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Rezension: Der Sündenfall von Wilmslow – David Lagercrantz – Piper Verlag

Der steinige Weg eines Wissenschaftlers

Der Sündenfall von Wilmslow – David Lagercrantz (Autor), Wolfgang Butt (Übersetzer), 464 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 11 €, ISBN-13: 978-3492310604

England 1954: Inspiriert von McCarthy in den USA werden Spione, Kommunisten und Homosexuelle gejagt. Niemand ist daher überrascht, als man einen verurteilten Homosexuellen, einen Mathematiker namens Alan Turing in Wilmslow, in seinem Haus in der Adlington Straße tot auffand. Es wird allgemein angenommen, dass er die Demütigung als verurteilter Homosexueller nicht ertragen konnte. Aber der junge Detektiv Constable Leonard Corell, mit einem Hang zum wissenschaftlichen Leben, vor allem zu der höheren Mathematik, stellt eine Reihe von Fragen: Warum der Mann sich mit einem mit Zyankali vergifteten Apfel umgebracht hat? Wofür er einen Orden erhalten hat, den er anscheinend verborgen halten wollte? Und was sind es für seltsame Paradoxien an und mit denen Turing arbeitete und was können diese Widersprüche für sein Leben und seinen Tod bedeuten? Immer mehr beschleichen dem jungen Kriminalisten Zweifel an der Selbstmordtheorie, zumal seine Ermittlungen merkwürdigerweise von höheren Stellen blockiert werden.

„Der Sündenfall von Wilmslow“ beginnt wie ein Krimi. Und obwohl Corell ein Detektiv ist und obwohl sein Bemühen um Erkenntnisse in diesem Fall nicht ohne Erfolg sind, ist es kein Detektivroman. Und obwohl der Verdacht auf Spionage immer mitspielt, ist es kein Spionage-Thriller. Vielmehr handelt es sich um einen historischen und gesellschaftspsychologischen Roman.  Es ist eine gelungene Mischung aus Krimi, Biographie, Psychologie und Wissenschaft. Es ist eine spannende literarische Spurensuche über das Leben des britischen Wissenschaftlers Alan Turing. Brisanz gewinnt das Buch vor allem auch dadurch, dass Turing während des Krieges und danach Mitarbeiter des Geheimdienstes war und der zukunftsweisende Visionen von selbstdenkenden Maschinen entwickelte.

Erzählperspektive des Kriminalisten Corell historische Fakten und literarische Fiktion auf eindrucksvolle Weise zu verweben, um facettenreich das Leben des genialen Britten lebendig werden zu lassen.

Zwei Charaktere bestimmen das Buch: Corell ist ein überzeugender Charakter, der durch ein Gefühl sozialer Unzulänglichkeit gepaart mit vereitelten akademischen Ambitionen behindert wird. Doch der wahre Star des Buches ist Turing, und dieses Buch enthält eine Fülle von Details über sein Leben und seine Theorien. Lagercrantz zeigt uns, wie schlecht Turing von britischem Beamten behandelt wurde, trotz seines entscheidenden Beitrags zum Sieg der Alliierten.

Ein fesselnder und großer Roman über Alan Turing, der Mann, der den Computer mit entwickelt hatte und mithalf den Zweiten Weltkrieg zu verkürzen. Und der in den Tod getrieben wurde, weil er zu unterschiedlich war.

David Lagercrantz, geboren 1962, ist ein anerkannter schwedischer Autor und Journalist, der dokumentargeschichtliche Romane und Biografien über schwedische Erfinder und andere gesellschaftliche Größen verfasste, bevor er sich der Belletristik zugewandte. Deutschen Lesern ist Lagercrantz durch seine Biografie über den Fußballer Zlatan Ibrahimovićs und als Autor des vierten Teils von Stieg Larssons „Millennium“-Serie bekannt.

Hier gelingt ihm eine gekonnte Verschmelzung zweier Erzählformen: die sympathische Biographie einer echten geschichtlichen Figur, die schrecklich von der Einrichtung behandelt wurde, und ein Polizeiprozess, in dem ein hartnäckiger Kriminaler versucht, unnachgiebig ein Geheimnis zu knacken So gelingt ihm eine ungewöhnlich vielschichtige, ausgezeichnete Innenansicht auf einen der einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts.

