Archiv der Kategorie: Literatur

Gedanken und Anmerkungen zum Thema Literatur vom Lesen bis zum Schreiben

Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Literatur lesen – Terry Eagleton – Reclam

Eine ideale Einführung in die kritische Analyse

Literatur lesen: Eine Einladung – Terry Eagleton (Autor), Holger Hanowell (Übersetzer), 268 Seiten, Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag (11. Mai 2016), 24,95 €, ISBN-13: 978-3150109670

Terry Eagleton ist einer der renommiertesten britischen Literaturtheoretiker, Autor von mehr als vierzig wissenschaftlichen und literarischen Werken, Universitätsprofessor und Marxist. Jetzt er eine Anleitung zum Lesen von Literatur vor. Warum und was kann es uns nutzen?

Sein Hauptgrund: Die Kunst des „langsamen Lesens“ liege völlig danieder. Und jede Textinterpretation ob unter politischen oder theoretischen Aspekten müsse ohne sprachliche Sensibilität scheitern. Und genau das will er mit diesem Buch ändern.

Eagleton hat viele interessante Dinge zu sagen. Diese bringt er in fünf Kapiteln unter:

Eröffnungssätze: Er richtet seinen Blick auf Klangstrukturen, Grammatik und Syntax, signifikante Mehrdeutigkeit, aufschlussreiche Widersprüche, leicht zu übersehende Implikationen oder den emotionalen Bezug des Erzählers zu seiner Geschichte. Allein acht Seiten verwendet er auf das Beispiel von E.M. Forsters Auf der Suche nach Indien.

Figuren: Was ist vorrangig – Handlung oder Charaktere? Laut Eagleton war es bis zur Romantik die Handlung, ab dann die Figur. Wie entstehen überhaupt Charaktere? „Wird eine bestimmte literarische Figur lediglich als Typus oder Emblem dargestellt, oder wird sie auf raffinierte Weise psychologisiert?“ (Seite 79)

Erzählweisen: Unterschiedliche Erzählertypen, beispielsweise ein allwissender oder ein unzuverlässiger Erzähler, beeinflussen die Wirkung eines Textes. „Die sprachliche Bandbreite eines Romans bliebe zu begrenzt, wenn der Stil insgesamt nicht über das Bewusstsein des Protagonisten hinauskäme.“ (Seite 101)

Interpretationen: Die Absicht der Autoren ist oft nicht bekannt, aber sie ist auch irrelevant. Denn „literarische Werke haben nicht nur die eine Bedeutung. Sie sind in der Lage, ganze Bedeutungsrepertoire zu erzeugen, von denen sich einige im Laufe der Geschichte veräändern; und nicht alle Bedeutungen sind beabsichtigt.“ (Seite 161)

Werturteile: Das leidige Thema „Wann ist ein Buch Literatur?“ „Was macht ein literarisches Werk eigentlich zu einem guten, schlechten oder mittelmäßigen?“ (Seite 208) Wertvorstellungen ändern sich im Laufe der Zeit.

Das meiste, was wir in diesem Buch lesen, ist nicht neu. Aber auch für Kenner öffnet Eagelton immer wieder neue, unerwartete Blickweisen. Für mich war vor allem wichtig, dass wir Literatur aufmerksam lesen sollten „und zwar im Hinblick auf Klangfarben, Stimmung, Erzähltempo, Erzählstrategien, Interpunktion, Mehrdeutigkeit – also im Hinblick auf all das, was unter der Kategorie ‚Form‘ zum Tragen kommt.“ (Seite 10)

Sein Stil ist nicht der etwas hochmütige, den manche Literaturtheoretiker haben, sondern im Gegenteil: lebhaft, witzig, mit überragenden Wortspielen. Wie sollten wir dieses Buch lesen? Nicht als ein Meilenstein der Literaturtheorie, sondern als eine ideale Einführung in die kritische Analyse und eine sehr angenehme Lektüre, dank Eagletons eigenen Geschick und Raffinesse als Leser.

Gut, mancher Leser wird sich am Anfang etwas schwertun mit der Fülle an Beispielen, die ausschließlich aus dem englischsprachigen Raum stammen, wie Charlotte Brontë, Forster, Keats, Conrad, Milton, Hardy, James Joyce, Rowling, John Updike, Evelyn Waugh, William Faulkner und Carol Shields oder Gedichtauszüge von Charles Swinburne und Amy Lowell. Vielleicht ist das aber auch für manch einen eine Anregung, das eine oder andere aus dieser Liste wieder zu lesen.

Wer sich aber mit moderner Literaturkritik wirklich auseinandersetzen will, findet hier eine sinnvolle Vorbereitung.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Reclam Verlages

https://www.reclam.de/search?submit_search=Submit&query=literatur+lesen

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Der Schneider

Der Schneider

Sie waren auf seinen Ladentisch gerichtet. Seine bodenlosen Augen von der unergründlichen Farbe, wie sie die Waldseen im hohen Aspromonte an einem Herbsttag zeigen. Dunkel, tief, klar, aber ohne Glanz. Wenn er sich nicht bewegte, wurde er eins mit dem einfachen Raum seiner Änderungsschneiderei. Sein undefinierbar bräunlicher Anzug verschmolz mit den abgewetzten Maserungen seiner Schränke mit den vielen kleinen Schubladen, in denen er Nadeln, Scheren, Garne, Stoffstücke nach seinem eigenen, für andere nicht erkennbaren Regeln hütete und bewachte wie andere ihre Münzsammlungen oder Fotoalben.

Während er arbeitete, d. h. während der Geschäftszeiten trug er einen einfachen beige-grauen Kittel über seinem Anzug. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, waren Strümpfe in Flaschengrün von Brioni, die aber nur dem wirklichen Kenner auffielen und von denen gab es im weiten Umkreis der etwas heruntergekommenen Kleinstadt niemanden.

Er saß gebeugt auf einem schlichten glatten Holzstuhl hinter einem großen Tisch, der ihm für alles diente – fürs sorgsame Nähen, fürs Lesen der Zeitung Calabria Ora, die ihn immer mit einem Tag Verspätung erreichte, für das Entgegennehmen der seltenen Aufträge, meistens Hosen oder Röcke kürzen. Eine kleine farblose Existenz – die vollendete Unauffälligkeit.

Es war zwei Minuten vor 18 Uhr, der Zeit des Geschäftsschlusses. Nie in den 15 Jahren, seit er aus Cariati, einem kleinen Ort in der Provinz Cosenza nach Deutschland gekommen war und diese Änderungsschneiderei eröffnet hatte, war ihm der Gedanken gekommen, auch nur eine Minute früher als 18 Uhr zu schließen. Genauso wie er morgens exakt um 8 Uhr seine Ladentür aufschloss.

Noch eine Minute, dann würde er schließen – sein Geschäft. Eigentlich war es kein Laden, sondern das ehemalige Wohnzimmer eines schmalen alten Hauses mit einem Flur zur Linken und drei Zimmer zur Rechten. Sie hatten damals das Fenster erweitert und eine Tür nach draußen gebrochen. In den leeren Raum kamen der Tisch, der Wäscheschrank mit den vielen Schubladen, zwei offene Regale. Eine Schneiderpuppe in der linken Ecke wartete seit dieser Zeit vergeblich auf eine Anprobe und der kleine runde Tisch mit zwei Holzsesseln war gedacht als Wartezone, wenn mal mehr als ein Kunde zur gleichen Zeit da wäre. Bisher war das nicht vorgekommen.

