Schlagwort-Archive: Berlin Verlag

Rezension: Die Taufe – Ann Patchett – Berlin Verlag

Familien und ihre Geheimnisse

Die Taufe – Ann Patchett (Autorin), Ulrike Thiesmeyer (Übersetzerin), 400 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3827013446

Die Geschichte beginnt in den frühen 1960er Jahren. Fix Keating, ein Polizist, verheiratet mit der wunderschönen und verführerischen Beverly. Ihre Tochter Franny wird getauft und sie haben zu einer Party eingeladen. Dort erscheint uneingeladen auch Albert Cousins, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt. Er wollte bloß der Langeweile mit heulenden Kleinkindern und seiner müden schwangeren Frau Teresa an einem Sonntagnachmittag entkommen. Er bringt eine große Flasche Gin mit. Der Inhalt wird eine ganze Familie auflösen.

Die Geschichte entfaltet sich zwischen dem Leben der Familien Keating und Cousins in den nächsten fünf Jahrzehnten.

Als sie 30 Jahre alt ist beginnt Franny Keating eine Beziehung mit dem renommierten Schriftsteller Leon Posen, ein viel älterer Mann, der dringenden Inspirationen für ein neues Buch braucht. Die Geschichten, die Franny ihm von ihrer Kindheit erzählt, bilden die Basis für sein Bestseller-Comeback. Die Auswirkungen dieses Romans, und die Geheimnisse, die er enthüllt, verwendet Ann Patchett, um uns die Geschichten von 10 Personen zu erzählen: die sechs Keating-Cousins Kinder und ihre vier Eltern.

Das klingt zunächst wie eine große Familiensaga mit all ihren Verwicklungen, Tragödien und Momenten des Glücks. Ist sie auch. Aber sie ist noch mehr: Wie die Familien sich erinnern und sich selbst beurteilen, wird zu einem der wichtigsten Themen des Romans. Welche Familiengeschichten gehören uns allein? Wer bringt falsche Teile in unsere Geschichte? Wie entwickeln sich Schuld und Vergebung über die Generationen? Und vor allem gibt uns die Autorin tiefe Einblicke in die realen und emotionalen Auswirkungen der Entwurzelung von Familien.

Patchett wählt eine episodische Struktur, indem sie zwischen den Charakteren und Jahrzehnten wechselt und Details herauszieht. So gelingt es ihr, wie in einem überreichen Teppich eine faszinierende Geschichte zu weben.

Um eine Geschichte mit 10 Protagonisten zu schaffen, die sich über 50 Jahre erstreckt – und viele Orte verteilt ist, das ist schon ein Balanceakt, der große Erzählkunst erfordert. Und Ann Patchett ist eine meisterliche Geschichtenerzählerin. Vor allem versteht sie es perfekt etwas zu zeigen, anstatt nur zu beschreiben. Sie schreibt voller Witz und Wärme, nuanciert, sehr komplex und vor allem authentisch.

Ein kluger, aufregender Roman, ernst und anspruchsvoll, dabei von einer erfrischenden Ehrlichkeit, durch die er besonders vergnüglich zu lesen ist. Ein Genuss, den Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/die-taufe-isbn-978-3-8270-1344-6

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Der Optiker von Lampedusa – Emma Jane Kirby – Berlin Verlag

Eine Ode an die Menschlichkeit

Der Optiker von Lampedusa: Die Geschichte einer Rettung – Emma Jane Kirby (Autorin), Paulina Abzieher (Übersetzerin), Hans-Christian Oeser (Übersetzer), 160 Seiten, Berlin Verlag (3. April 2017), 16 €, ISBN-13: 978-3827013460

Oktober bei Lampedusa an einem sonnigen Morgen. Auf See wacht der Optiker in der Morgendämmerung auf. Das Meer ist schön, die Sonne scheint, er ist glücklich. Für einen Moment hat er all seine Sorgen vergessen. Er genießt die Ruhe, die nur von Möwenschreien unterbrochen wird. Ungewöhnlich schrill, fast übernatürlich. Nein, das sind keine Vögel. Das sind Schreie der Angst, der Verzweiflung, des Schmerzens.

Der Optiker von Lampedusa ist ein ganz normaler Mensch, fleißig, ruhig, gewissenhaft. Mit seiner Frau Teresa lebt er auf dieser einzigartige Insel. Sie mögen gegrillte Sardinen, Aperitifs auf der Terrasse und Bootsfahrten auf den ruhigen Gewässern um ihr kleines Inselparadies. Er sieht aus wie wir. Er ist gewissenhaft, sorgt sich um die Zukunft seiner beiden Söhne und kümmert sich um das Überleben seines kleinen Unternehmens.

