Archiv der Kategorie: Cucina-Cantina-Cultura

Hier veröffentliche ich meine Essays rund um Italien, sein Essen, seine Weine und seine Kultur

Die unscheinbare Auster an der Adria

Die unscheinbare Auster an der Adria

… oder warum niemand Ravenna links liegen lassen sollte

L’anguilla c’e? Ist Aal da? Diese Frage erübrigt sich in Comacchio, dieser originellen und faszinierenden Stadt im Po-Delta. Umso erstaunlicher, dass das Restaurant, in dem wir gelandet sind, diesen Namen trägt. Aber der Reihe nach.

Es ist als ob Hermann Hesse in seinem Gedicht Ravenna von 1904 schon alles über diese Stadt gesagt hat:

Ich bin auch in Ravenna gewesen. / Ist eine kleine tote Stadt, / Die Kirchen und viel Ruinen hat, / Man kann davon in den Büchern lesen. / Du gehst hindurch und schaust dich um, / Die Straßen sind so trüb und nass / Und sind so tausendjährig stumm / Und überall wächst Moos und Gras. / Das ist wie alte Lieder sind  – / Man hört sie an und keiner lacht / Und jeder lauscht und jeder sinnt / Hernach bis in die Nacht.

Soweit so richtig, auf den ersten Blick. Gut, Ravenna liegt inmitten vom Nirgendwo. Aber ein schönes Nirgendwo. Denn hier herrscht eine entspannte Gelassenheit. Gut, Ravenna ist eher eine durchschnittlich-langweilige Stadt, der man ihre Zeit als Hauptstadt des weströmischen Reiches auf den ersten Blick nicht ansieht. Ravenna war einmal eine Lagunenstadt. Der Po änderte seinen Zufluss in die Adria und Ravenna verlandete. Heute liegt der Stadtkern ca. 9 km vom Meer entfernt. Eine eher Nach dem geplatzten Traum von Ravenna als Ort der politischen und kulturellen Vereinigung von Orient und Okzident begann die Stadt, langsam und unaufhaltsam zu verfallen. Erst der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg ließ die Stadt sich zu einem Industriezentrum von nationaler Bedeutung entwickelt, mit dem zweitgrößten Hafen Italiens.

Uns so bietet Ravenna, wenn man sich der Stadt vom Südosten her nähert, das Bild, das wir von vielen Randzonen italienischer Städte kennen, Supermärkte, neu und verkommene Industriebauten nebeneinander, Krankenhäuser, Brachflächen. Genau wie alle Austern von außen grau-schwarz-hässlich aussehen. Erst wenn man sie öffnet entfalten sie ihren Perlmuttschimmer und wir entdecken möglicherweise eine schöne Perle.

Direkt nach dem Parkplatz hinter der Basilica di San Vitale entfaltet Ravenna seinen ganzen Charme, mit weniger Touristen, getaucht in eine ruhige und entspannende Atmosphäre. Eine völlig neue Erfahrung für den Geist: Kultur, Essen und Kunst all’italiana. Ein echter Schatz, an denen Italien so reich ist in seinen schönen vergessenen Orten und zauberhaften Städten.

Und dann findet man sofort die Perle in der Auster: den großen Reichtum an wertvollen Mosaiken und Monumenten, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind und alle aus Zeit vor 1600 Jahren stammen als Ravenna dreimal Hauptstadt war: Des Weströmischen Reiches (402-476), des Ostgotischen Reiches unter Theoderich (493-553) und des Byzantinischen Reiches in Europa (568-751).

In der Basilika San Vitale fesselt uns der hohe Raum, die prachtvollen Mosaiken der Apsis, die Geräumigkeit des Innenraumes und die Barockfresken der Kuppel. Fast übersehen wir dabei einen kleinen, wenig bekannten Schatz, fast unbemerkt genau vor dem Altar: ein Labyrinth, dessen kleine Pfeilspitzen aus der Mitte des Labyrinths auf verschlungenen Pfaden bis in die Mitte der Basilika führen.

Dann die weihevolle Dämmerung und die Pracht der Mosaiken, die ihren Höhepunkt in der Kuppel, die kein Tageslicht erhält, mit dem blau-goldenen Sternenhimmel haben, dem Kreuz und den Symbolen der 4 Evangelisten. Es fehlen nicht der gute Hirte, Symbol der Geborgenheit, und die vom Wasser des Glaubens und des Ewigen Lebens trinkenden Hirsche und Tauben.

Weiter geht es. Direkt hinein in das alte Zentrum von Ravenna. Es ist eine einzige große Fußgängerzone, so dass es einfach ist, die vielen interessanten Orte zu erreichen. Ohne Hektik durch die via Cavour, eine beliebte Einkaufsstraße gemächlich zum Piazza del Popolo, dem bedeutendsten Teil der Stadt, der seinen Charakter aus dem fünfzehnten Jahrhundert beibehalten hat. Über die Via Roma zur Basilica di Sant`Apollinare Nuovo, irgendwann erbaut zwischen 493 nach Christus und dem frühen sechsten Jahrhundert. Hier trifft römische Architektur mit der aus der Zeit Theoderichs aufeinander, hier sind arianischer Kult und katholischer Gottesdienst vereint. In drei Mosaikzyklen sind dargestellt: die Episoden aus den Evangelienlesungen in der Karwoche und Ostern. Dann ein ikonographisches Meisterwerk, bestehend aus zweiunddreißig Figuren von Propheten, sechzehn auf jeder Seite. Und zu guter Letzt eine verschwenderische Prozession der Heiligen, angeführt von St. Euphemia, mit langsamen und rhythmischen Gang voran, eine symbolische Krone tragend. An der gegenüberliegenden Wand gibt es eine endlos scheinende Prozession von sechsundzwanzig Märtyrer in weißen Gewändern, die in immer gleichem Bild, alle Individualität zu Gunsten der gemeinsamen Botschaft auszuschließen scheinen.

Es gäbe noch viel zu sehen in Ravenna: das Grab von Dante Alighieri, das Mausoleum des Theoderich, mit seinem Steindach von rund elf Metern Durchmesser und einem Meter Dicke, das aus einem einzigen Monolithen herausgearbeitet wurde, den Duomo und, und und … Aber wir sind erschlagen von den Eindrücken der Mosaiken und außerdem meldet sich ein leichter Hunger.

Wir beschließen, nicht in Ravenna zu essen, trotz vieler verlockender Möglichkeiten. Lieber fahren wir die dreißig Kilometer nach Comacchio, ein kleines Städtchen, gelegen auf 13 Inseln mit einem sehr gut erhaltenen historischen Zentrum. Und das zu Recht. Mit seinen Kanälen, hübschen Brücken und Palästen erinnert es ein wenig an Venedig. Wir bummeln an den Kanälen vorbei und dann sehen wir es, das kleine Ristorante mit dem seltsamen Namen „L‘ Anguilla C’e’“

Endlich. Aal. Dieser ungeliebte Fisch, den die meisten von uns nur als geräucherten, fetttriefendes Stück kennen. Und Günter Grass lässt in der Blechtrommel Agnes, die Mutter der Hauptfigur ausrufen: „Bild dir bloß man nich ein, dass ich von dem Aal ess“, stöhnt Agnes. „Überhaupt kein Fisch ess ich mehr und Aale schon ganz und gar nicht.“ Und als ihr Mann dann auch noch zwei der Viecher mit nach Hause nimmt und sie zu Aalsuppe verarbeitet, ist es hinüber mit ihr. Sie kreischt und schluchzt vor lauter Abscheu. Diese Reaktion auf die Aale können viele Menschen nachvollziehen.