Der Zeiger der Uhr sprang auf 18 Uhr. Der Schneider löschte seine Arbeitsleuchte, erhob sich, ging langsam und geräuschlos zur Tür, drehte das alte silberne Schild von „Offen“ auf „Geschlossen“ und ließ die Jalousien an Fenster und Tür herunter.

Er tauschte seinen Arbeitskittel gegen einen graubraunen Regenmantel, zog dünne braune Seidenhandschuhe über seine schmalen, alterslosen Hände, steckte zwei kleine, zusammengefaltete Zettel, die mit Tesafilm verschlossen waren in seine linke äußere Manteltasche, schaute in den Briefkasten. Ein einfacher Holzkasten, innen an die Eingangstür genagelt mit einem metallfarbenem Schlitz darüber. Zwei dicke DIN-A5-Kuverts aus bräunlichem Packpapier fand er im Briefkasten. Eines davon mit einem kleinen Kreuz in der rechten oberen Ecke, also für den Pfarrer. Das andere mit einem kleinen x an der gleichen Stelle, für Mimmo. Aber keines für Domenico. Er steckte sie in die rechte Manteltasche und zog eine Kappe auf sein dunkles, schon etwas gelichtetes Haar, das streng nach hinten gekämmt war.

Ohne Worte ging er durch den Raum hinter seinem Laden, eine Art Wohnküche, in dem seine Frau mit ihrer Tochter Concetta Peperoni schnitt. Seine Tochter Valentina saß auf der mit einer grauen Decke bespannten Couch und blätterte in einem italienischen Comicheftchen. Sie war nicht seine Tochter, auch nicht seine Stief- oder Adoptivtochter. Sie war die Tochter seines Cousins Fabrizio, der eine Bar in der Nähe betrieben hatte, bis er vor fünf Jahren erdrosselt in seinem Lokal gefunden wurde. Der Schneider hatte die Kleine, sie war damals noch keine zwei Jahre alt gewesen, einfach zu sich genommen. Grußlos verließ er die Küche und nahm im Flur sein Fahrrad, obwohl es leicht regnete. Normalerweise nahm er bei diesem Wetter den Bus für seine kleinen abendlichen Ausgänge. Bei schönem Wetter ging er zu Fuß. Doch heute waren Eile und Pünktlichkeit geboten. Um 19 Uhr begann in der nahe Johanniskirche die Vorabendmesse. Morgen war Allerheiligen.

Der Feierabendverkehr draußen war abgeebbt. Er fuhr mit dem Fahrrad über den Bürgersteig an den abgasgeschwärzten Fassaden vorbei bis zur nächsten Kreuzung, genauso langsam, geräuschlos und unsichtbar, wie er ging. Vorne bog er in den Schlossgarten ein, vorsichtig bei dem nassen Laub. Der Herbst war dieses Jahr spät gekommen. Am leeren Spielplatz vorbei, durch den Rhododendronhain. Am Ende standen drei Holzbänke, die bei schönem Wetter von Rentnern bevölkert waren. Er hielt bei der mittleren Bank an und schob die zwei kleinen, gefalteten Briefchen in den Ritz zwischen der zweiten Latte der Bank und dem mittleren Standfuß.

Inzwischen war die Nacht wie ein schwarzer Vorhang über den Park gesunken. Er ließ das weiß getünchte Schloss mit seinem großen freien Rondell links liegen. Dahinter erhoben sich die schwarzen Konverter des Stahlwerkes. Links bog er in eine kleine Gasse ein. Er lehnte sein Fahrrad an das unbewohnte Eckhaus und ging dicht an der Wand vorbei die vielleicht 20 Meter zur Pizzeria Mimmo und schob einen der dicken Umschläge aus seiner rechten Manteltasche in den Briefkasten der Pizzeria. Kein Mensch war auf der Straße,

Er ging zu seinem Fahrrad zurück. Jetzt würde er den Weg durch das Werksgelände nehmen. Neben den Eisenbahngleisen verlief ein schmaler etwa 30 cm breiter Weg aus Betonplatten, der den Streckenwärtern als Fußweg diente. So konnte er in knapp zehn Minuten gemächlichen Fahrens den Nachbarort erreichen. Hier wohnte Luigi, der Schwager seiner Schwester. An dessen Garten vorbei gelangte er über schmale Pfade zwischen anderen Gärten direkt an das rückwärtige Grundstück der Pizzeria „Costa Smeralda“. Er lehnte das Fahrrad an den Stakenzaun, ging am neu gebauten Kühlhaus vorbei zum Kücheneingang. Er zog einen einzelnen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss geräuschlos auf und hinter sich genauso geräuschlos zu.

Die Küche blitzte vor Sauberkeit. Der gute Domenico! Sauberkeit ging ihm über alles. Jede Nacht nach Feierabend im Lokal wurde alles geschrubbt und gewienert, Kühlschränke und Öfen von den Wänden gerückt, um auch die hinterste Ecke so sauber zu bekommen wie die blitzenden Arbeitsflächen. Niemand war in der Küche, weder der pakistanische Salatputzer noch der kleine indische Tellerwäscher noch der tunesische Hilfskoch. Heute war Ruhetag. Aus dem Lokal fiel ein schwaches Licht durch die Scheibe der Pendeltür, die der Schneider jetzt aufdrückte.

Domenico saß am hintersten Tisch neben dem alten Kachelofen und sortierte mühsam Rechnungen und Lieferscheine. Das fiel ihm schwer, denn er hatte in Kalabrien nur 4 Jahre die scuola elementare, die Grundschule besucht und das Lesen machte ihm Mühe.

Der Schneider schob sich durch den kleinen Zwischenraum zwischen Theke und Pizzaofen und drehte an der Eingangstür den dort steckenden Schlüssel um.

„Buona sera lieber Freund.“

Domenico schreckte hoch.

„Ach bischte du. Isse aber heute nischte deine Tag. Haschdu dreie Dienestage gefehlt.“

„Wie hätte ich da sein können. Dein Lokal hatte an diesen Tagen geschlossen.“

„Ja, ware Schweinerei. Hatte jemanden an die Nachmittag Sekundenkleber in die Schloss von Lokal vorne und hinten gespritzt. Ware alles vorbestellt – mussten uns absagen.“

„Na, dann hatte ich Recht daran getan, nicht zu kommen.“

Der Schneider sprach perfektes Deutsch ohne jeden Akzent, während Domenico trotz dreißig Jahren in Deutschland noch immer nicht über sein gebrochenes „Gastarbeiterdeutsch“ hinausgekommen war.

