Rezension: Die Liebeserklärung – Jean-Philippe Blondel – Deuticke Verlag

Ein Jahrmarkt der Scheinheiligkeit

Die Liebeserklärung – Jean-Philippe Blondel (Autor), Anne Braun (Übersetzerin), 160 Seiten, Deuticke Verlag (30. Januar 2017), 18,00 €, ISBN-13: 978-3552063334

Der 27-jährige Corentin und sein um 25 Jahre älterer Patenonkel Yvan halten an den Wochenenden von fünf intensiven Monaten im Sommer den unvergesslichen Tag im Film fest, wenn Paare sich vor dem Bürgermeister oder dem Pfarrer das Ja-Wort geben. Die beiden sind Hochzeitsfilmer.

Diese samstägliche Langeweile, mit der immer gleichen Abfolge der Szenen: „Frisieren, Ankleiden des Brautpaares, Standesamt, Tausch der Ringe, die Gruppenaufnahmen (bewegte Bilder inzwischen), die Kirche von außen, der Sektempfang und einige Sekunden darüber, wie es dann weitergeht.“ (Seite 47) gibt Corentin aber ausreichend Gelegenheiten, sein eigenes Leben zu analysieren, seine beruflichen Fehlschläge, seine Lieben und auch seine Erwartungen.

Er hält nicht nur das Lachen und Lächeln, das Glück und die Freude fest, sondern auch Verwerfungen, Ecken und Kanten. Sie begleiten die Paare vom frühen Morgen mit Frisieren, Make-up, Anziehen über die Zeremonien, den Wein und das Essen bis zum letzten Tanz der Nacht. Er wird privilegierter Zeuge von Paaren, ihren Vertraulichkeiten, ihren Hoffnungen, ihren Wünschen und ihren Verletzungen, ihren Ängsten, ihren Geheimnissen und ihren tiefsten Gefühlen.

Jean-Philippe Blondel wählt eine gemischte Erzählung: die Geschichte von fünf Hochzeiten bieten das Grundgerippe. Aline und Christophe, Laurence und Laurent, Fanny und Lise, Anne und Luc, Angélique und Sébastian bieten alle unterschiedliche Beobachtungen. Hinzu kommen Geständnisse verschiedener Charaktere, die Corentin filmt und uns, kursiv gesetzt als Transkript bietet. Das Ganze erzählt aus der distanzierten Sicht von Corentin. Ein Crossover aus perfekt organisierten Hochzeitszeremonien und überraschenden Geständnissen, mit einem ebenso überraschenden Schluss sowohl für Yvan als auch für Corentin.

Es geht um Freundschaft, Familie, Lebensentscheidungen und Gefühle. Dafür präsentiert uns der Autor eine liebenswerte Sammlung von Charakteren, darunter vor allem Corentin, voller Zweifel, emotional und professionell. Vor allem finden wir auch in diesem Buch Blondels Lieblingsthema Wie nimmt der andere uns wahr? Und vor allem, wie kann man erwachsen werden und trotzdem seine Jugend erhalten?

Alleine schon die Beschreibungen von so netten Dingen wie dem „Tisch der Ausgestoßenen“ (Seite 56) oder die Berichte von „unerträglichen Abendessen“, von der „tiefgreifenden Langeweile, die sich nach Mitternacht ausbreitet, während die x-te Rede geschwungen wird“ oder die „Schlägereien am Ende der Nacht“ (Seite 79) sind genussvolle Kabinettstückchen.

So entsteht ein bittersüßer Roman, voller Zärtlichkeit und Gefühl, einfach und aufrichtig, in einer klaren, dezenten Sprache. Jean-Philippe Blondel beeindruckt durch seinen scharfen Blick und seine große Sensibilität, mit der er die Komplexität der Gefühle und die menschlichen Beziehungen zeigt. Ihm gelingt eine wunderbare Mischung aus nostalgisch und fröhlich und zugleich zart, witzig und realistisch.

Für mich machen zwei Dinge diesen kleinen Roman besonders lesenswert. Da ist einmal Corentin und sein Reifeprozess als Vertrauter, ja als Beichtvater der Gefilmten. Zusammen mit seinem Patenonkel bildet er ein kontrastreiches Duo von reifem und jungen Mann.

Und zum anderen diese menschliche Komödie ritualisierter Hochzeitsfeiern zwischen Vorbereitungen, dem Bankett, dem Wiedersehen mit alten Bekannten, dem Aufeinandertreffen von Gästen. Das erinnert mich stark an Reality-TV mit seinen Exzessen. Ehen, die Rache sind, Zeremonien, in denen Groll verteilt wird, mit Eifersüchteleien geladene Buffets, Outfits, die Heucheleien überdecken. Corentin machte Filme, in denen die Realität mit einer akzeptablen Fiktion ersetzt wird.

Es ist ein leichter Roman. Aber deshalb noch lange nicht oberflächlich. Der Autor sondiert die menschliche Seele und wir entdecken auch ein Stück von uns selbst. „Die Liebeserklärung“ wird keinen Leser unberührt zurücklassen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-liebeserklaerung/978-3-552-06333-4/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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