Archiv der Kategorie: Geschichten

Hier veröffentliche ich regelmäßig meine Kurzgeschichten

Kurzgeschichte. Krankgemeldet

Krankgemeldet

Er brauchte ja gar nicht hier am Fluss zu sein. Hatte sich krankgemeldet. War also zu Hause. Und auf den Gedanken, dass er an einem hellen Werktag zum Angeln ginge, konnte nie jemand kommen. Er ging immer nur am Wochenende zum Angeln. Und nie alleine. Immer sonntags morgens. Und nie alleine. Das wusste jeder. Gut, er war hier. Aber wer wusste das schon? Niemand. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn schon. Er brauchte den Hut ja gar nicht gesehen zu haben, der gerade eben auf dem trägen braunen Fluss vorbeigetrieben war. Gut er hatte ihn gesehen. Aber wer wusste das schon. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn schon. Er brauchte ja den Hut gar nicht erkannt zu haben. Gut, er hatte ihn erkannt. Zu auffällig war er gewesen, der Hut, als dass er ihn nicht wiedererkannt hätte. Gut, er hatte ihn erkannt. Aber wer wusste das schon.  Niemand. Ging ja auch niemand etwas an.

Wenn er also gar nicht hier war, konnte er den Hut nicht gesehen haben. Konnte ihn auch nicht wiedererkannt haben. Brauchte also nichts zu unternehmen. Er brauchte sich also gegenüber niemandem zu erklären. Oder gar zu rechtfertigen. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn doch? War er etwa verpflichtet eine harmlose unbedeutende Beobachtung zu melden. Und wenn doch? Wem sollte er diesen beiläufigen Vorgang melden? Dem Angelverein? Dem Amt für Wasserwirtschaft? Dem Ordnungsamt? Der Polizei?

Und wenn doch, was sollte er berichten? Dass ein x-beliebiger Hut im Fluss geschwommen sei? Jetzt, an diesem Vormittag? Das wäre nicht berichtenswert.

Er müsste also erklären, warum er eine solche Banalität zum Melden für wichtig genug hielt. Er brauchte doch die Zusammenhänge gar nicht zu kennen. Er hielt keine Zeitung, also konnte er die Zusammenhänge gar nicht kennen.

Dass er beim Zigarettenkauf am Kiosk heute Morgen die Überschrift gelesen hatte? Das konnte niemand wissen. Ging auch niemand etwas an. Also wozu sollte er sich unnötiger Weise Gedanken machen. Er hatte mit der ganzen Sache gar nichts zu tun, aber auch rein gar nichts.

Er hatte nur seine Arbeit getan. Nein, nur seine Pflicht hatte er erfüllt. Pflichtgemäß hatte er die junge Frau mit dem weißen, kecken Sommerhütchen in der Personalabteilung angemeldet. Das war ihr Begehr. Sie habe einen Termin. Ein Vorstellungsgespräch. Und genau das hatte er getan. Den Direktverbindungsknopf zur Personalabteilung gedrückt. Hier ist eine Frau Kammerlander. Nora Kammerlander. Sie hat ein Vorstellungsgespräch um 9.30 Uhr. Ja, genau das hatte er gesagt.

Wer sollte ihm daraus einen Vorwurf machen? Noch nie hatte ihm jemand einen Vorwurf wegen der Erfüllung seiner Arbeit gemacht.  Korrekt war er. Penibel sagten andere. Genau war er. Linsenspalter hatten andere gesagt. Ordentlich war er. Pedant hatten andere gesagt. Sollten sie doch. Seine Chefs waren zufrieden mit ihm. Sehr zufrieden. Alles Weitere brauchte ihn nicht zu interessieren.

Und die Besucher der Firma? Die brauchten ihn auch nicht zu interessieren. Ob ihre Mission erfolgreich war oder in einer Niederlage endete, das konnte er nicht beeinflussen. Brauchte ihn auch nicht zu interessieren. Ging ihn ja auch nichts an.

Auch wenn er dem jungen Fräulein mit dem übermütigen Hütchen gleich hätte sagen können, dass sie die Anstellung, wegen der sie vorsprach, nicht bekommen würde. Er hatte seine Erfahrungen. Seine Firma suchte etwas Solides, Gediegenes, nicht so ein … er tat sich schwer mit dem passenden Ausdruck … nicht so eine leichtfertige, nicht so ein Flittchen. Nein, seine Mutter hätte sie so genannt. Für ihn klang das etwas hart. Ja, er hatte seine Erfahrungen. Aber die Entscheidungen trafen andere. Auch wenn sie ihn vorwurfsvoll anschaute, als sie, ohne eine Miene zu verziehen die Firma wieder verließ.

Dass sie seitdem verschwunden war, gar bei der Polizei als vermisst gemeldet war, dass konnte viele Gründe haben. Gut, vielleicht hatte sie sich die Absage zu Herzen genommen. Aber ihn ging das gar nichts an. Ganz sicher hatte sie sich die Sache zu Herzen genommen. Brauchte ja keiner zu wissen, dass er sie wiedergesehen hatte, als er zur Mittagspause fuhr. An der Bushaltestelle. Warum hätte er sie ansprechen sollen? Sie vielleicht nach Hause fahren sollen? Gut er hatte sie angesprochen. War ja auch nichts dabei. Und er hatte sie auch mitgenommen. Ging aber keinen etwas an.

Jetzt würde er einen Strich unter das Ganze ziehen. Nach Hause gehen. Durch die schmalen Wege der Schrebergärten. Dort sah ihn niemand. Nach Hause. Mittag essen. Mutter wartete bestimmt schon. Bestimmt hatte sie Knödel für ihn gekocht.

Seine Mutter schaute ihn an. Liebevoll. „Man hat sie gefunden.“ Sagte sie. Er lächelte sie an. „Wenn interessiert das schon. Niemanden.“

 

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Pinucia – die Fette

Pinucia – die fette Frau

Sie rührte gedankenverloren ihre Brioche in ihrem Cappuccino, den sie neben sich auf die Marmorfensterbank gestellt hatte. Ihre rechte Schläfe lehnte an der Fensterscheibe. Ihre braunen, ausdruckslosen Augen starren auf die via Benvenuto Cellini, die nach zwanzig Meter in die via Nizza, eine ewige Baustelle, mündet. Seit neun Jahren, seit ihrer Heirat mit Carmelino wohnt sie hier, in einer Umgebung, die ihr nicht behagte und ihr, die sie dreißig Jahre in der edlen via Roma im Herzen von Turin, über dem Zuckerbäckerladen ihres Vaters gelebt hatte, auch nicht angemessen schien. Sie war besseres gewohnt und hatte auch besseres erwartet und verdient.

Sie, die von ihrem gutmütigen, liebevollen und schwerfälligen Vater, den alle bei seinem Nachnamen Pace – Frieden riefen, in den Stand einer Prinzessin erhoben worden war; sie, die schon als Dreijährige in rosaroten Spitzenkleidchen, goldenen Lederschühchen und einem feinen Pelzjäckchen in den Kindergarten gebracht wurde, was natürlich von keinem ihrer kleinen, eifersüchtigen Mitbesucherinnen des Kindergartens gewürdigt wurde; im Gegenteil, deren unverhohlener Neid entlud sich in Spott und Beschimpfungen, nicht nur wegen ihrer ausgefallenen Kleidung, sondern auch über ihr damals schon sehr rundlichen Körperbau, der im Laufe der Jahre immer mehr zunahm und schon zu ihrer Schulzeit auch nicht durch die raffiniert geschnittenen Kleider, maßgefertigt aus dunkelrotem Taft oder ultramarinblauem Samt, kaschiert wurde. Sie war immer mehr zum Gespött der ganzen Schule geworden. Sie, die eigentlich allen überlegen war und doch mit Füßen getreten wurde.

Aber sie hatte damals eine Macht, eine Versuchung, ja, Verführung, die keiner ihrer Schulkameraden widerstehen konnte: La pasticceria e cremeria Pace unter den Arkaden der via Roma mit ihren acht imponierenden Schaufenstern und den 12 Tischen draußen. Hier verkehrten die Reichen und die Schönen von Turin, aßen ihre cannoli oder torronocini zu einem café oder Cappuccino, kauften ihre panettone zu Weihnachten und ihre colomba zu Ostern. Sogar Gianni Agnelli, der allmächtige Chef von Fiat verkehrte hier.

Und welche Kinder konnten diesem Genuss aus torroncini, der cassata, der zabaione, den tartuffi, der heißen Schokolade und den unzähligen Gebilden aus Schokolade, Sahne, Mandeln, Nüssen widerstehen, die ihr Vater nach alten Familienrezepten herstellte. Schließlich bestand die pasticceria Pace seit 1870, obwohl sie bis Anfang der fünfziger Jahre eine latteria, ein Milchgeschäft war, wo ihr Großvater noch in den typischen, weißen Fässern die frische Milch im Pferdewagen ins Haus lieferte. Niemand sagte nein, wenn Pinucia zweimal im Jahr zum Schluß des Schuljahres und zu ihrem Geburtstag einlud, Hof hielt und ihre Gnade all denen zuteilwerden ließ, die sie, zumindest an diesem Tag, liebten.

Sie rührte gedankenlos mit ihrer Brioche, die sich schon halb im Cappuccino aufgelöst hatte.

„Giuseppina“ sagte sie sich … Ja, sie redete laut mit sich selber und sie redete sich selbst als einzige mit ihrem korrekten Vornahmen an:

„Giuseppina, die Liebe ist nur eine andere Form des Mitleides.“

„Oder es verbirgt sich hinter diesem Ausdruck für das Ereignis der Liebe, das du so sehnlichst erwartet hattest, nur reine Habgier.“

Ja, zu solchen Überlegungen war sie fähig, obwohl das niemand hinter der trägen Masse ihres Körpers und der linienlosen Schlaffheit ihres Gesichtes vermutet hätte.

Die Liebe, der Märchenprinz, der principe blu, eigens angefertigt für die Contessa Giuseppina, wie lange hatte sie darauf gewartet. Und nichts hatte ihr Vater unversucht gelassen, ihre Träume, die von ihm selbst angeregt und genährt wurden, nicht zerbrechen zu lassen.