„Isse Schweinerei, ganze große“

„Lass es Dich nicht verdrießen, lieber Freund“

„Hasdu gute reden – is viele Umsatz fehlen. – hasdu mitgebracht?“

„Sollte ich Dir etwas mitbringen?“

„Wieso niche – waren dreiemal niche da. Haben denken …“

„Lieber Freund, ich verehre Dich, ja ich liebe Dich, mein geschätzter Domenico, aber Du denkst zu viel und tust zu wenig das, was man von Dir erwartet. Im Gegenteil – Du tust Dinge, die Du nicht tun solltest und mit denen Du Unglück und Verdruss über die ganze Familie bringst.“

„Meine Familie hatte nische …“

„Ich meine nicht deine Familie, ich rede von unserer Familie. Schau mal, lieber Freund, wir waren immer sehr großzügig zu dir. Du hast dieses Lokal mit den Wohnungen im ersten Stock. Du machst gute Geschäfte. Zu Dir kommen alle: der Fußballklub, der Bürgermeister, der Chef der Versicherungen, die Herren von der Staatskanzlei, der Bankdirektor. Und wem hast du das alles zu verdanken?“

„Habe sie auche gute verdienen …“

„Wer möchte nicht gut verdienen? Aber du scheinst jetzt eigene Wege gehen zu wollen.“

„Iche niche gehen eigene Weg, iche …“

„Ja, ich weiß, Du willst nur Ruhe, Sicherheit und gute Geschäfte. Und deshalb schickst Du Deine Frau mit den Kindern nach Cariati …“

„Besuchen Grab von die Mama un die Papa, isse morgen Allerheiligen …“

„Und deine Frau hat 280.000 Euro im Gepäck, in dem kleinen Kosmetikköfferchen aus rotem Saffianleder, das Du ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hast. Was will sie damit? Blumen kaufen?“

„Isse meine Gelde. Kanne iche machen, was iche wollen …“

„Du irrst. Es ist nicht dein Geld. Seit zwei Monaten hast du deine Rechnungen nicht überwiesen. Du hast dein Lokal zweimal schließen müssen. Doch du hast auf die Warnungen nicht gehört. Und jetzt redet man davon, dass du übermorgen zur Polizei gehen willst.“

„Aba habe iche imma …“

Der Schneider legte den Finger auf den Mund und setzte sich Domenico gegenüber.

„Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen, ein Märchen aus Kalabrien. Hör zu, lieber Freund.“

Eine alte Mutter hatte einen Sohn, der wollte heiraten und bat die Mutter, sie möge ihm doch ihr Häuschen und ihr Gütchen geben. Er und ihre zukünftige Schwiegertochter wollten es auch gar gut mit ihr meinen, sie bei sich hegen und pflegen und sie sozusagen auf den Händen tragen. Die alte Mutter war vom Herzen gut und vom Hirn etwas einfältig; sie kannte das Sprichwort nicht: Ziehe dich nicht eher aus, bis du dich schlafen legst, und gab her, was sie hatte. Zum Dank wurde sie sehr übel gehalten, war über nichts mehr Herrin, und jeder Bissen Brot wurde ihr erst schmal genug vorgeschnitten, dann vorgerechnet und jeder Tropfen Trankes ihr vergällt; aber Sohn und Schwiegertochter ließen sich’s ganz gütlich und wohl sein.

Einst speisten die beiden miteinander und mit Knecht und Magd einen gebratenen Truthahn, ohne die Mutter dazu einzuladen; zufällig kam diese aber dennoch, musste jedoch anklopfen, denn die Türe war zugeschlossen. „Holla, die Alte kommt, fort mit dem Huhn! Setze es derweil in die Ofenröhre und mache deren Türe zu!“ gebot der Sohn dem Knechte, und dieser vollzog alsbald den erhaltenen Befehl. Jetzt wurde die Stubentür aufgerissen von dem Sohne und die arme Alte angefahren: „Nun, was soll es denn? Hat der alte Drache etwa schon wieder Hunger? Ei, so wollt ich doch! Da, nehmt, hier ist Brot, und nun trollt Euch von hinnen!„

Weinend wankte mit dem trockenen Stückchen Brot die alte Mutter aus der Stube; der böse Sohn warf hinter ihr die Türe in das Schloss, dass es krachte, und eiferte: „Keinen Bissen kann man doch in Ruhe und ohne Ärger genießen! Ich möchte nur wissen, ob die Alte ewig leben will.„

Bringe das Huhn wieder her!“ gebot die Sohnesfrau dem Knechte – dieser öffnete die Ofentüre und sprang mit einem lauten Schrei des Schreckens drei Schritte vom Ofen zurück und verfärbte sich.

Nun, was hat denn der tölpelhafte Narr? Er ist wohl verrückt!“ rief der Mann und gebot der Magd, das Huhn aus der Röhre zu holen. Diese ging und griff in die Röhre und kreischte alsbald vor Entsetzen auf, indem auch sie zurücksprang. „Was soll das heißen, ihr dummes Volk?“ schalt der Herr. „Und wenn der lebendige Teufel drinnen saß, so würde ich nicht solchen Lärm aufschlagen! Geh du hin, Frau.“

Ich?“ fragte die Frau, „nicht um die Welt, ich tu’s nicht – ich danke; ich bin satt.“

Ei, so muss ich selbst nachsehen und will es, und wenn der Donner drinnen säße!“ rief der Mann, stieg auf und ging an die Röhre. Hu! Da schoss eine armdicke und klafterlange Schlange heraus, schnellte gegen ihn und ringelte sich um seinen Hals, eiskalt, und als er sie abzuwenden strebte, riss sie ihren Rachen gräulich auf und zeigte ihre Giftzähne und ihre Gabelzunge, und weder er noch sonst jemand anders durfte sie berühren, und wenn man Miene machte, sie von Weitem zu beschädigen, so zog sie sich gleich fester um den Hals, dass der Mann zu ersticken Gefahr lief und ängstlich schrie, man solle die Schlange unberührt und ungeschädigt lassen.

Und die Schlange wich nicht von ihm. Sie um seinen Hals, legte er sich schlafen. Sie um seinen Hals, stand er wieder auf. Ehe er einen Becher Getränk zum Munde führte, trank erst die Schlange aus demselben Becher, jeden Bissen, den er aß, beleckte sie oder biss Stücken davon ab, ach, und dabei roch sie, so wie sie nur den Rachen aufriss, fürchterlich aus dem Halse, dass dem Mann eine Ohnmacht um die andere zu stieß, und niemand es in seiner Nähe aushalten konnte. Wer zuerst von ihm weglief, das war seine Frau, die doch die meiste Schuld daran trug, dass er die Schlange des Undanks gegen seine betagte Mutter in seinem Herzen getragen, die schlimmer und scheußlicher ist als jener Wurm, den er jetzt am Halse tragen musste, zur quälenden Strafe. Knecht und Magd liefen auch davon; Hund und Katze wanderten aus; der Vogel im Käfig krepierte; Motten und Mücken starben, die Spinnen machten sich hinweg, die Mäuse entflohen so schnell sie nur konnten; die Wanzen zogen in langen Zügen langsam an den Türpfosten nieder und schlüpften zwischen Türe und Angel hinaus – nicht das armseligste Läuschen bewies dem Undankbaren, von Gottes Strafgericht hart heimgesuchten noch freudige Anhänglichkeit und Treue – alles, was lebte, floh ihn.