Beeindruckender Schreibstil und eine komplexe Handlung: absolut lesenswert.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Piper Verlages

https://www.piper.de/buecher/der-suendenfall-von-wilmslow-isbn-978-3-492-31060-4

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Wir müssen über Kevin reden – Lionel Shriver – Piper Verlag

Der Alptraum eines jeden Elternteils

Wir müssen über Kevin reden – Lionel Shriver (Autorin), Christine Frick-Gerke (Übersetzerin), Gesine Strempel (Übersetzerin), 560 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 11 €, ISBN-13: 978-3492310512

Eva wollte nie wirklich eine Mutter sein, und sicherlich nicht die Mutter dieses Jungen, der sieben seiner Mitschülern, einen Cafeteria-Arbeiter und einen vielverehrten Lehrer ermordet hatte

Das Buch erzählt die Geschichte eines High-School-Massakers. Dieses Szenario, nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland bekannt und gefürchtet, fordert die Frage nach dem „Warum?“ geradezu heraus. Die einen sehen die Ursachen in zu laschen Waffengesetzen, während die andere seite die explizite Gewalt im Fernsehen, Videospiele, Filme und Musik anprangern, die die Grenze zwischen Täuschung und Realität aufhebt.

Doch Kevin benutzte keine Pistole und hatte auch keinen Zugang zu gewalttätigen Medien. Er war auch nicht der gemobbte Ausgestoßene, der nach Rache dürstete  und er war auch nicht irgendein unüberwachtes Schlüsselkind.

Jetzt, zwei Jahre später, ist es Zeit für Eva Khatchadourian, sich mit Ehe, Karriere, Familie, Elternschaft und Kevins schrecklichem Amoklauf in einer Reihe von überraschend direkten Briefen mit ihrem getrennt lebenden Ehemann Franklin auseinander zu setzen. Eva befürchtet, dass ihre Abneigung gegen den eigenen Sohn dafür verantwortlich sein könnte, ihn so aus der Bahn zu werfen.

Lionel Shriver schreibt eine tiefe und kühne Untersuchung des Elternseins, indem uns zeigt, wie viel (oder wie wenig) Eltern dafür verantwortlich gemacht werden können, was aus ihren Kinder wird.

Das Buch erforscht die Anforderungen durch eine Mutterschaft und die traumatischen Auswirkungen, die es auf eine Ehe haben kann. Evas Gefühl der Niederlage bei der Geburt ihres Sohnes Kevin, ihr Versagen zu stillen und die vielfältigen Schwierigkeiten, die sie mit dem schlaflosen, schreienden Kind erlebt, sind vielen vertraut. Doch Shriver schreibt nicht über gewöhnliche Mutterschaft oder einen gewöhnlichen Jungen. Kevin ist ein Monster.

Eva findet keine Antworten, nur Schuld, viel davon auf sich selbst gerichtet. Nur ein schwarzes Loch, das sie langsam in einen unerklärlichen Wirbel zieht.

Ein nachdenklicher und zutiefst beunruhigender Roman über eine Mutter. Ein durchaus schreckliches Buch. Sie können es nicht genießen, aber Sie werden die Dinge anders sehen, und das ist genau das, was ein gutes Buch tun sollte. Deshalb müssen Sie es unbedingt lesen.

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https://www.piper.de/buecher/wir-muessen-ueber-kevin-reden-isbn-978-3-492-31051-2

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Rezension: Maestra – L.S. Hilton – Piper Verlag

Intelligenter Erotikthriller

Maestra – L.S. Hilton (Autorin), Wibke Kuhn (Übersetzerin), 384 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 9,99 €, ISBN-13: 978-3492311090

Judith Rashleigh hatte eine schwierige Kindheit, die ihre tiefe Wut beeinflußt hatte. Ihre Mutter trank, sie wurde in der Schule gemobbt und aus ihrem Haus vertrieben. Aber sie entdeckte auch Museen und eine Liebe zur Kunst und arbeitete sich durch das Studium. In ihren 20er Jahren erhält sie ihren Traumjob in einem großen Londoner Auktionshaus. Dort merkt sie schnell,  dass ihr Lohn niedrig ist und ihre Chefs sich mehr um Geld als um Kunst kümmern. Nebenbei arbeitet Judith in einem Club, in dem attraktive junge Frauen reiche ältere Männer dazu überreden, überteuerten Champagner zu bestellen.