Er stellte sie jedem besser gestellten Kunden der pasticceria vor, nahm sei mit zu den winterlichen Festlichkeiten seiner Zunftgenossen. Im Mai fuhr er mit ihr zum Urlaub an die Riviera nach Allassio ins Grand Hotel mediterrane direkt am Lungo Mare und im August nach Cattolica ins Wellnesshotel Vittoria direkt am Strand. Und jedes Mal verliebte sie sich aufs Neue. In Alessandro den Sohn des Hotelbesitzers in Allassio und in Roberto den Sohn des Hotelbesitzers in Cattolica, wo sie immer ihre vier Wochen im August verbrachten. Gefördert durch diskrete und direkte Zahlungen ihres Vaters mussten diese in jedem Urlaub mehrmals zum Abendessen und anschließend zum Tanzen ausführen. Sie in silber-goldenen Albendkleidern und die Jungs in weißen Dinner-Jacketts und Roberto dazu im offenen Alfa-Spider, der sie wesentlich besser zu kleiden schien als der etwas gutbürgerliche Maserati von Alessandro. Sie liebte diese vier Wochen in Cattolica, die Abende mit Roberto im Posillipo, dem exklusivsten Fischlokal der gesamten Adria hoch über dem Meer und dem anschließenden Tanzen im Marechiaro, wo sie auf den Tanzflächen unter freiem Himmel in selige Träume versank. Doch keiner der beiden Verehrten und Angebeteten hatte sie und ihre Familie, wie jedes Mal versprochen, in Turin besucht.

Im diesigen Novemberniesel schlurfte unten der alte, krummbeinige Nunzio, ein kleiner, mickriger Sizilianer in seiner braunen Anzugjacke und der ebenso braunen coppola storta, der schiefen Mütze der Sizilianer auf seinem fast kahlen Schädel. Also war es pünktlich zehn Uhr. Um diese Zeit ging der Alte weg von seiner Arbeitsstelle, einem altersschwachen Schuppen, das den hochtrabenden Namen Intermecan trug, um sich in der via Nizza in der Bar Sforza seinen Cappuccino zu trinken.

Zehn Uhr. Also waren es noch höchstens zwanzig Minuten Zeit, bis das eintrat, was sie sich seit Wochen, ja Monaten vorgestellt hatte.

„Tok, tok, tok“ klang es durch die Wohnung.

„Heute gehe ich nicht rüber.“

„Tok, tok, tok“ der Besenstiel in der Nachbarwohnung stieß zum zweiten Mal gegen ihre Wand, energischer, fordernd und ungeduldig.

„Scheiß` dir doch in die Hosen. Ich komme nicht.“ Sagte Pinucia mehr zu sich als zu der alten Frau, ihrer Schwiegermutter in der Nachbarwohnung.

„Tok, tok, tok“

„Du hast doch dieses Scheusal Carmelino auf die Welt gebracht. Und jetzt soll ich noch als Dankeschön für Das Elend, in das du und dein vermaledeiter Sohn gebracht haben auch noch den Arsch abwischen. Vaffanculo, strega, merda, fatti fottere.“

„Seit neun Jahren bin ich mit deinem stronzo von Sohn verheiratet und seit acht Jahren, seit ich meinen Sohn Cirò geboren habe, hat er mich nicht mehr angerührt.“

„Und du alte verdammte Hexe hast mir auch meinen Sohn Cirò genommen. Nach der Schule kommt er zu dir, genauso wie den Sohn Carmelino sich mehr in deiner Wohnung aufhält, als in unserer. Wenn er denn überhaupt zu Hause ist und nicht mit blonden, dürren Schlampen in den Bars rumhängt.“

„Tok, tok, tok“

Sie stand auf und legte ihr Ohr an die Wand zu ihrer Schwiegermutter. Sie hörte deren Stock klappernd und knallend zu Boden fallen. Sie hörte die Alte keuchen, wimmern gurgeln. Sie hörte leises Rumpeln und Ächzen. Die Alte schien nach Luft zu ringen.

Sie setzte sich wieder ans Fenster

Draußen kam der alte Nunzio um die Ecke zurückgeschlurft. Also war es 20 Minuten nach 10 Uhr. Nunzio sah nie hoch. Trotzdem lächelte sie ihm zu und hob ihre schlaffe Hand zu einem schüchternen Gruß. Ihm hatte sie das kleine Fläschlein mit der klaren Flüssigkeit zu verdanken. Vor einiger Zeit hatte ihr Mann Carmelino es von ihm bekommen. Angegeben hatte er mit dem Teufelszeug, geprahlt dass ein Leben damit in 20 Minuten ausgelöscht werden konnte. Ganz hinten im Küchenschrank hinter den alten Kaffeedosen mit den Gewürzresten hatte er es versteckt. Und sie hatte es gestern Abend in die neue Amarettoflasche für ihre Schwiegermutter getan.

Absolute Stille im Haus … Vorbei … Endlich vorbei.

Wenn es mit der Schwiegermutter so einfach war, dann würde sie sich ein neues Fläschlein von Nunzio besorgen und dann war ihr Ehemann an der Reihe.

Die Geschwister Bucci

Die Geschwister Bucci

Jules Barrois

Es gibt für mich kaum etwas Angenehmeres, als am Nachmittag auf der schattigen Terrasse des Hotels Cevoli zu sitzen, und meine Ohren vom leisen Flattern der Sonnenschirme, vom monotonen Wellengang des Meeres und vom zarten Klirren der Eiswürfel im Glas einlullen zu lassen. Vor allem wenn „ferragosto“ vorbei ist und das ewige Kindergeplärr, begleitet von dem ständigen „fermati“, „veni qua“ und „smettila“ genervter Mütter nicht mehr meine Ruhe stört und meine Ohren strapaziert.

Und wenn dann noch angenehme Gesprächspartner dazukommen, wie ich sie in diesem Sommer in den drei sorelle Bucci gefunden hatte, dann konnte auch der „garbino“ mir nichts anhaben, der Wind aus Afrika, der die Temperaturen von Tag zu Tag nach oben trieb und sich dann in einem chaotischen Gewitter entlud, das aus Nord-Nord-Ost so schnell aufzog, dass den Kellnern kaum Zeit blieb, die Aschenbecher einzusammeln und die fortwehenden Tischtücher einzufangen.

Auch diese Momente hatten ihren Reiz, geschützt durch ein festes Glasdach, das in einer Minute quietschend und rumpelnd ausgefahren war und von den in Leichtmetall gefassten Kunststoffscheiben, die die zwei Kellner noch schnell genug zuzogen, um uns so von allen Seiten gegen den prasselnden Regen schützten.

Alle Touristen flohen Hals über Kopf, beladen mit ihren Badesachen, den Bällen, Förmchen, Schaufeln, Baggern der Kinder und den übergroßen Badetaschen der Frauen und brachten sich vor dem einsetzenden Regen unter den schmal überstehenden Dächern der Umkleidekabinen in Sicherheit.

Und die Geschwister Bucci genossen mit mir nun das fantastische Schauspiel der prächtig zuckenden Blitze am schwarzen Himmel der Adria.

„Wie ein Feuerwerk, nur noch beeindruckender.“ flüsterte – wie immer mit einem leichten Kichern in der Stimme – Griselda, mit knapp 82 die Älteste von den Dreien.

„Ist aber nicht so bunt.“ raunzte Signora Bucci, die Zweite, mit schon etwas stachligen dunklen Haaren auf Oberlippe und Wange, denen man ansah, dass sie sich einmal in der Woche rasieren musste.

„Dafür ist es kostenlos.“ gab Olga, die Schwarzhaarige zurück, die ebenso vergeblich immer wieder betonte, dass ihre pechschwarzen Haare nicht gefärbt, sondern „natur“ wären, wie sie auch ihr Alter mit 62 Jahren 10 Jahre tiefer ansetzte, als es in ihrer „carta d‘ identità“ stand.

Eigentlich waren sie keine Schwestern. Nur wenn sie sich vorstellten, führte immer Signora Bucci das Wort und sagte mit ihrer rauen, etwas brummigen Stimme. „Sono Signora Bucci quelle due ragazze sono mie sorelle.“ Dann streckte die Schwarzhaarige ihre kräftige Hand aus und sagte: „Sono Olga, la tigra delle abruzzo.“ Worauf Signora Bucci – von ihr habe ich nie den Vornamen erfahren – sofort knurrte „Sie kommt nicht aus den Abruzzen, sondern aus Macerata in den Marchen. Und eine Tigerin wäre sie wohl gerne. Während mir die älteste mit einem angedeuteten Knicks ihre ungeheuer gepflegte Hand reichte, „Griselda – di Milano“. „Ihr können Sie glauben, sie kommt zwar nicht aus Milano, hat aber fast ihr ganzes Leben dort als Balletttänzerin und dann als Klavierlehrerin verbracht.“ „Ja, aber das war ganz früher – und jetzt wohne ich in Lecco, an der südlichen Seite des Comer Sees. In Milano könnte ich nicht mehr leben.“ „Ja, du bist auch was Besseres. Ich lebe in der Stadt, in Genua und mir gefällt es“ entgegnete Signora Bucci. „Ihr wisst gar nicht, wie gut es ist, auf dem Land zu leben, wie ich“ bemerke Olga und holte zu einem ihrer gefürchteten längeren Vorträge über die Abruzzen aus.

Drei Grazien zwischen 72 und 82 Jahren, die höchstens Schwestern im Geiste waren, aber nach Art und Herkunft nicht unterschiedlicher hätten sein können. Aber im Hotel, am Stand und in den zwei Strandbars, die sie regelmäßig aufsuchten, wurden sie nur die „sorelle Bucci – die Schwestern Bucci“ genannt.

Sie plauderten und erzählten aus ihrem reichhaltigen Leben – eine köstliche Unterhaltung – für die ich mich am Vormittag mit capuccino und brioche bedankte, am Nachmittag mit einem gelato oder einem Eiscafe und am Abend mit einem Champagner, den Griselda gerne nahm, Olga aber lieber eine Grappa kippte und Signora Bucci mit einem Whiskey ihre schon raue Stimme pflegte.

Wenn eine etwas erzählte, so korrigierten die anderen, wenn sie mich alleine hatten, baldmöglichst das Erzählte. Signora Bucci ließ kein gutes Haar an den anderen und Olga, la tigra stand ihr in nichts nach. Lediglich Griselda, feingliedrig und zurückhaltend, sagte nur wenig über die beiden anderen.