Zu Unrecht, denn der Aal ist ein delikater Knochenfisch mit einem Fettgehalt von nur 26% und war schon in der Antike ein begehrter Speisefisch. Homer erwähnt den Aal als einzigen Fisch namentlich, in seiner Odyssee und preist ihn als göttliche Speise.

Also nichts wie an einen Tisch. Antipasto von Fisch und Meeresfrüchten, darauf schon ein Stück marinierten Aals. Das Primo überspringen wir, um uns ganz auf das Secondo konzentrieren zu können: Aal frisch auf dem Grill geröstet, selbstverständlich mit Haut und dazu traditionell gebratene Polenta.

Wein dazu? Selbstverständlich einen Vino delle Sabbie. Eine Art die es so ähnlich auch in Sardinien gibt. Wein des Sandes: die sandigen Böden ehemaliger Dünen im Po-Delta, die besondere Feuchtigkeit, der Nebel und insbesondere die salzhaltige Luft, die in Brisen vom nahen Meer herüberweht, bestimmen den Charakter dieser Weine. Wir nehmen einen Bosco Eliceo bianco, aus Trebbiano- und Malvasia-Trauben. Mit seinem relativ geringen Alkoholgehalt von 10,5°, seinem intensiven Duft und seinem frischen, fruchtigen, akzentuierten Geschmack begleitet er ganz hervorragend unsere Vorspeisen.

Ja, und zum gegrillten Aal? Natürlich einen Fortana, aus dem gleichen Anbaugebiet. Die Fortanareben werden auch „Uva d`Oro“ genannt. Ein rubinroter Wein mit recht weinigem Geruch, einem angenehm trockenen Geschmack, leichtes Tannin, optimale Säure aber körperreich.

Bei einem starken Kaffee erzählt uns die Wirtin von einem weiteren Aalgericht zu anderer Jahreszeit „Aal-Eintopf mit Zwiebeln, Essig und Tomaten“, dort auch als “a becco d’asino” wegen seiner einfachen Zubereitung bekannt. Und es schein wirklich einfach: Etwas Öl in eine Auflaufform und diese mit zentimeterdicken Scheiben zweier dicker Zwiebeln auslegen. Etwa drei bis vier Aale von etwa 150 – 200 Gramm pro Stück ebenfalls in Scheiben schneiden und darüberlegen. Mit etwas Essig und Wasser bis zur Höhe des Fisches auffüllen. Mit Tomatenkonzentrat, Salz und Pfeffer würzen. Das Ganze leicht köcheln lassen und mit der Gabel prüfen ob der Fisch durch ist. Möglichst heiß servieren.

Die Aromen und Düften Italiens sind unverwechselbar, berauschend, unvergesslich.

 

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Unter den Arkaden – le marche

Unter den Arkaden

… oder die ganze Vielfalt Italiens in einer Region – le marche

Als ich vor 40 Jahren zum ersten Mal nach Urbino kam, war es eine Offenbarung. Das ist Italien, mit all seiner Landschaft, mit all seiner Kunst, mit seinen Menschen, mit seiner Atmosphäre und mit allen Klischees. Unter den Arkaden der dreieckige Piazza della Repubblica, dem lebhaften Zentrum Urbinos saßen überwiegend Männer, tranken am späten Vormittag ihren Weißwein als Aperitif und lösten in den immer wiederkehrenden gleichen Gesprächen alle Probleme dieser Welt.

Wir kamen aus Richtung Arezzo und wurden begrüßt von den märchenhaft schönen Zwillingstürmen des Palastes, die Urbinos unverwechselbare Silhouette bestimmen. Palazzo Ducale beeindruckt mich noch heute in seiner Friedfertigkeit, die es nicht nötig hatte, einzuschüchtern oder zu prahlen. Streift man durch die steilen Straßen und Gassen von Urbino, der antiken Hauptstadt des Herzogtums Montefeltro, kann man überall Teile eines urbanen Mosaiks erkennen, das von der künstlerischen und kulturellen Geschichte der Stadt geprägt ist: von der neopalladianischen, prächtigen Kathedrale, die nach dem Erdbeben des Jahres 1784 von Valadier erneuert wurde, über das wunderbare Portal aus Travertinstein (mit der Lünette von Luca della Robbia) bei der Kirche S.Domenico, die mittelalterliche Kirche S.Francesco mit dem schönen gotischen Glockenturm und dem Altarbild von Federico Barocci, bis hin zum Geburtshaus von Raffael.

Mit den Jahren lernte ich die gesamten Marken kennen und gebe dem Schriftsteller Guido Piovene uneingeschränkt Recht: „Die ganze Vielfalt Italiens in einer Region.“ Und die einzige Region Italiens, deren Namen im Plural steht. Und die sich auszeichnet durch ihren Abwechslungsreichtum. Ein Meer aus sanft wogenden Hügelketten – feinsandige Küstenabschnitte und schroffe Gebirgsregion sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Eine Region, die das Traditionelle bewahren konnte und trotzdem dem Modernen nicht abgeneigt ist. Beides verbindet sich auf originelle Art und Weise. Ein Land zwischen Meer und Gebirge. Fern „fast“ aller Touristenströme hat sie sich ihren Liebreiz bewahrt. Die ganz großen „Highlights“ fehlen, aber dennoch, jedes dieser vielen kleinen Örtchen hat sich seine Besonderheit bewahrt und überraschen mit vielen gut erhaltenen Bauwerken.

Die Marchigiani, wie die Bewohner der Marken heißen, sind tüchtige Menschen, die die Pünktlichkeit lieben. Nicht umsonst gelten sie unter den Italienern als die „Preußen Italiens“. Außerdem brachte ihnen ihre Eigenschaft als päpstliche Steuereintreiber den Spruch ein. „meglio un morto in casa che un marchigiano dietro la porta“ (Lieber einen Toten im Haus, als einen Marchigiano vor der Tür).

Der Name – Die Marken oder Le Marche auf Italienisch – gibt schon Rätsel auf. Er könnte daher stammen, dass in früheren Zeiten, die Region aus mehren Marken – Grafschaften bestand, die sich später zu der Region „Marken“ zusammenschlossen. Eine andere Version besagt, dass es am Rande des Römischen Reiches lag, an den „Marken“.

Und von Küche und Keller lässt sich, obwohl weitgehend unbekannt, nur positives berichten. Eine eher rustikale als raffinierte Küche, doch stets korrekt, gewissenhaft, gemacht aus Liebe und altem Wissen und bereichert vom Engagement und der Sorgfalt der sparsamen Frauen dieses Landstrichs. Und von der Fahrt über das trockene Land oder beim Bummel durch eine der Städte erholt man sich am besten in rustikalen Lokalen.

Beginnen wir mit einem Verdicchio di Matelica. Die Rebsorte stammt vermutlich von der Trebbiano-Greco Familie ab und ist schon seit der Zeit der Etrusker in Italien bekannt. Intensiv strohgelb mit grünlichen Reflexen, klar, gute Konsistenz; die Weintränen geben Hinweis auf den Glycerin- und Alkoholanteil. Geruch von Äpfeln und Mandeln, blumige Noten von Ginster und Jasmin. Auf der Zunge trocken, angenehm weich und frisch, ausgewogen alkoholisch und körperreich. Im Nachhall vollmundig und mandelartig.