Kreuzfahrten, reiche Männer, heftigen Sex, teure Kunst, rücksichtslose Ehrgeiz, Morde und unersättlicher sexueller Appetit, so bewegt sich Judith durch Europa auf der Spur eines großen Kunstbetrugs. Eine gekonnte Mischung aus Krimi, Thriller und „Fifty-shades-of Grey.“ Aber es ist mehr.

Mir scheint es eher ein Porträt einer soziopathischen Frau mit einem unersättlichen Appetit auf sexuelle Abenteuer zu sein. Das Portät einer Frau, die einfallsreich, ehrgeizig, intelligent, sogar amoralisch und sadistisch ist, ja manchmal auch bösartig.

L.S. Hilton schreibt nicht nur gut über Sex, sie schreibt gut über alles andere. Sie könnten die Sex-Szenen schneiden und „Maestra“ wäre noch immer ein faszinierender Roman über eine junge Frau. Sie schreibt über Judiths Liebe zur Kunst und teure Kleidung mit der gleichen Leidenschaft, die sie auf ihren Orgien verwendet. Die Kunstwelt ist gut dargestellt, ebenso wie die verschiedenen Orte der Handlung.

Mich hat das Buch etwas schockiert, weil die Welt, die es porträtiert, sich so deprimierend rückständig anfühlt. Männer haben Geld, Macht, Yachten und Hedgefonds. Frauen sind Einwegzubehör. Sie können zwar die Männer überlisten oder sie zu ihrem eigenen Vorteil manipulieren, aber das wesentliche Gleichgewicht der Macht bleibt unverändert. Frauen in diesem Roman haben keine Macht und keinen Status, der nicht durch Sex verliehen wird.

Trotzdem allem, ein außergewöhnliches und unterhaltsames Buch, eine gute Mischung aus Sex, Verbrechen und Kunst.

Hervorragend geeignet für Leser, die eine gut geschriebene Geschichte wollen, die eine Heldin mit Profil wollen, die aussagekräftige Sexszenen wollen, die nichts der Phantasie überlassen.

Insgesamt eine gute Urlaubslektüre.

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https://www.piper.de/buecher/maestra-isbn-978-3-492-31109-0

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Rezension: Sońka- Ignacy Karpowicz – Berlin Verlag

Es war einmal – das Leben ist wie ein Märchen

Sońka- Ignacy Karpowicz (Autor), Katharina Kowarczyk (Übersetzerin), 208 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3827013439

Zwei Personen begegnen sich in Królowe Stojlo, vier Häuser am Ende des Nichts im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland. Ein Ort, wo fast niemand wohnt und wo, allem Anschein nach, im Augenblick nichts passiert.  Der junge polnische Theaterregisseur Igor Grycowski bleibt wegen einer Autopanne liegen. Er trifft Sonia, die alte Frau mit ihrer Kuh. Sie hat eine Geschichte zu erzählen, ihre Geschichte aus dem Jahre 1941. Und er will sie hören.

Sie lädt ihn auf eine Tasse Milch ein und beginnt zu sprechen. Es ist zunächst eine ungleiche Beziehung – sie legt ein Geständnis ab, ein Sterbebettgeständnis. Er sieht das Ganze als ein großes Material für eine Theateraufführung. Ganz langsam wandelt sich diese Beziehung immer mehr zu einer Partnerschaft.

Der Anfang von Fall von Sonia ist die Liebe, eine verbotene, unerfüllbare und sündige Liebe. Zusammen mit der Liebe erlebt Sonia das Leben jenseits des Lebens – außerhalb der Geschichte, der Moral und der Gesellschaft als Gegensatz zu dem, was möglich ist. Aber die Liebe hat keine Chance im Kampf gegen den Hass, gegen das Böse, gegen das Schicksal, das niemanden glücklich sein lässt.

Die Geschichte des belarussischen Mädchen Sonia ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach im Konzept einer verrückten, jugendlichen Liebe, die nichts beachtet. Kompliziert, weil die Liebe in schwierigen Zeiten des Krieges zu erhaben und schön ist. Sonia wählte die Liebe als Leidenschaft, die nicht darüber nachdenkt, was ist, was war und was sein wird. Liebe, konzentrierte sich nur auf sich selbst. Idealisierte Liebe als eine Flucht aus der Realität.

