Rezension: Strandbadrevolution – Kurt Palm – Deuticke Verlag

Gib mir Schutz – ein Sturm bedroht heute mein Leben

Strandbadrevolution – Kurt Palm (Autor) 256 Seiten, Deuticke Verlag (20. Februar 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3552063372

„Am Himmel stehen tausend Sterne. Lass sie dort wo sie sind.“ (Seite 146) Dieser Satz steht mir stellvertretend für die Träume und Illusionen eines besonderen Jahrzehnts.

Die 50er und 60er Jahre sind vorbei. Gemeinsames Badewasser gibt es nicht mehr, aber immer noch geteilte Telefonanschlüsse. Es sind die 70er Jahre. Die engen Denkweisen und das armselige Grau der Nachkriegsjahre scheinen überwunden, das bunte Jahrzehnt hat begonnen.

Mick erzählt uns die Geschichte. Eigentlich heißt er Ernst und wird von vielen Ernsti genannt, aber er nennt sich nach seinem Idol Mick Jagger. Eine Geschichte in deren Mittelpunkt zum einen seine Freunde stehen: Mü, der Müller heißt, Candy, Taylor und Hendrix. Da gibt es noch Rick, der Gitarrenspieler, der immer seine Haare theatralisch zurückwarf und dabei lässig bemerkte: „Ich habe in London Deep Purple bei Studioaufnahmen begleitet.“ (Seite 11)

Alle sind irgendwo zwischen 15 und knappen 20 Jahre alt und, ja, lässig wollen sie alle sein. Auf jeden Fall wollen sie etwas verändern, eine Revolution einleiten, die Musik entscheidend beeinflussen oder eben mindestens als lässige, coole Typen wahrgenommen werden. Dem Mick würde es fast schon reichen, wenn ihm überhaupt jemand irgendeine Form der Aufmerksamkeit schenken würde, vor allem wenn er dadurch Personen des weiblichen Geschlechts etwas näherkommen könnte.

Bis dahin lesen sie Camus, Adorno und Sartre, planen revolutionäre Aktionen „Erhebt euch, ihr Untertanen! (Seite 40), gehen ins Schwimmbad, „Ich setzte mich im Schneidersitz auf mein Badetuch und warf meine Haare theatralisch nach hinten. Aber niemand sah mir dabei zu.“ (Seite 36) oder verfassen wie Candy Traktate: „intensiv leben kann man nur auf kosten des ich.“ (Seite 15), treiben sich auf Rockkonzerten rum. Die Musik, insbesondere die Songtexte, vor allem die der Rolling Stones geben ihnen alle Orientierung und Lebenshilfe.

Kurt Palm entwirft ein stimmiges Bild, wie das damals, Anfang der 70er so war in der österreichischen Provinz. Die scheinbare Idylle in der Familie und die Konflikte, die natürlich alle außerhalb der Familie liegen. Eine Jugendzeit, wie sie tausendfach erlebt wurde.

Kurt Palm erzählt uns einfühlsam, ja liebevoll vom Ende der Kindheit und dem Beginn von etwas, das vielleicht Leben heißt, von Liebe und Tod und dem Anfang von vielem, das Ende von etwas.

Leicht und locker geschrieben. Vor allem die Dialoge sind stimmig, geradezu dem Leben abgelauscht. Faszinierend wie Kurt Palm ein bis in die Details korrektes Bild des Beginns des roten Jahrzehnts entwirft und dabei auch die schwarzen Seiten nicht auslässt.

Ein Lesegenuss für alle, die diese Zeit bewusst miterlebt haben und für alle, die sich ein Bild davon machen wollen, wie ihre eigenen Eltern groß geworden sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/strandbadrevolution/978-3-552-06337-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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