Also, wenn Olga berichtete „Mein Mann, Gott hab‘ ihn selig, war eine Seele von einem Mann. Sie müssen wissen junger Mann, wir hatten und ich habe immer noch ein Haushaltswarengeschäft – sehr gut gehend – das jetzt mein Sohn und meine Tochter gemeinsam führen. Mein seliger Mann (jedes Mal bei dem Wort selig bekreuzigte sie sich) hat für uns alle so viel getan, richtiggehend aufgeopfert hat er sich. Schade, dass unser Signore dort oben ihn so früh zu sich gerufen hat. Aber Gott sei Dank habe ich ja zwei reizende Kinder, die ihrer Mutter das Leben so schön und angenehm wie möglich machen. Ich kann mich nur glücklich schätzen, eine solch hervorragende Familie zu haben.“

Dann raunte Signora Bucci mir bei nächster Gelegenheit zu, dass Olgas Mann mit Sicherheit in der untersten Hölle schmore, als Strafe für sein lasterhaftes Leben, das aus Trinken, Karten spielen und seine Familie quälen bestanden hätte. Und was die beiden Kinder der Olga beträfe, so seien sie wahre Teufel, die ihre Mutter am liebsten unter der Erde sähen, um alles in Besitz zu nehmen. Denn noch besäße Olga alles und ließ die beiden in nichts, aber auch in gar nichts hereinschauen, womit sie natürlich Recht habe. „Wissen Sie, junger Mann, die beiden neiden ihrer alten Mutter jeden Urlaub, weil dadurch ihr Erbe geschmälert wird“.

Und wenn Signora Bucci beim Nachmittagseistee erzählte, dass ihre beiden Töchter, „suore“ – Schwestern bei den Dominikanerinnen in der Nähe von Camoglie in Ligurien seien und sie so stolz darauf wäre, dass sie dem Herrn dienten und dass ihr Mann, Gott habe ihn selig, so voller Freude über den Entschluss dieser beiden Töchter gewesen wäre, hätte er doch jeden Abend den Rosenkranz gebetet und Messen und Novenen lesen lassen, so steckte mir Olga la tigra über kurz oder lang, dass Signor Bucci mitnichten den Rosenkranz gebetet habe, sondern jeden Abend die Lehrmädchen und weiblichen Aushilfskräfte der Bar in Genua, die er mit seiner Frau betrieb, hergenommen habe und seine einzige Novene sei es gewesen, es mit neun verschiedenen Frauenzimmern an neun Tagen hintereinander zu treiben. Und ihre Töchter habe Signora Bucci gegen den Willen ihres Mannes in ein katholisches Internat in Civita vecchia geschickt, als sie bemerkte, dass ihr Mann die beiden mehr als lüstern betrachtete und seine Hände nicht an sich halten konnte. „Wissen sie junger Mann, es mag die eine oder andere Ausnahme geben, wie meinen geliebten Mann, Gott hab ihn selig, aber im Grund genommen, sind Männer doch nur an einem interessiert … “

Und wenn Griselda berichtete, dass ihr Mann zweiter Inspizient am teatro Fenice in Venezia gewesen sei und später erster Inspizient an der Scala in Milano, wo die berühmtesten Sängerinnen und Sänger mit ihr – Griselda – am Klavier, die besonders schwierigen Passagen ihrer Arien repetierten, so korrigierte Signora Bucci schnellstmöglich, dass Griseldas Mann – von wegen Inspizient – einfacher Kulissenschieber an einem unbedeutenden Theater in Cremona gewesen war, am gleichen Theater, an dem Griselda als vierte Tänzerin in der zweiten Reihe zu sehen war und ihre Karriere schon beendet gewesen sei, bevor sie begonnen habe, nämlich durch eine Schwangerschaft, in die sie dieser unreife Lümmel von Kulissenschieber gebracht habe. Und, fügte sie hinzu, von wegen Klavier und Repetieren mit Stars, nein, sie seien nach Milano gezogen, wo sie ihr Kind heimlich zur Welt gebracht habe und dass sie als billige Klavierlehrerin habe arbeiten müssen und unmusikalischen höheren Töchtern vergeblich versucht habe, Tonleitern beizubringen. „Wissen Sie, junger Mann, ihr Kind ist dann kurz nach der Geburt gestorben, aber da war sie mit diesem Strauchdieb schon verheiratet und hatte ihn lange ertragen müssen.“

„Wie alt sind Sie junger Mann“? Fragte Signora Bucci mit der unvermittelten direkten Art älterer Frauen, die niemanden mehr beeindrucken wollen.

„Danke für den jungen Mann. Aber ich werde im Oktober schon zweiundfünfzig.“

„So alt war mein Mann, als unser Signore“ und sie deutete mit dem Finger zum Himmel „ihn zu sich rief“. „Unsinn“ maulte Olga „er ist einfach an einer Fischvergiftung gestorben.“

„Man lässt auch die brodetto di pesce – die Fischsuppe – nicht zwei Tage alt werden“ kicherte Griselda „Meiner ist ihm gleichen Jahr in unserer Mailänder Wohnung die Treppe heruntergefallen“. „Ja, weil er vorher verdorbene Fischsuppe gegessen hatte und er ohnmächtige wurde.“ korrigierte Olga. „Meiner“, sagte sie, „meiner ist ganz normal im Bett gestorben.“ „Wer weiß, wer weiß“ … sagte Signora Bucci „niemand war dabei. Und hast du nicht erzählt, dass du ihm noch Fischsuppe gekocht hast, bevor du in Urlaub gefahren bist. Und außerdem, wir waren lange verheiratet, viel zu lange. Und wenn wir damals nicht …“

Wir wurden unterbrochen durch Adriana, die auf die Terrasse trat. „Das ist die Chefin des Hotels“ kicherte Griselda „sie hatte einen herzensguten Mann in Wien und sehr vermögend“ „Herzensgut???“ meckerte Signora Bucci „Über jede Lira musste Adriana Rechenschaft ablegen. Sie bekam ihr Haushaltsgeld in bar und die ganze Zeit ihrer Ehe blieb es auf gleicher Höhe, die Hölle war das. Also wenn mein Mann …“

Die Inhaberin des Hotels Cevoli, eine waschechte Wienerin trat an unseren Tisch.

„Ich hoffe Sie unterhalten sich gut?“ „Danke, sehr reizend die sorelle Bucci.“ „Ja das sind sie. Und wissen Sie auch, dass die drei meine ersten und damit ältesten Gäste sind. Wir haben uns hier das erste Mal vor fünfundzwanzig Jahren getroffen. Da war ich selbst noch Gast hier. Wir hatten uns schnell angefreundet. Und ein Jahr später wurde wir alle drei Witwen, als wir wieder gemeinsam hier Urlaub machten. Und dann habe ich einfach dieses Hotel gekauft, mein Mann, Gott hab ihn selig, war nicht unvermögend.“

„Woran ist ihr Mann, damals so überraschend gestorben?“

„Woran? Dreimal dürfen sie raten, junger Mann.:-))“

Der Schneider

Der Schneider

Sie waren auf seinen Ladentisch gerichtet. Seine bodenlosen Augen von der unergründlichen Farbe, wie sie die Waldseen im hohen Aspromonte an einem Herbsttag zeigen. Dunkel, tief, klar, aber ohne Glanz. Wenn er sich nicht bewegte, wurde er eins mit dem einfachen Raum seiner Änderungsschneiderei. Sein undefinierbar bräunlicher Anzug verschmolz mit den abgewetzten Maserungen seiner Schränke mit den vielen kleinen Schubladen, in denen er Nadeln, Scheren, Garne, Stoffstücke nach seinem eigenen, für andere nicht erkennbaren Regeln hütete und bewachte wie andere ihre Münzsammlungen oder Fotoalben.

Während er arbeitete, d. h. während der Geschäftszeiten trug er einen einfachen beige-grauen Kittel über seinem Anzug. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, waren Strümpfe in Flaschengrün von Brioni, die aber nur dem wirklichen Kenner auffielen und von denen gab es im weiten Umkreis der etwas heruntergekommenen Kleinstadt niemanden.

Er saß gebeugt auf einem schlichten glatten Holzstuhl hinter einem großen Tisch, der ihm für alles diente – fürs sorgsame Nähen, fürs Lesen der Zeitung Calabria Ora, die ihn immer mit einem Tag Verspätung erreichte, für das Entgegennehmen der seltenen Aufträge, meistens Hosen oder Röcke kürzen. Eine kleine farblose Existenz – die vollendete Unauffälligkeit.

Es war zwei Minuten vor 18 Uhr, der Zeit des Geschäftsschlusses. Nie in den 15 Jahren, seit er aus Cariati, einem kleinen Ort in der Provinz Cosenza nach Deutschland gekommen war und diese Änderungsschneiderei eröffnet hatte, war ihm der Gedanken gekommen, auch nur eine Minute früher als 18 Uhr zu schließen. Genauso wie er morgens exakt um 8 Uhr seine Ladentür aufschloss.

Noch eine Minute, dann würde er schließen – sein Geschäft. Eigentlich war es kein Laden, sondern das ehemalige Wohnzimmer eines schmalen alten Hauses mit einem Flur zur Linken und drei Zimmer zur Rechten. Sie hatten damals das Fenster erweitert und eine Tür nach draußen gebrochen. In den leeren Raum kamen der Tisch, der Wäscheschrank mit den vielen Schubladen, zwei offene Regale. Eine Schneiderpuppe in der linken Ecke wartete seit dieser Zeit vergeblich auf eine Anprobe und der kleine runde Tisch mit zwei Holzsesseln war gedacht als Wartezone, wenn mal mehr als ein Kunde zur gleichen Zeit da wäre. Bisher war das nicht vorgekommen.

Der Zeiger der Uhr sprang auf 18 Uhr. Der Schneider löschte seine Arbeitsleuchte, erhob sich, ging langsam und geräuschlos zur Tür, drehte das alte silberne Schild von „Offen“ auf „Geschlossen“ und ließ die Jalousien an Fenster und Tür herunter.