Ignacy Karpowicz entwickelt aus den Erzählungen und Erinnerungen der Alten zusammen mit den Gedanken und Überlegungen von Igor ein fantastisches, ein trauriges Buch. Eine Geschichte vom Glück und seinem Preis. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise an die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen möglicher Wahrheit und dem künstlerischen Schaffen.

Dem Autor gelingt es über diese unausgesprochenen Momente der Geschichte und das tragische Schicksal zu schreiben, ohne in falschen Pathos oder in Kitsch zu verfallen. Er zwingt den Leser in Angst, in Gefühle und in Misstrauen. Ein ergreifendes fiktives Schauspiel.

Es ist ein gutes Buch, magisch und schmerzhaft, klug und wahr, ergreifend, zweideutig. Und vor allem ist er wunderschön geschrieben.

Lesenswert, weil es zeigt, was wirklich wichtig ist.

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Rezension: Ein Mann – eine Frau – Véronique Olmi – Klaus Wagenbach Verlag

Sie erwartete keinen Trost

Ein Mann – eine Frau – Véronique Olmi (Autorin), Claudia Steinitz (Übersetzerin),128 Seiten, Klaus Wagenbach Verlag (28. April 2017), 10 €, ISBN-13: 978-3803127785

Ein 18. August in Paris, leer und verlassen. Ein Sturm in der Nähe. Wind, Regen. Ein Mann und eine Frau treffen sich, sie scheinen verabredet. Diese Frau ist sehr blass und zu dünn. Er hat blaue Augen, die Haarsträhne über die Stirn. Sie machen einen Spaziergang durch den jardin de luxembourg. Er lädt sie in ein Hotel ein. Sehr schnell öffnet sie sich durch die Sprache des Körpers, jenseits aller Worte, die das Schweigen und das Leid nicht zu erklären brauchen. So wird beiden gegeben, es ist ein Freihandel, sind sie nicht zwei, sind sie zusammen. Die Frau bietet und gibt frei, erhält aber ebenso viel Freude wie Schmerz. Sie lernen das Sanfte und das Schroffe. Diese Linie zwischen Lust und Schmerz ist sehr fein gezeichnet.

Doch diese Frau ist gebrochen, geschwächt und hat eine eindringliche geheime Vergangenheit, eine offene Wunde. Sie scheint ihm zu vertrauen, indem sie ihm ihren Körper anbietet.  Wer oder was hat sie betrogen? Wohin sind ihre weiblichen Formen verschwunden? Wird sie sich ihm anvertrauen können?

Ein starker Mann, eine fragile Frau. Wir erfahren nicht viel über diese beiden Charaktere, genau das, was sie zulassen, Genau das, was wir brauchen. Sie treffen sich, Lust und Liebe. Das ist, was zählt

Véronique Olmi legt einen sehr intimen, sinnlichen Roman vor, voller Emotionen, Liebe und Verletzungen. Und über den Regen, der in der ganzen Geschichte vorhanden ist.

Der Schreibstil ist, wie immer bei Véronique Olmi umwerfend schön, manchmal roh, manchmal sehr grob, aber ohne Vulgarität. Wenn sie sich über eineinhalb Seiten der Farbe Blau seiner Augen zu nähern versucht. (Seite 25/26) Oder, wenn Sie Sätze schreibt wie diesen: „… und sein Blick war neu. Im Blau seiner Augen, direkt über der schwarzen Iris war ein gelber Glanz, wie ein Goldkörnchen. […] Kam dieser Glanz vom Sonnenlicht oder aus seiner eigenen Wahrheit, das Stückchen Sonne im uralten Blau seiner Augen, dieses offenbarte Anderswo, dieser kleine gelbe Punkt, für alle Ewigkeit, eine Überraschung, eine Verrücktheit dieser beiden Lichtspäne, das Unerwartete in seinem Blick.“ (Seite 63/64) Sehr lange Sätze, oft ohne Interpunktion, haben einen tiefen Rhythmus, ändern das Tempo und lassen sich gut lesen und vor allem bringen sie einen näher an die Geschichte und sogar in die Gedanken der Charaktere hinein.

