Rezension: Verfahren eingestellt – Claudio Magris – Carl Hanser Verlag

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Verfahren eingestellt – Claudio Magris (Autor), Ragni Maria Gschwend (Übersetzer), 400 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (13. März 2017), 25 €, ISBN-13: 978-3446254664

Ein großes Buch. Claudio Magris erzählt von der Besessenheit eines Mannes, der seit Jahrzehnten Waffen, Gewehre, Maschinengewehre, Kanonen, Flugzeugen und Militäruniformen sammelt. Dieser Mann, ein Professor, hat wirklich existiert, lebte in den Räumen inmitten seiner gesammelten „Kriegsgegenstände“. Er schlief dort in einem Sarg und starb 1974 bei einem mysteriösen Feuer.

Schauplatz ist Triest. Nicht nur weil der Autor dort geboren wurde und lebte, sondern weil Triest Kulturen und Ethnien auf fatale Weise mischte und auch weil in Triest, das einzige KZ Italiens angesiedelt war, das KZ Risiera (ehemalige Reismühle) im Triester Ortsteil San Sabba. Vor allem macht ihn, diesen Professor etwas für die lokale Gesellschaft gefährlich: er hat in diesem KZ Namen abgeschrieben, die Häftlinge in die bald nach Kriegsende geweißten Zellenwände geritzt hatten – Namen von Vertretern der „guten“ Triestiner Gesellschaft, die im KZ ein und aus gingen, um Geschäfte mit den Deutschen und deren Helfern zu machen. Nach dem Krieg wirtschafteten sie unbehelligt weiter: Die Verfahren gegen die Täter und deren Unterstützer wurden eingestellt.

Der Roman hat zwei Protagonisten: einmal dieser Unbenannte, dieser schon fast peinliche Freak, dieser Erzengel der Gerechtigkeit und der Rache. Dann Luisa, der faszinierende Kontrapunkt. Es ist die junge Frau, die den Auftrag hat, das Projekt des Museums, des größten Museums über das Unrecht des Krieges zu entwickeln. Auch ihre Geschichte ist von weltumspannender Gewalt geprägt: Die Mutter eine Jüdin, die die Verfolgung überlebt hat, der Vater ein afroamerikanischer Schwarzer: „Menschenhandel und Shoah“ vereinen sich in Luisas Genealogie, die exemplarisch ist für Magris‘ Roman, der in assoziativen Schwüngen und novellenartigen Einschüben die These illustriert, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

Das Buch ist einzigartig in seiner Struktur, die ohne Vorbild ist, und es erweckt ständig den Wunsch, am Ende jeder Seite wissen zu wollen, was auf der nächsten Seite passiert. Ein großer Baum mit vielen Verästelungen, eine Art Matrjoschka der Wunder und Bosheiten. In ihrem Bauch, enthüllen sich unzählige Romane, Kurzgeschichten, Geschichten, Erzählungen und Rinnsale. Es ist ein epischer, politischer, religiöser und poetischer Roman, voll von Qual und Schmerz, voll von den Abenteuern des Todes.

Claudio Magris ist ein großer Denker und begnadeter Essayist. Ideenreichtum und Klarheit des Denkens verbinden sich bei ihm mit seinem Hang zur Metaphorik, zu einem fast barock anmutendem Schreibstil. Es entsteht ein Werk, düster wie eine Feuersbrunst.

Die Lektüre ist nicht einfach, vielleicht sogar anstrengend. Und gerade deswegen ist es hohe Literatur, die uns dieser selbstbezügliche Roman bietet.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/verfahren-eingestellt/978-3-446-25466-4/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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