Er tauschte seinen Arbeitskittel gegen einen graubraunen Regenmantel, zog dünne braune Seidenhandschuhe über seine schmalen, alterslosen Hände, steckte zwei kleine, zusammengefaltete Zettel, die mit Tesafilm verschlossen waren in seine linke äußere Manteltasche, schaute in den Briefkasten. Ein einfacher Holzkasten, innen an die Eingangstür genagelt mit einem metallfarbenem Schlitz darüber. Zwei dicke DIN-A5-Kuverts aus bräunlichem Packpapier fand er im Briefkasten. Eines davon mit einem kleinen Kreuz in der rechten oberen Ecke, also für den Pfarrer. Das andere mit einem kleinen x an der gleichen Stelle, für Mimmo. Aber keines für Domenico. Er steckte sie in die rechte Manteltasche und zog eine Kappe auf sein dunkles, schon etwas gelichtetes Haar, das streng nach hinten gekämmt war.

Ohne Worte ging er durch den Raum hinter seinem Laden, eine Art Wohnküche, in dem seine Frau mit ihrer Tochter Concetta Peperoni schnitt. Seine Tochter Valentina saß auf der mit einer grauen Decke bespannten Couch und blätterte in einem italienischen Comicheftchen. Sie war nicht seine Tochter, auch nicht seine Stief- oder Adoptivtochter. Sie war die Tochter seines Cousins Fabrizio, der eine Bar in der Nähe betrieben hatte, bis er vor fünf Jahren erdrosselt in seinem Lokal gefunden wurde. Der Schneider hatte die Kleine, sie war damals noch keine zwei Jahre alt gewesen, einfach zu sich genommen. Grußlos verließ er die Küche und nahm im Flur sein Fahrrad, obwohl es leicht regnete. Normalerweise nahm er bei diesem Wetter den Bus für seine kleinen abendlichen Ausgänge. Bei schönem Wetter ging er zu Fuß. Doch heute waren Eile und Pünktlichkeit geboten. Um 19 Uhr begann in der nahe Johanniskirche die Vorabendmesse. Morgen war Allerheiligen.

Der Feierabendverkehr draußen war abgeebbt. Er fuhr mit dem Fahrrad über den Bürgersteig an den abgasgeschwärzten Fassaden vorbei bis zur nächsten Kreuzung, genauso langsam, geräuschlos und unsichtbar, wie er ging. Vorne bog er in den Schlossgarten ein, vorsichtig bei dem nassen Laub. Der Herbst war dieses Jahr spät gekommen. Am leeren Spielplatz vorbei, durch den Rhododendronhain. Am Ende standen drei Holzbänke, die bei schönem Wetter von Rentnern bevölkert waren. Er hielt bei der mittleren Bank an und schob die zwei kleinen, gefalteten Briefchen in den Ritz zwischen der zweiten Latte der Bank und dem mittleren Standfuß.

Inzwischen war die Nacht wie ein schwarzer Vorhang über den Park gesunken. Er ließ das weiß getünchte Schloss mit seinem großen freien Rondell links liegen. Dahinter erhoben sich die schwarzen Konverter des Stahlwerkes. Links bog er in eine kleine Gasse ein. Er lehnte sein Fahrrad an das unbewohnte Eckhaus und ging dicht an der Wand vorbei die vielleicht 20 Meter zur Pizzeria Mimmo und schob einen der dicken Umschläge aus seiner rechten Manteltasche in den Briefkasten der Pizzeria. Kein Mensch war auf der Straße,

Er ging zu seinem Fahrrad zurück. Jetzt würde er den Weg durch das Werksgelände nehmen. Neben den Eisenbahngleisen verlief ein schmaler etwa 30 cm breiter Weg aus Betonplatten, der den Streckenwärtern als Fußweg diente. So konnte er in knapp zehn Minuten gemächlichen Fahrens den Nachbarort erreichen. Hier wohnte Luigi, der Schwager seiner Schwester. An dessen Garten vorbei gelangte er über schmale Pfade zwischen anderen Gärten direkt an das rückwärtige Grundstück der Pizzeria „Costa Smeralda“. Er lehnte das Fahrrad an den Stakenzaun, ging am neu gebauten Kühlhaus vorbei zum Kücheneingang. Er zog einen einzelnen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss geräuschlos auf und hinter sich genauso geräuschlos zu.

Die Küche blitzte vor Sauberkeit. Der gute Domenico! Sauberkeit ging ihm über alles. Jede Nacht nach Feierabend im Lokal wurde alles geschrubbt und gewienert, Kühlschränke und Öfen von den Wänden gerückt, um auch die hinterste Ecke so sauber zu bekommen wie die blitzenden Arbeitsflächen. Niemand war in der Küche, weder der pakistanische Salatputzer noch der kleine indische Tellerwäscher noch der tunesische Hilfskoch. Heute war Ruhetag. Aus dem Lokal fiel ein schwaches Licht durch die Scheibe der Pendeltür, die der Schneider jetzt aufdrückte.

Domenico saß am hintersten Tisch neben dem alten Kachelofen und sortierte mühsam Rechnungen und Lieferscheine. Das fiel ihm schwer, denn er hatte in Kalabrien nur 4 Jahre die scuola elementare, die Grundschule besucht und das Lesen machte ihm Mühe.

Der Schneider schob sich durch den kleinen Zwischenraum zwischen Theke und Pizzaofen und drehte an der Eingangstür den dort steckenden Schlüssel um.

„Buona sera lieber Freund.“

Domenico schreckte hoch.

„Ach bischte du. Isse aber heute nischte deine Tag. Haschdu dreie Dienestage gefehlt.“

„Wie hätte ich da sein können. Dein Lokal hatte an diesen Tagen geschlossen.“

„Ja, ware Schweinerei. Hatte jemanden an die Nachmittag Sekundenkleber in die Schloss von Lokal vorne und hinten gespritzt. Ware alles vorbestellt – mussten uns absagen.“

„Na, dann hatte ich Recht daran getan, nicht zu kommen.“

Der Schneider sprach perfektes Deutsch ohne jeden Akzent, während Domenico trotz dreißig Jahren in Deutschland noch immer nicht über sein gebrochenes „Gastarbeiterdeutsch“ hinausgekommen war.

„Isse Schweinerei, ganze große“

„Lass es Dich nicht verdrießen, lieber Freund“

„Hasdu gute reden – is viele Umsatz fehlen. – hasdu mitgebracht?“

„Sollte ich Dir etwas mitbringen?“

„Wieso niche – waren dreiemal niche da. Haben denken …“

„Lieber Freund, ich verehre Dich, ja ich liebe Dich, mein geschätzter Domenico, aber Du denkst zu viel und tust zu wenig das, was man von Dir erwartet. Im Gegenteil – Du tust Dinge, die Du nicht tun solltest und mit denen Du Unglück und Verdruss über die ganze Familie bringst.“

„Meine Familie hatte nische …“

„Ich meine nicht deine Familie, ich rede von unserer Familie. Schau mal, lieber Freund, wir waren immer sehr großzügig zu dir. Du hast dieses Lokal mit den Wohnungen im ersten Stock. Du machst gute Geschäfte. Zu Dir kommen alle: der Fußballklub, der Bürgermeister, der Chef der Versicherungen, die Herren von der Staatskanzlei, der Bankdirektor. Und wem hast du das alles zu verdanken?“

„Habe sie auche gute verdienen …“

„Wer möchte nicht gut verdienen? Aber du scheinst jetzt eigene Wege gehen zu wollen.“

„Iche niche gehen eigene Weg, iche …“

„Ja, ich weiß, Du willst nur Ruhe, Sicherheit und gute Geschäfte. Und deshalb schickst Du Deine Frau mit den Kindern nach Cariati …“

„Besuchen Grab von die Mama un die Papa, isse morgen Allerheiligen …“

„Und deine Frau hat 280.000 Euro im Gepäck, in dem kleinen Kosmetikköfferchen aus rotem Saffianleder, das Du ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hast. Was will sie damit? Blumen kaufen?“

„Isse meine Gelde. Kanne iche machen, was iche wollen …“

„Du irrst. Es ist nicht dein Geld. Seit zwei Monaten hast du deine Rechnungen nicht überwiesen. Du hast dein Lokal zweimal schließen müssen. Doch du hast auf die Warnungen nicht gehört. Und jetzt redet man davon, dass du übermorgen zur Polizei gehen willst.“

„Aba habe iche imma …“

Der Schneider legte den Finger auf den Mund und setzte sich Domenico gegenüber.

„Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen, ein Märchen aus Kalabrien. Hör zu, lieber Freund.“

Eine alte Mutter hatte einen Sohn, der wollte heiraten und bat die Mutter, sie möge ihm doch ihr Häuschen und ihr Gütchen geben. Er und ihre zukünftige Schwiegertochter wollten es auch gar gut mit ihr meinen, sie bei sich hegen und pflegen und sie sozusagen auf den Händen tragen. Die alte Mutter war vom Herzen gut und vom Hirn etwas einfältig; sie kannte das Sprichwort nicht: Ziehe dich nicht eher aus, bis du dich schlafen legst, und gab her, was sie hatte. Zum Dank wurde sie sehr übel gehalten, war über nichts mehr Herrin, und jeder Bissen Brot wurde ihr erst schmal genug vorgeschnitten, dann vorgerechnet und jeder Tropfen Trankes ihr vergällt; aber Sohn und Schwiegertochter ließen sich’s ganz gütlich und wohl sein.

Einst speisten die beiden miteinander und mit Knecht und Magd einen gebratenen Truthahn, ohne die Mutter dazu einzuladen; zufällig kam diese aber dennoch, musste jedoch anklopfen, denn die Türe war zugeschlossen. „Holla, die Alte kommt, fort mit dem Huhn! Setze es derweil in die Ofenröhre und mache deren Türe zu!“ gebot der Sohn dem Knechte, und dieser vollzog alsbald den erhaltenen Befehl. Jetzt wurde die Stubentür aufgerissen von dem Sohne und die arme Alte angefahren: „Nun, was soll es denn? Hat der alte Drache etwa schon wieder Hunger? Ei, so wollt ich doch! Da, nehmt, hier ist Brot, und nun trollt Euch von hinnen!„

Weinend wankte mit dem trockenen Stückchen Brot die alte Mutter aus der Stube; der böse Sohn warf hinter ihr die Türe in das Schloss, dass es krachte, und eiferte: „Keinen Bissen kann man doch in Ruhe und ohne Ärger genießen! Ich möchte nur wissen, ob die Alte ewig leben will.„

Bringe das Huhn wieder her!“ gebot die Sohnesfrau dem Knechte – dieser öffnete die Ofentüre und sprang mit einem lauten Schrei des Schreckens drei Schritte vom Ofen zurück und verfärbte sich.

