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Ich schreibe regelmäßig Essay zu Gesellschaft, Politik, Kultur und meinen Reisen

Essay: Nicht alles was ist, hat einen Sinn

Nicht alles was ist, hat einen Sinn …

… oder warum wir lieber ein Bier trinken gehen sollen.

Manchmal scheint das Leben eine Hölle von dunklen Tagen zu sein, und wir fragen uns: Warum gerade ich? Warum gerade das? Warum gerade jetzt? Warum?“ „Warum bin ich so krank?“, „Warum geht es mir so schlecht?“, „Warum…?“ Was ist richtig, was ist falsch? Gut oder schlecht? Warum man selbst vom Pech verfolgt wird und andere angeblich nicht, beruht auf einer subjektiven Einschätzung, die sich nicht beweisen lässt

Also liefert das „Warum?“ keine Antwort, es sei denn eine Schuldzuweisung, die niemand etwas nützt und ungerechtfertigt sein kann, sondern das Warum ist der Beginn des Grübelns, in dem wir die Realität immer mehr aus den Augen verlieren … eine einsame Angelegenheit, bei der wir immer mehr auf ein Abstellgleis geraten. Was kann uns in Zeiten der Verzweiflung noch Zuversicht geben.

„Alles hat einen Sinn. Am Ende wirst Du sehen das alles für irgendetwas gut war.“ Es lässt sich in allem einen Sinn finden, wenn man nur lange genug danach sucht. Sinn ist menschliche Interpretation, um negative Lebensvorgänge erträglicher zu machen. In einem Menschenleben geschehen einfach Dinge, die man positiv, andere, die man negativ interpretiert.

Die Motten kreisen ums Licht, orientieren sich nachts am Mond, erliegen auf dem Weg einer Illusion und kreisen anschließend stundenlang um eine Laterne.

Epikur, der große griechische Philosoph rät uns, aus dem Kreisen ums Licht soviel Genuss wie möglich herauszuholen, obwohl dahinter nur Leere gähnt.

Viele benutzen Schicksal und höhere Mächte als Beruhigungsmittel, weil sie nicht damit klarkommen, dass sie auf sich selbst gestellt sind. Viele schaffen es mit Religion sich einen Sinn für bestimmte Ereignisse einzureden. Oder sie verweisen auf das Leben nach dem Tod, in dem alle Scheinhaftigkeit abstreifen und in die unvergängliche Wahrheit eingehen.

Andere Utopisten, die der Wissenschaft und der Technik verfallen sind, hoffen, dass wir so lange an naturwissenschaftlichem Fortschritt basteln, bis wir dem Tod seine biologischen Grundlagen entziehen, um dann das Leben im Hier und Jetzt zu feiern

Aber man kann sich die Wahrheit nicht einfach herdichten. Viele tun es trotzdem, weil sie Angst vor der Freiheit, also der Unabhängigkeit, vor der eigenen Verantwortung haben, weil sie ihre innere Freiheit nicht wahrnehmen und das äußere Schicksal nicht annehmen will.

Unser Leben geschieht HIER und JETZT. Nicht gestern, nicht morgen und auch nicht in einer anderen Welt.

Ein Fabrikbesitzer aus Deutschland geht am Strand seines Ferienortes in Süditalien spazieren. Er, bemerkt einen jungen Mann, der auf der Hafenmole liegt und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Neugierig, wie ein Mensch am frühen Vormittag in aller Ruhe so viel Müßiggang nachhängen kann, sagt der Fabrikbesitzer: Sie sind bestimmt arbeitslos, weil sie jetzt schon hier müßig rumhängen können.“

„Nein ich bin nicht arbeitslos. Ich bin Fischer.“

„Und warum fischen Sie nicht?“

„Hab ich schon. Ich bin heute Morgen um vier Uhr rausgefahren und war um sieben Uhr zurück, habe ausgeladen, das Boot gereinigt und nun genieße ich die Sonne.“

„Aber sie hätten ruhig noch mal rausfahren können, so hätten Sie doppelten Fang.“

„Warum?“ fragt der Fischer

Der Fabrikant zückt seinen Taschenrechner, fragt nach Mengen, nach Preisen, kalkuliert, überlegt:

„Dann könnten Sie sich in zwei Monaten ein größeres, moderneres Boot kaufen, weiter rausfahren, mehr Fische fangen:“

„Und dann?“

Wieder beginnt der Fabrikant zu rechnen, zu kalkulieren, zu planen:

„Dann könnten Sie sich im Laufe der Zeit eine Reihe von Booten zulegen, Leute einstellen und in vier Jahren wären Sie hier das größte Fischereiunternehmen.“

„Ja und dann?“

Neues Rechnen, neue Pläne:

„Sie wissen, ja, dass das eigentliche Geld mit der Verarbeitung verdient wird. Sie könnten eine Halle bauen, Fische verarbeiten, Konserven herstellen, ja ganz Europa könnten Sie mit Ihren Fischprodukten beliefern.“

„Ja und dann?“

„Wenn Sie das noch weitere 15 Jahre machen“ wieder hektisches Rechnen „Ja dann könnten Sie sagen „Ich habe es geschafft.“

„Na und was habe ich davon?“

„Dann, junger Mann, dann könnten Sie sich ruhig in die Sonne legen und den Tag genießen.“

Tja, jeder hat so seine eigenen Vorstellungen. Egal was andere Menschen sagen, es sei das Richtige. Sie haben getan, was ihnen richtig und richtig erschien. Du musst das tun, was dir richtig erscheint.

Was macht dir Freude? Folge dieser Spur. Das Leben gibt Dir das, was Du erwartest. Mit der Ungewissheit zu leben, ist nicht immer ganz einfach, gehört aber zu jedem Leben dazu wie das Atmen. Machen wir uns nicht auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das macht nur Stress. Es gibt keinen Sinn des Lebens. Leben wir einfach. Leben wir am besten unter und mit anderen. Gehen wir lieber ein Bier trinken.

Essay: Fühlen und Denken statt Zählen

Fühlen und Denken statt Zählen

… oder warum wir lieber auf unseren Bauch hören sollten

Unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt werden immer komplexer. Komplexe Systeme haben eine große Zahl von verschiedenen Elementen, die in einer gemeinsamen Geschichte „irgendwie“ dynamisch aufeinander ein- und zusammenwirken. Diese Wirkungen sind weder klar zielorientiert, noch folgen sie festen Regeln. Damit sind schwer zu durchschauen. Natürlich suchen wir nach einfachen Lösungen und Beschreibungen. Diese finden wir im Zählen. Wachstumszahlen, Kontostände, Blutwerte und andere liefern uns scheinbare Klarheit. Dabei kommt das Denken zu kurz.

