Komplexe Systeme haben eine große Zahl von verschiedenen Elementen, die in einer gemeinsamen Geschichte „irgendwie“ dynamisch aufeinander ein- und zusammenwirken. Diese Wirkungen sind weder klar zielorientiert, noch folgen sie festen Regeln. Damit sind schwer zu durchschauen. Natürlich suchen wir nach einfachen Lösungen und Beschreibungen. Diese finden wir im Zählen. Wachstumszahlen, Kontostände, Blutwerte und andere liefern uns scheinbare Klarheit. Dabei kommt das Denken zu kurz.

Jeder denkt. Bei jedem laufen elektrochemische Vorgänge im Gehirn ab. Sie werden genährt von Wissen, Halbwissen, Ängsten, Vorurteilen und Oberflächlichkeiten. So entstehen, manchmal lautlos, öfters dröhnend donnernde Wortblähungen, selten neutral oder wohlriechend, sondern meistens übelriechend. Brauchen diese Denkvorgänge andere Materialien, andere Rohstoffe? Nein, wir haben mehr Informationen als wir je verarbeiten können. Der Verdauungsprozess dieser Fakten, unsere Denkprozesse müssen sich grundlegend ändern.

Nein, schreien die Wertkonservativen, wir haben keine Werte mehr, die alten Werte oder Tugenden müssen wieder her. Und dabei waren sie es selbst, die die Werte auf dem Altar des eigenen Vorteiles geopfert haben und zu leeren Floskeln haben verkommen lassen. Und alle, die aufgrund ihrer eigenen Ohnmächtigkeit sich ganz und gar dem „law-and-order“-Gedanken verschrieben haben, brüllen begeistert ihre tumbe Zustimmung.

Und die Neoliberalen wollen sich noch von den notwendigen, letzten halbwegs funktionierenden Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens befreien und sehen in absolut freien Märkten die allumfassende Lösung, die – welch ein Zufall – gerade dem Durchsetzen ihrer eigenen Interessen dient.

Und die andere Gruppe der Warmduscher und weichgespülten Leisetreter kann sich nie so richtig entscheiden. Sie wägen ab, ohne eine funktionierende Waage zu haben. Sie bereden und wenden die Dinge so lange hin und her, bis ein glatt geschliffenes Nichts als Minimalkompromiss herauskommt. Und dabei belächeln sie mit überlegenem Kopfschütteln die wenigen, radikalen Weitsichtigen. Und sie versuchen und schaffen es auch, diese mit allen legalen und illegalen Mitteln mundtot zu machen.

Und eines der legalen, unauffälligen und subtilen Mittel ist es, über Nebenkriegsschauplätzen die Menschen abzulenken, dumm zu halten und am wirklichen Nachdenken und erst recht am Voraus-Denken zu hindern.

Nur was sich rechnet, zählt heutzutage. Dabei geht es eigentlich um Alles: Es geht um Orientierung.

Vielen genügt Technologie. Aber Technologie hat oft wenig mit Bildung, sondern viel mit Automatismen, Logiken, Zahlen, aber nicht mit Verhältnissen und Denken zu tun.

In der gegenwärtigen Welt lieben wir die vordefinierte Matrix, die Schablone, die nur noch das erfasst, was gesehen, gemessen und gezeigt werden kann. Komplexität wird möglichst ausgeklammert, simple Zusammenhänge gezeigt. Diskutiert wird nur über das „Wie“ und nicht über das „Warum“.

Keine andere Zeit als die unsere zeichnet sich durch einen derart großen menschlichen Erfahrungsverlust aus.

Die große Philosophin Hannah Arendt schrieb schon vor über 50 Jahren anlässlich ihrer Analyse des nationalsozialistischen Regimes: „Das Lästige an den Nazi-Verbrechern war gerade, dass sie willentlich auf alle persönlichen Eigenschaften verzichteten, die sie zu Menschen machten, ganz so als ob dann niemand mehr übrigbliebe, der entweder bestraft oder dem vergeben werden könnte. Immer und immer wieder beteuerten sie, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie hätten keine wie auch immer gearteten guten oder bösen Absichten gehabt und immer nur Befehle befolgt.“ Ein Niemand eben.