Nun, was hat denn der tölpelhafte Narr? Er ist wohl verrückt!“ rief der Mann und gebot der Magd, das Huhn aus der Röhre zu holen. Diese ging und griff in die Röhre und kreischte alsbald vor Entsetzen auf, indem auch sie zurücksprang. „Was soll das heißen, ihr dummes Volk?“ schalt der Herr. „Und wenn der lebendige Teufel drinnen saß, so würde ich nicht solchen Lärm aufschlagen! Geh du hin, Frau.“

Ich?“ fragte die Frau, „nicht um die Welt, ich tu’s nicht – ich danke; ich bin satt.“

Ei, so muss ich selbst nachsehen und will es, und wenn der Donner drinnen säße!“ rief der Mann, stieg auf und ging an die Röhre. Hu! Da schoss eine armdicke und klafterlange Schlange heraus, schnellte gegen ihn und ringelte sich um seinen Hals, eiskalt, und als er sie abzuwenden strebte, riss sie ihren Rachen gräulich auf und zeigte ihre Giftzähne und ihre Gabelzunge, und weder er noch sonst jemand anders durfte sie berühren, und wenn man Miene machte, sie von Weitem zu beschädigen, so zog sie sich gleich fester um den Hals, dass der Mann zu ersticken Gefahr lief und ängstlich schrie, man solle die Schlange unberührt und ungeschädigt lassen.

Und die Schlange wich nicht von ihm. Sie um seinen Hals, legte er sich schlafen. Sie um seinen Hals, stand er wieder auf. Ehe er einen Becher Getränk zum Munde führte, trank erst die Schlange aus demselben Becher, jeden Bissen, den er aß, beleckte sie oder biss Stücken davon ab, ach, und dabei roch sie, so wie sie nur den Rachen aufriss, fürchterlich aus dem Halse, dass dem Mann eine Ohnmacht um die andere zu stieß, und niemand es in seiner Nähe aushalten konnte. Wer zuerst von ihm weglief, das war seine Frau, die doch die meiste Schuld daran trug, dass er die Schlange des Undanks gegen seine betagte Mutter in seinem Herzen getragen, die schlimmer und scheußlicher ist als jener Wurm, den er jetzt am Halse tragen musste, zur quälenden Strafe. Knecht und Magd liefen auch davon; Hund und Katze wanderten aus; der Vogel im Käfig krepierte; Motten und Mücken starben, die Spinnen machten sich hinweg, die Mäuse entflohen so schnell sie nur konnten; die Wanzen zogen in langen Zügen langsam an den Türpfosten nieder und schlüpften zwischen Türe und Angel hinaus – nicht das armseligste Läuschen bewies dem Undankbaren, von Gottes Strafgericht hart heimgesuchten noch freudige Anhänglichkeit und Treue – alles, was lebte, floh ihn.

„… Wie gehte weita …?“

Der Schneider erhob sich.

„Die Geschichte ist zu Ende. Deine Geschichte ist zu Ende.“

Als ob eine straff gespannte Feder gelöst wird, wirbelte er um seine Achse, befand sich hinter Domenico, warf blitzschnell eine Nylonschlinge um dessen Hals und zog mit der Kraft eines tonnenschweren Bullen zu – so blitzschnell und mit so ungeheurer Kraft, dass Domenico kaum Zeit fand, hilflos mit den Füßen zu scharren und in einem Anflug von aussichtsloser Gegenwehr mit den Händen fuchtelte. Innerhalb von zehn Sekunden verlor Domenico das Bewusstsein. Der Schneider wartete fünf Minuten, ohne in seiner Kraft nachzulassen. Dann verstaute er die Schlinge in einer Plastiktüte, die er in die Innentasche seines Mantels schob. Er schob Domenico die heraushängende Zunge in den Mund zurück, den er fast zärtlich zudrückte, und schloss ihm die fast herausquellenden Augen.

„Der Herr erbarme sich deiner Seele.“

Er löschte das Licht und verließ das Lokal, so wie er es betreten hatte, nicht ohne die Außentür zur Küche sorgfältig zuzusperren. Den Schlüssel steckte er zu der Nylonschlinge in die Plastiktüte.

Genau zehn Minuten später kniete er in der Johanniskirche, genau als das Glöcklein am Ausgang der Sakristei den Beginn der heiligen Messe einläutete. Er bete und sang laut aber unaufdringlich mit und als er den Mund öffnete, um die heilige Kommunion nach alter Tradition zu empfangen, betrachtete ihn der Pfarrer mit Wohlgefallen.

Nach der Messe betrat er die Sakristei.

„Entschuldigen Sie die Störung, Hochwürden.“

„Nein, nein, Sie stören nicht. Kommen Sie ruhig herein Signor Cataldo.“

Der Pfarrer war der Einzige, der ihn mit seinem Vornamen anredete. Sogar seine eigene Ehefrau nannte ihn nur „sarto“ – Schneider.

„Was kann ich für Sie tun, mein Sohn?“

Der Schneider gab ihm den dicken Umschlag aus seiner rechten Manteltasche.

„Ein kleines Dankeschön für Ihre viele Arbeit, Hochwürden. Ein kleines Zeichen des Respekts vor unserer großen Mutter Kirche.“

„Danke, Signor Cataldo, du hast schon soviel für uns getan.“

„Nein, nicht ich, Hochwürden, ich bin nur ein kleiner Diener meiner Familie. Wir verehren Sie sehr, Hochwürden, und unsere Spende kommt von Herzen, denn sonst würde sie die nicht nur die Heiligen schmerzen, sondern uns noch viel mehr.“

„Danke, Signor Cataldo.“

„Ich werde nicht mehr oft in ihre Messe kommen, Hochwürden. Noch vor Weihnachten gehe ich mit meiner Familie zurück nach Cariati.“

„Du willst und verlassen? Nach so vielen Jahren.“

„Ja, Vater. Valentina, die Tochter des unglücklichen Fabrizio soll in der Heimat ihrer Vorfahren aufwachsen. Nächstes Jahr kommt sie zur Schule.“

„Ja, das verstehe ich. Du hast viel für das Mädchen getan. Komm mit ihr vorbei, bevor ihr weggeht, damit ich euch segnen kann.“

„Ihr Segen wird mir Kraft geben für die vielen Aufgaben, die das Leben und die Familie für mich bereithalten. Auf wiedersehen, Vater.“

„Auf wiedersehen, Signor Cataldo, der Herr segne Dich und alles, was Du tust.“

„Danke, Vater, ich bin in den Händen Gottes.“

Er drehte sich noch einmal um:

„Entschuldigung Hochwürden. Ich habe eine kleine Bitte.“ Er zog die zusammengeknüllte Plastiktüte aus seiner Innentasche.

„Wären Sie so nett und würden diesen Abfall in Ihre Mülltonne hinter der Sakristei werfen. Vorne steht keine.“

 

Kurzgeschichte: Das Fest – Jules Barrois

Das Fest

1. Variation zur Beobachtung „Ein neuer, weißer Sommerhut treibt auf dem Fluss“

Herbstlich trockene Luft hatte über Nacht die Schwüle der letzten Tage gebrochen. Der Fluss hatte sich nicht verändert. Träge, bräunlich, glatt, fast bewegungslos. Ab und an ein leichtes, flirrendes Zittern über die Oberfläche. Direkt vor ihm sprang ein Fisch, verschwand und hinterließ konzentrische, sich ausbreitende Kreise.

Als Knabe hatte er flache Steine über die Oberfläche tanzen lassen. Er griff einen der runden, polierten Kiesel aus der Böschung neben sich. Wollte mit der Hand, leicht schräg gestellt zum Wurf ausholen. Zögerte. Zagte. Ließ den Stein in einem Anflug von Schuld leise und sacht an seine angestammte Stelle gleiten.

Er schämte sich. Röte stieg von seinem kräftigen gedrungenen Hals hoch, flutete sein teigiges Gesicht. Er konnte doch nicht seine Welt beschädigen, zerstören, noch nicht mal beunruhigen. Hier auf seinem Ausguck konnte er die ganze Welt betrachten, die sich ihm in der spiegelnden Oberfläche darbot.

Schweiß drang aus Stirn und Kopf, perlte aus den zerzausten Haaren, sammelte sich in kleinen Rinnsalen über seinen Nacken und versickerten im steifen, weißen Kragen seines neuen Hemdes auf.

Das neue Hemd. Weiß, gestärkt, vorgestern gekauft, gestern Abend zum ersten Mal angezogen. Vielleicht hatte sie zur gleichen Zeit in der gleichen Straße ihren kleinen, kecken, weißen Strohhut erstanden. Den Hut mit der schmal nach oben gebogenen Krempe. Sein Herz pochte. Laut. Bis in seine Schläfen.

Wie hatte sie ausgesehen? Keine Erinnerung. Klein war sie. Aber sonst. Ihn hatte nur der Hut angezogen. Dieser Hut, der ihm alles versprochen hatte. Was genau? Weiß nicht, dachte er. Hab keine Erfahrung mit Frauen, kannte keine, nur seine Schwester, bei der er lebte. Aber die war ja keine Frau. War eben seine Schwester.

Manchmal hatte er sich etwas vorzustellen versucht, etwas gewünscht, herbeigesehnt. Jedes Mal waren seine Ohren heiß und rot geworden. Bist du krank, hatte seine Schwester dann gefragt. Er hatte ihr aber nichts gesagt. Auch nicht, dass er sich ein weißes Hemd gekauft hatte und wo er gestern Abend hingegangen war. Sie würde es nie erfahren. Niemand würde nie irgendetwas erfahren.

Hinter der Scheune hatte er sein durchgeschwitztes Arbeitshemd ausgezogen und sich das neue übergestreift. Eng saß es. Die schwarzen Perlmuttknöpfe spannten. Er musste den Bauch einziehen. Dann hatte er sich auf Großvaters altes Fahrrad geschwungen und war los gestrampelt. Seine dunkle Arbeitshose war fleckig und seine klobigen Arbeitsstiefel hatten nicht zum Hemd gepasst. Aber er hatte vorgesorgt.