Jeder denkt. Bei jedem laufen elektrochemische Vorgänge im Gehirn ab. Sie werden genährt von Wissen, Halbwissen, Ängsten, Vorurteilen und Oberflächlichkeiten. So entstehen, manchmal lautlos, öfters dröhnend donnernde Wortblähungen, selten neutral oder wohlriechend, sondern meistens übelriechend. Brauchen diese Denkvorgänge andere Materialien, andere Rohstoffe? Nein, wir haben mehr Informationen als wir je verarbeiten können. Der Verdauungsprozess dieser Fakten, unsere Denkprozesse müssen sich grundlegend ändern.

Nein, schreien die Wertkonservativen, wir haben keine Werte mehr, die alten Werte oder Tugenden müssen wieder her. Und dabei waren sie es selbst, die die Werte auf dem Altar des eigenen Vorteiles geopfert haben und zu leeren Floskeln haben verkommen lassen. Und alle, die aufgrund ihrer eigenen Ohnmächtigkeit sich ganz und gar dem „law-and-order“-Gedanken verschrieben haben, brüllen begeistert ihre tumbe Zustimmung.

Und die Neoliberalen wollen sich noch von den notwendigen, letzten halbwegs funktionierenden Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens befreien und sehen in absolut freien Märkten die allumfassende Lösung, die – welch ein Zufall – gerade dem Durchsetzen ihrer eigenen Interessen dient.

Und die andere Gruppe der Warmduscher und weichgespülten Leisetreter kann sich nie so richtig entscheiden. Sie wägen ab, ohne eine funktionierende Waage zu haben. Sie bereden und wenden die Dinge so lange hin und her, bis ein glatt geschliffenes Nichts als Minimalkompromiss herauskommt. Und dabei belächeln sie mit überlegenem Kopfschütteln die wenigen, radikalen Weitsichtigen. Und sie versuchen und schaffen es auch, diese mit allen legalen und illegalen Mitteln mundtot zu machen.

Und eines der legalen, unauffälligen und subtilen Mittel ist es, über Nebenkriegsschauplätzen die Menschen abzulenken, dumm zu halten und am wirklichen Nachdenken und erst recht am Voraus-Denken zu hindern.

Nur was sich rechnet, zählt heutzutage. Dabei geht es eigentlich um Alles: Es geht um Orientierung.

Vielen genügt Technologie. Aber Technologie hat oft wenig mit Bildung, sondern viel mit Automatismen, Logiken, Zahlen, aber nicht mit Verhältnissen und Denken zu tun.

In der gegenwärtigen Welt lieben wir die vordefinierte Matrix, die Schablone, die nur noch das erfasst, was gesehen, gemessen und gezeigt werden kann. Komplexität wird möglichst ausgeklammert, simple Zusammenhänge gezeigt. Diskutiert wird nur über das „Wie“ und nicht über das „Warum“.

Keine andere Zeit als die unsere zeichnet sich durch einen derart großen menschlichen Erfahrungsverlust aus.

Die große Philosophin Hannah Arendt schrieb schon vor über 50 Jahren anlässlich ihrer Analyse des nationalsozialistischen Regimes: „Das Lästige an den Nazi-Verbrechern war gerade, dass sie willentlich auf alle persönlichen Eigenschaften verzichteten, die sie zu Menschen machten, ganz so als ob dann niemand mehr übrigbliebe, der entweder bestraft oder dem vergeben werden könnte. Immer und immer wieder beteuerten sie, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie hätten keine wie auch immer gearteten guten oder bösen Absichten gehabt und immer nur Befehle befolgt.“ Ein Niemand eben.

Früher – früher war ja bekanntlich alles besser – ja, früher dachten die Menschen noch. Mag sein. Das zu beweisen oder das Gegenteil davon, würde zu nichts führen. Das eine würde dazu führen, die alten Zustände wiederherzustellen. Das andere würde vom Grundsatz auszugeben, dass Menschen doch nur eine Art „unverständiges Wesen“ sei und nichts dazu lernen könnte.

Wie hat „früher“ der Mensch gelernt, denken gelernt? Er musste sich auf oft mühsamen und langwierigen Wegen seine benötigten Informationen zusammensuchen, seine Erfahrungen sammeln und über den ständigen Kreislauf „Versuch-und-Irrtum“ seine Weisheiten erlangen, die Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, die ihn mit sich und seiner Umwelt halbwegs passabel zu Recht kommen ließen. Und hatte er für sich seine passende Lösung gefunden, dann konnte er mit ruhigem Gewissen und ohne größere Angst vor Veränderungen bei gleichem Erkenntnisstand den Rest seines Lebens mehr oder weniger geruhsam verbringen.

Dieses System hat der Mensch bis heute nicht geändert. Mit einem kleinen Unterschied: sein Umfeld wandelt sich rasend schnell und alle Informationen, die er notwendig hat, stehen ihm einfach, schnell und eigentlich gebrauchsfertig zur Verfügung. Eigentlich – wenn er denn von ihnen Gebrauch machen würde. Aber genau das ist sein Dilemma: Er kann sie nicht nutzen. Weil er sie nicht zusammensuchen muss, fehlt ihm die Erkenntnis tieferer Zusammenhänge und er glaubt, da ja alle Informationen vorliegen, er werde dadurch jede Situation beherrschen. Er hat nämlich gelernt Informationen anzusammeln und nicht, sie auszuwerten oder zu verwerten. Und in unserem überkommenen Schul- und Bildungssystem wird das noch gefördert.

Wir müssen nicht Wissen gewinnen, sondern Erkenntnisse. In unseren Schulen wird der Schwerpunkt auf Lernen und Wissensvermittlung gelegt. So wie früher, als wir noch in einfachen, durchschaubaren Systemen lebten. Und zum Hohn der Lehrer, dass im Zeitalter von Wikipedia mehr Wissen zur Verfügung steht, als er selber nicht einmal in zehn Leben unterrichten könnte.

Auf der Strecke bleiben bei dieser Form die Intuition, das Entwickeln von Gespür für Situationen und die Unterscheidungskraft von „Wichtig“ und „Unwichtig“. Natürlich soll jedes Kind Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Darüber hinaus sollte es aber auch lernen Hintergründe, Absichten, Zwischentöne zu erkennen, lernen auf sein Gefühl zu hören. Und genau das wird nicht nur vernachlässigt, sondern fehlt gänzlich.

Intuition ist etwas, dass wir nicht zu lernen brauchen. Wir besitzen sie bereits. Lösen wir uns vom einfachen Zählen und simpler Technologiegläubigkeit. Nehmen wir uns ein Beispiel an kleine Kinder, die noch nicht sprechen, die also noch mehr „ihren Bauch“ als ihren „Kopf“ benutzen. Hier sehen wir Intuition. Auch uns ist die Intuition nicht verloren gegangen. Sie schlummert nur. Wecken wir sie auf. Lassen wir das Denken still werden. Dann spüren wir wieder unsere Intuition. Und jeder fühlt sie anders. Für den einen ist es ein Gefühl, ein Unbehagen, das warnt. Für den anderen sind es die Schmetterlinge im Bauch, weil er die richtige Antwort gefunden hat. Oder es ist der helle Blitz, der ihnen sagt: Das ist es.

