Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

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Rezension: Der Sündenfall von Wilmslow – David Lagercrantz – Piper Verlag

Der steinige Weg eines Wissenschaftlers

Der Sündenfall von Wilmslow – David Lagercrantz (Autor), Wolfgang Butt (Übersetzer), 464 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 11 €, ISBN-13: 978-3492310604

England 1954: Inspiriert von McCarthy in den USA werden Spione, Kommunisten und Homosexuelle gejagt. Niemand ist daher überrascht, als man einen verurteilten Homosexuellen, einen Mathematiker namens Alan Turing in Wilmslow, in seinem Haus in der Adlington Straße tot auffand. Es wird allgemein angenommen, dass er die Demütigung als verurteilter Homosexueller nicht ertragen konnte. Aber der junge Detektiv Constable Leonard Corell, mit einem Hang zum wissenschaftlichen Leben, vor allem zu der höheren Mathematik, stellt eine Reihe von Fragen: Warum der Mann sich mit einem mit Zyankali vergifteten Apfel umgebracht hat? Wofür er einen Orden erhalten hat, den er anscheinend verborgen halten wollte? Und was sind es für seltsame Paradoxien an und mit denen Turing arbeitete und was können diese Widersprüche für sein Leben und seinen Tod bedeuten? Immer mehr beschleichen dem jungen Kriminalisten Zweifel an der Selbstmordtheorie, zumal seine Ermittlungen merkwürdigerweise von höheren Stellen blockiert werden.

„Der Sündenfall von Wilmslow“ beginnt wie ein Krimi. Und obwohl Corell ein Detektiv ist und obwohl sein Bemühen um Erkenntnisse in diesem Fall nicht ohne Erfolg sind, ist es kein Detektivroman. Und obwohl der Verdacht auf Spionage immer mitspielt, ist es kein Spionage-Thriller. Vielmehr handelt es sich um einen historischen und gesellschaftspsychologischen Roman.  Es ist eine gelungene Mischung aus Krimi, Biographie, Psychologie und Wissenschaft. Es ist eine spannende literarische Spurensuche über das Leben des britischen Wissenschaftlers Alan Turing. Brisanz gewinnt das Buch vor allem auch dadurch, dass Turing während des Krieges und danach Mitarbeiter des Geheimdienstes war und der zukunftsweisende Visionen von selbstdenkenden Maschinen entwickelte.

Erzählperspektive des Kriminalisten Corell historische Fakten und literarische Fiktion auf eindrucksvolle Weise zu verweben, um facettenreich das Leben des genialen Britten lebendig werden zu lassen.

Zwei Charaktere bestimmen das Buch: Corell ist ein überzeugender Charakter, der durch ein Gefühl sozialer Unzulänglichkeit gepaart mit vereitelten akademischen Ambitionen behindert wird. Doch der wahre Star des Buches ist Turing, und dieses Buch enthält eine Fülle von Details über sein Leben und seine Theorien. Lagercrantz zeigt uns, wie schlecht Turing von britischem Beamten behandelt wurde, trotz seines entscheidenden Beitrags zum Sieg der Alliierten.

Ein fesselnder und großer Roman über Alan Turing, der Mann, der den Computer mit entwickelt hatte und mithalf den Zweiten Weltkrieg zu verkürzen. Und der in den Tod getrieben wurde, weil er zu unterschiedlich war.

David Lagercrantz, geboren 1962, ist ein anerkannter schwedischer Autor und Journalist, der dokumentargeschichtliche Romane und Biografien über schwedische Erfinder und andere gesellschaftliche Größen verfasste, bevor er sich der Belletristik zugewandte. Deutschen Lesern ist Lagercrantz durch seine Biografie über den Fußballer Zlatan Ibrahimovićs und als Autor des vierten Teils von Stieg Larssons „Millennium“-Serie bekannt.

Hier gelingt ihm eine gekonnte Verschmelzung zweier Erzählformen: die sympathische Biographie einer echten geschichtlichen Figur, die schrecklich von der Einrichtung behandelt wurde, und ein Polizeiprozess, in dem ein hartnäckiger Kriminaler versucht, unnachgiebig ein Geheimnis zu knacken So gelingt ihm eine ungewöhnlich vielschichtige, ausgezeichnete Innenansicht auf einen der einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts.