Und dazu „la liva fritta all’ascolana“. In Salz eingelegte Oliven gut waschen, um das Salz und den bitteren Geschmack zu entfernen. Nun die Oliven entkernen, und dafür die Oliven im Rund schneiden, spiralförmig, sodass sie einen einzigen Streifen formen und wieder zusammensetzbar sind. In eine Kasserolle mageres Rindfleisch, Hühnerbrust und mageres Schweinefleisch geben, alle drei Sorten in Würfel geschnitten. Olivenöl, Zwiebel, Sellerie, Karotte, Salz und eine Prise schwarzen Pfeffer hinzufügen. Wenn alles gut angebraten ist, das Ganze gut hacken und danach in einer Schüssel mit Parmigiano-Reggiano, Muskatnuss und Eiern vermengen. Gut kneten, bis man einen homogenen Teig erhält, und aus dem Teig Kügelchen in der Größe einer kleinen Nuss formen. Diese mit der Schale der entkernten Oliven umhüllen, sodass sich die Oliven wieder zusammensetzen. Die Oliven nun einmehlen, in zwei verschlagenen Eiern wälzen, abtropfen, und in Semmelbröseln wenden. In heißem Öl frittieren und heiß servieren. Eine echte Spezialität! Und harmoniert ausgezeichnet mit der frischen Säure des Verdicchio.

„Il Quinto Quarto“ heißen in Italien auch Gerichte, wie Bäckchen oder Leber, die kulinarisch eher im Hintergrund stehen und doch vielfach mit verstohlener Freude genossen werden. Deshalb nehmen wir als Zweites eine „vincisgrassi“ das Vorzeigegericht der Marken. Sie präsentieren sich wie große, rechteckige Lasagne, sind hausgemacht und werden zubereitet mit Weißmehl, Grieß, Butter, Eiern, Salz und Vin Santo aus den Marken. Man macht sie an mit Pilzen, Hühnerleber und möglichst mit Trüffeln; oder mit Hühnerklein, Kalbshirn, Kalbsbries und Schinken; danach bedeckt man sie mit Béchamel und bäckt sie im Ofen. Diesem Gericht liegt eine Geschichte, wie immer ein wenig Legende, zugrunde. Sie soll auf das Jahr 1799 zurückgehen, als der Prinz Windisch-Graetz, Hauptmann des österreichischen Heeres gegen Napoleon, in Ancona mit großer Genugtuung Lasagne gegessen haben soll, die von einem lokalen Koch oder einem Koch aus dem Gefolge auf diese Weise zubereitet worden waren. Tatsache ist, dass das Volk den Prinzen, dessen schwierigen Namen es so schlecht aussprechen konnte, seitdem mit einem seiner beliebtesten Gerichte verband. Ein wenig zweifelhaft scheint das schon. In Wirklichkeit müsste dieser Lasagne ein sehr viel älteres Rezept zugrunde liegen: Wahrscheinlich hat sie von dem adeligen Fremden nur den Namen bekommen. Pflichtbewusst weisen wir deshalb auch darauf hin, dass in der viele Jahre vor dem Besuch des Prinzen von Antonio Nebbia geschriebenen Rezeptsammlung der Marken eine Soße für prinzgras (ein Ausdruck unbekannter Herkunft) erwähnt wird, die mit der Soße für die vincisgrassi übereinstimmt.

Und dazu einen Lacrima di Morro, ein äußerst charmanter Rotwein aus der sehr seltenen Rebsorte gleichen Namens, die nur in ein paar wenigen Gemeinden der Provinz Ancona angebaut wird. Intensives Rubinrot mit violetten Reflexen leuchte im Glas. Ein blumig-fruchtiger Wein von femininem Charakter: In der Nase überwältigende Blütenaromen von Rosen und Veilchen mit feinen, fruchtigen Noten von Erdbeere und Süßkirsche. Am Gaumen samtig und weich mit schöner Mandelnote.

Ein Wein für Liebhaber außergewöhnlicher Weine, mit Charakter und Stil. Ein erlebnisreicher Wein für die Geschmackssinne. So wie die Marchen Italien von seiner schönsten, seiner wahrsten Seite zeigen. Nichts für den Durchschnittstouristen aber eine Fundgrube für den Entdecker und Liebhaber von Kunst, Kultur, speziellem Essen und ungewöhnlichen Weinen.

Friuli – Vielfalt statt Einfalt

Friuli – Vielfalt statt Einfalt

… oder Italien ist mehr als Pizza, Pasta und Prosecco

Friaul ist das Zentrum der „Mitteleuropa“-Idee. Hier sorgen österreichische, italienische und slowenische Einflüsse für einzigartige Köstlichkeiten. Die Region besteht aus drei sehr unterschiedlichen geografischen Landschaften: die Berglandschaft der Karnischen Alpen, die friaulischen Hügel voller Weingärten und der raue Karst, der wie von einer Laune der Natur als Rahmen um den herrlichen Golf von Triest gelegt wurde. Meer trifft Karst, Berg trifft Stadt – eine Mischung, die für unglaubliche Genüsse sorgt: Küche und Heimaterde, Heimaterde und Küche gehören unauflöslich zusammen und erzeugen ein Kaleidoskop von kulinarischen Genüssen.

Erkunden wir die einfachen Dinge, geschmacklich und optisch, zwischen den schattigen Laubengängen und vorspringenden Dachtraufen von Tolmezzo und Triest, eingezwängt zwischen der Grenze zu Slowenien und dem Meer. Zwischen der Sonneninsel Grado und der Grenzstadtstimmung Görz. Hier finden wir noch die Kultur aus der Zeit, als noch der Doppeladler regierte.

Hier im Friuli verschmelzen bäuerliche und aristokratische gastronomischen Traditionen. Sie sind von der großen kulinarischen Geschichte Italiens losgelöst. In diesem Land wiegt nämlich nicht so sehr die lange Herrschaft Venedigs mit seinem Glanz, seinem Reichtum und seiner Öffnung zur ganzen Welt, sondern vielmehr das Vermächtnis der habsburgischen Herrschaft. Sie war zwar zeitlich begrenzter, doch hatte sie einen unendlich viel intensiveren und entscheidenderen Einfluss auf das Leben dieses Landstrichs, der zu dem weiten Reich gehörte, das von Böhmen bis zum Balkan reichte und viele Volksgruppen und eine Vielzahl an verschiedenen Sprachen und Kulturen umfasste.

Ein Großteil der friaulischen Küche verwendet unterschiedslos Zucker, Käse, Butter, Obst, Marmelade und Senf in allen Gerichten, von den ersten Gängen bis hin zu den Süßspeisen.

Einfach drei ganz besonders charakteristische Gerichte wählen und dazu drei unverwechselbare Weine des Friuli, genossen im Innenhof des Al Monastero.

Ein typisches Beispiel für diese Mischung sind die cialzons di Artu, die mit einer Teigplatte aus Mehl, Wasser und Salz gemacht und mit einer Mischung aus Salzkartoffeln, zerkleinerten Äpfeln und Birnen, zerbröckelten Keksen, Petersilie, Minze, Melisse, Basilikum, Majoran, Zitronenkraut, Rosinen, geräuchertem Ricotta, Blockschokolade, Pflaumenmarmelade, Zucker und Zimt gefüllt wird. Nach dem Kochen in Wasser werden diese cialzons mit reichlich zerlassener Butter und mit Zimt in Pulverform, Zucker und reichlich geriebenem geräuchertem Ricotta serviert.

So beschrieben kann man sich diese Speise geschmacklich schwer vorstellen. Doch bei guter Zubereitung und vor allem, wenn man sie vor Ort bei einer gewissen Stimmung und einem gewissen Klima verspeist, hat sie ihren Reiz. Die Ursprünge dieses Miteinanders, das Gewürzkräuter, Marmelade und geräucherten Ricotta kombiniert, sind zum Teil orientalischer und zum Teil österreichischer – die am meisten vertretene in der friaulischen Küche – Tradition.