Auf den Gepäckträger hatte er Opas schwarze Sonntagsschuhe geklemmt. Opa ging sonntags nicht mehr in die Kirche. Er ging nirgendwo hin. Er sei jetzt im Himmel, hatte ihm seine Schwester gesagt. Aber wieso hatte er seine blankpolierten Schuhe nicht mit in den Himmel genommen?

Auch Mama war im Himmel. Hatte man ihm gesagt. Er Ständig hatte er nach oben gestarrt. Entdeckt hatte er sie nie. Ein Stern wäre sie und würde immer auf ihn herabsehen und aufpassen. Hatte man ihm gesagt. Aber welcher Stern war sie? Alle sahen gleich aus. Wie konnte sie ihn sehen, wenn er sie nicht sah?

Kurz vor seinem Ziel hatte er seine verschmutzten Treter am Wegrand abgestellt und versucht in Opas Schuhe hinein zu kommen. Sehr eng. Sehr, sehr. Er musste seine dicken Wollsocken ausziehen. Dann passten sie. Gerade so.

Toll kam er sich vor. Weißes Hemd, schwarz-glänzende Schuhe und dunkle Hose. Zwei, drei Flecken hatte er versucht, mit Spucke wegzuwischen. Sah ganz gut aus. Aber nach wenigen Minuten kamen die Flecken aus Kuhmilch, Mist und verkleckerterSuppe wieder vor. Ihn störte das nicht. Überhaupt nicht.

In seinem Dorf ging er in keine Wirtschaft. Obwohl, gewollt hätte er gerne. Und auch auf kein Fest. Obwohl, früher war er schon mal gegangen. Bis sie ihm einmal immer mehr Bier gegeben hatten. Geschmeckt hatte es nicht. Hatte gerülpst. Da hatten alle gegrölt. Die haben dir Schnaps ins Bier getan. Hatte seine Schwester gesagt. Sie hatte ihn gefunden. Als er hinter dem Festzelt im Dreck lag. Sie hatte dafür gesorgt, dass er nirgends und von niemandem mehr reingelassen wurde. Sie beschimpfen dich doch nur. Sie wollen dich in ein Heim stecken, hatte sie gesagt. Sie meine es doch nur gut mit ihm, hatte seine Schwester gesagt. Was daran gut sein sollte, hatte er nicht verstanden.

Jetzt taten ihm die Füße weh. Ganz fürchterlich. War er gerannt? Wo war sein Fahrrad? Er versuchte die Schuhe abzustreifen. Ahihaa. Tat das weh. Fersen und Zehen waren ganz wund gescheuert. Ganz blutig. Er tauchte seine Füße in das kühle Wasser des Flusses. Da rutschen Opas Schuhe auch ins Wasser. Weg. Opa brauchte sie nicht mehr. Und er auch nicht. Würde er eben barfuß zurückgehen. Zum Fahrrad. Zu seinen Strümpfen und seinen Arbeitsschuhen und dann nach Hause radeln, als ob gar nichts gewesen wäre. Von der anderen Seite des Flusses läutete eine Glocke. Heute ist Sonntag. Da geht seine Schwester im in die Frühmesse. Bis danach wird sie ihn nicht vermissen. Bis dahin war er auch wieder zurück.

Und wenn er beim Suchen auf sie treffen würde? Die mit dem weißen Hütchen? Irgendwo musste sie ja sein. Sie war ja vor ihm gewesen. Also, wenn er ihr begegnete, dann würde er etwas zu ihr sagen. Müsste nur noch wissen was. Er kramte in seinem Kopf. Fand nichts. Gar nichts fiel ihm ein. Wie gestern Nacht. Da war ihm auch nichts eingefallen. Und wenn, dann hätte sie ihn sowieso nicht verstand. Die Musik war so laut und so viel Lärm um sie herum. So viele Leute, die sangen, tranken, grölten, tanzten.

Dabei hatte er nur ihr Hütchen vorsichtig berührt. Da war sie aufgesprungen, hatte ihr Hütchen festgehalten und war weggerannt. Hau bloß ab, du blöder Sack. Du versaust uns nur das ganze Fest, hatten alle geschrieben, ihn hin und her gestupst. Was blieb ihm da übrig? Auch raus rennen. Hinter dem Mädchen mit dem Hütchen her. Sie war schon weg. Aber es gab nur den einen Weg, über den Steg, über den Fluss. Unbeholfen aber schnell stakste er drauflos. Mit seinen wehen Füßen. In seinem Körper vibrierte es. War ihm auch schon auf der Straße passiert. Sah etwas an einer Frau. Ein Hütchen. Und in diesem Hütchen lag Traum, Erwartung, Verlangen, ein ganzes Leben voller Möglichkeiten. Stille entstand in seiner Seele, als er ihr weißes Hütchen am Weg den Fluss entlang zwischen dem Gesträuch aufblitzen sah, ein Abgrund, wo unter der Gewalt dieses Aufleuchtens die ganze Welt versankt.

Er kam sich wesenlos vor, einem Schatten gleich, rannte er dicht an den Hecken, nutze jeden Deckung, um sich zu verbergen. Er begann sich zu schämen und wusste nicht warum. Ihm war als ob er nackt sei, nackt bis auf die Knochen, nackt bis auf die Seele. Und da stand sie plötzlich. Vor ihm. Hinter der kleinen Biegung. Er sah nur ihr weißes Hütchen. Verwegen kam er ihm vor. Dieses Hütchen bezwang ihn. Ohne seine Füße zu fühlen, ging er auf sie zu. Wie im Traum. Sie streckte einen Finger aus. Er streckte einen Finger aus. Ihre Lippen bewegten sich. Seine Lippen bewegten sich. Er ging nach vorn. Da blickte sie ihn an. Mit einem Blick, der sagte, dich kenne ich jetzt, ich weiß jetzt was für einer du bist. Dich werde ich mir merken.

Ihr Blick hatte sich so tief in seine Augen gefressen, dass er ihn jetzt noch spürte. Das Schreckliche konnte er auch jetzt nicht fassen, schon gar nicht beschreiben. Seine hellen, merkwürdig ausdruckslosen Augen tasteten über die Leere des trägen Flusses. Was wusste schon der Fluss? Nicht mehr als er. Nichts. Er betrachtete sich selbst im Spiegel des Wassers. War er das? War er nicht. War bestimmt ein Fremder.

Dann trieb ein kleines weißes Hütchen durchs Bild.

Kurzgeschichte: Der Schneider

Der Schneider

Sie waren auf seinen Ladentisch gerichtet. Seine bodenlosen Augen von der unergründlichen Farbe, wie sie die Waldseen im hohen Aspromonte an einem Herbsttag zeigen. Dunkel, tief, klar, aber ohne Glanz. Wenn er sich nicht bewegte, wurde er eins mit dem einfachen Raum seiner Änderungsschneiderei. Sein undefinierbar bräunlicher Anzug verschmolz mit den abgewetzten Maserungen seiner Schränke mit den vielen kleinen Schubladen, in denen er Nadeln, Scheren, Garne, Stoffstücke nach seinem eigenen, für andere nicht erkennbaren Regeln hütete und bewachte wie andere ihre Münzsammlungen oder Fotoalben.

Während er arbeitete, d. h. während der Geschäftszeiten trug er einen einfachen beige-grauen Kittel über seinem Anzug. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, waren Strümpfe in Flaschengrün von Brioni, die aber nur dem wirklichen Kenner auffielen und von denen gab es im weiten Umkreis der etwas heruntergekommenen Kleinstadt niemanden.

Er saß gebeugt auf einem schlichten glatten Holzstuhl hinter einem großen Tisch, der ihm für alles diente – fürs sorgsame Nähen, fürs Lesen der Zeitung Calabria Ora, die ihn immer mit einem Tag Verspätung erreichte, für das Entgegennehmen der seltenen Aufträge, meistens Hosen oder Röcke kürzen. Eine kleine farblose Existenz – die vollendete Unauffälligkeit.

Es war zwei Minuten vor 18 Uhr, der Zeit des Geschäftsschlusses. Nie in den 15 Jahren, seit er aus Cariati, einem kleinen Ort in der Provinz Cosenza nach Deutschland gekommen war und diese Änderungsschneiderei eröffnet hatte, war ihm der Gedanken gekommen, auch nur eine Minute früher als 18 Uhr zu schließen. Genauso wie er morgens exakt um 8 Uhr seine Ladentür aufschloss.

Noch eine Minute, dann würde er schließen – sein Geschäft. Eigentlich war es kein Laden, sondern das ehemalige Wohnzimmer eines schmalen alten Hauses mit einem Flur zur Linken und drei Zimmer zur Rechten. Sie hatten damals das Fenster erweitert und eine Tür nach draußen gebrochen. In den leeren Raum kamen der Tisch, der Wäscheschrank mit den vielen Schubladen, zwei offene Regale. Eine Schneiderpuppe in der linken Ecke wartete seit dieser Zeit vergeblich auf eine Anprobe und der kleine runde Tisch mit zwei Holzsesseln war gedacht als Wartezone, wenn mal mehr als ein Kunde zur gleichen Zeit da wäre. Bisher war das nicht vorgekommen.

Der Zeiger der Uhr sprang auf 18 Uhr. Der Schneider löschte seine Arbeitsleuchte, erhob sich, ging langsam und geräuschlos zur Tür, drehte das alte silberne Schild von „Offen“ auf „Geschlossen“ und ließ die Jalousien an Fenster und Tür herunter.

Er tauschte seinen Arbeitskittel gegen einen graubraunen Regenmantel, zog dünne braune Seidenhandschuhe über seine schmalen, alterslosen Hände, steckte zwei kleine, zusammengefaltete Zettel, die mit Tesafilm verschlossen waren in seine linke äußere Manteltasche, schaute in den Briefkasten. Ein einfacher Holzkasten, innen an die Eingangstür genagelt mit einem metallfarbenem Schlitz darüber. Zwei dicke DIN-A5-Kuverts aus bräunlichem Packpapier fand er im Briefkasten. Eines davon mit einem kleinen Kreuz in der rechten oberen Ecke, also für den Pfarrer. Das andere mit einem kleinen x an der gleichen Stelle, für Mimmo. Aber keines für Domenico. Er steckte sie in die rechte Manteltasche und zog eine Kappe auf sein dunkles, schon etwas gelichtetes Haar, das streng nach hinten gekämmt war.