Beeindruckender Schreibstil und eine komplexe Handlung: absolut lesenswert.

 

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https://www.piper.de/buecher/der-suendenfall-von-wilmslow-isbn-978-3-492-31060-4

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Rezension: Wir müssen über Kevin reden – Lionel Shriver – Piper Verlag

Der Alptraum eines jeden Elternteils

Wir müssen über Kevin reden – Lionel Shriver (Autorin), Christine Frick-Gerke (Übersetzerin), Gesine Strempel (Übersetzerin), 560 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 11 €, ISBN-13: 978-3492310512

Eva wollte nie wirklich eine Mutter sein, und sicherlich nicht die Mutter dieses Jungen, der sieben seiner Mitschülern, einen Cafeteria-Arbeiter und einen vielverehrten Lehrer ermordet hatte

Das Buch erzählt die Geschichte eines High-School-Massakers. Dieses Szenario, nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland bekannt und gefürchtet, fordert die Frage nach dem „Warum?“ geradezu heraus. Die einen sehen die Ursachen in zu laschen Waffengesetzen, während die andere seite die explizite Gewalt im Fernsehen, Videospiele, Filme und Musik anprangern, die die Grenze zwischen Täuschung und Realität aufhebt.

Doch Kevin benutzte keine Pistole und hatte auch keinen Zugang zu gewalttätigen Medien. Er war auch nicht der gemobbte Ausgestoßene, der nach Rache dürstete  und er war auch nicht irgendein unüberwachtes Schlüsselkind.

Jetzt, zwei Jahre später, ist es Zeit für Eva Khatchadourian, sich mit Ehe, Karriere, Familie, Elternschaft und Kevins schrecklichem Amoklauf in einer Reihe von überraschend direkten Briefen mit ihrem getrennt lebenden Ehemann Franklin auseinander zu setzen. Eva befürchtet, dass ihre Abneigung gegen den eigenen Sohn dafür verantwortlich sein könnte, ihn so aus der Bahn zu werfen.

Lionel Shriver schreibt eine tiefe und kühne Untersuchung des Elternseins, indem uns zeigt, wie viel (oder wie wenig) Eltern dafür verantwortlich gemacht werden können, was aus ihren Kinder wird.

Das Buch erforscht die Anforderungen durch eine Mutterschaft und die traumatischen Auswirkungen, die es auf eine Ehe haben kann. Evas Gefühl der Niederlage bei der Geburt ihres Sohnes Kevin, ihr Versagen zu stillen und die vielfältigen Schwierigkeiten, die sie mit dem schlaflosen, schreienden Kind erlebt, sind vielen vertraut. Doch Shriver schreibt nicht über gewöhnliche Mutterschaft oder einen gewöhnlichen Jungen. Kevin ist ein Monster.

Eva findet keine Antworten, nur Schuld, viel davon auf sich selbst gerichtet. Nur ein schwarzes Loch, das sie langsam in einen unerklärlichen Wirbel zieht.

Ein nachdenklicher und zutiefst beunruhigender Roman über eine Mutter. Ein durchaus schreckliches Buch. Sie können es nicht genießen, aber Sie werden die Dinge anders sehen, und das ist genau das, was ein gutes Buch tun sollte. Deshalb müssen Sie es unbedingt lesen.

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https://www.piper.de/buecher/wir-muessen-ueber-kevin-reden-isbn-978-3-492-31051-2

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Rezension: Maestra – L.S. Hilton – Piper Verlag

Intelligenter Erotikthriller

Maestra – L.S. Hilton (Autorin), Wibke Kuhn (Übersetzerin), 384 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 9,99 €, ISBN-13: 978-3492311090

Judith Rashleigh hatte eine schwierige Kindheit, die ihre tiefe Wut beeinflußt hatte. Ihre Mutter trank, sie wurde in der Schule gemobbt und aus ihrem Haus vertrieben. Aber sie entdeckte auch Museen und eine Liebe zur Kunst und arbeitete sich durch das Studium. In ihren 20er Jahren erhält sie ihren Traumjob in einem großen Londoner Auktionshaus. Dort merkt sie schnell,  dass ihr Lohn niedrig ist und ihre Chefs sich mehr um Geld als um Kunst kümmern. Nebenbei arbeitet Judith in einem Club, in dem attraktive junge Frauen reiche ältere Männer dazu überreden, überteuerten Champagner zu bestellen.