Egal wie wir es nennen ob Ahnung oder Gefühl, die Intuition hilft dabei, uns unseren Weg durch unser Leben zu weisen. Wir achten oder verlassen uns nicht immer auf unsere Intuitionen und verdrängen diese auch öfters. Wenn wir aber mehr auf unser „Bauchgefühl“ hören, kann das unser Leben positiv verändern.

Der französische Denker Joseph Joubert notierte um 1800: Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen.

Essay: Leben und leben lassen

Leben und leben lassen

… oder wie liberal ist unsere Gesellschaft

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – liberté, égalité, fraternité: Was ist aus diesem Leitsatz der Französischen Revolution geworden? Was ist aus den Liberalen und dem Liberalismus geworden?

Ursprünglich geht „liberal“ auf das lateinische „liberalis“, „eines freien Mannes würdig, edel, vornehm, anständig“ zurück und kam im ausgehenden 18. Jahrhundert als französisches Fremdwort nach Deutschland. Hier bedeutet es „frei“ und meint einen jener Werte, den die Französische Revolution erkämpft hatte.

Der Liberalismus war im 19. Jh. eine weltweite politische Bewegung des aufstrebenden Bürgertums, die allerdings in Deutschland politisch weitgehend machtlos blieb. In der sogenannten Deutschen Revolution von 1848 scheiterte das Bürgertum bei dem Versuch, eine politische Führungsrolle in Deutschland zu übernehmen. Die industrielle Entwicklung in Deutschland und der Ausbau des Wirtschafts-Liberalismus fanden auf der Basis eines konservativen, obrigkeitsstaatlichen Staatsverständnisses statt. Und aufgrund des sozialen Elends wurde ein konservativer Sozial-Staat aufgebaut. In der Weimarer Republik zerfiel der politisch gespaltene Deutsche Liberalismus weitgehend. Er gewann erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der FDP als liberaler Partei wieder an Bedeutung, die sich weniger aus der Größe der vergleichsweise kleinen Wählerbasis, sondern durch die fortgesetzte Regierungsbeteiligung erklärt.

Wirtschaftspolitisch wies der Liberalismus dem Staat die Aufgabe zu, die notwendigen Rahmenbedingungen für einen freien Wettbewerb zu schaffen und durch regulierende Eingriffe in die wirtschaftlichen Prozesse dafür zu sorgen, dass der Wettbewerb aufrechterhalten bleibt. Diese Variante des Liberalismus wurde vor allem von Walter Eucken in der Freiburger Schule des Ordo- oder Neo-Liberalismus entwickelt.  Ihr wichtigster politischer Vertreter war Ludwig Erhard, der zusammen mit A. Müller-Armack die sogenannte Soziale Marktwirtschaft begründete.

Die programmatische Wende zum „Sozialen Liberalismus“ der Freiburger Thesen (u. a. Werner Maihofer) erfolgte 1971 unter dem Vorsitzenden und späteren Bundespräsidenten W. Scheel. Die Rückkehr ins Mitte-Rechts-Spektrum und zum Wirtschaftsliberalismus (1982) wurde von Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff vollzogen. Und unter Guido Westerwelle verkam das Liberale zu einer reinen Steuersenkungs- und Klientelpartei.

Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter „liberal“ eine tolerante, lockere, freie, bewegliche Einstellung, die sich gegen jede Form von Starrheit richtet.

Aber gehen wir zu den ursprünglichen Forderungen zurück:

Unter Freiheit innerhalb einer Gesellschaft versteht man die Möglichkeit jedes Einzelnen, sich so zu entfalten und so zu leben, wie er es für richtig hält. Freiheit des Individuums z. B. Glaubens-, Meinungsfreiheit begrenzt die Reichweite staatlicher Gewalt. Wobei die Freiheit des Einzelnen aber dort endet, wo die Freiheit eines anderen Individuums beeinträchtigt wird. Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit Individualismus oder gar Egoismus. Aber warum schränkt der Staat über die Maßen die Freiheit des Einzelnen oder gar aller ein? Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung, Rauchverbot, Echtzeit-Überwachung im Internet, Einsicht in Bankkonten von jeder Behörde aus, E-Reisepass, E-Personalausweis, Bewegungsprofil aus überwachten Handys. Alle Bank-, Steuer- und Flugdaten werden massenhaft gesammelt und umstandslos weitergereicht. Einfach so, ohne Verdacht. Also wo ist sie, die viel gepriesene Freiheit in unserem Land.

Das Wort Gleichheit ist vielen zuwider. Klingt es doch zu sehr nach Gleichmacherei, nach den Linken, die fordern, jeden Bürger auch noch wirtschaftlich auf gleiche Ebene zu stellen. Menschen sind nicht gleichartig, sondern gleichwertig. Und sie sind auch nicht gleichberechtigt, aber jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft. Aber viele sehen sich nicht mehr als einen solchen kleinen Teil eines wichtigeren Ganzen. Es geht ihnen um andere Dinge, die nur sie selbst betreffen.

Alle Menschen sind gleich viel wert, unabhängig davon, welche Arbeit sie tun, wie begabt oder unbegabt sie sein mögen, wie gesund oder krank sie sind. Das gibt den Menschen eine Sicherheit – innerlich wie äußerlich – wie es kaum eine andere geistige Haltung zu geben vermag. Aber wo finden wir noch diese Überzeugung?

Alle Menschen sind gleich, niemand darf benachteiligt oder bevorzugt werden – das Grundgesetz macht es möglich. Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben und Weltanschauung, Behinderung: Nichts von dem dürfe zu ungleicher Behandlung führen. Jedenfalls steht es so auf dem Papier. Und wie sieht es in der Praxis aus?

Menschen, die keine Arbeit mehr finden können, sind Schmarotzer. Und nicht nur das: In unserer ökonomisierten Welt wird der Mensch zum Produktionsfaktor herabgestuft. Alle Menschen sind gleich: aber nur, wenn sie Arbeit haben und etwas leisten!

Die Brüderlichkeit ist ein sehr viel mehr umfassender Begriff als Freiheit oder Gleichheit. Vielleicht sollten wir ihn, nicht nur wegen der Geschlechtsneutralität durch Solidarität ersetzen. Das Prinzip der Solidarität richtet sich gegen die Vereinzelung und Vermassung und betont die Zusammengehörigkeit, die gegenseitige Mitverantwortung und Mitverpflichtung. Sie bezeichnet den Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Jetzt könnten wir natürlich den bekannten Satz von Augustinus ins Spiel bringen, „Liebe Deinen Nächsten, und tue, was Du willst.“ Klingt einerseits verlockend einfach, dass man alle Gesetze ignorieren kann und nur noch nach einem einzigen Gebot leben soll. Ich muss meinen Nachbarn nicht lieben, aber ich kann versuchen mit ihm auszukommen. Miteinander leben und aufeinander hören, das reicht schon.