Dieses intime Buch erzählt die Begegnung von zwei verwundeten Wesen, die für einen Nachmittag den Geschmack der Unschuld, der Nachsicht und der Vergebung finden.

Es ist ein Text, der sich ganz vorzüglich zum Vorlesen eignet. Wäre doch mal eine Idee: Lesen Sie diese Geschichte einmal ihrem Partner, ihrer Partnerin vor. Es wird beide nicht unberührt lassen.

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https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1098-ein-mann-eine-frau.html

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Rezension: Ein gewisses Lächeln – Françoise – Klaus Wagenbach Verlag

Eine Frau, die einen Mann geliebt hatte

Ein gewisses Lächeln – Françoise Sagan (Autorin), Helga Treichl (Übersetzerin) 144 Seiten,  Klaus Wagenbach Verlag (28. April 2017), 10 €, ISBN-13: 978-3803127754

Françoise Sagan schreibt einen kurzen Roman in drei Teilen.

Im ersten Teil: Dominique, eine Jurastudentin, die mit ihrem Kommilitonen Bertrand zusammen ist, verliebt sich in Luc, dessen Onkel, der mit Francoise verheiratet ist.

Im zweiten Teil: Dominique und Luc verbringen zwei Wochen lang zusammen in der Nähe von Cannes.

Im dritten Teil: zurück in Paris, Dominique wartet auf Luc, der sie verlässt.

Es ist die banale Geschichte eines Ehebruchs, einer Beziehung zwischen einem „alten Mann“ und einem „jungen Mädchen“; Midlife-Krise für diesen, Krise des Übergangs zum Erwachsenenalter für diese. Ordentlich erzählt in einer sanften, reichen Sprache, mit einem Hauch von Zynismus. Im Stil von „Bonjour Tristesse“, dem Stil der Sagan.

Alles wird aus der Perspektive von Dominique gesehen und ihre Gefühle mit einer entwaffnenden Genauigkeit beschreiben. Sagan beschreibt perfekt die Sprache des Körpers, die Liebe, die Hoffnung, die psychologische Wandlung, die dieses Gefühl von Eifersucht, Egoismus, Bosheit aber auch Glück, Gelassenheit, Unachtsamkeit oder Zweifel einleiten und auslösen. Ein Roman mit unglaublicher Genauigkeit.

Normalerweise sagt man, dass es den Autoren oft schwerfällt, nach einem sehr erfolgreichen ersten Roman, einen gleichwertigen zweiten zu schreiben. Sagan hat diese Falle brillant umgangen. Für mich ist „Ein gewisses Lächeln“ fast noch besser als Bonjour Tristesse. Françoise Sagan war 20 Jahre alt, als sie dieses Buch geschrieben hat, zwei Jahre nach „Bonjour Tristesse“. Und sie spricht über die Liebe, Leidenschaft, Langeweile, Glück und viele anderen Gefühle, mit der Reife von jemandem, der bereits mehrere Leben gelebt hat, mit dem Abstand von einem neutralen Beobachter, der das Leben anderer einfach registriert.

„Ich war eine Frau, die einen Mann geliebt hatte. Eine simple Geschichte und kein Grund sich aufzuspielen.“ (Seite 139) So der letzte Satz: Ein Roman, wie geschaffen gegen Liebeskummer und ähnliche Zustände.

Ein kurzer bittersüßer Roman, weich und prägnant, voller Melancholie. Das Buch ist einfach ein Genuss.

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Rezension: Gilles’ Frau – Madeleine Bourdouxhe – Klaus Wagenbach Verlag

Das kleine, traurige Glück am Küchenherd

Gilles’ Frau – Madeleine Bourdouxhe (Autorin), Monika Schlitzer (Übersetzerin), 160 Seiten, Klaus Wagenbach Verlag (28. April 2017), 12 €, ISBN-13: 978-3803127792

„Durch die Nässe verfaulen die letzten Herbstblumen, noch bevor sie Zeit hatten zu welken.“ (Seite 130) Ein Satz, der für vieles gilt, auch und insbesondere für Elisa.