„… Wie gehte weita …?“

Der Schneider erhob sich.

„Die Geschichte ist zu Ende. Deine Geschichte ist zu Ende.“

Als ob eine straff gespannte Feder gelöst wird, wirbelte er um seine Achse, befand sich hinter Domenico, warf blitzschnell eine Nylonschlinge um dessen Hals und zog mit der Kraft eines tonnenschweren Bullen zu – so blitzschnell und mit so ungeheurer Kraft, dass Domenico kaum Zeit fand, hilflos mit den Füßen zu scharren und in einem Anflug von aussichtsloser Gegenwehr mit den Händen fuchtelte. Innerhalb von zehn Sekunden verlor Domenico das Bewusstsein. Der Schneider wartete fünf Minuten, ohne in seiner Kraft nachzulassen. Dann verstaute er die Schlinge in einer Plastiktüte, die er in die Innentasche seines Mantels schob. Er schob Domenico die heraushängende Zunge in den Mund zurück, den er fast zärtlich zudrückte, und schloss ihm die fast herausquellenden Augen.

„Der Herr erbarme sich deiner Seele.“

Er löschte das Licht und verließ das Lokal, so wie er es betreten hatte, nicht ohne die Außentür zur Küche sorgfältig zuzusperren. Den Schlüssel steckte er zu der Nylonschlinge in die Plastiktüte.

Genau zehn Minuten später kniete er in der Johanniskirche, genau als das Glöcklein am Ausgang der Sakristei den Beginn der heiligen Messe einläutete. Er bete und sang laut aber unaufdringlich mit und als er den Mund öffnete, um die heilige Kommunion nach alter Tradition zu empfangen, betrachtete ihn der Pfarrer mit Wohlgefallen.

Nach der Messe betrat er die Sakristei.

„Entschuldigen Sie die Störung, Hochwürden.“

„Nein, nein, Sie stören nicht. Kommen Sie ruhig herein Signor Cataldo.“

Der Pfarrer war der Einzige, der ihn mit seinem Vornamen anredete. Sogar seine eigene Ehefrau nannte ihn nur „sarto“ – Schneider.

„Was kann ich für Sie tun, mein Sohn?“

Der Schneider gab ihm den dicken Umschlag aus seiner rechten Manteltasche.

„Ein kleines Dankeschön für Ihre viele Arbeit, Hochwürden. Ein kleines Zeichen des Respekts vor unserer großen Mutter Kirche.“

„Danke, Signor Cataldo, du hast schon soviel für uns getan.“

„Nein, nicht ich, Hochwürden, ich bin nur ein kleiner Diener meiner Familie. Wir verehren Sie sehr, Hochwürden, und unsere Spende kommt von Herzen, denn sonst würde sie die nicht nur die Heiligen schmerzen, sondern uns noch viel mehr.“

„Danke, Signor Cataldo.“

„Ich werde nicht mehr oft in ihre Messe kommen, Hochwürden. Noch vor Weihnachten gehe ich mit meiner Familie zurück nach Cariati.“

„Du willst und verlassen? Nach so vielen Jahren.“

„Ja, Vater. Valentina, die Tochter des unglücklichen Fabrizio soll in der Heimat ihrer Vorfahren aufwachsen. Nächstes Jahr kommt sie zur Schule.“

„Ja, das verstehe ich. Du hast viel für das Mädchen getan. Komm mit ihr vorbei, bevor ihr weggeht, damit ich euch segnen kann.“

„Ihr Segen wird mir Kraft geben für die vielen Aufgaben, die das Leben und die Familie für mich bereithalten. Auf wiedersehen, Vater.“

„Auf wiedersehen, Signor Cataldo, der Herr segne Dich und alles, was Du tust.“

„Danke, Vater, ich bin in den Händen Gottes.“

Er drehte sich noch einmal um:

„Entschuldigung Hochwürden. Ich habe eine kleine Bitte.“ Er zog die zusammengeknüllte Plastiktüte aus seiner Innentasche.

„Wären Sie so nett und würden diesen Abfall in Ihre Mülltonne hinter der Sakristei werfen. Vorne steht keine.“

 

Rezension: Das Zimmer – Jonas Karlsson – Luchterhand Verlag

Kafkaesker Roman über moderne Arbeitswelten

Das Zimmer von Jonas Karlsson (Autor), Paul Berf (Übersetzer), 176 Seiten, Luchterhand Literaturverlag (11. April 2016), 17,99 €, ISBN-13: 978-3630874609

Der Icherzähler Björn wechselt oder wird gewechselt von einer Behörde in eine andere. Diese Behörde scheint neu und groß zu sein, aber auch gesichtslos, unfreundlich, uninteressant und nicht greifbar. An irgendwelchen Beschlüssen wird gearbeitet. Nach kurzer Zeit macht Björn eine seltsame Entdeckung: Zwischen der Toilette und dem Aufzug befindet sich eine Tür, die von seinen Kollegen offenbar gemieden wird. Sie führt in ein kleines, fensterloses Büro. Das ist der Beginn des Romans.

Björn, ein Einzelgänger, strebt etwas an: die Kontrolle übernehmen, über die Abteilung, über seinen Chef, über … ja, eigentlich über jeden. Sehr diszipliniert und ausgeprägter Taktik arbeitet er daran. Aber wieso will niemand einsehen, dass er einfach der Beste ist, der Einzige, der klar denkt. Nur er hat den Überblick. Vollkommen überzeugt von seiner eigenen Überlegenheit, ist Björn ein Alleswisser, mit ausgeprägter fehlender Selbsterkenntnis oder Hybris. Ein flüchtiges Wesen, verwirrenden und perplex, nicht in der Lage, sich zu erklären, unfähig, sich wohl in der Welt zu fühlen, und dazu bestimmt, allein zu sein. Paranoid, schüchtern und unbeholfen hat er für seinen Arbeitsplatz und seine Kollegen eine abgrundtiefe vollständige Verachtung.

Björn ist die Art von nerviger Person, die jedem bekannt ist, der schon einmal einen Fuß in eine Schule, Krankenhaus, Call Center, Kirche, Behörde, Unternehmen oder in der Tat überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gesetzt hat. Die sterile Natur des Bürolebens, in der Arbeit als eine Form von Institutionalismus, Totalitarismus und Sozialkontrolle fungiert, wird so gut dargestellt, das der Leser das Gefühl hat, wirklich in einer solchen Institution zu arbeiten.

Das Zimmer ist ein einfaches Buch über fast nichts, ohne Bezug auf etwas außerhalb seiner selbst. Eine bizarre Vision die beängstigend-verwirrende Mischung aus Konformität, Macht, Chaos und Entfremdung in der modernen Arbeitswelt. Aber es bereitet ungeheures Vergnügen dieses Buches zu lesen, das wie eine Art Witz daher kommt, oder als Tragödie oder als Komödie. Es ist einfach nicht zu klassifizieren

Der Schreibstil von Jonas Karlsson ist minimalistisch und kalt; gleichzeitig kunstvoll, intensiv, grotesk und fesselnd. Er versteht es, auch wenn keine wirklichen Ereignisse da sind, eine ungeheure Spannung zu schaffen, die bis hin zum fantastischen Ende anhält.