Dank seiner Frische und deutlichen Säure ist der Wein auch als Aperitif geeignet. Der Ribolla Gialla schimmert strohgelb im Glas. Ein trockener und frischer Weißwein. Ein reinsortiger Bianco mit einem eleganten und intensiven Aroma von grünen Äpfeln, getrockneten Blumen, Aprikosen, Grapefruit und exotischen Früchten sowie floralen Noten, gepaart mit einer sanften Würzigkeit. Ausgewogen, besonders und gefällig elegant, fruchtig und frisch mit einer gut eingebundenen Säure und einen kräftigen Körper

Ein anderer seltsamer erster Gang, ganz im Übereinklang mit den anderen süßsauren Gerichten in der Küche dieser Region, ist das pistum. Die zu Ostern oder bei Hochzeiten zubereiteten Pistùm oder Pistùn sind große süße Knödel, die gewöhnlich mit kandierten Früchten oder Trockenfrüchten zubereitet und in der Brühe gegart wurden.

Die Rosinen, das gewürfelte Zitronat, die gehackten Pinienkerne, den Zucker, eine Prise Salz, einen Teelöffel Zimt in eine Schüssel geben. Die Kräuter in der Butter anschwenken. Dann die Kräuter herausnehmen und die so aromatisierte Butter zusammen mit einem halben Glas Brühe in die Schüssel geben. Mit einem Holzlöffel vermengen, anschließend die Eier und das Paniermehl hinzugeben, bis dass ein homogener Teig entsteht. Längliche Knödel formen und sie in die kochende Brühe geben. Wenn sie gar sind, steigen sie nach oben auf. Mit einem Schaumlöffel herausnehmen, abtropfen lassen und heiß (ohne Brühe) mit etwas Puderzucker bestäubt servieren.

Und dazu einen Refosco dal Peduncolo Rosso aus den Colli orientali. Granatrot funkelt der Wein im Glas. Zuerst steigt eine verhaltene Duftnoten von Weißbrot in die Nase, dann ein opulentes Potpourri von Kräutern, Blüten, Wachholder mit angenehmen Noten von Kirschkompott und Bitterschokolade, Pfeffer, Süßholz und Johannisbeeren. Am Gaumen, fruchtig mit angenehmer Säure, entfaltet sich eine faszinierende Textur und großartige Komplexität. Man vermeint Stachelbeere, Weichsel, Erdbeeren, Quitten und schwarzen Tee zu schmecken. Ein präsentes, aber weiches, feines Tannin, das mit der Säure eine harmonische Verbindung eingegangen ist. Beeindruckend die Geschmeidigkeit und Länge

Als Nachtisch könnten wir natürlich die überall gegenwärtigen Torten der großen Wiener Tradition: die Sachertorte und die Dobos wählen. Aber hier sollten wir uns die Gubana, ein süßer, typisch friaulischer Fladen, gefüllt mit einer Mischung aus Nüssen, Mandeln, Rosinen, Pinienkernen, kandierten Orangen, Butter und Likör nicht entgehen lassen.

Früher war die für große Anlässe reserviert, da sie wegen der Reichhaltigkeit der Zutaten teuer war. Es ist ein Produkt aus süßem Hefeteig mit einer Füllung von ungefähr demselben Gewicht. Die wichtigsten Zutaten sind: Weizenmehl, Zucker, Rosinen, Frischeier, Butter, qualitativ hochwertiges Pflanzenöl, Walnüsse, ganze Haselnüsse, Bierhefe, Pinolienkerne, Salz. Das Rezept kann durch Beimengen von kandierten Früchten, Rum, Branntwein, Marsala, Brandy, Chermes, Honig, Milch, Vanillin, Vanilleschoten und Amaretti aufgewertet werden. Die Gubana ist außerdem für ihre Farbe und die antike besondere Form einer Schnecke. Der ausgerollte und wiederholt aufgegangene Teig umhüllt die Füllung diagonal und wird dann um sich selbst gewickelt und erreicht so die Form einer geschlossenen Schnecke. Dieses nun halb fertiggestellte Produkt wird nochmals bis zum Erreichen des klassischen Volumens aufgehen gelassen und anschließend in den Ofen gegeben, wodurch sie den endgültigen geschmacklichen Pfiff erhält.

Und dazu natürlich einen Picolit, einen süßen weißen Dessertwein aus der DOC-Colli Orientali del Friuli. Nur wenige Beeren werden ganz reif, dafür werden sie sehr zuckerhaltig. Die Trauben der Picolit werden Mitte Oktober sorgfältig von Hand gelesen, separiert und gepresst. Die Gärung erfolgt langsam in Barriques mit aromatischen Hefen.

Der Dessertwein leuchte in einem verführerischen Altgold. Er verbindet harmonisch süße und saure Noten. Bei einem Schluck dieses Nektars offenbaren sich reichhaltige Aromen nach Blumen, Honig, Äpfeln und Birnen und Anklänge von Trockenfrüchten, Akazie, Vanille und Feldblumen. Am Gaumen süß und weich, ähnelt er dem französischen „Sauternes“.

Kann eine autochthone Rebsorte, d. h. eine Rebsorte, die dort entstanden ist, wo sie wächst und somit zu einem unverwechselbaren Terroir gehört, wirklich die Eigenheiten einer Landschaft zum Ausdruck bringen? Sicher haben nur wenige Weine diese außergewöhnliche Fähigkeit. Der Picolit, ein kleines önologisches Juwel des Friaul, ist einer davon:

Ganz Friaul in einem Schluck Picolit.

La piazza più bella del mondo

La piazza più bella del mondo

… oder warum es unmöglich ist, Siena nicht zu mögen

Strahlender Sonnenschein, tiefblauer wolkenloser Himmel, Temperaturen bei knappen 20 Grad – das ist ideales Frühlings-Wetter. Und wenn man dann beim Aufwachen, im Hotel Castagneto vom Bett aus die Kuppel des Doms von Siena sehen kann, dann wird es ein besonders herrlicher Tag, der dazu verlockt, diese magische Stadt zu Fuß zu erkunden. Aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, sie wirklich zu erleben.

Der Legende nach soll Senio, der Sohn von Remus, die Stadt Siena gegründet haben. Deshalb ist das Wahrzeichen der Stadt auch die Wölfin, die die Zwillinge Romulus und Remus säugte. Keine andere Stadt in Italien hat sich so ein geschlossenes mittelalterliches Stadtbild bewahrt wie Siena. Während Florenz ganz im Geiste der Renaissance aufging, baute Siena aus Trotz gegenüber dem großen Rivalen im gotischen Stil weiter. Die wenigen Renaissancepaläste fallen heute in der Stadt kaum auf. Florenz ist mit Sicherheit die Renaissancestadt schlechthin. Siena wird von der Gotik beherrscht. Mit seinen hohen, meist fensterreichen Palästen, mit seinen mittelalterlichen Gebäuden, den engen, schummrigen Gassen und den typischen Farben ist es ein Meisterwerk architektonischer Harmonie. Wie ein Juwel auf dem grünen Samt der sanften toskanischen Hügel ist Siena eine der schönsten Städte Italiens. Siena war nicht nur einer der mächtigen Stadtstaaten in der italienischen Toskana, sondern auch ein großer Rivale von Florenz, sowohl in politischer, in wirtschaftlicher, als auch in künstlerischer Hinsicht. Das rote Siena mit seinen aus Backsteinen erbauten Palästen, Kirchen, Wohnhäusern und Brunnen ist über die Jahrhunderte hinweg fast unversehrt geblieben.

