Essay: Mut zum Nein

Mut zum „Nein“

… oder Grenzen setzen ohne Schuldgefühle

Kaum ist der Mensch geboren, so fängt die Umwelt an, seinen Willen zu brechen und ihn zum Ja-Sagen zu zwingen. Andere nennen es Erziehung. Erziehung heißt bei uns heute noch immer „angepasst sein“, das zu tun, was andere von uns verlangen. Wir tun das, was Vater und Mutter uns befehlen. Wir tun das, was die Lehrer von uns wollen. Wir tun das, was die Gesellschaft von uns erwartet. Wir beugen uns Klischees und Vorurteilen. „Ein Junge weint nicht“. „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.“ „Wer Erfolg haben will, muss hart gegen sich selbst sein“ u. Ä. Dieser Schwachsinn verfolgt uns unser ganzes Leben lang und wir sagen „Ja“ zu Dingen, obwohl wir in unserem Innersten laut „Nein“ schreien. Das trifft vor allem für den Beruf zu. Dort ducken wir uns und außerhalb des Firmengeländes lassen wir unsere Aggressionen frei. In unserer Familie. Im Verein. Auf dem Fußballplatz. Auf der Autobahn.

Wer fühlt sich nicht manchmal durch Freunde, Familie, Kollegen und deren Ansprüche überfordert? Wer hat nicht mal den Drang, auch mal „Nein“ zu sagen und den Mitmenschen einmal ganz konsequent zu zeigen, wo deren Grenzen liegen?

Nein zu sagen, ist schwierig. Wenn das Selbstwertgefühl fehlt und die Selbstsicherheit auf schwachen Füßen steht, dann fehlt oft auch das Selbstvertrauen, allein ihr Leben zu bewältigen. Deshalb versuchen viele, ständig und überall die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. So wird es immer schwieriger, sich vor unangemessenen Forderungen und Verletzungen der eigenen Persönlichkeit zu schützen. So fällt es vielen Menschen schwer, eine Bitte abzuschlagen. Das Wort „„Nein“ “ will und will einfach nicht über die Lippen kommen, obwohl es auf der Zunge liegt. Obwohl wir genau wissen, wie wir darunter leiden, immer und zu allem „Ja“ zu sagen, schaffen wir es einfach nicht, „Nein“ zu sagen.

Aber warum fällt es bloß so schwer, „Nein“ zu sagen? Vielen Menschen graut vor den Konsequenzen ihres „Neins“. Eine Bitte abzuschlagen, könnte als unfreundlich ausgelegt werden. Man möchte vielleicht auch nicht als Spielverderber gelten und weiterhin beliebt bleiben. Mit einem „Ja“ erspart man sich die Enttäuschung des Bittstellers – eine unangenehme Reaktion bleibt so aus. Hinter der Angst vor Ablehnung steckt oftmals ein zu geringes Selbstvertrauen und wenig Selbstsicherheit. Eher würden sie noch mehr erdulden, weil sie sonst eine komplette Ablehnung als Mensch befürchten.

So bleiben viele die meiste Zeit ihres Lebens Bettler, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Gemocht-Werden, Liebe. Und so sind sie in Schwierigkeiten, wenn es darum geht, zu sich selbst zu stehen. Und nichts setzt Menschen mehr unter Stress, als ständig den Anforderungen anderer zu genügen. „Hast Du nicht mal …?“ „Kannst Du nicht mal …?“ „Mach mal …!“ „Können Sie mal eben …“

Die richtige Antwort darauf ist fast immer ein klares „Nein“. Ein „Nein“, natürlich nicht in aufsässigem, motzigem Stil. Kein unbegründetes „Nein“ um des Prinzips willen, wie wir es von trotzigen Kindern kennen. Was wir brauchen, ist ein argumentatives „Nein“. „Nein“ sagen ist ein erlernbares Verhalten. Wenn wir „Nein“ sagen, setzen wir Grenzen und erhalten dadurch mehr Raum für unsere eigenen Bedürfnisse. Ziehen wir unsere Grenzen durch Bedenkzeit, durch einfache offene Fragen, durch Anbieten von Alternativen, durch Ausdrücken der eigenen Gefühlslage.