Kreuzfahrten, reiche Männer, heftigen Sex, teure Kunst, rücksichtslose Ehrgeiz, Morde und unersättlicher sexueller Appetit, so bewegt sich Judith durch Europa auf der Spur eines großen Kunstbetrugs. Eine gekonnte Mischung aus Krimi, Thriller und „Fifty-shades-of Grey.“ Aber es ist mehr.

Mir scheint es eher ein Porträt einer soziopathischen Frau mit einem unersättlichen Appetit auf sexuelle Abenteuer zu sein. Das Portät einer Frau, die einfallsreich, ehrgeizig, intelligent, sogar amoralisch und sadistisch ist, ja manchmal auch bösartig.

L.S. Hilton schreibt nicht nur gut über Sex, sie schreibt gut über alles andere. Sie könnten die Sex-Szenen schneiden und „Maestra“ wäre noch immer ein faszinierender Roman über eine junge Frau. Sie schreibt über Judiths Liebe zur Kunst und teure Kleidung mit der gleichen Leidenschaft, die sie auf ihren Orgien verwendet. Die Kunstwelt ist gut dargestellt, ebenso wie die verschiedenen Orte der Handlung.

Mich hat das Buch etwas schockiert, weil die Welt, die es porträtiert, sich so deprimierend rückständig anfühlt. Männer haben Geld, Macht, Yachten und Hedgefonds. Frauen sind Einwegzubehör. Sie können zwar die Männer überlisten oder sie zu ihrem eigenen Vorteil manipulieren, aber das wesentliche Gleichgewicht der Macht bleibt unverändert. Frauen in diesem Roman haben keine Macht und keinen Status, der nicht durch Sex verliehen wird.

Trotzdem allem, ein außergewöhnliches und unterhaltsames Buch, eine gute Mischung aus Sex, Verbrechen und Kunst.

Hervorragend geeignet für Leser, die eine gut geschriebene Geschichte wollen, die eine Heldin mit Profil wollen, die aussagekräftige Sexszenen wollen, die nichts der Phantasie überlassen.

Insgesamt eine gute Urlaubslektüre.

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https://www.piper.de/buecher/maestra-isbn-978-3-492-31109-0

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Rezension: Sońka- Ignacy Karpowicz – Berlin Verlag

Es war einmal – das Leben ist wie ein Märchen

Sońka- Ignacy Karpowicz (Autor), Katharina Kowarczyk (Übersetzerin), 208 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3827013439

Zwei Personen begegnen sich in Królowe Stojlo, vier Häuser am Ende des Nichts im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland. Ein Ort, wo fast niemand wohnt und wo, allem Anschein nach, im Augenblick nichts passiert.  Der junge polnische Theaterregisseur Igor Grycowski bleibt wegen einer Autopanne liegen. Er trifft Sonia, die alte Frau mit ihrer Kuh. Sie hat eine Geschichte zu erzählen, ihre Geschichte aus dem Jahre 1941. Und er will sie hören.

Sie lädt ihn auf eine Tasse Milch ein und beginnt zu sprechen. Es ist zunächst eine ungleiche Beziehung – sie legt ein Geständnis ab, ein Sterbebettgeständnis. Er sieht das Ganze als ein großes Material für eine Theateraufführung. Ganz langsam wandelt sich diese Beziehung immer mehr zu einer Partnerschaft.

Der Anfang von Fall von Sonia ist die Liebe, eine verbotene, unerfüllbare und sündige Liebe. Zusammen mit der Liebe erlebt Sonia das Leben jenseits des Lebens – außerhalb der Geschichte, der Moral und der Gesellschaft als Gegensatz zu dem, was möglich ist. Aber die Liebe hat keine Chance im Kampf gegen den Hass, gegen das Böse, gegen das Schicksal, das niemanden glücklich sein lässt.