Einfach drauflos bummeln. Verlaufen ist fast nicht möglich. Ganz gemütlich durch enge Straßen bis zur ganz aus rotbraunem Backstein erbauten Kirche San Domenico. Hier werden in einer kleinen Kapelle, die mit Fresken des sienesischen Künstlers Sodoma (1477-1549) ausgeschmückt ist, die auf wundersame Weise noch heute erhaltenen Reliquien und der Kopf der Heiligen aufbewahrt. Und dann einfach durch dieses Viertel bummeln, durch die pittoresken Straßen via della Galuzza und via Santa Caterina. Vielleicht ein kleiner Schlenker zur via Banchi di Sopra und bei Nannini einen Café und eine Brioche an einem der kleinen Tische in der schmalen Straße zu sich nehmen. Ja und dann, dann sind es nur noch wenige Schritte. Welch magerer Name wurde dem wohl zauberhaftesten Platz Italiens gegeben: „Piazza del Campo“. Woher man auch kommt in Siena, eine magische Kraft leitet einen früher oder später auf den „Campo“: Erst blitzt ein Zipfel Himmel durch die Häuserbögen, gefolgt von Zinnen, dann Teile eines abfallenden Platzes und schon präsentiert sich der „Palazzo Pubblico“ mit dem schlanken „Torre del Mangia“, um dann in der Weite des Muschel-Platzes mit dem Häuseroval zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen.

Dort, wo sich die drei Stadthügel Terzo di Camollia, Terzo di San Martino und Terzo di Citta treffen, im gemeinsamen Schnittpunkt, an der tiefsten Stelle, bilden sie den berühmten Platz der Plätze: Piazza del Campo. Er gehört mit dem Fischgrätmuster aus rotem Backstein unterteilt durch weiße Travertinstreifen, mit seiner Ausgewogenheit und mit seiner muschelförmigen Krümmung, die die Unebenheiten des Bodens harmonisch ausgleicht zu den schönsten und eindrucksvollsten Plätzen der Welt. Ein Platz ohne Kirche, ein rein politisches Zentrum.

An der untersten Stelle des leicht abschüssigen Geländes steht der Palazzo Pubblico mit dem hochragenden Torre del Mangia. In der Mitte des oberen Muschelrandes befindet sich die Fonte Gaia, ein rechteckiger, nach einer Seite offener Brunnen, den Jacopo della Quercia von 1409-19 geschaffen hat. Er bekam ursprünglich mithilfe eines Aquädukts sein Wasser. Die Reliefs an den Brunnenwänden wurden zwar durch Kopien ersetzt, dennoch dokumentieren sie die Entwicklung der frühen Renaissance-Plastik.

Die Architektur mit den harmonisch aufeinander abgestimmten Gebäuden ist beeindruckend, keine einmündende Straße stört das Ensemble, denn nur schmale Korridore zwischen den Palästen und Wohnbauten führen auf den Platz. Wie eine offene Muschel steigt der Campo 10 Meter an. Der Boden lädt ein, sich auf ihm niederzulassen, um die imposante Atmosphäre des Platzes in sich aufzunehmen.

Aber genauso voller Atmosphäre ist das Key Largo, absolutes Lieblingscafé der Stadt, sowohl von mir als auch von vielen anderen, mit einem kleinen, aber feinen Balkon direkt auf die Piazza Il Campo gerichtet. Ideal für einen typisch italienischen Aperitivo ein. Zu einem Glas Prosecco bekommt man hier eine Vielzahl an Dips, kalten Nudelsalat, Pizzabrote, Gemüsesticks dazu – und das alles kostenlos.

Und dann natürlich etwas richtiges Essen. Zum Beispiel in der Trattoria Fonte Giusta eine schöne Portion Pici al ragù di cinghiale. Pici sind ganz dicke kurze Spaghetti, von Hand gerollt, die den unverwechselbaren Geschmack eines unübertrefflichen Wildschweinragout perfekt auf nehmen. Und dazu einen Chianti Colli senesi.

Es ist ein leichter Chianti von hellem Granatrot, die Blume ist leicht und typisch. Man spürt im ausgewogenen Verhältnis den Duft der Iris, der Rose und etwas V Veilchen anille. Sein Tanningehalt ist zurückhaltend, das macht ihn leicht, ohne dass er an Eleganz verliert.

Und gut gestärkt kann man weiter bummeln und sich vor allem eines der herausragenden Werke der gotischen Architektur in Italien anschauen, den Dom aus schwarzem und weißem Marmor. Er befindet sich am höchstgelegenen Punkt der Stadt. Er wurde Anfang des 13. Jahrhunderts begonnen und die Erstellung zog sich bis in das 14. Jahrhundert hinein.

Größer, schöner, weiter. Diese Devise gilt für die Menschheit nicht erst, seit sie Kirchen baut. Doch zur Hybris gehört auch das Scheitern. Selten kann man dabei das Ende ambitionierter Pläne so schön sehen, wie in Siena. Neben dem Dom stehen die Reste eines unvollendeten Baus, der Versuch einer letzten Vergrößerung von 1339. Der alte Dom sollte als Querschiff übernehmen werden. Die fertige Kirche hätte den bestehenden Bau um das Doppelte überboten. Die große Kathedrale wäre ein beredtes Beispiel für die damalige Macht der Adelsrepublik Siena gewesen. Doch die große Pest 1348 und vor allem der schlechte Untergrund beendeten 1355 das Unternehmen. Reste an der Ostseite des Doms, das nördliche Seitenschiff und die fragmentarische Fassade lassen die immensen Dimensionen der gescheiterten Größe erkennen.

Kennzeichnend für die Fassade ist, dass hier Marmor in drei verschiedenen Farben verwendet wurde: Weiß, grünlich-schwarz und rot. Der restliche Dom ist nur in Weiß und schwarz gehalten, aber dafür gestreift. Gestreift ist auch der Glockenturm, oder Campanile, der mit einer Pyramide bekrönt und die von vier Ecktürmchen umrahmt frei neben dem Dom steht. Schwarz und Weiß sind auch die Wappen-Farben der Stadt Siena.

Die Streifen befinden sich nicht nur im Äußeren, sondern setzen sich im Innern fort, wo sie sogar noch auffälliger sind. Im Innern zeigt sich auch die grundsätzliche Gestalt des Domes. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika mit einem mehrschiffigem Querhaus und dem anschließenden Chor. Dadurch steht die Kirche auf einem Grundriss, der die Form eines lateinischen Kreuzes hat.

Mittelschiff und Seitenschiffe sind durch Arkaden mit romanischen, runden Bögen verbunden. Die Gewölbe des Mittelschiffs sind blau bemalt und mit goldenen Sternen versehen. Auch die Rippen sind farbig. Ein ähnlicher Sternenhimmel findet sich auch in der Kuppel, dort noch um aufgemalte Kassetten ergänzt.

Viel gäbe es zu noch zu sehen. Aber es ist die richtige Stunde, um auf dem sonnengewärmten Pflaster des Campo einfach ein kleines Schläfchen zu halten und dann bei einem Glas Weine in einem der Bars am Rande des Campo die blaue Stunde zu genießen. Überall gehen kleine Lichter an, auf den Dachterrassen der umliegenden Häuser werden Kerzen aufgestellt. In den Cafés und auf dem aufgewärmten Boden des großen muschelförmigen Platzes sitzen Grüppchen und verliebte Pärchen. Man atmet den Hauch einer ganz anderen Epoche ein.

Romagna: La mia gente

Romagna: La mia gente

… oder warum die Romagna meine zweite Heimat geworden ist.