Die politischen Eliten, die Vorreiter eines selektiven Denkens, haben Demokratie, Menschenwürde, Toleranz, Freiheit, Sicherheit zu leeren Worthülsen verkommen lassen. Sie nähren damit Unzufriedenheit, Hass, Neid, Missgunst, Kontrollwahn nicht nur bei den Regierenden, sondern auch bei den Bürgern. Deshalb „gängeln“ vor allem wir Deutsche so gerne.

Üben wir den Liberalismus in unserem täglichen Leben. Lassen wir jedem seine Eigenarten und Eigenheiten. Ob Burka oder Mini, ob Krawatte oder Piercing, ob hetero, schwul, lesbisch oder bi, ob dick oder schlank, ob gottgläubig oder Satansanbeter, ob Heavy Metal oder Barockorchester, ob Pop oder Jazz, versuchen wir nicht, die Menschen zu ändern. Wenn wir jemand ändern wollen, dann haben wir genug damit zu tun es bei uns selber zu versuchen. Dann stirbt auch der Liberalismus nicht und es gilt weiterhin der unbequeme Satz von Marion Gräfin Dönhoff:

„Der legitime Platz des Liberalen ist zwischen allen Stühlen. Es darf ihn nicht kümmern, wenn er von allen Seiten beschimpft wird. Wer stark genug ist, den Vorwurf der Linken zu ertragen und vor der Rechten nicht in die Knie zu gehen, der kann auch der Zukunft getrost entgegensehen – selbst wenn der Liberalismus immer wieder totgesagt wird.“

Essay: Leistung – Lust oder Frust?

Leistung: Lust oder Frust?

… oder warum Motivation ganz einfach sein kann

Die Begeisterung der Sechs- bis Siebenjährigen in der G-Jugend von Kleinbutzelbach kannte keine Grenzen. Jubelnd hüpften die Knirpse in der Umkleidekabine hin und her, überschlugen sich in ihren Erzählungen und Berichten, wie das Tor gefallen war. Dabei hatten sie 9:1 verloren. Trotzdem: Stolz, Freude, Spaß, Eifer bei allen, auch bei denen, die nur auf der Bank gesessen hatten. Bisher hatten sie nur zweistellige Niederlagen und immer zu Null eingefahren. Das Schlimmste war ein 17:0 gegen Obertetzlaffshofen.

Die meisten von ihnen hatten noch keine Spielerfahrung und es gab in den ersten Monaten immer wieder Neuzugänge. So musste sich die Mannschaft im Training und in den Spielen erst einmal finden und an die Spielform gewöhnen. Im Training waren alle immer mit großem Eifer und Spaß bei der Sache und so verbesserte man sich stetig. Leider blieb aber ein Erfolgserlebnis bei den Spielen aus. Bis heute: das allererste Tor. Das war eine Superleistung, einfach Spitze. Jetzt ging es aufwärts. Die nächsten Tore und sogar mögliche Siege rückten in greifbare Nähe.

Und da rede noch jemand von mangelnder Begeisterung oder mangelnder Motivation.

Jeder Mensch ist von Natur aus begeistert, neugierig, eifrig und voller Tatendrang. Sei es das kleine Kind, das die Welt zum ersten Mal entdeckt, sei es ein Schüler, wenn er in der Schule anfängt, oder sei es ein Mitarbeiter, der eine neue Arbeitsstelle antritt. Wie kommt es dann, dass schon nach wenigen Monaten die Begeisterung kippt und die Motivation eine Talfahrt beginnt, die sich noch Jahre fortsetzt, bis sie im Keller angelangt ist?

„Entweder können sie nicht oder sie wollen einfach nicht!“ Hinter diesem Satz verstecken viele Eltern, Lehrer, Trainer, Manager ihre eigene Unfähigkeit, die ihnen Anvertrauten zu motivieren, zu aktivieren und zu führen. Kaum ein Begriff ist in den vergangenen Jahren stärker strapaziert worden, als Motivation. Sei es im Sport, in der Politik oder im Geschäft: kein Erfolg ohne entsprechende Motivation. Also reden alle von der Notwendigkeit, Menschen stärker zu motivieren. Kaum jemand hat sich um den Gegenbegriff Gedanken gemacht: Wie entsteht eigentlich Demotivation, Lustlosigkeit, Bequemlichkeit?

Es gibt niemanden, der seine Arme abwehrend verschränkt, wenn er nicht schon mal schlechte Erfahrungen gemacht hat. Motivieren können sich Menschen nur selbst. Aber Trainer, Lehrer, Chefs, Eltern können demotivieren.

Wenn jemand überfordert ist, dann verliert er sehr schnell die Lust. Wenn Kinder, Schüler, Mitarbeiter dauerhaft mit bestimmten Aufgaben überfordert sind, weil sie entweder ihre Möglichkeiten übersteigen oder weil sie keine Chance haben, das nötige Wissen und Können zu erwerben.

Wenn ein Kind, ein Schüler, ein Mitarbeiter weit unterhalb seines Könnens eingesetzt wird und sein vorhandenes Potenzial nicht einsetzen kann, dann verliert er ebenfalls die Lust.

Wenn ein Kind, ein Schüler, ein Mitarbeiter in seiner Entfaltung eingeengt ist und er so keine Möglichkeit hat, die von ihm geforderten Ergebnisse mit den zu ihm passenden Wegen und Mitteln zu erreichen, vor allem weil Eltern, Lehrer, Trainer oder Vorgesetzte oft meinen alles besser zu wissen und zu können, dann braucht sich niemand zu wundern, wenn die Motivation auf der Strecke bleibt. Menschen an der kurzen Leine zu halten, erzeugt nur Frust.

Fühlen sich Menschen, egal in welchem Alter und egal bei welcher Gelegenheit anerkannt? Besitzen sie das Vertrauen von Eltern, Lehrer, Trainer oder Vorgesetzten? Fühlen sie sich geschätzt? Haben sie das Gefühl, dass ihre Meinung und ihre Mitarbeit gefragt sind? Ist das nicht gegeben, wird sich ein vorhandenes Wollen immer mehr in eine Ohne-Mich- oder Null-Bock-Mentalität wandelt.

Ist unklar, wer wofür zuständig ist und wer welche Kompetenzen hat, verschärft sich das Ganze noch zusätzlich.

Geringschätzende Aussagen, Kritik, abfällige Handbewegungen, zweideutige Bemerkungen verunsichern nicht nur, sie zerstören die Motivation und erschüttern die Beziehungsebene.

Lob gebührt den Menschen, Kritik bleibt beim Chef. Das gilt offenbar längst nicht mehr. Herausstellen der eigenen Fachkompetenz gegenüber den Mitarbeitern durch eine Führungskraft ist deren Motivation nicht unbedingt förderlich.