Die Geschichte des belarussischen Mädchen Sonia ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach im Konzept einer verrückten, jugendlichen Liebe, die nichts beachtet. Kompliziert, weil die Liebe in schwierigen Zeiten des Krieges zu erhaben und schön ist. Sonia wählte die Liebe als Leidenschaft, die nicht darüber nachdenkt, was ist, was war und was sein wird. Liebe, konzentrierte sich nur auf sich selbst. Idealisierte Liebe als eine Flucht aus der Realität.

Ignacy Karpowicz entwickelt aus den Erzählungen und Erinnerungen der Alten zusammen mit den Gedanken und Überlegungen von Igor ein fantastisches, ein trauriges Buch. Eine Geschichte vom Glück und seinem Preis. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise an die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen möglicher Wahrheit und dem künstlerischen Schaffen.

Dem Autor gelingt es über diese unausgesprochenen Momente der Geschichte und das tragische Schicksal zu schreiben, ohne in falschen Pathos oder in Kitsch zu verfallen. Er zwingt den Leser in Angst, in Gefühle und in Misstrauen. Ein ergreifendes fiktives Schauspiel.

Es ist ein gutes Buch, magisch und schmerzhaft, klug und wahr, ergreifend, zweideutig. Und vor allem ist er wunderschön geschrieben.

Lesenswert, weil es zeigt, was wirklich wichtig ist.

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Rezension: Die Taufe – Ann Patchett – Berlin Verlag

Familien und ihre Geheimnisse

Die Taufe – Ann Patchett (Autorin), Ulrike Thiesmeyer (Übersetzerin), 400 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3827013446

Die Geschichte beginnt in den frühen 1960er Jahren. Fix Keating, ein Polizist, verheiratet mit der wunderschönen und verführerischen Beverly. Ihre Tochter Franny wird getauft und sie haben zu einer Party eingeladen. Dort erscheint uneingeladen auch Albert Cousins, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt. Er wollte bloß der Langeweile mit heulenden Kleinkindern und seiner müden schwangeren Frau Teresa an einem Sonntagnachmittag entkommen. Er bringt eine große Flasche Gin mit. Der Inhalt wird eine ganze Familie auflösen.

Die Geschichte entfaltet sich zwischen dem Leben der Familien Keating und Cousins in den nächsten fünf Jahrzehnten.

Als sie 30 Jahre alt ist beginnt Franny Keating eine Beziehung mit dem renommierten Schriftsteller Leon Posen, ein viel älterer Mann, der dringenden Inspirationen für ein neues Buch braucht. Die Geschichten, die Franny ihm von ihrer Kindheit erzählt, bilden die Basis für sein Bestseller-Comeback. Die Auswirkungen dieses Romans, und die Geheimnisse, die er enthüllt, verwendet Ann Patchett, um uns die Geschichten von 10 Personen zu erzählen: die sechs Keating-Cousins Kinder und ihre vier Eltern.

Das klingt zunächst wie eine große Familiensaga mit all ihren Verwicklungen, Tragödien und Momenten des Glücks. Ist sie auch. Aber sie ist noch mehr: Wie die Familien sich erinnern und sich selbst beurteilen, wird zu einem der wichtigsten Themen des Romans. Welche Familiengeschichten gehören uns allein? Wer bringt falsche Teile in unsere Geschichte? Wie entwickeln sich Schuld und Vergebung über die Generationen? Und vor allem gibt uns die Autorin tiefe Einblicke in die realen und emotionalen Auswirkungen der Entwurzelung von Familien.

Patchett wählt eine episodische Struktur, indem sie zwischen den Charakteren und Jahrzehnten wechselt und Details herauszieht. So gelingt es ihr, wie in einem überreichen Teppich eine faszinierende Geschichte zu weben.

Um eine Geschichte mit 10 Protagonisten zu schaffen, die sich über 50 Jahre erstreckt – und viele Orte verteilt ist, das ist schon ein Balanceakt, der große Erzählkunst erfordert. Und Ann Patchett ist eine meisterliche Geschichtenerzählerin. Vor allem versteht sie es perfekt etwas zu zeigen, anstatt nur zu beschreiben. Sie schreibt voller Witz und Wärme, nuanciert, sehr komplex und vor allem authentisch.