Er ist kein Held. Und seine Geschichte ist kein Märchen, sondern eine Tragödie: die Entdeckung von Männern, Frauen und Kinder, die im Wasser um ihr Überleben kämpfen. Gesichter, die von den Wellen gefangen sind. „Noch nie hatte ich soviele Menschen im Wasser gesehen. Strampelnde Gliedmaßen, ausgestreckte Hände, schlagende Fäuste, schwarze Gesichter, die erst über, dann unter den Wellen aufblitzten. Schnaufen, Geschrei, Prusten, Gebrüll. Mein Gott, dieses Gebrüll.“ (Seite 7) und nur weil sie aus ihren Länder gefohen sind vor Verfolgung und Tyrannei.

Der Optiker von Lampedusa erzählt die Geschichte von einem, der nicht sehen will.  „Ich wollte Ihnen diese Geschichte nie erzählen. Ich hatte mir geschworen, diese Geschichte nie wieder zu erzählen, weil sie kein Märchen ist.“ (Seite 9) Und nun befindet sich dieser Anti-Held plötzlich in einer Situation, die alles andere als normal ist. Was als gemütliche, ruhige Bootsfahrt mit Freunden begonnen hat, endet damit, dass sie in ihrem kleinen Boot 47 Flüchtlinge gerettet haben.

Eine wahre Geschichte, die die Journalistin Emma-Jane Kirby meisterlich erzählt, ganz nahe an der Realität, hell und prägnant.

Der Optiker von Lampedusa? Das bin ich, das bist du. Ein kleines, ruhiges Leben, mit wenigen Sorgen. Die menschlichen Dramen der Flüchtlinge kennen wir nur aus Fernsehen, aus der Morgenzeitung. Bilder, die uns wenig beeindrucken. Dieses Buch hilft, unsere Augen und Herzen zu öffnen, weil hinter den Zahlen es Menschen aus Fleisch und Blut gibt, die vor der Armut, der Diktatur und dem Krieg geflohen sind.

Das kurze Buch werden Sie in einem Rutsch lesen. Danach werden Sie nicht mehr gleichgültig sein.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/der-optiker-von-lampedusa-isbn-978-3-8270-1346-0

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Das Herz kommt zuletzt – Margaret Atwood – Berlin Verlag

Man kann einchecken, aber man kann nicht mehr raus.

Das Herz kommt zuletzt – Margaret Atwood (Autorin), Monika Baark (Übersetzerin), 400 Seiten, Berlin Verlag (3. April 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3827013354

Das Leben von Charmaine und Stan verlief recht angenehm oder besser gesagt, normal. Beide hatten eine recht zufriedenstellende Arbeit. Jetzt leben sie in ihrem Auto, irgendwo im rust belt Amerikas, verarmt und verzweifelt. Genauso wie die Bande von Vergewaltigern und Dieben, die draußen um ihr Auto marodierend herumziehen. Sie haben eine Reihe von Arbeitsplätzen verloren, und sie sehen keine lebensfähige Zukunft. Aber Sie haben einander. Sie scheinen ein wenig naiv in der Art, wie sie ihre Liebe als Bollwerk gegen die Welt beibehalten. Und genau diese Naivität macht sie anfällig für ein verlockendes Angebot: ein Monat im Gefängnis, und einen Monat draußen, wo es Vollbeschäftigung gibt und sie ohne Kosten leben können.

Diese doppelte Gemeinschaft von Positron, dem Gefängnis und Consilience, dem normalen Lebensraum, ist ein sozioökonomisches Experiment, das auf einem privat finanzierten postmodernen Gefängnis beruht, aber eigentlich eine Strafkolonie ist.

Der Roman zeigt sich zunächst als eine alarmierende Geschichte aus der nahen Zukunft an, ein vertrautes Szenario bei Margaret Atwood: Die Welt zerfällt in Stücke, und eine finstere Institution mit eigener Kältelogik steigt ein, um das Vakuum zu füllen.

Das Ganze ist eine Metapher, eine Allegorie: Sie zeigt eine bürgerliche Existenz, die nur durch wirtschaftliche Unterdrückung aufrechterhalten werden kann. Statt eines wohlhabenden Lebensstils, der durch Sklavenlöhne in fernen Ländern möglich gemacht wird, ist das Neue am Positron-Projektes, dass jetzt die Ausgebeuteten und diejenigen, die von der Ausbeutung profitieren, dieselben Menschen sind.