Wem Erfolgserlebnisse fehlen, der kündigt innerlich. Überall werden nicht nur Freude, sondern auch Sorgen erlebt. Um emotional ausgeglichen zu bleiben, sind vor allem genügend Gelegenheiten wichtig, in denen Freude oder Erfolgserlebnisse erfahren werden. Wer Freude empfindet, kann auch mit Niederlagen, Stress oder anderen Unannehmlichkeiten besser umgehen.

Motivation können wir in drei Begriffen umreißen: Wollen, Können, Dürfen Und eines steht fest: Mitarbeiter können viel mehr als wir glauben, wenn man sie nur lässt. Wie viel Freiheit haben Ihre Mitarbeiter?

Das Wollen ist die erste und wichtigste Voraussetzung für jede Art von Leistungen. „Der will nicht!“ Vielleicht kann er in Wirklichkeit nicht und traut sich nicht so richtig, dies zuzugeben. Das Wollen ist zwar letztlich vom Menschen selbst abhängig, doch lässt sich dieses günstig beeinflussen.

Das Wollen allein genügt jedoch nicht. Das Wollen kann noch so groß sein, wenn er etwas gar nicht kann. Vielleicht fehlt ihm einfach ein bestimmtes Wissen? Oder er hat ganz einfach keine Zeit. Bekommt er überhaupt die Möglichkeit seinen Fertigkeiten und Fähigkeiten weiter zu entwickeln?

Das dritte Element im Bunde ist das Dürfen. Menschen, die ein bestimmtes Leistungsvermögen haben, möchten es in der Regel auch gerne einsetzen. Dabei handelt es nicht nur um die Erlaubnis, etwas Bestimmtes tun zu dürfen, sondern es braucht ein Klima, das eigenständiges Handeln fördert und Fehler zulässt. Wer aufgrund seiner Fähigkeiten etwas tun kann, es jedoch nie tun darf, wird es irgendwann einmal auch nicht mehr tun wollen. Erst wenn er individuelle Handlungsspielräume bekommt, kann er sein Wollen und sein Können einsetzen.

Es wird so viel geredet über Taktik, Technik, Management und andere mehr oder weniger hohle Begriffe, die uns vorgaukeln, dass alles machbar sei. Aber: Ein Pferd können Sie auch nicht zur Tränke managen. Sie können es zur Tränke führen. Und im Bereich Führung gibt es keine immer und überall gültigen Führungstechniken. Es gibt Führungsverhalten, die mehr oder weniger nützlich sind.

Führungsverhalten muss glaubwürdig sein, da heißt, zu Ihrer Persönlichkeit passen. Führungsverhalten muss klar sein, das heißt, von Mitarbeitern und Partnern verstanden und angenommen werden. Und Führungsverhalten müssen angemessen sein, das heißt, sie müssen der jeweils unterschiedlichen Situation angepasst sein.

Aber vor allem muss Leistung Spaß machen. Und Spaß macht es, wenn jemand heute etwas erfolgreich tun kann, zu dem er gestern noch nicht in der Lage war und von dem er nie geglaubt hätte, es jemals fertigbringen zu können. Das ist Leistung, die Freude macht.

Irgendwo habe ich den schönen Satz eines unbekannten Autors gefunden:

Wenn einer nur darf, wenn er soll aber nie kann, wenn er will, dann mag er auch nicht, wenn er muss. Wenn er aber darf, wenn er will dann mag er auch, wenn er soll, und dann kann er auch, wenn er muss. Daraus folgt: Diejenigen, die können sollen, müssen wollen dürfen!

Und eines steht fest: Menschen, ob kleine Kinder oder alte Greise können viel mehr als wir glauben, wenn wir sie nur lassen.

Essay: Gelassenheit und innere Ruhe

Gelassenheit und innere Ruhe

… oder du kannst die Brandung nicht aufhalten, aber du kannst surfen lernen.

Nehmen wir uns doch einfach ein Beispiel an kleinen Kindern. Kinder können sich für alles begeistern. Sie genießen, was immer sie tun, und sie sind voller Hingabe dabei. Sie denken nicht an das Morgen oder das Gestern. Sie lähmen sich nicht durch negative Einstellungen und Erwartungen. Sie haben keine „Wenns“ und „Abers“, mit denen sie schon im Vorhinein entscheiden, dass ihnen eine Sache keinen Spaß machen wird oder sie etwas nicht könnten. Sie gehen auf andere Menschen offen und ohne Vorurteile zu und schließen schnell Freundschaft. Kinder kennen keine Angst vor dem Scheitern. Das Schönste an der Kindheit ist ihre absolute Narrenfreiheit, Unbekümmertheit und die völlige Abwesenheit von Scham.

Und vor allem ist es toll, wie schnell Kinder negative Gefühle wie Ärger oder Traurigkeit überwinden. Sie laufen nicht den ganzen Tag mit einer Wut im Bauch herum und lassen den Kopf hängen. Nach wenigen Sekunden oder Minuten haben sie den Vorfall vergessen und sind schon wieder mit Hingabe bei etwas Anderem.

Ja und dann bekommen sie Rückmeldung aus ihrem Umfeld: „Du bist nicht zu Deinem Vergnügen auf der Welt“. „Du wirst sehen, was Du davon hast“. „Erst die Arbeit, dann das Spiel.“ „Sei nett.“ „Sei lieb.“ „Nimm Rücksicht.“ Und sie werden mit anderen verglichen, meist nicht zu ihren Gunsten: „Warum bist du nicht so fleißig wie deine Schwester?“ „Schau dir den Markus an, der ist immer sauber und ordentlich.“ „Du bist genau wie dein Onkel Josef, dieser Taugenichts – Wo wirst Du noch mal landen?“  Ja und dann werden wir vor der Schule gewarnt „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“

Diese und ähnliche Sätze verfestigen sich zu unwiderlegbare Lebens-, Werte- und Glaubensmuster, die uns weiß machen, dass wir so wie wir sind, eben doch nicht ganz so richtig sind. Und dann wundern wir uns, wo all der Spaß und die Heiterkeit geblieben sind, wo all die Leichtigkeit, Gelassenheit und innere Ruhe hin verschwunden sind.

Wie stehen die meisten von uns heute da? Sind wir glücklich und zufrieden? Ja, werden sie sagen: Die Stürme des Lebens, diese Stürme der Ungewissheit und des Unbekannten brausen und werfen hohe Wellen. Trennung von einem Partner, ein Todesfall oder eine andere Veränderung sind Stürme, die uns ganz schön beuteln können. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab, wie die Gefühle, die uns begegnen. Sie zerren an uns, reißen Wunden, nagen an uns.

Andererseits macht das alles nicht den Menschen zum Menschen, mit all seinen Fehlern und Eigenarten?

Wie können wir den Wechselwinden des Lebens widerstehen? Wie können wir dafür sorgen, dass uns die stürmische Brandung nicht weggespült und nicht entwurzelt?