Ein kluger, aufregender Roman, ernst und anspruchsvoll, dabei von einer erfrischenden Ehrlichkeit, durch die er besonders vergnüglich zu lesen ist. Ein Genuss, den Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

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https://www.piper.de/buecher/die-taufe-isbn-978-3-8270-1344-6

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Rezension: Ein Mann – eine Frau – Véronique Olmi – Klaus Wagenbach Verlag

Sie erwartete keinen Trost

Ein Mann – eine Frau – Véronique Olmi (Autorin), Claudia Steinitz (Übersetzerin),128 Seiten, Klaus Wagenbach Verlag (28. April 2017), 10 €, ISBN-13: 978-3803127785

Ein 18. August in Paris, leer und verlassen. Ein Sturm in der Nähe. Wind, Regen. Ein Mann und eine Frau treffen sich, sie scheinen verabredet. Diese Frau ist sehr blass und zu dünn. Er hat blaue Augen, die Haarsträhne über die Stirn. Sie machen einen Spaziergang durch den jardin de luxembourg. Er lädt sie in ein Hotel ein. Sehr schnell öffnet sie sich durch die Sprache des Körpers, jenseits aller Worte, die das Schweigen und das Leid nicht zu erklären brauchen. So wird beiden gegeben, es ist ein Freihandel, sind sie nicht zwei, sind sie zusammen. Die Frau bietet und gibt frei, erhält aber ebenso viel Freude wie Schmerz. Sie lernen das Sanfte und das Schroffe. Diese Linie zwischen Lust und Schmerz ist sehr fein gezeichnet.

Doch diese Frau ist gebrochen, geschwächt und hat eine eindringliche geheime Vergangenheit, eine offene Wunde. Sie scheint ihm zu vertrauen, indem sie ihm ihren Körper anbietet.  Wer oder was hat sie betrogen? Wohin sind ihre weiblichen Formen verschwunden? Wird sie sich ihm anvertrauen können?

Ein starker Mann, eine fragile Frau. Wir erfahren nicht viel über diese beiden Charaktere, genau das, was sie zulassen, Genau das, was wir brauchen. Sie treffen sich, Lust und Liebe. Das ist, was zählt

Véronique Olmi legt einen sehr intimen, sinnlichen Roman vor, voller Emotionen, Liebe und Verletzungen. Und über den Regen, der in der ganzen Geschichte vorhanden ist.

Der Schreibstil ist, wie immer bei Véronique Olmi umwerfend schön, manchmal roh, manchmal sehr grob, aber ohne Vulgarität. Wenn sie sich über eineinhalb Seiten der Farbe Blau seiner Augen zu nähern versucht. (Seite 25/26) Oder, wenn Sie Sätze schreibt wie diesen: „… und sein Blick war neu. Im Blau seiner Augen, direkt über der schwarzen Iris war ein gelber Glanz, wie ein Goldkörnchen. […] Kam dieser Glanz vom Sonnenlicht oder aus seiner eigenen Wahrheit, das Stückchen Sonne im uralten Blau seiner Augen, dieses offenbarte Anderswo, dieser kleine gelbe Punkt, für alle Ewigkeit, eine Überraschung, eine Verrücktheit dieser beiden Lichtspäne, das Unerwartete in seinem Blick.“ (Seite 63/64) Sehr lange Sätze, oft ohne Interpunktion, haben einen tiefen Rhythmus, ändern das Tempo und lassen sich gut lesen und vor allem bringen sie einen näher an die Geschichte und sogar in die Gedanken der Charaktere hinein.

Dieses intime Buch erzählt die Begegnung von zwei verwundeten Wesen, die für einen Nachmittag den Geschmack der Unschuld, der Nachsicht und der Vergebung finden.

Es ist ein Text, der sich ganz vorzüglich zum Vorlesen eignet. Wäre doch mal eine Idee: Lesen Sie diese Geschichte einmal ihrem Partner, ihrer Partnerin vor. Es wird beide nicht unberührt lassen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1098-ein-mann-eine-frau.html

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