Ohne Worte ging er durch den Raum hinter seinem Laden, eine Art Wohnküche, in dem seine Frau mit ihrer Tochter Concetta Peperoni schnitt. Seine Tochter Valentina saß auf der mit einer grauen Decke bespannten Couch und blätterte in einem italienischen Comicheftchen. Sie war nicht seine Tochter, auch nicht seine Stief- oder Adoptivtochter. Sie war die Tochter seines Cousins Fabrizio, der eine Bar in der Nähe betrieben hatte, bis er vor fünf Jahren erdrosselt in seinem Lokal gefunden wurde. Der Schneider hatte die Kleine, sie war damals noch keine zwei Jahre alt gewesen, einfach zu sich genommen. Grußlos verließ er die Küche und nahm im Flur sein Fahrrad, obwohl es leicht regnete. Normalerweise nahm er bei diesem Wetter den Bus für seine kleinen abendlichen Ausgänge. Bei schönem Wetter ging er zu Fuß. Doch heute waren Eile und Pünktlichkeit geboten. Um 19 Uhr begann in der nahe Johanniskirche die Vorabendmesse. Morgen war Allerheiligen.

Der Feierabendverkehr draußen war abgeebbt. Er fuhr mit dem Fahrrad über den Bürgersteig an den abgasgeschwärzten Fassaden vorbei bis zur nächsten Kreuzung, genauso langsam, geräuschlos und unsichtbar, wie er ging. Vorne bog er in den Schlossgarten ein, vorsichtig bei dem nassen Laub. Der Herbst war dieses Jahr spät gekommen. Am leeren Spielplatz vorbei, durch den Rhododendronhain. Am Ende standen drei Holzbänke, die bei schönem Wetter von Rentnern bevölkert waren. Er hielt bei der mittleren Bank an und schob die zwei kleinen, gefalteten Briefchen in den Ritz zwischen der zweiten Latte der Bank und dem mittleren Standfuß.

Inzwischen war die Nacht wie ein schwarzer Vorhang über den Park gesunken. Er ließ das weiß getünchte Schloss mit seinem großen freien Rondell links liegen. Dahinter erhoben sich die schwarzen Konverter des Stahlwerkes. Links bog er in eine kleine Gasse ein. Er lehnte sein Fahrrad an das unbewohnte Eckhaus und ging dicht an der Wand vorbei die vielleicht 20 Meter zur Pizzeria Mimmo und schob einen der dicken Umschläge aus seiner rechten Manteltasche in den Briefkasten der Pizzeria. Kein Mensch war auf der Straße,

Er ging zu seinem Fahrrad zurück. Jetzt würde er den Weg durch das Werksgelände nehmen. Neben den Eisenbahngleisen verlief ein schmaler etwa 30 cm breiter Weg aus Betonplatten, der den Streckenwärtern als Fußweg diente. So konnte er in knapp zehn Minuten gemächlichen Fahrens den Nachbarort erreichen. Hier wohnte Luigi, der Schwager seiner Schwester. An dessen Garten vorbei gelangte er über schmale Pfade zwischen anderen Gärten direkt an das rückwärtige Grundstück der Pizzeria „Costa Smeralda“. Er lehnte das Fahrrad an den Stakenzaun, ging am neu gebauten Kühlhaus vorbei zum Kücheneingang. Er zog einen einzelnen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss geräuschlos auf und hinter sich genauso geräuschlos zu.

Die Küche blitzte vor Sauberkeit. Der gute Domenico! Sauberkeit ging ihm über alles. Jede Nacht nach Feierabend im Lokal wurde alles geschrubbt und gewienert, Kühlschränke und Öfen von den Wänden gerückt, um auch die hinterste Ecke so sauber zu bekommen wie die blitzenden Arbeitsflächen. Niemand war in der Küche, weder der pakistanische Salatputzer noch der kleine indische Tellerwäscher noch der tunesische Hilfskoch. Heute war Ruhetag. Aus dem Lokal fiel ein schwaches Licht durch die Scheibe der Pendeltür, die der Schneider jetzt aufdrückte.

Domenico saß am hintersten Tisch neben dem alten Kachelofen und sortierte mühsam Rechnungen und Lieferscheine. Das fiel ihm schwer, denn er hatte in Kalabrien nur 4 Jahre die scuola elementare, die Grundschule besucht und das Lesen machte ihm Mühe.

Der Schneider schob sich durch den kleinen Zwischenraum zwischen Theke und Pizzaofen und drehte an der Eingangstür den dort steckenden Schlüssel um.

„Buona sera lieber Freund.“

Domenico schreckte hoch.

„Ach bischte du. Isse aber heute nischte deine Tag. Haschdu dreie Dienestage gefehlt.“

„Wie hätte ich da sein können. Dein Lokal hatte an diesen Tagen geschlossen.“

„Ja, ware Schweinerei. Hatte jemanden an die Nachmittag Sekundenkleber in die Schloss von Lokal vorne und hinten gespritzt. Ware alles vorbestellt – mussten uns absagen.“

„Na, dann hatte ich Recht daran getan, nicht zu kommen.“

Der Schneider sprach perfektes Deutsch ohne jeden Akzent, während Domenico trotz dreißig Jahren in Deutschland noch immer nicht über sein gebrochenes „Gastarbeiterdeutsch“ hinausgekommen war.

„Isse Schweinerei, ganze große“

„Lass es Dich nicht verdrießen, lieber Freund“

„Hasdu gute reden – is viele Umsatz fehlen. – hasdu mitgebracht?“

„Sollte ich Dir etwas mitbringen?“

„Wieso niche – waren dreiemal niche da. Haben denken …“

„Lieber Freund, ich verehre Dich, ja ich liebe Dich, mein geschätzter Domenico, aber Du denkst zu viel und tust zu wenig das, was man von Dir erwartet. Im Gegenteil – Du tust Dinge, die Du nicht tun solltest und mit denen Du Unglück und Verdruss über die ganze Familie bringst.“

„Meine Familie hatte nische …“

„Ich meine nicht deine Familie, ich rede von unserer Familie. Schau mal, lieber Freund, wir waren immer sehr großzügig zu dir. Du hast dieses Lokal mit den Wohnungen im ersten Stock. Du machst gute Geschäfte. Zu Dir kommen alle: der Fußballklub, der Bürgermeister, der Chef der Versicherungen, die Herren von der Staatskanzlei, der Bankdirektor. Und wem hast du das alles zu verdanken?“

„Habe sie auche gute verdienen …“

„Wer möchte nicht gut verdienen? Aber du scheinst jetzt eigene Wege gehen zu wollen.“

„Iche niche gehen eigene Weg, iche …“

„Ja, ich weiß, Du willst nur Ruhe, Sicherheit und gute Geschäfte. Und deshalb schickst Du Deine Frau mit den Kindern nach Cariati …“

„Besuchen Grab von die Mama un die Papa, isse morgen Allerheiligen …“

„Und deine Frau hat 280.000 Euro im Gepäck, in dem kleinen Kosmetikköfferchen aus rotem Saffianleder, das Du ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hast. Was will sie damit? Blumen kaufen?“

„Isse meine Gelde. Kanne iche machen, was iche wollen …“

„Du irrst. Es ist nicht dein Geld. Seit zwei Monaten hast du deine Rechnungen nicht überwiesen. Du hast dein Lokal zweimal schließen müssen. Doch du hast auf die Warnungen nicht gehört. Und jetzt redet man davon, dass du übermorgen zur Polizei gehen willst.“

„Aba habe iche imma …“

Der Schneider legte den Finger auf den Mund und setzte sich Domenico gegenüber.

„Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen, ein Märchen aus Kalabrien. Hör zu, lieber Freund.“

Eine alte Mutter hatte einen Sohn, der wollte heiraten und bat die Mutter, sie möge ihm doch ihr Häuschen und ihr Gütchen geben. Er und ihre zukünftige Schwiegertochter wollten es auch gar gut mit ihr meinen, sie bei sich hegen und pflegen und sie sozusagen auf den Händen tragen. Die alte Mutter war vom Herzen gut und vom Hirn etwas einfältig; sie kannte das Sprichwort nicht: Ziehe dich nicht eher aus, bis du dich schlafen legst, und gab her, was sie hatte. Zum Dank wurde sie sehr übel gehalten, war über nichts mehr Herrin, und jeder Bissen Brot wurde ihr erst schmal genug vorgeschnitten, dann vorgerechnet und jeder Tropfen Trankes ihr vergällt; aber Sohn und Schwiegertochter ließen sich’s ganz gütlich und wohl sein.

Einst speisten die beiden miteinander und mit Knecht und Magd einen gebratenen Truthahn, ohne die Mutter dazu einzuladen; zufällig kam diese aber dennoch, musste jedoch anklopfen, denn die Türe war zugeschlossen. „Holla, die Alte kommt, fort mit dem Huhn! Setze es derweil in die Ofenröhre und mache deren Türe zu!“ gebot der Sohn dem Knechte, und dieser vollzog alsbald den erhaltenen Befehl. Jetzt wurde die Stubentüre aufgerissen von dem Sohne und die arme Alte angefahren: „Nun, was soll es denn? Hat der alte Drache etwa schon wieder Hunger? Ei, so wollt ich doch! Da, nehmt, hier ist Brot, und nun trollt Euch von hinnen! „

Weinend wankte mit dem trockenen Stückchen Brot die alte Mutter aus der Stube; der böse Sohn warf hinter ihr die Türe in das Schloss, dass es krachte, und eiferte: „Keinen Bissen kann man doch in Ruhe und ohne Ärger genießen! Ich möchte nur wissen, ob die Alte ewig leben will. „

„Bringe das Huhn wieder her!“ gebot die Sohnesfrau dem Knechte – dieser öffnete die Ofentüre und sprang mit einem lauten Schrei des Schreckens drei Schritte vom Ofen zurück und verfärbte sich.