Die einfachste Form ist, um Bedenkzeit zu bitten. Dieses Recht hat jeder. Man muss nicht auf der Stelle „Ja“ oder „Nein“ sagen, auch wenn der andere das noch so gerne möchte.

Besser ist es natürlich, wenn wir dem anderen Auswahlfragen stellen, ihm Alternativen anbieten:

Stellen wir uns vor, unser Chef ruft uns an und bittet uns, bis nachmittags um 15.00 Uhr bestimmte Unterlagen vorzubereiten. Er stellt die Sache als äußerst wichtig hin.

Nennen wir unsere Prioritäten und bieten ihm Alternative an: „Ich muss heute noch Aufgabe 1, 2, 3 … erledigen. Wenn ich das alles tue, dann ist Ihre Sache um 17.00 fertig oder reicht ihnen noch morgen Vormittag?“ Es ist jetzt vollkommen gleichgültig, was Ihr Chef antwortet. Akzeptiert er einen Ihrer neuen Vorschläge, ist die Sache okay. Lehnt er sie ab und beharrt auf seinem Termin 15.00 Uhr, dann sind wir auch nicht schlechter dran als vorher.

Nehmen wir ein zweites Beispiel. Ein Kunde ruft an und will Fakten, Spezifikation, Preise, Lieferzeiten etc. Sie möchten nicht sofort antworten, egal aus welchen Gründen. Also bieten wir ihm eine Alternative an:

„Ich stelle Ihnen alle Unterlagen zusammen, damit Sie eine umfassende Auskunft bekommen. Ich rufe Sie dann zwischen 11.00 und 12.00 Uhr an. Passt das Ihnen oder ist Ihnen heute am späten Nachmittag angenehmer?“

Üben wir dieses argumentative „Nein“ in allen Lebensbereichen. Und wir werden feststellen, dass kaum jemand sich einer doppelten Alternative entziehen kann.

Aber ziehen wir den Kreis des „Neinsagens“ etwas weiter. Wie schwer fällt es uns oft, den eigenen Unwillen zu äußern? Wie oft sind wir beleidigt, weil unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, auch wenn wir sie gar nicht geäußert haben. Unser Gegenüber kann nicht wissen, was wir denken, sondern nur das, was wir auch aussprechen.

Nehmen wir mal an, Sie sind mit einem Freund oder einer Freundin um 17 Uhr in einem Café verabredet. Es ist 17 Uhr. Sie sind da, ihre Verabredung noch nicht. 17.15 nichts rührt sich. 17.30 Uhr: Sie beschließen, noch 15 Minuten zu warten und dann zu gehen. Genau fünf Minuten vor Ende ihrer vorgesehenen Wartezeit kommt der Freund oder die Freundin rein. Mit dem schönen Satz „Gell, ich bin ein bisschen spät dran. Du bist mir doch nicht böse?“

Statt jetzt nachzugeben und ein verdruckstes „Nein, nein, war überhaupt nicht schlimm“ herauszuquälen, verpacken wir das Ganze der Methode X-Y-Z. X: Wie sehe ich die Situation – Z: Meine Gefühle im Augenblick – Z: Wie möchte ich es in Zukunft haben?

Einfache Antwort nach X-Y-Z-Methode:

„Wir waren um 17 Uhr verabredet. Jetzt ist es gleich Viertel vor sechs. Ich habe mich über dich geärgert. Wenn dir noch mal etwas dazwischenkommt, dann ruf mich bitte an. Danke.“

Und wenn es eine ganz harte Nuss ist? Dann lassen Sie den anderen die Konsequenzen spüren. So lernt er, nicht mehr über Ihre Grenzen zu treten.

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