Ein kurzer, aber aufregender Roman, der den Leser von der ersten Seite an in den Bann einer verwirrenden und chaotischen Welt hineinzieht. Eine Welt, von einer Kultur möchte ich nicht reden, die immer schlimmer zu werden scheint. Lesen Sie dieses Buch und beschäftigen Sie sich mit den Fragen, die offen bleiben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Luchterhand Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Das-Zimmer/Jonas-Karlsson/Luchterhand-Literaturverlag/e448522.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Warum die Amsel singt …

Warum die Amsel singt …

oder warum wir Kunst nicht zu verstehen brauchen

„Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne es durchaus verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, denken die Leute, sie müssen es ‚verstehen‘.“ (Pablo Picasso)

Kunst muss man nicht verstehen. Kunst muss man nicht mögen. Genauso wenig wie man Wissen, Erkennen, Erkenntnisse und Einsichten unserer Mitmenschen verstehen, mögen und teil muss. Kunst ist der Gegensatz zur Natur, künstlich ist alles, was nicht natürlich ist.

Kunst kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Kunst ist, den Verstand auszuschalten, dass innere Auge mit Gefühlen und Gedanken koppeln, dann dem entstehenden sichtbaren Ausdruck verleihen, ohne das Ergebnis erklären zu müssen!

Kunst heißt hinsehen, Kitsch und heile Welt heißt wegsehen. Fernsehen ist Wegsehen. Warum Fernsehen, wo doch soviel interessantes und aufregendes außerhalb der vier Wände passiert. Und das ist der entscheidende Unterschied. Dinge aus einer anderen Perspektive sehen, den Blick für die Widersprüche des Lebens schärfen. Er misstraut dem ersten Eindruck misstrauen und den Sinn hinter den Dingen suchen.

Der eine schwärmt vom grandiosen Ausblick auf das Meer, der andere sieht den Schmutz am Strand. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gegensätzlich Personen vom gleichen Ereignis oder über die gleiche Situation berichten und doch jeder von der Richtigkeit seiner Version überzeugt ist.

Kunst ist der Gegenentwurf zur Realität. Realität geht immer wieder den Weg des geringsten Widerstandes, um nicht die Hosen runter lassen zu müssen. Und da nichts so ist, wie es scheint, müssen wir dahinter schauen auch wenn die Angst, dass alles zerbricht, unermesslich wird

Kunst ist Ausdrucksmittel für die eigenen Gefühle und die eigene Sichtweise

Etwas spricht ein oder mehrere meiner Sinne an und bewegt es im Herz, Kunst ist die Möglichkeit, Emotionen für andere lesbar zu machen. Kunst ist Inspiration, eine Einladung jenseits der gewohnten Pfade zu kommunizieren und unendlich vieles mehr.

Maler nehmen den Pinsel in die Hand und lassen ihre Bilder aus sich heraus. Beim Malen lagern sich die Farben Schicht um Schicht übereinander. Dabei wird kein vorgefasster Plan realisiert – es vollzieht sich vielmehr ein allmählicher Wachstumsprozess mit spontanen bildnerischen Entscheidungen bei jedem Schritt.

Wie der Maler mit Farben experimentiert, so der Musiker mit den Tönen, der Lyriker mit Worten

Kunst bietet uns die Pause, in der Zeit stillsteht. Kunst verlangt Mut zu bekennen, Kraft zum Ausdruck. Sie ist die Grundlage mit der wir uns in der Welt orientieren. Und nur mit Kunst sind wir in der Welt

Niemand schreibt uns vor, ob welche Art Kunst wir machen. Niemand! Wer auf Fördergelder scharf ist, muss mit den Wölfen heulen.

Wer als Künstler ernst genommen werden will, der macht SEINE Kunst – Hauptsache, sie ist authentisch und er kann sich zu 100% hinter sein Werk stellen. Er kümmert sich keinen Deut um Moden oder Trends. Er macht sein Ding und achtet nicht darauf, was andere sagen, wenn er nicht zum massen-kompatiblen Gefälligkeits-Künstler werden möchte.

»Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit«, wusste schon Karl Valentin. Natürlich gehört ein Stück Handwerk zum künstlerischen Ausdruck. Aber es ist nicht der wichtigste Teil. Wer das Handwerk des Zeichnens, Malens, Komponierens, Musizierens und Schreibens beherrscht, dem fällt manches leichter. Aber aus dem Handwerk alleine entsteht keine Kunst. Kunst entsteht nur aus der Kreativität. Und Kreativ sein heißt, auf der Suche sein.

Jeder Mensch ist immer auf seiner persönlichen Suche, auf der Suche nach Erklärungen, auf der Suche nach Freiräumen. Freiräume zu Improvisation und zum Experiment. Zum Finden der richtigen Balance von Struktur und Chaos. Mancher findet nie das, was er sucht, gibt auf, resigniert und lebt stumpfsinnig seine Tage, einfach weil er sich nicht traut, sich mit den unterschiedlichsten Materialien auszudrücken

Das Kunstleben ist ein bunter, vielseitiger Bilderbogen – frei im Klang, in der Farbe, in der Form im Wort. Und es gibt kaum einen direkteren Weg, sich selbst umfassend kennen zu lernen, die eigene Persönlichkeit zu entdecken und auszudrücken als kreatives Gestalten.

Trotz allem: Ich weiß nicht, warum wir Kunst machen. Vielleicht für uns selber, vielleicht für die Betrachter, Hörer und Leser … nein. Vielleicht für die wenigen, die uns für stärker halten, obwohl wir schwach sind.

Auf jeden Fall hat jeder Künstler „ein Reich für sich.“

Abschied von Helden und der guten, alten Zeit

Abschied von Helden und der guten, alten Zeit

… oder was Leser von Romanen erwarten sollen

Was soll denn auf den restlichen 400 Seiten erzählt werden? Seine Beerdigung?“ Mit dieser lapidaren Aussage beschied meine Mutter mein Betteln um noch weitere zehn Minuten Lesezeit, weil es gerade so spannend wäre und sich jetzt entscheiden würde, ob mein Held überleben würde.

Wie alle Kinder hatte auch ich meine Helden. Sie verkörperten Mut, List, Stärke, Abenteuerlust, Improvisationstalent und Fantasie. Sie dienten mir als Spiegel für Wünsche und Träume. Hier fand ich, was der Alltag nicht oder nur in Grenzen zuließ, was ich mich selbst nicht trauten, wie ich sein wollte – oder die Figuren stellten auf liebenswürdige Weise meine eigenen Schwächen vor. Sie lebten mir etwas vor. Sie machten sich auf den Weg, zogen aus, mussten sich in der Fremde bewähren, mit Angst und Aggression umgehen. Was wären Kindheit und Jugend ohne Idole?