Früher – früher war ja bekanntlich alles besser – ja, früher dachten die Menschen noch. Mag sein. Das zu beweisen oder das Gegenteil davon, würde zu nichts führen. Das eine würde dazu führen, die alten Zustände wiederherzustellen. Das andere würde vom Grundsatz auszugeben, dass Menschen doch nur eine Art „unverständiges Wesen“ sei und nichts dazu lernen könnte.

Wie hat „früher“ der Mensch gelernt, denken gelernt? Er musste sich auf oft mühsamen und langwierigen Wegen seine benötigten Informationen zusammensuchen, seine Erfahrungen sammeln und über den ständigen Kreislauf „Versuch-und-Irrtum“ seine Weisheiten erlangen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, die ihn mit sich und seiner Umwelt halbwegs passabel zu Recht kommen ließen. Und hatte er für sich seine passende Lösung gefunden, dann konnte er mit ruhigem Gewissen und ohne größere Angst vor Veränderungen bei gleichem Erkenntnisstand den Rest seines Lebens mehr oder weniger geruhsam verbringen.

Dieses System hat der Mensch bis heute nicht geändert. Mit einem kleinen Unterschied: sein Umfeld wandelt sich rasend schnell und alle Informationen, die er notwendig hat, stehen ihm einfach, schnell und eigentlich gebrauchsfertig zur Verfügung. Eigentlich – wenn er denn von ihnen Gebrauch machen würde. Aber genau das ist sein Dilemma: Er kann sie nicht nutzen. Weil er sie nicht zusammensuchen muss, fehlt ihm die Erkenntnis tieferer Zusammenhänge und er glaubt, da ja alle Informationen vorliegen, er werde dadurch jede Situation beherrschen. Er hat nämlich gelernt Informationen anzusammeln und nicht, sie auszuwerten oder zu verwerten. Und in unserem überkommenen Schul- und Bildungssystem wird das noch gefördert.

Wir müssen nicht Wissen gewinnen, sondern Erkenntnisse. In unseren Schulen wird der Schwerpunkt auf Lernen und Wissensvermittlung gelegt. So wie früher, als wir noch in einfachen, durchschaubaren Systemen lebten. Und zum Hohn der Lehrer, dass im Zeitalter von Wikipedia mehr Wissen zur Verfügung steht, als er selber nicht einmal in zehn Leben unterrichten könnte.

Auf der Strecke bleiben bei dieser Form die Intuition, das Entwickeln von Gespür für Situationen und die Unterscheidungskraft von „Wichtig“ und „Unwichtig“. Natürlich soll jedes Kind Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Darüber hinaus sollte es aber auch lernen Hintergründe, Absichten, Zwischentöne zu erkennen, lernen auf sein Gefühl zu hören. Und genau das wird nicht nur vernachlässigt, sondern fehlt gänzlich.

Intuition ist etwas, dass wir nicht zu lernen brauchen. Wir besitzen sie bereits. Lösen wir uns vom einfachen Zählen und simpler Technologiegläubigkeit. Nehmen wir uns ein Beispiel an kleine Kinder, die noch nicht sprechen, die also noch mehr „ihren Bauch“ als ihren „Kopf“ benutzen. Hier sehen wir Intuition. Auch uns ist die Intuition nicht verloren gegangen. Sie schlummert nur. Wecken wir sie auf. Lassen wir das Denken still werden. Dann spüren wir wieder unsere Intuition. Und jeder fühlt sie anders. Für den einen ist es ein Gefühl, ein Unbehagen, das warnt. Für den anderen sind es die Schmetterlinge im Bauch, weil er die richtige Antwort gefunden hat. Oder es ist der helle Blitz, der ihnen sagt: Das ist es.

Egal wie wir es nennen ob Ahnung oder Gefühl, die Intuition hilft dabei, uns unseren Weg durch unser Leben zu weisen. Wir achten oder verlassen uns nicht immer auf unsere Intuitionen und verdrängen diese auch öfters. Wenn wir aber mehr auf unser „Bauchgefühl“ hören, kann das unser Leben positiv verändern.

Der französische Denker Joseph Joubert notierte um 1800: Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen.

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