Von allen Regionen Italiens kenne ich die Romagna wohl am besten. Und es scheint mir, dass es deshalb umso schwerer fällt, etwas über diese Region zu schreiben. Wo soll man beginnen:

Mit dem wildromantischen Umland von Brisighella ohne Touristenmassen und ohne mittelmäßige Restaurants mit schwindelerregenden Preisen? Oder doch lieber die mondänen Badeorte wie Rimini oder Riccione, wo schlechtes Wetter eine Katastrophe ist, denn hier leben die Menschen am Strand, rund um die Uhr? Oder doch weit vom Strand weg in den Appenin hinein zum Staudamm von Ridracoli, mit seltenen Tieren, Pflanzen und eindrucksvollen geologischen Formationen? Oder doch einfach nur dem val marecchia folgen, wo die grünen Hügel von Kirchen, Schlösser und Klöster dominiert werden und wo es ein anderes Zeitempfinden zu geben scheint, ja fast eine Bewegungsträgheit? Auch einfach am Hafen von Cesenatico zu sitzen, der noch von Leonardo da Vinci geplant war und in einem der kleinen Lokale in den schmalen bunten Häuschen Spaghetti alle vongole zu genießen? Oder beim Sonnenuntergang auf der Terrasse des „Il Faro“ am Hafen von Cattolica zu sitzen und die Stille und die Farbenpracht des abendlichen Panoramas in sich aufzunehmen?

Nein, so reizvoll sie alle sind, ich entscheide mich für „Il balcone della Romagna“, den Balkon der Romagna, dem spektakulären Aussichtspunkt weit über die italienische Landschaft. Ich wähle Bertinoro, ein mittelalterlicher Ort mit kopfsteingepflasterten Gassen und Plätzen, es ist der Balkon der Romagna: An klaren Tagen ist die Aussicht auf das Meer und die Hügellandschaft einfach atemberaubend. Der Name Bertinoro wird auch auf den Ausspruch aus dem kaiserlichen Munde der Galla Placidia zurückgeführt: „ber‘ ti in oro“ („man sollte dich aus goldenem Becher trinken“) soll sie gesagt haben, als man ihr den hier wachsenden vortrefflichen Wein, den Albana in einem Keramikbecher reichte.

Herz der von Ringmauern eingefassten mittelalterlichen Ortschaft ist die Piazza della Libertà. Schlendern wir durch die mit Pflasterstein ausgelegten Gässchen. Sehenswert die schöne Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Sträßchen und Gässchen innerhalb der fast noch vollständig erhaltenen Stadtmauern erkundet man am besten zu Fuß. Die Piazza della Libertà mit dem großartigen Palazzo aus dem 14. Jh., der Uhrturm und die jahrtausendealte Burg von Barbarossa auf der Hügelspitze erzählen noch heute von der wichtigen Geschichte dieser Ortschaft.

Aber Bertinoro ist vor allem berühmt für die Tradition der Gastfreundschaft. Mitten in Bertinoro steht eine unscheinbare Säule mit einem ungewöhnlichen Band: schwere Eisenringe, vom Rost der Jahrhunderte rotbraun überzogen. Hier haben einst die Durchreisenden ihre Pferde angebunden und, indem sie das taten, gleichzeitig auch ihr Quartier gebucht. Nur wussten sie nicht, bei wem. Klingt ein bisschen umständlich, ergibt aber Sinn. Denn im 13. Jahrhundert waren Reisende der beste Zeitvertreib und eine lebendige Nachrichtenquelle für den Adel, der fernab von Rom kaum Informationen erhielt. Also bemühte man sich um die begehrten Durchreisenden, was unter den Adligen bald zu bösem Blut führte. Die Lösung war schließlich die Colonna degli Anelli, die Säule der Ringe, die später auch der Gastfreundschaft, Ospitalità, gewidmet wurde: eine Art anonymisierter Check-in, der allen Einheimischen die gleiche Chance bot. Problem gelöst.

Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich „Il Trebbo“, eine Trattoria, ein Ristorante? Es entpuppt sich als kulinarische Überraschung. In einem unscheinbaren, alten Bauernhaus untergebracht, sind hier ein Restaurant und eine Bar ausgebaut. Die Atmosphäre ist familiär, die Einrichtung schlicht, aber gemütlich in warmen Erdtönen gehalten. Eine der besten Trattorien in der romagnolischen Tradition, ohne ausgesprochene Besonderheiten aber mit einer guten Küche und freundlich-fröhlichem Personal.

Und was isst man in der Romagna? Natürlich zuerst eine Piadina eine Fladenbrotscheibe und das Aushängeschild der Romagna. Eine Piadina mit Squacquerone und Rucola. Der Squacquerone, weißer Frischkäse mit einer Konsistenz zwischen Mascarpone und Crême fraîche., ist so schön weich und schmeckt am besten, wenn er geschmolzen ist. Hier wird er in die Piadina gefüllt und dann wird das Ganze in einer Terracotta-Pfanne gebacken.

Dazu einen Albana di Romagna – ein funkelndes Goldgelb. In der Nase sehr delikat mit Nuancen von Mandel, Pfirsich, Aprikose, Ananas, Melone und Zitrone. Im Mund: reich, geschmeidig, elegant, kräftig, mit langem Abgang – ein gut strukturierter, frischer Wein. Wunderbar harmoniert er mit dem leicht säuerlichen Squacquerone und den leicht bitteren Nusstönen des Rucolas.

Anschließend Tagliatelle mit frischen Steinpilzen. Ein einfaches Gericht. Hier schön getrennt zubereitet:

Zuerst mal Pancettawürfel in einem Pfännchen anbraten. Nicht zu vergleichen mit Dörrfleisch oder gar einfachem Speck. Die Pancetta ist ein mild-würzig gepökelter durchwachsener Bauchspeck, der über Wacholderholz geräuchert wird. Und der dann in einen Kräutermantel aus Pfeffer, Wacholder, Rosmarin, Thymian und Meersalz sechs Monate reift. Danach klitzekleine Schalottenwürfel dazugeben und kurz mit schwitzen. Etwas Weißwein und Sahne angießen und einköcheln. Mit Pfeffer würzen.

Die Steinpilze gesondert in Butter und Öl in einer Pfanne kräftig anbraten, denn dadurch kommt ihr besonderer Geschmack am besten zur Geltung. Sie sollten beidseitig leicht gebräunt sein. Pfeffern und salzen und mit klein gehackter Petersilie bestreuen.

Tagliatelle nestförmig auf einem tiefen Teller platzieren. Die Pilze in der Mitte anrichten und die Weißwein-Sahne-Soße über die Nudeln gießen.

Und natürlich passt dazu ein Sangiovese. Er ist das Symbol der Romagna, das Blut der Romagna. Schon die Römer verglichen seinen starken Geschmack mit dem „Blut Jupiters“, daher also Sanguis Giovis. Und hier in Bertinoro gibt es eine reinsortigen, die Auslese Bertinoro. Nach drei Jahren Alterung entfaltet dieser intensiv rubinroten Wein seine ganze Geruchsvielfalt und seine harmonischen, straffen Tannine. Seine Aromen von Frucht und Floraltönen bis hin zu erdigen und dunkleren Tönen von Wald- und Tiergerüchen sind der ideale Begleiter zu den Steinpilzen.

Und als Nachtisch? Auf jeden Fall einen „Frutto proibito“ (verbotene Frucht), einem Albana Passito von der Fattoria Paradiso. Bernstein im Glas, Datteln, Birnen, Äpfel, weiße Trüffel mit balsamischer Note in der Nase. Und im Geschmack süßsauer, intensiv nach gereiften Früchten, nach Äpfeln und Datteln. Süß aber mit einem charmant säuerlichen Abgang. Dieser Passito braucht Ruhe zum Genießen und Zeit, viel Zeit. Also dazu passend einen besonderen Käse, den Fossa-Käse. Er ist einer der typischsten Käse aus der Romagna, der seinen Geschmack durch die in besonderen Tuffsteinhöhlen gewinnt. Pikanten und sehr besonders. Intensiv, delikat und absolut nicht aggressive im Geschmack.