Äußere Ereignisse können wir nur bedingt ändern, manchmal fegt das Leben aus heiterem Himmel über uns hinweg wie ein Tornado, den wir vor wenigen Minuten noch gar nicht ahnten.

Jetzt wäre es gut Gelassenheit, Gleichmut, innere Ruhe zu zeigen und vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit und Stress. Schön, wenn wir diese Gelassenheit immer und überall hätten. Doch viele Menschen leben ständig in einem Zustand geistiger Ruhelosigkeit.

 

Wie wir denken und was wir für wahr halten, beeinflusst unser Verhalten und unser Leben. Und nur allzu oft bremsen uns solche Denkmuster aus oder schaden uns. Denn dahinter steht das Gesetz der sich selbsterfüllenden Prophezeiungen. Das sind Annahmen oder Voraussagen, die allein aus der Tatsache heraus, dass sie gemacht werden, das angenommene, erwartete oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lassen und so ihre eigene Richtigkeit bestätigen. Diese selbsterfüllenden Prophezeiungen sind die Wellen, die sich langsam aufbauen, bis wir in der Brandung zu ertrinken drohen.

Zum Glück müssen wir das nicht einfach hinnehmen. Denn unser Denken ist keine Einbahnstraße. Wir können es auch ändern.

Unser Denken und unser Verhalten zieht eine direkte Verbindung zwischen der Meinung der Anderen über unser Verhalten und dem Wert der eigenen Persönlichkeit. Akzeptieren wir uns so, wie wir sind, mit unseren Stärken und Schwächen. Lösen wir uns von zweitrangigen Motivationen. Unser Wert ist nicht abhängig von Können oder Talenten. So wie wir sind, so sind wir und wir haben einen Wert an sich.

Und wir können unsere Maßstäbe verändern. Es gibt mehr als nur gut – böse, richtig – falsch. Akzeptieren wir die Gegensätzlichkeit in unserem Leben,

Außer unser Denken zu verändern, was können wir tun?

Machen wir uns frei, alles und jeden zu bewerten. Nehmen wir unsere Umwelt, unsere Mitmenschen und ihr Verhalten wahr, ohne zu bewerte und ohne vorzuverurteilen. Sonst bleiben wir im bekannten Teufelskreis von Vorwürfen und Rechtfertigungen stecken. Sehen, was ist.

Teilen wir dem anderen mit, wie seine verbale oder nonverbale Mitteilung bei uns angekommen ist und welche Empfindungen sie auslösen. Bekennen wir uns zur Subjektivität der eigenen Aussage. „Das wirkt auf mich arrogant“ hat wesentlich weniger Sprengstoff als „Sie sind arrogant.“

Im Ich leben: Wie sagt man immer so schön: „Jeder sollte vor seiner eigenen Türe kehren.“ Jedem bleibt es selbst überlassen, wie er sein Leben einrichtet. Ich mag anderer Meinung sein, aber es geht mich nichts an, was andere machen. Also: Kümmern wir uns nicht um Dinge, die uns nichts angehen.

Schon der griechische Philosoph Epiktet sagte: „Es sind nicht die Dinge oder Ereignisse an sich, die uns beunruhigen, sondern die Einstellungen und Meinungen, die wir zu den Dingen haben.“ Und dazu gehören vor allem perfektionistische Leistungsansprüche, übertriebener Ehrgeiz und übersteigertes Verantwortungsbewusstsein. Damit setzen wir uns selbst unter Druck. Meistens brauchen wir gar nicht 100 % oder gar 150 % zu geben, 80 % reichen auch für ein sehr gutes Ergebnis. Wie selbstkritisch und perfektionistisch sind wir mit uns selbst und unseren Tätigkeiten. Wo hetzten und treiben wir uns stets in neue schwindelnde Höhen durch unsere himmelhohen Ansprüche an uns selbst?

Wir alleine sind für die Wirklichkeit verantwortlich, die unsere Gedanken, Hoffnungen oder Befürchtungen schaffen. Die geistige Energie, die jeder unserer Gedanken darstellt, formt uns selbst am meisten.

Wir gewinnen Kraft, wenn wir damit aufhören, unsere Gedanken zu missbrauchen. Innere Gelassenheit liefert Ihnen seelische Stärke und seelische Unverletzlichkeit. Dinge loslassen, sich loslösen von Regeln, von Sicherheit und von Erwartungen setzt Energie frei.

Verwechseln wir Gelassenheit nicht mit Gleichgültigkeit, mit „dickem Fell“ oder mit überheblichem „Über den Dingen stehen“.

Gelassenheit bedeutet einfach, Dinge, die wir sowieso nicht ändern können, so zu lassen und zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind. Gelassenheit heißt, dem Leben gegenüber keine Hemmungen, keine Anspannung, keine Abwehrhaltung, keinen Widerstand, zu haben.

Nehmen wir doch einfach das Gelassenheitsgebet von amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr als Grundsatz unseres Lebens:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Essay: Produzenten, Profiteure, Parasiten

Produzenten, Profiteure, Parasiten

… oder wer schafft wahre Werte

„Ihr Geld ist nicht weg, mein Freund. Es hat nur ein anderer.“ Ja so was geht doch nicht. Einfach Diebstahl, Betrug oder was? Dieser zynische Satz vom Geld, das nun ein anderer hat, stammt nicht aus den letzten Jahren in der laufenden Bankenkrise, wie man meinen könnte. Nein, der Satz ist schon über 150 Jahre alt und stammt von dem französischen Bankier J. M. de Rothschild. Es scheint also immer schon die Regel gewesen zu sein, dass Banken und ähnliche Institute in erster Linie andere betrügen. Schaffen sie wirklich Werte, gehören sie also zu den Produzenten oder doch nur zu den Profiteuren oder gar Parasiten. Die Banker bringen keinen Gegenwert und Wertschöpfung im eigentlichen Sinne. Also sind Banker im eigentlichen Sinne eine nutzlose Spezies. Sie berauben im Grunde genommen die Volkswirtschaft! Wie sagte die Sekretärin zum Bankdirektor: „Wollen Sie wirklich „Hochachtungsvoll“ schreiben? An diesen Betrüger und Halsabschneider?“ „Sie haben recht, schreiben Sie „Mit kollegialem Gruß“.

