Rezension: Das angehaltene Leben – Maurizio Torchio – Paul Zsolnay Verlag

Gefängnisse sind die Eingeweide der Welt

Das angehaltene Leben – Maurizio Torchio (Autor), Annette Kopetzki (Übersetzer), 240 Seiten,  Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3552058217

Die Handlung dies Romans von Maurizio Torchio können wir in ein paar kurzen Worten beschreiben: Ein Häftling erzählt in der ersten Person von seinen Erfahrungen in Einzelhaft, in einem nicht näher bezeichneten Gefängnis, auf einer nicht spezifizierten Insel.  Der Mann war für die Entführung einer jungen Frau verurteilt worden und später wurde seine Strafe um einen Mord erweitert, den er während seiner Haft begangen hat.

Der Autor fügt mit großem Geschick Schnipsel des Gefängnislebens mit der Rekonstruktion der Entführung im Wechsel zusammen.

Der Text zeigt den ständigen Abstieg des Ich-Erzählers, der weder Name noch Alter hat und so für eine allgegenwärtige Zeit spricht, eine Art von Geschichte wie ein alter Mythos, eine Art der Geschichten, die sich mit den tiefsten Wurzeln unseres Wesens beschäftigen: Was ist der Mensch?

Und das vor allem, weil der eigentliche Protagonist nicht der Häftling ist, noch seine Mitgefangenen, noch der Gefängnisdirektor noch die Wächter. Keiner von ihnen hat einen wirklichen Namen, noch eine bestimmte Identität, sondern wird lediglich über seine Funktion definiert. Nein, der eigentliche Protagonist scheint mir das Gefängnis selbst zu sein. Diese Demütigungen aus Isolation, Dunkelheit, Stille und dem Mangel an körperlichen Kontakten. Das Gefängnis ist ein integraler Bestandteil der Gesellschaft und als solcher ihr Spiegel.

Das Gefängnis wird als Gegenpol zum Chaos gesehen, wo es gilt den Idealzustand der Disziplin zu bauen und zu verwalten. So wie beim Ursprung der Schöpfung, als am Anfang das Wort war, und Namen noch nicht existierten. „Als meine Worte noch etwas wert waren, habe ich geschwiegen. Jetzt will ich reden.“ (Seite 30).

Das Gefängnis, dieser extreme Bereich, diese von Torchio mit wissenschaftlicher Genauigkeit und authentisch-existentiell beschriebener Wirklichkeit, ist irgendwie der Rand der Welt und des Lebens und gleichzeitig der Zustand, in dem der Erzähler seine äußerste Grenze findet.

Maurizio Torchio gelingt es, seinem Protagonisten eine glaubwürdige Stimme zu geben, die etwas Schreckliches und Außerordentliches in sich hat.

In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter, so dass wir einen Mann, der eine böse Tat begangen hat und damit als schlecht anzusehen ist, zugleich als Opfer sehen. Er nähert sich der zutiefst menschlichen Frage, was gut und was böse ist. Ihm gelingt es, uns einen wirklichen Einblick in die Komplexität der menschlichen Seele zu geben.

Herausgekommen als stilistisches und strukturelles Ergebnis ist eine sehr kompakte Erzählung,  ein hartes Buch, aber interessant, gut geschrieben und vor allem wirksam.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-angehaltene-leben/978-3-552-05821-7/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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