So könnte ich ganze Nachmittage und Abende in der Romagna genießen, mit dem weiten Blick über die Hügel und Ebenen bis zum Meer der Adria. Ich liebe nicht nur die Landschaft, das Essen und die Weine, sondern auch die Romagnoli, die Menschen aus der Romagna. Und nichts kann es besser ausdrücken als das Lied von Casadei:

La mia gente che mi vuole bene, la gente mia che mi sa capir. La mia gente che m’aspetta ancora, la gente mia ce l’ho qui nel cuor.

Meine Leute, die mich mögen, meine Leute, die mich verstehen. Meine Leute, die mich immer erwarten, meine Leute, die ich im Herzen trage.

Die Romagna ist für mich immer ein bisschen, wie nach Hause kommen.

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Welcher Wein zu Diana Krall

Welcher Wein zu Diana Krall

… oder warum Puristen nie genießen können

Überall gibt es Puristen. In der Musik, beim Wein. Da gibt es die Polizisten des Jazz, die Akkordgetreuen, für die alles andere nur Hintergrundgesäusel und damit nicht hörenswert ist. Für diese Fundamentalisten muss richtiger Jazz schwierig und anstrengend sein.

Genauso wie Weinpuristen und -kritiker bekanntlich „fordernde“ Weine bevorzugen. Aber um Gottes Willen doch keine Weine nur einfach so zum Trinken.

Jetzt soll es aber wahrhaftig Konsumenten geben, die gern einen Wein trinken, weil er ihnen schmeckt und nicht, weil er angesagt ist. Oder Menschen die Musik hören wollen, die einfach gute Laune macht.

Genau so wie weiche, saftige und zugängliche Weine in der Kritik der puristischen Weinkenner stehen, so wird Smooth Jazz von den Fundamentalisten des Jazz als seichte Kaufhausmusik abgetan.

Nehmen wir als erfolgreichstes Beispiel Diana Krall: Mit ihrem intimen, samtig-verführerischen Klavierspiel und ihrer rauchigen, samtig-dunklen und weichen Stimme haucht die gebürtige Kanadierin altbekannte Jazzstandards unverwechselbar neues Leben ein.

Ja und welchen Wein sollen wir beim Hören von zum Beispiel „The very Best von Diana Krall“ trinken? Was passt zu diesen pianogetränkten Balladen und leichtfüßigen Swing-Momenten? Was passt am besten zu dieser Lady of the Night, die wir uns sinnierend in einer nahezu leeren, kleinen Eckbar am Piano vorstellen – ein wenig verrucht, ein wenig verlebt, doch stets mit Stil und Klasse.

Für mich gibt es hier nur eine Wahl, einen Valpolicella Caterina Zardini Private Reserve Selection – ein Konzentrat, das es in sich hat. Der Wein präsentiert sich in einem tiefen, dunklen Granatrot. Im feingliedrigen, vielschichtigen Bouquet entfalten sich Noten von überreifen Waldbeeren und schwarzen Kirschen und Anklänge von Bittermandeln und Tabak, verbunden mit einem Hauch von Eichenholz. Am Gaumen wuchtig und anschmiegsam, sehr feines Tannin, reif und elegant. Im warmen, würzig-fruchtigen langen Abgang schmeichelt eine wunderbar angenehme Bitternote. Trotz seines dichten Geschmacks wirkt er nie wuchtig oder schwer, sondern fasziniert mit einem feinen Schmelz und seiner Eleganz. Er entwickelt auf dem Gaumen einen ganzen Strauß würziger, fleischiger Frucht.

Die genau passende Ergänzung zum wilden Samt von Diana Krall, zu ihrer raffinierten Tiefe, zu ihrer Coolness, ihrer vollen Stimme und ihrem unglaublichen Swing. Hier begegnen sich mit der Künstlerin und dem Wein zwei mit ganz besonderem Selbstbewusstsein und einer ganz persönlichen Art, einen Song beziehungsweise einen Valpolicella zu interpretieren.

Jetzt könnten wir es natürlich bei diesem Wein belassen, wenn wir die nächste CD von Diana Krall auflegen. Eine CD von der Diana Krall selber sagte: „Ich wollte eine sinnliche, geradezu erotische Platte aufnehmen. Das Album ist wie ein Liebesbrief an meinen Mann. Es ist ein Flüstern ins Ohr deines Geliebten, dass du glücklich bist und hier bis ans Ende der Tage sein möchtest.“ Und wer kennt sie nicht: Quiet Nights. Hier vermählen sich ihre verführerische Stimme und ihr sanftes Klavierspiel zu einem relaxten und sinnlichen Gefühl. Getragen von der Klarheit des Bossa Nova, ohne überflüssige Noten, ohne Ballast. Von allem Überfluss befreit und auf das Wesentliche reduziert. Sozusagen nackt, schlank und schwarz-weiss, der viel Freiraum im Hirn lässt.

Und dazu einen Cerasuolo di Vittoria DOC „Il Cigno Nero“, helles Kirschrot im Glas. Er verfügt über ganz eigene, spannende Noten. Neben Aromen von reifen Granatäpfel von kleinen roten Früchten, Erdbeeren und Kirschen findet man Anklänge von Ingwer und Kaktusfeigen in Duft und Geschmack. Die große Frische und die eher schlanke Konsistenz machen ihn zu einem Alltagsbegleiter auf hohem Niveau, auch und gerade geeignet für laue Sommernächte – leicht gekühlt. Ein alter Klassiker aus Sizilien.

Ja gibt es denn keine modernen Weine? So möchte man fragen. Genauso: Gibt es denn heute keine guten Lieder mehr? Denn die meisten Songs, die Diana Krall singt, haben viele Jahre auf dem Buckel. Natürlich gibt es moderne Weine, die gut trinkbar sind. Natürlich gibt es moderne Songs von Elton John oder van Morrison. Aber aus dem Jazz oder aus dem Geist des Jazz heraus sind Lieder entstanden, wie sie heute eher niemand mehr schreibt. Genauso wie es moderne Weine gibt. Aber die alten, klassischen Weine haben ihren eigenen unnachahmlichen Charakter.

Sie sind freier, entkrampfter, lebendiger, nicht so sehr fokussiert. Irgendwie dringt auch Leben ein, die Außenwelt, die Wirklichkeit., genau wie bei den Interpretationen von Diana Krall.

Übrigens: Beide Weine kannst du auch zu Norah Jones genießen. Zum Beispiel den Cerasuolo di Vittoria zu dem Song „Cold cold heart“. Und mir scheint: Das ist das Rezept, den zweifelnden Geist zu lösen und das kalte Herz zu schmelzen, das wonach Norah Jones in diesem Titel sucht.

Hier treten Menschen nicht der Welt gegenüber und werden so zu Schauspieler auf der Bühne des Kleintheaters ihrer Lebenswelt. Sondern sie zeigen Mut eine Persönlichkeit zu werden und zu bleiben. Hier wird keine Atmosphäre dargestellt. Persönlichkeit ist die Atmosphäre: „Die Frau und der Wein mit Eigenschaften.“

Take five am Markusplatz

… oder wo sich das Leben ereignet

Es ist Martedì Grasso. Der letzte Karnevalstag vor der Fastenzeit. Das Ende der zehn Tage des venezianischen Karnevals. Wir kommen gerade vom Abendessen im Bistrot de Venise. Verwöhnt und satt.

