Rezension: Der Lärm der Zeit – Julian Barnes – Kiepenheuer & Witsch

Wie überlebt ein Künstler in der Diktatur?

Der Lärm der Zeit – Julian Barnes (Autor), Gertraude Krueger (Übersetzerin) 256 Seiten, Verlag: Kiepenheuer & Witsch (16. Februar 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3462048889

Der Komponist Schostakowitsch hat eine Oper geschrieben, Lady Macbeth von Mzensk. Stalin verlässt in der Pause die Aufführung. Ist Schostakowitsch jetzt zum Abschuss freigegeben? Er entgeht der Säuberung.

Der Lärm der Zeit ist eine Erzählung, in der nichts passiert: ein Mann wartet auf einen Aufzug; Ein Mann sitzt in einem Flugzeug; Ein Mann sitzt im Auto. Die ganze Handlung findet in Schostakowitschs Kopf statt; es sind Reflexionen während dreier großer Krisen, durch Textpassagen dargestellt, die zwischen Erinnerungen und Gegenwart hin und her wechseln.

In seinem Kopf fühlen wir die Wut und Schuld eines Mannes, der sein ganzes Leben lang „Macht“ unterworfen war – ängstlich von seiner übermütigen Mutter, die der Partei, die er verabscheut, gehorcht, Lesungen lesen und Musik produziert, die sich zumindest anzupassen scheint an die sowjetische Ästhetik, auch wenn sie eine verdeckte Subversion beinhaltet. Schostakowitsch betrachtet sich als Feigling – zu erschrocken, um der Autorität zu trotzen, und sobald er gezwungen ist, den Pakt des Teufels mit dem Kommunismus zu feiern, zu feige, um Selbstmord zu begehen.

„Der Lärm der Zeit“ ist eine fiktionale Biographie über das Leben des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Sein zentrales Thema ist der künstlerische Kompromiss, um den Schostakowitsch unter der Stalin-Herrschaft des Schreckens kämpfte und der tiefe Narben auf seiner Seele hinterließ. Dieser Roman zeigt uns die Breite eines ganzen Lebens in einem schmalen Buch, geschrieben in der dritten Person. Der Leser lernt den Komponisten während drei kritischen Momenten in seinem Leben kennen. Die Jahrzehnte dazwischen werden übersprungen.

Wir lesen über Schostakowitschs oft selbstkritische, zunehmend selbstsüchtige, selbstmitleidige und selbstbesessene Angst. Mir scheint es eine Konstruktion eines russischen Anti-Helden zu sein. Wir tauchen in die Welt eines obsessiven Protagonisten ein, in die Gedanken über die Anfälligkeit der Kunst, durch die Staatsmacht korrumpiert zu werden oder auch nicht. Doch fast alle seine Gedanken, seine lyrischen Gedankenblasen und -bilder sind gelehrte, abstrakte Gedanken über Musik, Macht und Ethik.

„Der Lärm der Zeit“ ist ein Beispiel einer hybriden literarischen Form, der wir in den letzten Jahren immer häufiger begegnen – die fiktive Biographie. Dabei geht es um Fragen von universeller Bedeutung: die Macht der Macht über die Kunst, die Grenzen des Mutes und Ausdauer, die manchmal unerträglichen Forderungen der persönlichen Integrität und des Gewissens.

Das Porträt liest sich wie ein Psychokrimi. Ganz lebendig scheint überall die Angst zu lauern. In einer sehr knappen, schlichten Sprache schildert uns Barnes die Auswirkungen der ständigen Bedrohungen aus der Sicht des Opfers.

Ein Buch das unterhält, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ist und uns selbst mit der Frage konfrontiert „Wie würden wir uns verhalten?“

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des KiWi Verlages:

http://www.kiwi-verlag.de/buch/der-laerm-der-zeit/978-3-462-04888-9/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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