Es gibt Romanfiguren, die wir bewundern und lieben, weil sie das Bild eines wirklichen Menschen bewahren: Ja, so war er, so muss er wirklich gewesen sein. Und dann gibt es Figuren, die wir lieben, weil es sie nie und nimmer geben kann, weil sie im Roman aber so erscheinen, als seien solche gelungenen, vollständigen, schönen, klugen, liebevollen Menschen ohne Arg und Falsch eben doch möglich, als könne man ihnen eben doch eines Tages begegnen, weil man ihnen im Roman gerade so glaubwürdig begegnet ist.

Der klassische, romantische Held ist immer vorbildhaft. Er hat feste Werte. Sein Bild vom Menschen und von der Welt, ist auf eine klare Ordnung, mit eindeutigen Werten begründet und auf bestimmte Inhalte reduziert. Die Handlung entwickelt sich nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung und wir können vom Charakter einer Figur auf ihre Handlungen schließen und umgekehrt. Der Held bestreitet Kämpfe, löst Aufgaben, besiegt seine Feinde und erlebt seine Abenteuer. Seine Abenteuer werden benutzt um Lehren zu verbreiten und egal ob es nur Metaphern sind oder der Inhalt für bare Münze genommen werden muss, unterhaltsam sind sie allemal. Bei fast jeder dieser Geschichten entdecken wir den immer gleichen Ablauf.

Das ist verständlich, denn Heldengeschichten und Heldenreisen haben immer auch und vor allem eine moralische Botschaft. Es geht immer um die Fragen: Was ist der Ursprung des Bösen? Was ist ein glückliches Leben? Was ist ein tugendhaftes Leben? So liefern diese klassischen Romane Anschauungsmaterial für tugendhaftes Handeln und zeigen die Auswirkungen von Verantwortlichkeit, Leichtsinn und Boshaftigkeit auf andere Menschen und das eigene Lebensglück.

Das vielleicht beste Beispiel eines romantischen Helden ist Karl Mays Winnetou: Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters und stete Wahrheit des Gefühls. Aber auch „Herr der Ringe“ von Tolkien, wo ganz gewöhnliche Helden uns Tugenden und Werte vorleben so wie Frodo, Sam, Merry, Pippin, Aragorn, Gandalf oder Legolas. Hier ist Sam die wichtigste Gestalt der Geschichte, denn nur durch seine Treue und Loyalität wurde letztendlich das gesamte Abenteuer getragen. Sam besitzt mehr heroische Eigenschaften, als auf den ersten Blick sichtbar sind und seine Bedürfnisse sind viel einfacher und nicht so edel wie die von anderen, aber dadurch wirken sie auch um einiges wertvoller.

Helden, in all ihrer übermenschlichen Größe werden aber auch schnell langweilig. Deshalb brauchen wir auch den tragischen Anti-Helden dessen Schwächen und Probleme ihn von dem Dasein eines Helden abhalten. Diese Charaktere haben mehr Tiefe als klassische Helden, oft sind diese Figuren deshalb sogar interessanter. Eines der ersten Beispiele ist Don Quijote von Miguel de Cervantes, dessen Abenteuer und Missgeschicke ungemein erheitern und bewegen, vor allem Don Quijotes geradezu legendärer Kampf gegen die Windmühlen als Allegorie auf den Konflikt zwischen Träume und der allzu harten Realität. Forrest Gump, ein moderner Don Quichotte, zeigt, dass der Held keineswegs ein Krieger sein muss, der seine Prüfungen mit dem Schwert oder zumindest mit seiner Intelligenz meistert. Seine Waffen sind die des unschuldigen Toren – gerade deshalb lieben wir ihn so.

Antihelden liegen wahrscheinlich gar nicht irgendwo zwischen “Wahrer Held” und “Elementarer Bösewicht”, vielmehr ist der Antiheld genau die Grenze zwischen beiden Kategorien. Eine Grenze die zusehends verschwimmt. Einfache Helden, edel und rein langweilen, ebenso die einfachen Schurken und Halunken. Sie sind zu oberflächlich für unsere Gesellschaft geworden und reißen nicht mehr mit.

Natürlich können wir mit dem Konzept des klassischen Helden und seiner Heldenreise gute Unterhaltungsliteratur schreiben. Aber reicht das in der heutigen Zeit noch aus?

Weltbilder verändern sich stetig. Unser Blick auf Identität, Demokratie und Geschlechterrollen ist ein anderer, als der von vergangenen Generationen. Und gerade in Zeiten, die immer komplexer werden, suchen Menschen nach Figuren und Geschichten, in denen sie eine Struktur zu finden hoffen. Wer kann das Rätsel des menschlichen Bewusstseins und der Zeit genau auf den Punkt bringen?

In welcher Situation lebt der Menschen heute? Er wird sich selber immer fragwürdiger und fremder. Er ist unsicher und ohne Orientierungen. Die Kluft zwischen der Welt des schönen Scheins und dem wahren Sein wird stetig größer. Verwahrlosung, Vergnügungssucht, Langeweile, Neugier, Verwilderung der Sitten nehmen zu. Das Streben nach Erhaltung der materiellen Existenz ist das beherrschende Thema und damit auch die Proletarisierung. Geschützt in der Anonymität der Masse, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf. Die Individualität versinkt in einer Gleichschaltung und versucht sich nur noch in der Tristesse des modernen Freizeitlebens zu unterscheiden.

Diese Zeit braucht neue Geschichten und andere Helden.

Eine Geschichte von heute braucht nicht mehr unbedingt eine stimmige Handlung im klassischen Sinn. Sie kann auch auf den üblichen Spannungsbogen, der auf einen Höhepunkt zuläuft, verzichten. Die beobachtbaren und sinnlichen Wahrnehmungen der äußeren Handlung treten in den Hintergrund. Statt des chronologisch und kausal angelegten Handlungsgefüges des traditionellen Romans überwiegt im modernen Roman das Unverbundene, Zufällige, Sprunghafte. Nicht ein kausal geordnetes Geschehen steht im Mittelpunkt, sondern das im Bewusstsein der Figuren sich spiegelnde Geschehen.

Vorrang hat die innere Handlung, Vorgänge, die sich im Bewusstsein der Figuren abspielen. Oft gibt es einen Widerspruch von innerer und äußerer Handlung.An die Stelle geschlossener Werte- und Moralsysteme traten Uneindeutigkeiten und Pluralismus.

Handlungen sind nicht mehr Zweck und Ziel sondern lediglich ein Transportmittel, ein Vehikel, das das Thema ausreichend trägt. Hier hat der Autor heute alle Freiheiten: von Krimi bis Sciencefiction, vom Historienroman bis zum Gegenwartsdrama, von satirischer Komödie bis zu autobiographisch gefärbten Essays. Die Bandbreite ist unerschöpflich.

Und nun zu den Helden des modernen Romans.

Es gibt keine detaillierte und komplette Beschreibung der Figuren, keine fertigen, abgerundeten Persönlichkeiten. Die Figuren entstehen aus ihren manchmal unglaublichen Handlungen. Missstände, offene Fragen, Unsicherheit, Zweifel haben Vorrang vor der Unterhaltung des Lesers. Metaphysisches Puzzle wäre ein passender Ausdruck.