Natürlich hatten wir zunächst die Cicchetti versucht, diese leckeren, hausgemachten Kleinigkeiten, die entfernt mit spanischen Tapas zu vergleichen sind. Kleine Brotscheiben sind belegt mit Gemüse oder Salat, darauf gehäuft sind fein aromatisierte Käse- oder Quarkcremes in unterschiedlicher Konsistenz. Es gibt Fischmousse in allen Variationen, dazu Oliven, Kapern, Tomaten, frittierte und eingelegte Gemüsehäppchen, Fleischfrikadellen, Presssack mit Polenta, geröstete Brotscheiben mit Salami oder Schinken.

Wir hatten Tartar vom Thunfisch, Jakobsmuscheln auf rohem Blumenkohlsalat, marinierte Meeräschen und drei Arten von Scampi auf Proseccoschaum. Als primo einen gran risotto di mare und als Hauptgang einen Aal im Ofen gebacken mit Pfeffer und Zimt. Dazu einen trockenen, fruchtigen, ungefilterten Malvasia hier überraschenderweise als korallenfarbiger Roséwein, mit reichem Bukett, üppig und zugleich blumig mit anhaltender Fruchtigkeit. Und zum Nachtisch zum krönenden Abschluss la pasticceria di casa.

Verwöhnt und satt treten wir hinaus auf die enge, schmale Gasse. Es hat geregnet. Die Februarkälte, die uns eine Woche plagte, scheint gebrochen. Kaum noch Menschen auf den Straßen. Auch der Markusplatz ist leer. Hier, wo noch heute Mittag Gestalten wie aus einem Märchenbuch posierten, Figuren mit goldenen, silberfarbenen oder kalkweißen Gesichtern, eingehüllt in fantasievolle Gewänder aus Satin und Tüll, Adelsdamen mit Lockenpracht und üppigen Roben und bunte Harlekine, glänzt jetzt nur noch der regennasse Steinboden, in dem sich weiß und erhaben die Basilika di San Marco spiegelt.

Venedig: Bereits im Namen der Stadt ist ja laut Proust ein Verlangen gespeichert, das sich auf eine aus Träumen gebaute Wirklichkeit richtet. Allen diesen Erlebnissen ist gemeinsam, dass sie im Voraus festlegen, was wir hier sehen und erleben werden.

Die berühmten Cafés sind um diese Stunde fast leer. Lediglich im Café Florian sitzen noch ein paar Unentwegte und plaudern mit den Kellnern. Es ist wohl das älteste italienische Caféhaus. Hinter seinen hohen, eleganten Fenstern haben Gäste wie Goldoni, Goethe, Balzac, Thomas Mann, Hemingway und Proust Platz genommen. Einige haben hinterher aufgeschrieben und der Welt mitgeteilt, was für ein Gefühl es war, hier zu sitzen. Götter aus sagenhaften Zeiten, haben sie Begehrlichkeiten geweckt, die heute, im Zeitalter massenhafter Prosperität und Mobilität, erfüllbar erscheinen. In den Sälen der großen Cafés, wo man gern die Stile des Rokoko, des Empire und des Biedermeiers wiederholt und die Ernst Jünger als „die eigentlichen Paläste der Demokratie“ bezeichnete, hofft man das schmerzlose und seltsam aufgelöste Wohlbehagen zu atmen, das die Luft narkotisch erfüllt.

Nach ein paar Schritten über den Markusplatz beginnen die Glocken vom Campanile, dem berühmten Glockenturm, die Luft mit dunkel-schwerem Klang zu erfüllen; kurz darauf mischen sich die hellen Töne von den Türmen der Basilika San Marco ein. Und dann schwebt die schnellen, wehmütigen Klänge eines Saxofons herüber. Für einen Wimpernschlag bleiben wir wie erstarrt stehen im untrüglichen Gefühl, etwas Wunderbares zu erleben.

Die Musik ist so mühelos anmutig, dass sie auf dem Wasser zu gehen scheint. Die Tonfolgen sind wie eine freundliche alte Nachbarin, die man schon lange kennt, und die auch nach vielen Jahren noch geistreich, witzig und charmant Konversation betreibt. Gerne laden wir sie in unser Wohnzimmer zu einer Tasse Tee ein und lauschen gespannt den – irgendwie nicht langweilig gewordenen – Geschichten aus der guten alten Zeit. In Wehmut und Melancholie versunken.

Die Glockenklänge hören auf und klar und alleine klingt Take five. Irgendjemand hat mal gesagt: Shrimp ist der Fisch für Menschen, die nicht gerne Fisch essen. Dave Brubeck „Take five“ sind die Shrimps des Jazz. Und es stimmt: Selbst Menschen die mit Jazz wenig bis gar nichts anfangen können verlieben sich sehr schnell in die rhythmischen und sehr ungewöhnlichen Taktarten eines „Take Five“.

Hinter einer der Säulen der Arkaden in der Nähe des Café Florian steht er, oder vielmehr sie, eine einsame Saxofonspielerin, im roten Harlekinsköstüm. Weiße Schnabelschuhe, weiße Strumpfhose mit roten Herzen, einen kurzen roten weit abstehenden Rock mit viel Tüll darunter, ein rotes Mieder und einen roten Umhang um die Schulter, eine rote Kappe mit einer großen Schleife unter dem Kinn gebunden. So an eine der Arkadensäulen gelehnt, bläst sie mit Hingabe, wehmütig und ungeheuer sexy ihr „Take Five“. Dominant und verführerisch. Sie trägt keine Maske. Wie die lebenslustige und selbstsichere Colombina, das Sperlingstäubchen aus der Comedia dell`arte, aber das Gesicht ganz lackweiß glänzend bemalt, mit zwei großen roten Tränen auf der linken Wange. Zwischen den tristen, gedämpften Farben, die jetzt in Venedig herrschen, ist das knallige Rot die einzige Farbe, die aus dem grau-braunen Brei hervorsticht.

Die gelungene Mixtur aus Geschichte, Charme, Tradition und Kultur, die Markuskirche mit ihrem Reichtum, ihrer byzantinischen Goldgrundpracht, die prunkvollen Paläste, die verlassenen Gondeln auf glitzerndem Wasser, der Torre dell’Orologio, die langen Fassaden der Procuratie, der Campanile und der Palazzo Ducale, sie scheinen in diesem Augenblick nur eine großartige Kulisse für dieses Saxofonspiel zu sein. Vergänglich, wie ein Traum

Sonne in Venedig zeigt immer auch grausam viel Schäbigkeit und Armut, aber Mondlicht und winterliches Halbdunkel verzaubern die Stadt zu etwas völlig Unwirklichem, einem Abbild unseres Inneren, all unserer Träume und Sehnsüchte. Venedig ist nicht bunt, es ist schwarz-weiß. Ist das der Ort, an dem unsere ewig suchende Seele leben und gesunden kann? Oder aufgeben für immer?

Die Colombina setzt ihr Saxofon ab. Lächelt. Wie stark die Leidenschaften sind und wie schwach die Vernunft. Ein weiches Bild der Liebe. Oder des Todes. Venedig und Tod – wie oft fallen diese beiden Worte zusammen, nicht nur im Titel von Thomas Manns berühmter Erzählung. Wasser ist Ursprung allen Lebens, aber Wasser ist auch Fäulnis und Tod. Millionen Eichenpfähle modern seit Jahrhunderten unter den Häusern, und der Verfall ist sichtbar.

Hier begreifen wir vielleicht mehr als irgendwo sonst, wie endlich, wie vergänglich wir sind. Wie sagte August von Platen in seinen Versen: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben.“