Rezension: Das große Herz – Sara Stridsberg – Hanser Verlag

Monumental, überwältigend, verstörend, melancholisch

Das große Herz – Sara Stridsberg (Autorin), Ursel Allenstein (Übersetzerin), 320 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. Januar 2017), 23,00 €, ISBN-13: 978-3446254534

„Das große Herz“ ist ein Roman über eine schwedische psychiatrische Klinik und ihre Geschichte, gesehen durch eine kleine Anzahl von individuellen Schicksalen. Die Insassen von Beckomberga, ihre Angehörigen und Mitarbeiter bilden eine eigene Welt, die fasziniert.

Es ist ein Roman über das Mädchen Jackie, ein unberechenbares, gebrochenes und starkes Mädchen und ihrem kranken Vater Jim, mit unstillbarer Trauer und alkoholabhängig.  Es ist ein Roman über Wahnsinn und die Hoffnung, über die Krankheit und die Möglichkeiten der Fürsorge, über das Leben und den Tod.

Als die Mutter Lone zum Schwarzen Meer reist, wird das Krankenhaus Jackie Welt. Jackie wächst praktisch in und mit der psychiatrischen Klinik Beckomberga, in einer parallelen, isolierten Welt auf. Sie besucht ihren Vater Jim jeden Tag. Vielleicht, weil sie den Traum hat, ihn retten zu können. Oder weil sie an diesen Ort gezogen wird, wo alle Hoffnung des gewöhnlichen Lebens von den Menschen genommen wurde und diese doch glücklicher zu sein scheinen, dort zu sein als anderswo.

Hier trifft Jackie Sabina, hier trifft sie Paul und die Liebe, der wirkliche Wahnsinn. Wir begegnen auch dem Arzt Edward Winterson, der jede Nacht Jim und einige ausgewählte Patienten zu großen Partys bringt, wo sich Inger Vogel an der Grenze zwischen Ordnung und Zerstörung und Sabina mit ihren Perlen und ihre Trauer bewegen. Beckomberga wird zu einem Ausnahmezustand, zu einer Traumwelt, zu einem Ort der Verurteilten. Sie trifft Wahnsinn und verzerrte Perspektiven und findet die Liebe in dem absoluten Wahnsinn.

Sara Stridsberg arrangiert ihren Roman nicht chronologisch, seine Kapitel zersplittert in der Zeit wie eine kubistische Malerei. Aus verschiedenen Zeiten und Schicht zwischen Traum und Wirklichkeit entsteht eine Erzählung, genauso traurig wie fesselnd. Ergänzt wird die Geschichte von Jackie und Jim um die Geschichte von Olof, dem letzten Patienten von Beckomberga, der hier 63 Jahre seines Lebens verbracht hat.

Die Autorin kommentiert auch den schwedischen Wohlfahrtsstaat, der fast genau mit der Existenz von Beckomberga zusammenfiel, etwa von 1932 bis 1995. Sie zeigt die dünne Grenze, das ewige Dilemma zwischen Pflege und Grausamkeit.

Die flirrende, lebendige Prosa von Sara Stridsberg erweckt die Natur zum Leben, in einer Mischung aus Schönheit und Dunkelheit. Sie bewegt sich jenseits von Klischees und findet präzise Worte. So wird die Natur in diesem Roman nicht einfach eine Requisite, sondern der Mensch und seine Umwelt sind als organisches, untrennbares Ganzes dargestellt.

Der Roman ist gefüllt mit gräulichem oder korngelbem Licht, Nebel, schwacher Sonne, schneller Dämmerungen, die sich wie von Zauberhand auf die Welt legt. Milchig-weiß scheint die Lieblingsfarbe von Sara Stridsberg. Sie wiederholt sich im Verlauf des Romans immer wieder, und es klingt so: „Der Himmel gleicht der Innenseite eines Schneckengehäuses. Körniges gelbes Licht, die Bäume nackt und schwarz im Regen.“ (Seite 173) oder „… die Birkenstämme leuchten in der Dämmerung, Wolken aus fleckiger Wasserfarbe in Rosa und Gelb, zarte verirrte Wolken, ein paar Vögel; eine schlampige Zeichnung des Himmels.“ (Seite 137)

„Das große Herz“ wäre nicht der Roman, der er ist, ohne seinen milchigen Himmel, seine schwarzen Baumstämme, seine zerfetzten Wolken und weißen Schmetterlingen. Sie sind ein Teil der Geschichte. Natur reflektiert und verstärkt den Verlauf der Ereignisse und Erfahrungen im Roman und erfasst die Gefühle der Angst, der Hoffnung oder der Liebe, indem sie ihnen eine Atmosphäre gibt.

Vor allem gibt Sara Stridsberg den einsamen und verletzlichen Menschen, denen, die am Rand stehen, die nicht erfolgreich sind, den Hässlichen und Armen, den Kranken, den Menschen, die einsam und ausgebrannt sind, eine Stimme

In „Das große Herz“, ein Stück bester schwedischer Gegenwartsliteratur versetzt die Autorin den Leser in eine Atmosphäre, wo die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn verwischt und verschoben sind. Es ist die Geschichte vom Traum, jemanden im Licht, am Leben zu halten, der nie wirklich dort sein will.

Ein atemberaubender Roman, eine geniale Geschichte von Angst und Sehnsucht. Dieses mutige, intelligente und originelle Buch wird niemanden gleichgültig lassen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-grosse-herz/978-3-446-25453-4/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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