„Nun, was hat denn der tölpelhafte Narr? Er ist wohl verrückt!“ rief der Mann und gebot der Magd, das Huhn aus der Röhre zu holen. Diese ging und griff in die Röhre und kreischte alsbald vor Entsetzen auf, indem auch sie zurücksprang. „Was soll das heißen, ihr dummes Volk?“ schalt der Herr. „Und wenn der lebendige Teufel drinnen saß, so würde ich nicht solchen Lärm aufschlagen! Geh du hin, Frau. „

„Ich?“ fragte die Frau, „nicht um die Welt, ich tu’s nicht – ich danke; ich bin satt.“

„Ei, so muss ich selbst nachsehen und will es, und wenn der Donner drinnen säße!“ rief der Mann, stieg auf und ging an die Röhre. Hu! Da schoss eine armdicke und klafterlange Schlange heraus, schnellte gegen ihn und ringelte sich um seinen Hals, eiskalt, und als er sie abzuwenden strebte, riss sie ihren Rachen gräulich auf und zeigte ihre Giftzähne und ihre Gabelzunge, und weder er noch sonst jemand anders durfte sie berühren, und wenn man Miene machte, sie von Weitem zu beschädigen, so zog sie sich gleich fester um den Hals, dass der Mann zu ersticken Gefahr lief und ängstlich schrie, man solle die Schlange unberührt und ungeschädigt lassen.

Und die Schlange wich nicht von ihm. Sie um seinen Hals, legte er sich schlafen. Sie um seinen Hals, stand er wieder auf. Ehe er einen Becher Getränk zum Munde führte, trank erst die Schlange aus demselben Becher, jeden Bissen, den er aß, beleckte sie oder biss Stücken davon ab, ach, und dabei roch sie, so wie sie nur den Rachen aufriss, fürchterlich aus dem Halse, dass dem Mann eine Ohnmacht um die andere zu stieß, und niemand es in seiner Nähe aushalten konnte. Wer zuerst von ihm weglief, das war seine Frau, die doch die meiste Schuld daran trug, dass er die Schlange des Undanks gegen seine betagte Mutter in seinem Herzen getragen, die schlimmer und scheußlicher ist als jener Wurm, den er jetzt am Halse tragen musste, zur quälenden Strafe. Knecht und Magd liefen auch davon; Hund und Katze wanderten aus; der Vogel im Käfig krepierte; Motten und Mücken starben, die Spinnen machten sich hinweg, die Mäuse entflohen so schnell sie nur konnten; die Wanzen zogen in langen Zügen langsam an den Türpfosten nieder und schlüpften zwischen Türe und Angel hinaus – nicht das armseligste Läuschen bewies dem Undankbaren, von Gottes Strafgericht hart Heimgesuchten noch freudige Anhänglichkeit und Treue – alles, was lebte, floh ihn.

„… wie gehte weita …?“

Der Schneider erhob sich.

„Die Geschichte ist zu Ende. Deine Geschichte ist zu Ende.“

Als ob eine straff gespannte Feder gelöst wird, wirbelte er um seine Achse, befand sich hinter Domenico, warf blitzschnell eine Nylonschlinge um dessen Hals und zog mit der Kraft eines tonnenschweren Bullen zu – so blitzschnell und mit so ungeheurer Kraft, dass Domenico kaum Zeit fand, hilflos mit den Füßen zu scharren und in einem Anflug von aussichtsloser Gegenwehr mit den Händen fuchtelte. Innerhalb von zehn Sekunden verlor Domenico das Bewusstsein. Der Schneider wartete fünf Minuten, ohne in seiner Kraft nachzulassen. Dann verstaute er die Schlinge in einer Plastiktüte, die er in die Innentasche seines Mantels schob. Er schob Domenico die heraushängende Zunge in den Mund zurück, den er fast zärtlich zudrückte, und schloss ihm die fast herausquellenden Augen.

„Der Herr erbarme sich deiner Seele.“

Er löschte das Licht und verließ das Lokal, so wie er es betreten hatte, nicht ohne die Außentür zur Küche sorgfältig zu zu sperren. Den Schlüssel steckte er zu der Nylonschlinge in die Plastiktüte.

Genau zehn Minuten später kniete er in der Johanniskirche, genau als das Glöcklein am Ausgang der Sakristei den Beginn der heiligen Messe einläutete. Er bete und sang laut aber unaufdringlich mit und als er den Mund öffnete, um die heilige Kommunion nach alter Tradition zu empfangen, betrachtete ihn der Pfarrer mit Wohlgefallen.

Nach der Messe betrat er die Sakristei.

„Entschuldigen Sie die Störung, Hochwürden.“

„Nein, nein, Sie stören nicht. Kommen Sie ruhig herein Signor Cataldo.“

Der Pfarrer war der Einzige, der ihn mit seinem Vornamen anredete. Sogar seine eigene Ehefrau nannte ihn nur „sarto“ – Schneider.

„Was kann ich für Sie tun, mein Sohn?“

Der Schneider gab ihm den dicken Umschlag aus seiner rechten Manteltasche.

„Ein kleines Dankeschön für Ihre viele Arbeit, Hochwürden. Ein kleines Zeichen des Respekts vor unserer großen Mutter Kirche.“

„Danke, Signor Cataldo, du hast schon soviel für uns getan.“

„Nein, nicht ich, Hochwürden, ich bin nur ein kleiner Diener meiner Familie. Wir verehren Sie sehr, Hochwürden, und unsere Spende kommt von Herzen, denn sonst würde sie die nicht nur die Heiligen schmerzen, sondern uns noch viel mehr.“

„Danke, Signor Cataldo.“

„Ich werde nicht mehr oft in ihre Messe kommen, Hochwürden. Noch vor Weihnachten gehe ich mit meiner Familie zurück nach Cariati.“

„Du willst und verlassen? Nach so vielen Jahren.“

„Ja, Vater. Valentina, die Tochter des unglücklichen Fabrizio soll in der Heimat ihrer Vorfahren aufwachsen. Nächstes Jahr kommt sie zur Schule.“

„Ja, das verstehe ich. Du hast viel für das Mädchen getan. Komm mit ihr vorbei, bevor ihr weggeht, damit ich euch segnen kann.“

„Ihr Segen wird mir Kraft geben für die vielen Aufgaben, die das Leben und die Familie für mich bereithalten. Auf wiedersehn, Vater.“

„Auf wiedersehn, Signor Cataldo, der Herr segne Dich und alles, was Du tust.“

„Danke, Vater, ich bin in den Händen Gottes.“

Er drehte sich noch einmal um:

„Entschuldigung Hochwürden. Ich habe eine kleine Bitte.“ Er zog die zusammengeknüllte Plastiktüte aus seiner Innentasche.

„Wären Sie so nett und würden diesen Abfall in Ihre Mülltonne hinter der Sakristei werfen. Vorne steht keine.“

Kurzgeschichte: Der Auswanderer

Der Auswanderer

von Jules Barrois

Sebastiano, ein zwar kleinwüchsiger, sanfter aber trotzdem heißblütiger Italiener, fasste einen Entschluss. Endgültig! Unumstößlich! Denn so konnte es bei Gott nicht weitergehen. Er würde dieses Haus, in dem er mit seinen Eltern sein ganzes Leben verbracht hatte, verlassen. Für immer!!! Nicht etwa, um in das alte leer stehende Häuschen seiner Großeltern drei Kilometer hinaus in die campagna – aufs Land zu ziehen. Das hatte er einmal gemacht, wenn auch nur für einen Tag. Nein, diesmal war es ihm wirklich ernst. Mindestens in die Provinzstadt am Meer sollte es gehen. Nein, das war nicht weit genug. Besser in eine der größeren Städte – Bologna oder Milano – von denen er schon viel gehört hatte. Oder gar all‘ estero – ins Ausland -, Frankreich oder Deutschland. Seine Eltern hatten viele Bekannte und Freunde in Deutschland. Ja, Germania, das war die Lösung.

Hier wollte er nicht einen Tag länger bleiben. Sein Cousin Elia ging ihm ganz gehörig auf den Senkel, dieser Wichtigtuer und Schleimer, der immer so tat, als ob er hier der Herr im Hause wäre und alles bestimmen und das große Wort führen könnte.

Und seine Freundin Amalia stellte sich jetzt, wo sie sich fast täglich sahen, als in höchstem Maße anstrengend heraus.

Nein, er würde keinem etwas sagen und sich auch von keinem verabschieden. Noch vor dem Mittagessen würde er verschwunden sein.

Er fing an seinen Rucksack zu packen – zwei Unterhosen, zwei T-Shirts, seine kurzen Shorts und die Jeans. Eine kaum angebrochene Schachtel seiner Lieblingskekse. Nachher würde er in der Küche noch zwei Dosen Thunfisch und eine Packung Spaghetti einpacken und ein bisschen prosciutto und formaggio.

Die ganz neuen Jeans und das neue Hemd zog er gleich an, band sich die Riemen seiner neuen Turnschuhe. Darüber zog er das Sweatshirt der NY-Soccers, seines Lieblingsvereins. Er wusste es nicht so genau, aber mit Sicherheit waren in Deutschland die Temperaturen tiefer als hier. Also noch zur Vorsicht den warmen Fleece Pulli in den Farben vom AC-Milan in den Rucksack.

Eigentlich war er fertig. Er ging noch einmal alles durch: Geld hatte er in seinem Beutel, Rucksack gepackt. Wenn jetzt seine Mutter aus der Küche in den Garten ging um dragoncello – Estragon – für die Carbonara zu holen, würde er schnell die paar Sachen aus dem Küchenschrank nehmen und dann verschwinden.

Der Duft der Carbonara zog bis in sein Zimmer. Sehr verführerisch.

Die Tür ging auf. Seine Mutter steckte den Kopf rein: „Essen ist …“ hob sie an, „… Was hast du denn an? Das sind doch die neuen Sachen, die wir für deinen ersten Tag im asilo – im Kindergarten – gekauft haben und das neue Rucksäcklein hast du auch schon gepackt. Sehr brav. Du kannst es wohl gar nicht erwarten. Aber der Kindergarten fängt erst morgen an.“

„Komm zum Essen. Amalia ist auch gerade gekommen. Und streite nicht wieder mit ihr wie gestern Abend. Sie wird doch erst im nächsten Frühjahr zwei und du wirst nächstes Jahr doch schon vier.

Na gut, dachte er. Er würde sich morgen mal den Kindergarten anschauen und nachher besonders nett zu Amalia sein. Auswandern konnte er auch noch übermorgen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Aber jetzt erst mal Spaghetti carbonara essen.