Statt des sich in allen Lebenslagen und Konflikten behauptenden großen Individuums, des im Positiven wie im Negativen überragenden Menschen kennt der moderne Roman als „Helden“ nur den Durchschnittsmenschen mit allen Schwächen und Gebrechlichkeiten: geängstigt, zerrissen, mittelmäßig, oft verzagend. Figuren sind komplexer, vielschichtiger und unverwechselbarer geworden. Sie werden menschlicher und schwächer.

So dient die Gestaltung der Heldenfigur in zunehmendem Maße der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Menschen in seiner gegenwärtigen Zeitsituation, in seinen Krisengebieten, in seinem Selbstmitleid, seiner Hybris, seiner Jämmerlichkeit, seiner Brillanz, seiner Glücklosigkeit.

Die Autoren stellen sich fundamentalen und existentiellen Fragen, wie Tod, Sinn, Freiheit, Isolation. Hier gibt es kein „richtig“ und „falsch“. Konflikte, Dilemma, Ungereimtes, Groteskes oder Paradoxien sind die Quellen für ihre Geschichten. Darstellung von Kommunikationslosigkeit und eine sich daraus andeutenden Beziehungsunfähigkeit. Unterkühlte und distanzierte Beziehungen, Fremdheit, Erfahrungs- und Identitätskrise: Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht der heutigen Menschen nach Liebe und Geborgenheit. Suche nach der eigenen Identität, Aufarbeiten der eigene Vergangenheit, aber auch Ironie und Vergnügen.

All diese Themen durchschaubar zu machen, ist Aufgabe der Literatur. Es kann nicht ihre Aufgabe sein, verlorene Sinnhaftigkeit wiederherstellen. Begreifbar zu machen, dass Fehler nicht das Ende der Welt bedeuten, wäre eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur.

Die besondere Kunst besteht darin, diese Themen in den Texten so zu behandeln, dass sie sowohl für den einfachen als auch für den universellen Leser interessant sind. Denn Romane sollen den Leser unterhalten, im besten Sinn des Wortes. Dabei geht es nicht um ein Loblied auf die Mittelmäßigkeit, oder alberne, populistische Phrasen vom „kleinen Mann“ der als einziger wirklich die Welt versteht, sondern vielmehr darum, eine Vielzahl von Lebenswirklichkeiten darzustellen. Grenzen sind der Kunst nur durch die Kreativität der Künstler gesetzt. Der Erzähler selbst hat eine unsichere Identität und das Dilemma einer brüchigen Selbst- und Weltwahrnehmung.

Das Erzählen, das Schreiben wird zu einer Suche mit völlig ungewissem Ausgang und das ist vor allem auch eine Suche nach der geeigneten Ausdrucksform. In ästhetischer Hinsicht ist der zeitgenössische Roman gekennzeichnet durch den tiefen Zweifel, der Welt mittels Sprache habhaft zu werden. Permanente Selbstreflexionen über seinen Status als Sprachkunstwerk und Fiktion sowie über die Krise des Erzählens gehören zu den Kernpunkten seiner immanenten Poetik. Sie ist verbunden mit erzähltechnischen Experimenten, die das narrative Formenarsenal erweitern – sei es bei der Wahl der Erzählperspektive, der Darstellung von Zeit und Raum oder von Rede- und Bewusstseinsvorgängen. Im Vorgang des Schreibens wie des Lesens entstehen gleichzeitig verschiedene Geschichten, die alle gleichermaßen gültig sind.

So wird die Erzählweise des modernen Romans komplizierter. Es wird nicht chronologisch und nicht linear erzählt, sondern eher fragmentarisch: Das Geschehen muss oft vom Leser rekonstruiert werden. Durch Rückblenden, Erinnerungsmonologe, Assoziationen etc. wird Vergangenes oft in den Fortgang der Handlung eingebaut. Und vor allem wird der Roman nicht mehr vom allwissenden Erzähler aus der Distanz, sondern personal aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren. Reflexion tritt an die Stelle von Handlung. Das Erzählen entwickelt sich aus Montage, Collage, Perspektivenwechseln, dem Spiel mit überlieferten Texten der Literatur sowie Wechsel der Erzählsituationen und Redeformen.

Der ständige Wechsel von Erwartung und Enttäuschung, Illusion und Desillusion strukturiert den außerordentlich unterhaltsamen und intelligenten Roman. Ironische Schilderung zwischen Erwartung und Enttäuschung tragen zum Lesevergnügen bei.

Die Sprache selber erfüllt viele Aspekte: ästhetisch und poetisch soll sie sein, aber auch komisch, respektlos und vulgär. Und das alles zugleich. Das Wie ist in der Literatur immer wichtiger als das Was.

Das erscheint schwierig. Und wenn etwas schwierig erscheint, dann macht es Schwierigkeiten. Meistens dem Leser. Die meisten Genussleser suchen im Buch weniger den Lebenslehrmeister als vielmehr ein Leben in der Möglichkeitsform; sie wollen spielerisch in fremde, andere, aufregendere Lebens- und Weltverhältnisse eintauchen, als sie ihnen ihr banaler Alltag bieten kann. Das Spiel, das Vergnügen am sprachlichen Gedankenspiel, am phantastischen Kopf-Kino steht bei diesen Lesern eindeutig im Vordergrund.

Der Leser zeitgenössischer Literatur muss die logischen Verknüpfungen selbst herstellen. Er muss die komplexen Deutungsangebote des Textes erfassen. Er wird gezwungen, kritisch zu lesen. Er wird gezwungen, selber zu denken. So wird er zu einer Art Mit-Autor: Er konstruiert sich seinen eigenen Sinngehalt. Statt ihn mit Theorien und Welterklärungen zu befriedigen, erzählt sie ununterbrochen Spielvorschläge, die variiert, abgebrochen, aber auch erweitert werden können. Das setzt natürlich den universellen Leser voraus, der auf solche Zumutung selbst die Antwort geben muss.

Für mich eines der besten Beispiele ist „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco: Auf schalkhafte, raffinierte und geistreiche Weise parodiert der auch für sein enormes kulturgeschichtliches Wissen bekannte Semiotik-Professor die Hermeneutik und führt vor, dass sich immer und überall scheinlogische Zusammenhänge konstruieren lassen, mit denen sich dann auch alles plausibel erklären lässt. Indem er historische Ereignisse in einen neuen Kontext stellt, erzählt er die Weltgeschichte neu. Der Schein trügt! Das begreifen wir spätestens nach der Lektüre dieses ebenso dicken wie amüsanten Romans.

Dieses Buch hat alles was Romane heute brauchen: Überraschungs-, Provokations- und Irritationspotenzial, das den Leser zwingt, die vielschichtigen und sich eindeutigen Interpretationen entziehenden Texte zu entschlüsseln, Texte deren Dramaturgie statt um ein zentrales Moment um mehrere kreisen. Themen, Bilder und Ausdrucksformen, die möglicherweise auch befremden. Es sind Bücher oder Texte, die ein zweites Mal zu lesen unbedingt reizvoll ist, denn man sieht es dann mit anderen Augen.