Und es geht um den Kampf zwischen der Monogamie und der Wirklichkeit des menschlichen Verlangens, der Verflechtung von Sex und Dominanz, der Liebe und des freien Willens. Was bedeutet es wirklich, jemanden zu lieben? Wie viel freier Wille haben wir wirklich in Sachen des Herzens? Was würden wir für Sicherheit tun? Das sind wiederkehrende Themen von Margaret Atwood, Kanadas berühmteste Schriftstellerin. Hier hat sie diesen Stoff in eine strenge Satire auf räuberischen Großunternehmen gepackt und mit einer Sex-Komödie gekreuzt.

Margaret Atwood zeichnet Stan und Charmaine eindrucksvoll und einfühlsam, ohne deren egoistischen Wünsche, heuchlerischen Rechtfertigungen und Schwächen im Angesicht von Versuchung oder Zwang zu unterschlagen. Beide sind ausgesprochen normal und doch oft abscheulich.

Die Autorin schreibt in einer lyrischen, leichten und virtuosen Sprache. Irgendwie unaufdringlich und trotzdem vom Inhalt sehr eindringlich.

Eine packende, psychologisch exakte Darstellung unserer eigenen Zukunft, die den Leser sehr nachdenklich zurücklässt.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/das-herz-kommt-zuletzt-isbn-978-3-8270-1335-4

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Drei Söhne: Ein Mordprozess – Helen Garner

Die Banalität des Bösen

Drei Söhne: Ein Mordprozess – Helen Garner (Autorin), Lina Falkner (Übersetzerin), 352 Seiten, Berlin Verlag (1. September 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3827012692

„Drei Söhne“ beginnt fast wie ein modernes Märchen: „Es war einmal ein schwer arbeitender Mann, der mit seiner Frau und seinen drei kleinen Söhnen in einer Kleinstadt in Victoria lebte. Sie schlugen sich mit seinem Raumpflegerslohn durch und bauten mühsam an einem größeren Haus.“ (Seite 9)

Doch schon im nächsten Satz ist das Märchen zu Ende und ein Happyend ausgeschlossen. Denn seine Frau trennt sich von ihm und behält die Kinder.

Und „zehn Monate später, an einem Septemberabend 2005, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, als der abgelegte Ehemann gerade seine Söhne von einem Vatertagsausflug zurück zur Mutter fuhr, kam sein alter, weißer Commodore, kaum fünf Minuten von der Haustür entfernt, plötzlich von der Fahrbahn ab und versank in einem Baggersee. Der Mann befreite sich aus dem Auto und schwamm ans Ufer. Das Auto sank auf den Grund und alle drei Kinder ertranken.“ (Seite 10)

Soweit der Anfang dieser wahren Begebenheit. Tragischer Unfall oder Mord aus Rache? Diese Frage beschäftigte nicht nur die australischen Gerichte und die Öffentlichkeit. Auch die Autorin Helen Garner verfolgt den Prozess vor dem hohen Gericht in Canberra.

Helen Garner verknüpft Beschreibungen des Gerichtsverfahrens mit Szenen aus jener verhängnisvollen Nacht und Zeugenaussagen zu einem herzzerreißenden Drama. Es ist kein „whodunnit“-Krimi, sondern mehr ein „Warum hat er es getan?“ Sie richtet ihren Fokus nicht so sehr auf das Urteil, sondern auf die innere Welt einer verurteilten Familie. Das Ganze legt sie an als eine überaus gekonnte Mischung aus Bericht, Gerichtsreportage, Zeugenaussagen, Gesprächswidergabe, Erzählung und immer wieder die ganz persönlichen Eindrücke der Autorin.

Im Mittelpunkt ihre Geschichte steht Rob Farquharson, der liebende Vater von Jai, Tyler und Bailey und ihr möglicher Mörder. Es entsteht das Porträt eines gewöhnlichen Menschen und eines undenkbaren Verbrechens. Aber auch tiefe Einblicke in die Seele und das Denken aller Beteiligten: Richter, Anwälte, Ankläger, Freunde, Verwandte und Zeugen. Sie beobachtet sorgfältig jedes einzelnen Verhalten und jede Regung aller Personen in diesem langen Indizienprozess.

Eigentlich wollen wir als Leser, dass Rob unschuldig am Tod der Kinder ist, ein tragisches Ereignis eben und nicht, dass er vorsätzlich und rücksichtslos handelt. Aber das wollen wir nicht unbedingt, weil wir glauben, dass er unschuldig sei, sondern weil es einfach zu schrecklich ist, die Alternative zu betrachten, weil es einfacher ist, daran zu glauben, dass das Leben der Kinder für einen Vater zu kostbar wäre, um es in einem Moment der Vergeltung zu zerstören.