Elisa ist die Frau von Gilles, einem Stahlarbeiter, irgendwo am Rande einer Industriestadt in Belgien, vielleicht Lüttich. Sie führen eine sogenannte ganz normale Ehe, zwischen Kindern, Küche, Garten, Arbeit und dem Warten auf den von der Arbeit kommenden Mann, den sie abgöttisch liebt.

Damit beginnt auch dieser Roman. „Fünf Uhr … Er wird bald heimkommen“ denkt Elisa. Und kaum hat sie das gedacht, ist sie zu nichts mehr fähig […] Eine Welle der Zärtlichkeit ergreift sie wie ein Schwindel.“ (Seite 5) So erwartet sie die Ankunft von Gilles von der Arbeit in der örtlichen Fabrik in der belgischen Landschaft. Sie ist verliebt in ihren Mann und erwartet ihr drittes Kind, Elisa will wenig mehr, als sich um ihre Familie zu kümmern. Dabei bemüht sie sich, ein möglichst komfortables Zuhause zu schaffen. Die Eröffnungsszenen malen idyllisches Bilder, voll von den einfachen Freuden des Lebens: „Gilles lehnt sich wieder aus dem Fenster. Er denkt an nichts und an eine Menge winziger Kleinigkeiten. Morgen ist Sonntag … Der Duft der Suppe steigt ihm noch immer in die Nase … Die Blumen im Garten sind schön. Wie angenehm das Leben doch ist. Er sieht Elisa zu, wie sie im Licht der untergehenden Sonne seine beiden nackten kleinen Töchter badet, und Frieden erfüllt ihn.“ (Seite 9)

Doch es dauert nicht lange, bis diese harmonische Existenz auseinanderfällt. Kurz vor der Geburt ihres Babys beginnt sie, ein vages Gefühl von Unbehagen zu erleben. Gilles erscheint in irgendeiner Weise unbeständig. Zuerst setzt Elisa es auf ihren eigenen Zustand – schließlich ist alles ein wenig seltsam, wenn man hoch schwanger ist. Aber eines Abends, als Gilles im Begriff ist, mit Victorine (Elisas attraktiver jüngerer Schwester) auszugehen, ist Elisa von einem akuten Gefühl der Angst gepackt.

Madeleine Bourdouxhe beschreibt die Katastrophe sehr gut: die Art und Weise, in der der Verrat in einem Blick oder einer Geste des Augenblicks sichtbar wird; oder auch wie ein neugieriges, fast euphorisches Schockgefühl das Herz in den ersten Phasen der Gefahr schützt. Dann kommt das hartnäckige Geschäft des emotionalen Überlebens: Es ist nicht so viel der Verlust von Gilles Liebe, die Elisa fürchten muss, sondern der Verlust ihrer eigenen Liebe.

„Gilles’ Frau“ ist eine klassische Tragödie. Die Orte sind einfach, die mitspielenden Personen ebenfalls. Und es sind nicht viele. Keiner verliert den Überblick. Bourdouxhe Stärke ist es, aus wenig viel zu machen. Dabei nutzt sie einen Sprachstil, der sowohl blumig elegant als auch ruppig und grausam ausfallen kann, der minimalistisch, aber zugleich sehr emotional ist. Hinzu kommt eine überaus genaue und treffende Analyse der Unterschiede von männlicher und weiblicher Sexualität. Und sie zeigt die schmalen Grenzen auf, die zwischen Liebe und Anbetung verlaufen.

Madeleine Bourdouxhe lässt den Leser ganz nah an Elisas Sicht und gibt ihm einen nahezu vollständigen Zugang zu ihren inneren Gedanken und Gefühlen. Es ist ein verheerendes Porträt einer Frau, die in ihrem Schmerz und Leiden in ihrer selbstaufopferten Liebe zu ihrem Mann isoliert ist.

Das Buch war der Debütroman von Madeleine Bourdouxhe, der erstmals 1937 erschien, als die Autorin Anfang dreißiger Jahre war. Und ihr gelang mit dieser Konzentration auf eine ménage à trois eine zeitlose Geschichte selbstloser Liebe und ihrer Schmerzen.

Sie können das Buch in zwei oder drei Stunden leicht lesen, aber diese Geschichte hat das Potenzial, länger in Ihrem Gehirn und Ihrem Herzen zu verweilen.

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https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1099-gilles-frau.html

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