Der alte Herr von Boch, genannt der General, mein erster Chef nach meinem Studium, pflegte zu sagen. „Die Arbeiter in der Produktion produzieren und die Mitarbeiter im Verkauf verkaufen unsere Produkte. Alle anderen in meinem Unternehmen sind unproduktiv.“ Recht hat er. Wenn wir heute unsere Wirtschaft, unser politisches System, unsere ganze Gesellschaft kritisch betrachten, dann können wir drei große Klassen von Handelnden unterscheiden: Produzenten, Profiteure, Parasiten

Produzenten sind die eigentlichen Schaffer einer Wertschöpfung. Ob das der Mittelständler ist, der sagen wir mal ein kleines Unternehmen der Metallverarbeitung führt. Ob das der Einzelhandelskaufmann, der Wein und Olivenöl aus Italien importiert und hier seinen Markt macht. Ob das die Mutter ist, die den Haushalt führt und ihre Kinder erzieht. Ob das der Künstler ist, der ein Bild malt, einen Roman schreibt, der Musik komponiert oder sie aufführt. Oder ob es der Kneipier an der Ecke, der seinen Kunden ein gemütliches Lokal bietet, oder der Bistrobetreiber, der immer wieder neue Geschmacksideen in seiner Küche kreiert: Sie alle schaffen etwas. Sie gehören zu den Produzenten.

Jetzt ist Deutschland leider nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern das Land der Datensammler, Gremienbilder, Verwalter, Steuerberater, Rechtsanwälte, Verbänden, Finanzbeamten, Rundfunkräte, Konkursverwalter, Industrieversteigerer, Bürokraten, Gewerbeaufsichten usw. Sie alle produzieren vor allem eines: Gesetze und Verordnungen. Das deutsche Bundesrecht umfasst 1.924 Gesetze und 3.440 Verordnungen mit insgesamt 76.382 Artikeln und Paragrafen, natürlich ohne Länder- und Kommunalgesetze und Verordnungen.

Politik und Paragrafenreiter blockieren Innovationen und Investitionen, verhindern Arbeitsplätze. Wer eine Bäckerei oder Metzgerei eröffnet, dem schreibt die Berufsgenossenschaft geriffelte Fußbodenkacheln vor – aus Sicherheitsgründen. Die Gewerbeaufsicht verlangt dagegen glatte – für die Hygiene. Egal, welche Fliesen, immer verstößt er gegen Vorschriften.

Das sind die Profiteure unseres Systems. Eigentlich braucht man sie alle nicht, aber da sie nun mal da sind, fordern sie ihren Anteil von den Produzenten und bieten ihm angebliche Gegenleistungen, ohne die sie nicht leben können.

Jetzt gibt es aber auch noch die Parasiten. Diese fiesen, kleinen Sauger geben ihrem Wirt nicht nur nichts zurück, sondern fügen ihm am Ende sogar Schaden zu. Der Wirt ist unser Gesellschaftssystem, das Allgemeinwohl.

Was leisten Banken, multinationale Unternehmen und Spekulanten für ihre Länder? Nichts, aber auch rein gar nichts springt raus für das viel gepriesene „Allgemeinwohl“.

Oftmals zahlen die Unternehmen nicht mal Steuern, da ganze Heerscharen gewiefter Berater ihnen Schlupflöcher aus den Steuergeißeln aufzeigen. Die Finanzmafiosi Banken und Spekulanten sind auch nicht besser. Alles, was Banken und Banker leisten, hat mit Geld und deren Zinsen zu tun. Also kein Mehrwert in Arbeitsleistung und Erzeugnis. Die Spekulationen des wild umhervagabundierenden Finanzkapitals sind Ausdruck der allgemeinen Krise, in der sich dieses System befindet – sie sind für jeden erkennbar die Verkörperung des faulenden und parasitären Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium.

Und bei der Spekulation geht es nicht nur um das Geld. Die Auswirkungen der Spekulation auf die Realwirtschaft sind ganz enorm und das weist ihnen eindeutig den Status des Parasiten zu. Wir haben Spekulanten im Energiehandel, in Rohstoffen und Edelmetallen. Und vor allem im Nahrungsmittelsektor. Die Preise der Agrarrohstoffe werden unter anderem von spekulativen Anlegern hochgetrieben, die auf die extremen geldpolitischen Strategien der Zentralbanken, die sehr engen und intransparenten Märkte und alle nur denkbaren Knappheitsthesen wetten. Zu den Anlegern zählen nicht nur Hedgefonds, sondern auch Banken und Fondsgesellschaften drücken immer mehr Rohstoff-Anlageprodukte in den Markt, weil sie auf ihre Weise vom Boom profitieren möchten. Folge: die Nahrungsmittelpreise aus dem Ruder: Erhöhungen in 2010 lagen zwischen 30 % bei Fleisch und 88 % bei Kaffee.

Wenn Profite nicht mehr in die materielle Produktion reinvestiert werden, sondern lieber in die „einfachere“ Finanzanlage gesteckt werden, lassen sich damit schneller riesige Spekulationsgewinne erzielen. Aber eines ist auch klar: Die Summe der Gewinne und die Summe der Verluste werden und müssen immer gleich groß sein. So wie Geld nicht verschwindet, wie es nur den Besitzer wechselt, so wird es insgesamt auch nicht mehr. Wer heute billig kauft und morgen für höhere Preise verkauft, macht einen Spekulationsgewinn. Aber ein anderer muss ja in diesem Moment den gestiegenen Preis bezahlen. Und wenn man für den erhofften höheren Preis keinen Käufer findet, kann man seine Gewinne auch nicht realisieren. Erst der Verkauf bringt den Gewinn. Diesen Preis zahlt ein neuer Spekulant aber nur, wenn er höhere Erwartungen für die Zukunft hat. Aber selbst dann, wenn die Spekulanten sich gegenseitig massiv betrügen, bleibt die Summe allen Geldes in dieser Zirkulationssphäre immer gleich.

Wirklich neue Werte entstehen in diesem Kreislauf eben nicht. Neue Gebrauchswerte, Güter und Waren entstehen eben nur in der materiellen Produktion, durch die Eigenschaft der menschlichen Arbeitskraft, mehr Werte (Mehrwert) zu schaffen, als für ihre eigene Reproduktion notwendig ist.

Spekulanten sind Parasiten, die vom Fleiß anderer Leute leben. Diejenigen, die nichts herstellen, sollten auch kein Geld verdienen. Was wir brauchen, sind gesunde Lebensmittel, eine lebenswerte Umwelt, ein zukunftsreiches Bildungs- und Sozialsystem, demokratische Entscheidungen und fair verteilten Wohlstand in den Regionen. Denn das ist unser Land!

Essay: Das letzte Tabu: „Weniger“

Das letzte Tabu: „Weniger“

… oder können wir besser leben, ohne mehr zu haben?

Ein Tabu beruht auf einer stillschweigend praktizierten gesellschaftlichen Übereinkunft, die Verhalten auf elementare Weise gebietet oder verbietet. Tabus sind unhinterfragt, strikt, bedingungslos, sie sind universell und ubiquitär. Bei Tabus herrscht ein absolutes Rede-, Denk- und Frageverbot, sonst wäre es ja kein Tabu.

