Rezension: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens – Juliana Kálnay – Klaus Wagenbach Verlag

Surreal, absurd aber poetisch

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens – Juliana Kálnay (Autor) 192 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach, 20 €, ISBN-13: 978-3803132840

Da hat sich was angesammelt im Haus Nummer 29: Rita, die Beobachterin mit geheimnisvollen Fähigkeiten und unklaren Absichten; Don, der zum Baum geworden ist, was seine Frau Lina nicht davon abhält, sich liebevoll um ihn zu kümmern; Ronda mit ihren Goldfischen in einem fensterlosen Raum; der unbemerkte Tom, der sich im Aufzug eingenistet hat; und natürlich Maia, die Kleine, die sich durch Mauern beißt, die Löcher gräbt, um sich zu verstecken und eines Tages einfach verschwunden ist.

Eine Hausgemeinschaft, die zusammenlebt, aber nicht zueinander findet. Wir sehen Dinge, die keiner zeigt: Wir verstehen das, was keiner sagt. Oder eben auch nicht.

Aus vielen Perspektiven erzählt Juliana Kálnay surreale, alltägliche und schräge Episoden aus dem Alltag. Von verschwundenen Socken, von Stromausfall, von chronisch Schlaflosen „Sie zählen hundert Augen, sind leise und werden ungemütlich, wenn es sein muss.“ (Seite 53), von Gucklöchern in Zimmerwänden.

Beunruhigend und ergreifend wagt sich die Autorin ins Traumhafte, ins Absurde. Sie notiert anscheinend alles und fasst es in einer inspirierenden Geschichte, eine Art Erinnerung an sie alle zusammen. Sie sucht, sie erforscht, sie rätselt und es entstehen Texte, philosophisch, existenziell, die über die Geschichte des Lebens und die Absurditäten des menschlichen Zustandes erzählen.

Sie verbindet Triviales wie, sie „hat ja sonst keine Hobbys im Leben, außer auf dem Balkon sitzen und stricken,“ (Seite 63) mit scharfsinnigen, sozialen Beobachtungen. „Früher waren wir weniger und saßen dichter zusammen.“ (Seite 77) bis hin zu schrägen Beobachtungen. „Oscar hatte keine Katze, aber eine Katzenklappe zum Balkon hin. Im vierten Stock …“ (Seite 58)

Surreal, abstrakt, manchmal bizarr, manchmal konkret legt sie Schicht um Schicht zu einem amorphen, vieldeutigen, informellen Bild übereinander. Ein mysteriöses Bild, das sich wohl nie ganz entschlüsseln lässt, das aber jeden Leser in den Teufelskreis unlösbarer Fragen zieht, mit denen jeder konfrontiert ist: die Fragen der Zeit, der Einsamkeit und der Existenz.

Juliana Kálnay schreibt poetisch und unzeitgemäß im allerbesten Sinne, beunruhigend und ergreifend, leicht und poetisch. Ihre Textaufteilung bei Dialogen ist verblüffend und lässt neue Perspektiven zu. Ihre Charaktere zeichnet sie mit wenigen Strichen und treffend. „Tom hatte eines von diesen Gesichtern, die nicht auffallen.“ (Seite 36)

Jeder Leser wird hinter diese vielen Ebenen seine eigene Geschichte finden oder erfinden. Ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1083-eine-kurze-chronik-des-allmaehlichen-verschwindens.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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