Essay: Markige Worte und magere Taten

Markige Worte und magere Taten

… oder warum wir lieber reden als handeln.

Telling isn’t selling – Reden ist nicht verkaufen – mit diesem Werbespruch einer Werbeagentur aus den 70er Jahren ist das Thema kurz und knapp umrissen,

Und das gilt besonders für die Deutschen. Deutschland liegt in puncto Einstellungen tatsächlich in der europäischen Spitzengruppe, aber in puncto Handeln sieht es weit weniger positiv aus.

Wir haben laut Gesetz viele Freiheiten, allerdings sind wir in wesentlichen Bereichen eingeschränkt. So darf man Kritik äußern, sich aber nicht entsprechend seiner Kritik verhalten. So lautet die wohl entscheidende Zeile aus dem Lied “Freiheit” von Holger Burner: “Kritik wollen sie nicht praktisch, nur gedacht oder geschrieben!”

„Wir“ ist nicht „Ich“. Es scheint ein großer Unterschied zwischen dem „Wir“ und dem „Ich“ zu sein. So ist die große Mehrheit zwar der Meinung „Wir Bürger müssen mehr für den Klimaschutz tun“ oder „Wir können durch unser Kaufverhalten viel bewegen“ doch praktisch tun dies nur relativ wenige. Offenbar schließt das „Wir“ die eigene Person nicht ein.

Reden ist einfacher als handeln. Faktisch handeln viel zu Wenige und das auch nur auf mehr oder weniger symbolische Weise, indem die eine oder andere Handlung gelegentlich praktiziert wird. Zwischen der allgemein bekundeten Bereitschaft und dem Routinehandeln im Alltag klafft eine gewaltige Lücke.

Alle reden über das „Was“, kaum jemand über das „Wie“

Alle reden über die Zukunft, zum Beispiel was dann zu tun wäre, kaum jemand von der Gegenwart. Ich werde … (später aber nicht jetzt, weil …)

Alle reden über die Bildung. Merkel hat dieses markige Wort geprägt: „Bildungsrepublik Deutschland“. Und was geschieht?? Wenig bis gar nichts.

Alle reden über die Umwelt, die Erderwärmung, den Klimawandel. Und was geschieht? Kaum jemand fährt langsamer oder dreht seine Heizung um 3° zurück. Obwohl das die einfachsten Wege zum Energiesparen wären.

Alle reden über die Wirtschaftskrise, Schuldenkrise, Eurokrise. Und was geschieht? Es kommen neue Ankündigungen mit noch markigeren Worten. Z. B. fordert Klassensprecher Rößler einen „europäischen Stabilitätsrat“ und ergänzt „Wir brauchen einen neuen Stabilitätspakt für den Euro“. Wo bleibt das „Wie“?

„Märkte steigen und Märkte fallen, aber das hier sind die Vereinigten Staaten von Amerika“, sagte Obama. „Egal was eine Agentur sagen mag, wir waren immer ein AAA-Land und werden es auch immer sein.“ Und in der gleichen Rede beklagte Obama „Das Problem sei der politische Stillstand in Washington.“ Und wer hat diesen Stillstand zu verantworten? Er und seine Kollegen.

Alle reden von der Chancengleichheit von Männern und Frauen als Grundsatz von Gesellschaft und Politik. 1999 erhob die Bundesregierung die Gleichstellung unter dem ebenso markigen wie glatten und nichtssagendem Begriff „Gender Mainstreaming“ zum Leitprinzip ihrer Politik. Die schlechten Ergebnisse der PISA-Studie, der Rückgang der Geburtenzahlen und der Wahlkampf haben die Ganztagsbetreuung erneut zur Chefsache gemacht. Trotzdem: Passiert ist bislang wenig.

Alle Parteien und gesellschaftliche Gruppierungen halten die schöne Fata Morgana aufrecht, jeder könne den Aufstieg schaffen. Aber in Wahrheit haben wir in Wirtschaft und Politik eine geschlossene Gesellschaft.

Aber verlassen wir das Feld der großen Politik und gehen in unser kleines Leben hinein. Glauben Sie, dort wäre es anders?

Wir haben immer mehr neue „Erfolgsdiäten.“ Amazon verzeichnet zum Thema Diät 24.301 Bücher. Gleichzeitig sind immer mehr Deutsche krankhaft dick. Und ständig werden es mehr. Der Anteil fettleibiger Männer sei von zwölf Prozent im Jahr 1999 auf sechzehn Prozent in den Jahren 2009/2010 gestiegen, berichtet die Bundesregierung. Der Anteil krankhaft dicker Frauen wuchs im selben Zeitraum von elf auf fünfzehn Prozent.

Wir haben unendlich viele Kochshows im deutschen Fernsehen. Lange Sendungen über „Wie Deutschland isst“ und gesundes Ernähren. Zur gleichen Zeit steigt die Nachfrage nach Salat aus der Tüte, nach Gemüsesuppe zum Anrühren, nach Komplettmahlzeiten in der Aluschale – das Angebot an Fertigprodukten ist riesig.

Viele Menschen haben Wünsche und Erwartungen. Die Wenigsten werden verwirklicht. Warum?

Der Hauptgrund ist wohl, dass diese Menschen nicht zwischen Wunsch und Wirklichkeit trennen können. Wie kompliziert, und wie erfolglos ihr Leben dadurch bleibt, hängt in hohem Maße davon ab, ob sie sich hartnäckig illusionären Wunschvorstellungen hingeben, statt sich und die Welt so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Hüten Sie sich davor, Wunschdenken und Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Haben Sie niemals soviel Angst vor der Wahrheit, dass Sie sich weigern, sie anzuerkennen. Wunschdenker begnügen sich mit Forderungen (an andere) und mit Absichtserklärungen.

Wir reden über Absichten, über Strategien, über Maßnahmen, aber seltener über Ergebnisse. Wäre ja auch peinlich, wenn wir Ergebnisse anstrebten und dann zugeben müssten, sie nicht erreicht zu haben. Dann müssten wir ja über unsere eigene Inkonsequenz reden und Fehler einräumen.

Oft werden Ziele nicht erreicht, weil sie: Einfach zu unrealistisch sind, weil sie nicht detailliert genug sind und weil sie unkontrollierbar weit in der Zukunft liegen.

Und wer ist schuld? Natürlich die anderen.

Das alles ist nichts Neues. Schon vor über 2000 Jahren soll sich in Galiläa Folgendes abgespielt haben:

„Als Jesus weitergehen wollte, lief ein Mann auf ihn zu, warf sich vor ihm auf die Knie und fragte: „Guter Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“  Jesus entgegnete: „Weshalb nennst du mich gut? Es gibt nur einen, der gut ist, und das ist Gott. Du kennst doch seine Gebote: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht die Ehe brechen! Du sollst nicht stehlen! Sag nichts Unwahres über deinen Mitmenschen! Du sollst nicht betrügen! Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ „Lehrer“, antwortete der junge Mann, „an diese Gebote habe ich mich von Jugend an gehalten.“ Jesus sah ihn voller Liebe an: „Etwas fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen Reichtum gewinnen, der niemals verloren geht. Und dann komm und folge mir nach!“ Über diese Forderung war der Mann tief betroffen. Traurig ging er weg, denn er war sehr reich.“

Der einzige Beweis für das Können ist das Tun. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Fangen Sie an.

 

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