Rezension: Ein treuer Freund – Jostein Gaarder – Hanser Verlag

Außenseiter mit zusammengekniffenen Augen

Ein treuer Freund – Jostein Gaarder (Autor), Gabriele Haefs (Übersetzer), 272 Seiten, Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (13. März 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3446254435

Jostein Gaarder, der Autor von dem beeindruckenden Buch „Sofies Welt“, lässt diesen Roman mit dem Nachdenken der Hauptfigur Jakop Jakobsen beginnen, der in einem Hotel auf Gotland sitzt, weil er darauf „angewiesen“ ist, aufzuschreiben, um seine Geschichte einer gewissen Agnes darzulegen. Er beginnt mit der Beerdigung von Eric Lundin.

Die Eröffnung des Romans erscheint etwas chaotisch und richtungslos. Jakop ist ein einsamer, gelehrter Mann von mehr als 60 Jahren, der zu Beerdigungen von Bekannten und auch weniger Bekannten geht. „Ich genieße es, zu beobachten, ohne beobachtet zu werden.“ (Seite 8) Hinter ihm liegt eine zerbrochene Ehe. Er hat keine nahen Verwandten. Nur ein ganz besonderer besten Freund, Peter Ellingsen Skrindo, genannt Pelle. „Er kann Dinge sagen, die ich selbst verschweigen würde, weil ich sie nicht sagen will und nicht zu sagen wage.“ (Seite 117) und später im Roman wird er noch eine große Rolle spielen.

Bei Beerdigungen hält Jakop sich in den hinteren Bänken. Aber bei dem Leichenschmaus gerät er oft an einen Tisch mit den engsten Verwandten des Verstorbenen. Hier erzählt Jakop über seine Beziehung zu dem Verstorbenen. Oft haben sie eine ganz besondere Geschichte zusammen. Darüber hinaus gibt Jakop ständig jedem, den er trifft, eine Einführung in die indogermanischen Sprachen und lässt seine seiner Begeisterung für die Etymologie, die Ableitung eines Wortes aus seiner Wurzel u. Nachweisung seiner eigentlichen, wahren Bedeutung, freien Lauf

Jakop schwelgt in den Geschichten und Menschen, die er trifft, hört aufmerksam zu und überlegt genau, was er sagt. Aber er ist ein einsamer Mann. In Abwesenheit von seiner eigenen Familie, erlebt er eine starke Bindung an die Familie der indogermanischen Sprache. Hier sucht er eine tiefere Identität und Zugehörigkeit.

Zwei clevere Wendungen im Buch lässt uns plötzlich verstehen, warum er zu all diesen Beerdigungen geht, warum er seine Geschichte für Agnes aufschreibt und was es mit der Rolle seines Freundes Pelle auf sich hat.

Ein treuer Freund ist ein überraschender Roman und auch ein gewagtes Projekt, spannend und faszinierend, aber auch sehr unkonventionell. Wir Leser werden immer hin und hergerissen zwischen den Fragen, was wahr ist und was fiktiv ist. Und existiert Agnes, für die die Geschichte geschrieben wurde, wirklich?

Es ist ein Buch über Anderssein und Einsamkeit, über die sprachlichen und emotionalen Bindungen, die Menschen zusammen über Zeit und Geographie haben. Was ist ein Mensch, und was ist die Sprache?

Ein großartiges Leseerlebnis für Menschen, die ihre Freude auch an nicht ganz so einfachen Büchern haben. Und die einen Eigenbrötler und Außenseiter auf seiner Suche nach irgendeiner Form der Gemeinschaft begleiten wollen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-treuer-freund/978-3-446-25443-5/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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