Es gibt zwar in Deutschland eine Reihe von Dingen, die „man“ nicht tut, oder die politisch nicht korrekt sind, aber das ist meistens „freiwillige Selbstzensur“ oder weil der Zeitgeist es so will. Eben trendy. Eben aalglatt, austauschbar,

Unser letztes Tabu heißt „Weniger“ z. B. weniger Wachstum. Was nützt der Boom, wenn die Jobs immer stressiger werden, der Druck auf den Einzelnen immer höher? Was nützt der Wohlstand, wenn er vor allem denen da oben zugutekommt und unten die prekären Jobs boomen? Was, wenn wir genau wissen, dass wir unsere Umwelt und die Staatsfinanzen ruinieren, und Angst haben müssen, das spätestens für unsere Kinder das „gute Leben“ immer schwieriger zu finden sein wird?

„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ unter diesem Titel kommt wie ein Mantra die Antwort aus Politik und Wirtschaft: Wachstum, Wachstum, Wachstum! Obwohl eigentlich jedem klar ist, dass wir uns auf wirtschaftliches Wachstum als Problemlöser und Friedensstifter nicht verlassen können.

Nun ist eine stetig wachsende Wirtschaft aber bei näherem Hinsehen geradezu ein Schreckgespenst. Wirtschaftswachstum kann nur aus zwei Quellen stammen: Entweder wir arbeiten mehr. Oder wir arbeiten produktiver. Ein konstantes Wachstum von nur 3 % im Jahr, das ist ungefähr das, was sich unsere sogenannten Wirtschaftsexperten mindestens wünschen, bedeutet, dass wir unsere Produktivität oder unsere Arbeitszeit in rund zwanzig Jahren verdoppeln und in rund 75 Jahren gar verzehnfachen müssten. Oder, wenn wir noch weiter schauen (aber wer wird denn gleich sooo weit vorausschauen wollen) in rund 150 Jahren verhundertfachen müssten.

Technisch mag das möglich sein. Aber den zehn- oder gar hundertfachen Produktionsumfang mit dem gleichen Energie- und Rohstoffeinsatz zu realisieren wie wir ihn heute haben, ist völlig unrealistisch. Das weiß eigentlich jeder. Das Wachstum käme ja auch weniger aus der Produktion, sondern aus dem Dienstleistungsbereich. Doch was in aller Welt soll ein Mensch mit so viel Dienstleistungen anfangen? Worin sollen die bestehen? Und woher nehmen wir dann die Zeit, all die schönen Dienstleistungen zu nutzen? Vielleicht jeden Tag zweimal zum Friseur gehen? Oder uns mit dem Taxi nur so zum Vergnügen durch die Landschaft kutschieren lassen?

Hinter der Wachstumsgläubigkeit verbirgt sich ein verkümmertes Bild vom Menschen. Der Mensch wird auf sein Einkommen reduziert. Regierungen streben Wirtschaftswachstum und die Zunahme des Bruttoinlandsproduktes an. Doch dabei werden die eigentlichen Bedürfnisse des Menschen vernachlässigt: Soziale Kontakte, Liebe, Freundschaft und das vielfältige Tätigsein.

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben ist überall spürbar. Einem Leben, das aus der Logik des immerwährenden Wachstums ausbricht.

Wäre es nicht vielleicht klüger, dass wir alle weniger und in gemütlicherem Tempo arbeiten, und hinterher genüsslich und ohne Hast die Annehmlichkeiten der Technik genießen. Oder wäre es nicht sinnvoller, statt immer billigere Wegwerfprodukte herzustellen, hochwertige Produkte und sauber ausgeführte Dienstleistungen anzubieten. Sie halten länger und belasten Umwelt und Ressourcen weniger. Dafür dürfen sie ruhig teurer sein.

Aber wir Menschen neigen eher zu kurzfristigem Denken, das selten über die eigene Lebensdauer hinausgeht, wenn überhaupt. „Na, solange wir leben und unsere Kinder wird es wohl noch gut gehen. Veränderungen müssen sein. Aber später.“

Materieller Konsum kann nicht Sinn und Krönung unserer menschlichen Existenz sein. Leider werden uns heute als Vorbilder, nur Menschen mit schamlosem Konsumverhalten präsentiert.

Ein qualitatives Wachstum kann aber von uns nur geleistet werden, wenn die hochwertigen Produkte auch angenommen werden und vor allem wenn die Bevölkerung einen entsprechenden hochwertigen Ausbildungsstand aufweist. Es mangelt uns an Fähigkeiten und Fertigkeiten ein ganz anderes Leben zu führen. Hier besteht bei uns ein immenser Nachholbedarf. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Volk, das in großen Teilen kaum anspruchsvolle Aufgaben bewältigen kann, ein qualitatives Wirtschaftswachstum zustande bringt.

Wie können Menschen auch bei geringerem materiellen Wohlstand zufrieden leben und ihre Gemeinwesen funktionsfähig halten? Dieser Frage müssen wir uns all stellen. In erster Linie natürlich Politik und Wirtschaft. Die Chancen hier eine Antwort zu finden stehen schlecht. Denn gerade Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise fördern jene mehr denn je das Wachstum, ohne die langfristigen Folgen dieser Vorgehensweise zu berücksichtigen. Unser ganzes Bildungssystem ist ausschließlich auf Broterwerb gerichtet. Der Teil der uns zu einem eigenständigen, immateriell reichen Leben befähigt bleibt außen vor. Wo und von wem bekommen unsere Kinder mit, wie lebendige zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut werden? Wer lehrt sie, dass Fürsorge für andere zum Menschsein gehört? Wer zeigt ihnen, dass Freude an Kunst und Natur weit größer sein kann, als diese Mickeymouse-Gesellschaft vor und mit den Spielekonsolen und vor den Billigproduktionen der „scripted reality shows.

„Sind das noch Menschen“, fragt sich 1874 schon Nietzsche, „oder vielleicht nur Denk-, Schreib- und Rechenmaschinen.“

Von allem haben wir mehr und sind doch nicht glücklich. Wir haben mehr Wissen, aber weniger gesunden Menschenverstand. Wir haben mehr Experten, aber immer mehr ungelöste Probleme. Wir haben mehr Medizin, aber weniger gute Gesundheit. Wir kaufen mehr, genießen es aber immer weniger.

Ein gutes und glückliches Leben ist bei Befragungen für die meisten vor allem Gesundheit, finanzielle Sicherheit, sprich „das tägliche Brot“, gute Freunde, eine gelungene Beziehung. Soweit die Theorie. Im täglichen Leben verschwenden wir die meiste Zeit an die Arbeit und um irgendeinem imaginären Aufstieg nach zu hecheln. Wie viel Zeit verbringen wir mit unserer Familie, mit unseren Freunden? Im Durchschnitt hängt der Bundesbürger pro Tag rund vier Stunden vor der Glotze. Wie viel Zeit verbringt er mit Lesen, Musik, Theater?

Wer kann sich zu einem echten Kurswechsel aufraffen? Denn jene voraussichtlich neun Milliarden Menschen, die in wenigen Jahrzehnten die Erde bevölkern werden, werden mit Sicherheit nicht so leben können wie wir heute leben.