Und da erhebt sich die Frage, Wozu ist Literatur noch gut in Zeiten, in denen Belehrung und Aufklärung und das Vermitteln von Ideen, Programmen oder Informationen besser durch andere Medien geleistet werden? Was erwarten wir von Literatur? Was soll sie? Aufarbeiten, anklagen, plädieren, therapieren? Oder soll sie etwas aus und über uns erzählen, was wir selbst vielleicht noch nicht wussten, jedenfalls noch nicht so? Soll sie etwas in Sprache fassen, was als individueller oder gesellschaftlicher Zustand präsent, in Schwingungen spürbar, aber noch nicht formuliert ist? Ein Bewusstsein, eine Angst, eine Bedrängung?

Ich erwarten heute von der Gegenwartsliteratur, dass sie dem Nichtdarstellbaren eine sichtbare Darstellung verleiht, dass sie Geschichten erzählt, die ständig parallel verlaufen, chaotisch sind. Die in den Vordergrund treten, sich verstecken und sich gegenseitig ins Wort fallen. Die sich verknüpfen und sich durchbrechen, sich umgehen, sich überschneiden und sich gegenseitig bespitzeln, sich verraten und in die Irre führen. Geschichten die Spuren legen und sie wieder verwischen, und vor allem Geschichten die in sich noch Abertausende von anderen Geschichten bergen. Und das in einer Form, die mich gut unterhält.

Literatur oder Unterhaltung, oder …

Literatur oder Unterhaltung, oder …

Wer liest, ist immer im Vorteil – Nur, was sollen wir lesen? Bei der unübersichtlichen Auswahl? Die Gesamtzahl der in Deutschland erschienen Bücher ist 2014 zwar deutlich gesunken. Trotzdem sind 87.134 Titel auf den Markt gekommen. Immer noch eine Menge.

Aber Vorsicht, es gibt Literatur, die unser Bild von der Wirklichkeit nachhaltig beschädigt. Lesen verhilft auch nicht unbedingt zum Glück. Und auch die weitverbreitete These, Lesen im emphatischen Sinn führe zu größerer Weisheit und Einsicht und es wäre um die Welt besser bestellt, ist nicht beweisbar.

Eines ist sicher: Lesen vergrößert die geistige Reichweite. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Literaturkritiker.

Es gibt keinen Rechtfertigungszwang fürs Lesen. Die einen lesen aus Spaß, zur Unterhaltung, zur Zerstreuung und schaffen so eine Distanz zu ihrer persönlichen Welt. Hier ist ein großer Teil der Belletristik angesiedelt: keine echte Pro­blematik im Inhalt; Denken des Lesers ist kaum oder nicht erforderlich

Gute Literatur geht weit über Unterhaltung, über Erzählen einer Geschichte hinaus. Sie zeigt das Gesamtbild, liefert Erklärungen. Und sie fordert uns zu einem zweifachen Dialog heraus: mit dem Autor und mit seinen Figuren. Gute Literatur erkennst du auch daran: Du magst den Inhalt kennen, sie bleibt trotzdem lesenswert. Mehrmaliges Lesen lohnt sich.

Allerdings muss jeder, der nicht gerade an der Grenze zum Analphabeten liegt, problemlos die Grenzen zwischen Beidem erkennen und damit auch, was künstlerisch durchdachter und gearbeiteter ist, was also – durchaus unterhaltsam – Literatur und was bloße Unterhaltung ist.

Mit den Büchern, die diesen Teil abdecken, beschäftige ich mich. Diese Auswahl ist natürlich sehr subjektiv. Also Vorsicht. Gänzlich subjektiv kann die Antwort nicht sein, sonst wäre Literaturkritik eine Sache des privaten Gefühls. Objektiv und allgemeingültig kann sie aber auch nicht sein, sonst gäbe es unter Kritikern weniger Streit.

Wie gehe ich vor? Ich konzentriere mich auf folgende Punkte:

Das Thema muss für mich deutlich herauskommen. Themen sind immer die Gleichen. „Es ereignet sich nichts Neues. Es sind immer dieselben alten Geschichten, die von immer neuen Menschen erlebt werden.“ sagte William Faulkner. Und das sind immer die Themen der großen Gefühle und der kritischen Lebensereignisse. Das Thema muss mich berühren.

Die Handlung macht das Thema interessant. Erschafft der Autor Neues oder kaut er nur Altes wieder? Langweilig oder überraschend? Einseitig und Vorhersehbar? Vielschichtig und überraschend? Die Handlung muss mich in den Bann schlagen und mitreißen.

Personen und ihre Motive lassen Handlung und Thema lebendig werden. Sie müssen für mich nachvollziehbar sein, auch wenn sie nicht aus meinem Erfahrungshorizont stammen. Ich muss die Figuren lieben oder sie zumindest hassen. Dafür taugen keine eindimensionale, blasse Charaktere. Komplex müssen sie sein, mit vielen inneren Konflikten, bei denen die Gesamtheit seines Ichs einen Sinn ergibt, nicht in sich widersprüchlich, sondern stimmig, aber vielschichtig. Ich muss mit den Personen leiden und fiebern können.

Sprache ist nicht nur sehr wichtig, nein, sie ist der ausschlaggebende Punkt. Inhalt (Thema, Handlung, Personen) und Form (Sprache) müssen eine Symbiose eingehen. Sprache hat etwas mit Rhythmus, Melodie und Wohlklang zu tun. Erst eine markante und mitreißende Sprache macht aus einem Menschen eine Persönlichkeit, macht aus einer Handlung ein Drama, lässt ein bekanntes Thema brandaktuell werden. Sprache muss mich packen.

Es kann auch nicht schaden, wenn der erste Satz einer Geschichte ein Magie ausstrahlt , ein Faden, ein Tau, an dem du dich notgedrungen und aus freien Stücken weiter hangelst, ja, weiter hangeln musst, wie ein Sog, der mich in die Geschichte hineinzieht. bis zum entscheidenden Ende. Der erste Satz darf mich nicht kalt lassen.

Kurzum: ich muss mich in einem Roman, in einer Erzählung eingeschlossen fühlen. Dann, erst dann lese ich zu ende. Erst dann, wenn ich erlöst und dankbar bin, nach sorgfältigem Prüfen, schreibe ich auch eine Rezension.

Ich finde zwar einigermaßen objektive Gründe für gute oder schlechte Qualität des künstlerischen Werkes, zum Beispiel seine handwerklich gute oder schlechte Machart, sein gelungener oder unlogischer Aufbau, seine vorhandenen oder fehlenden Spannungsmomente und Experimentierfreudigkeit. Aber letztendlich hängt die Wirkung eines künstlerischen Werkes vom Geschmacksurteil jedes einzelnen ab. Also Vorsicht. Für mich ist die Welt der Literatur ein Abenteuer, immer mit ungewissem Ausgang.

Über dieses Abenteuer werde ich in diesem Blog berichten: Aktuelle Literatur-Nachrichten, Buchbesprechungen, Rezensionen, Debatten und Porträts aus dem Reich der Bücher, all das bekommst du bei mir.

Ich wünsche mir viele Kommentare von rastlosen und gierigen Lesern