Es ist eine Geschichte über Verlust, über die unerträglichen Bereiche des menschlichen Verhaltens, über die Spannung zwischen Liebe und Hass, Pflicht und Rache. Sie schreibt erschütternde Szenen, berührende Beobachtungen der Schwäche gepaart mit ironischen Momenten des Humors. Besonders gelungen finde ich die Gegenüberstellung des intellektuellen Ansatzes des Staatsanwaltes Jeremy Rapke, gegen die emotionale Darstellung des Verteidigers Peter Morrissey. „Während die Anklage für das Schlussplädoyer eine trockene und verstandesmäßige Herangehensweise gewählt hatte, versuchte die Verteidigung direkt aufs Herz zu zielen.“ (Seite 219)

Helen Garner schreibt einfühlsam und zugleich schonungslos, schnörkellos und doch facettenreich.

Ein Buch voller Kraft und Leidenschaft. Wenn Ihnen beispielsweise Truman Capotes „Kaltblütig“ gefallen hat, dann haben Sie hier eine australische Version. Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie diesen Fall nicht mehr vergessen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/drei-soehne-isbn-978-3-8270-1269-2

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück – Muho

Es gibt ein Leben vor dem Tod.

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück: Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen – Muho (Autor), 192 Seiten, Verlag: Berlin Verlag (1. September 2016), 16 €, ISBN-13: 978-3827013385

Meinen Gedanken zu diesem Buch möchte ich ein Gedicht des katholischen Dichters Werner Bergengruen voranstellen:

„Gestern fuhr ich Fische fangen, / Heut bin ich zum Wein gegangen, /- Morgen bin ich tot – / Grüne, goldgeschuppte Fische, / Rote Pfützen auf dem Tische, / Rings um weißes Brot. / Gestern ist es Mai gewesen, / Heute wolln wir Verse lesen, / Morgen wolln wir Schweine stechen, / Würste machen, Äpfel brechen, / Pfundweis alle Bettler stopfen / Und auf pralle Bäuche klopfen, / – Morgen bin ich tot – / Rosen setzen, Ulmen pflanzen, / Schlittenfahren, fastnachtstanzen, / Netze flicken, Lauten rühren, / Häuser bauen, Kriege führen, / Frauen nehmen, Kinder zeugen, / Übermorgen Kniee beugen, / Übermorgen Knechte löhnen, / Übermorgen Gott versöhnen – / Morgen bin ich tot.“

Er umreißt mit diesem Gedicht Gott und die Welt, Leben und Tod, und alles andere, was sich zwischen diesen Koordinaten befindet. Bergengruen fasste den Glauben als Sprung über den Schatten der eigenen Existenz auf.

Abt Muho greift dieselben Koordinaten auf und interpretiert sie aus der buddhistischen Sicht des Zens. Er heißt eigentlich Olaf Nölke, wurde 1968 in Berlin geboren, ist deutscher Zenmeister und steht seit 2002 dem japanischen Kloster Antai-ji als Abt vor.

In diesem Buch hält er uns keine Vorträge, will niemanden bekehren, sondern zeigt uns in 24 Kapiteln seinen eigenen Lebensweg. Die Schlussfolgerungen daraus muss jeder selber ziehen.

Es geht auch nicht um Glauben oder Nichtglauben. Denn, wie sagte der japanische Zenmeister Sawaki Kodo: „Der Buddhismus ist keine Ideologie. Die Frage, die er stellt, lautet: Was fange ich mit mir selbst an?“ (Seite 71)

Es geht um das Leben. Das Leben im Jetzt. Nicht vergleichen. Nicht an früher denken. Nicht über das Morgen sorgen. Loslassen. Aber wie geht das eigentlich?

Anleitungen dazu gibt es genug, zum Zen, zur Achtsamkeit, Zen-Leadership, Zen für Unternehmer, Zen für Küche und Leben, Zen für Dummies, Zen für Programmierer, Zen-Basis, Zen für Anfänger, Zen für Ärzte, Zen für Banker, Zen für Ältere, Zen für öffentliche Räume, Zen-Food und sogar Zen für trockene Haut. Und alle versprechen dir Glück, Zufriedenheit, besseres Aussehen, stabile Gesundheit und bessere Geschäfte. Alles nur ein gigantisches Geschäft?

Vielleicht. Bei Abt Muho geht es um mehr. Er stellt sich ja eine nicht unbedingt leichte Aufgabe. Denn, Wenn wir unser wahres Wesen, unsere Essenz ergründen wollen, ist das nicht mit den Mitteln der Sprache oder intellektuellen Verstehens möglich. Doch wie können wir etwas verstehen, das man nicht erklären kann? Nun, wenn wir’s schon nicht beschreiben können, können wir es zumindest umschreiben. Und das tut Abt Muho in Vollendung.

Ich zitiere einfach mal aus dem Buch von Abt Muho:

„Wir machen uns Sorgen um das, was nach dem Tod kommen könnte, und vergessen dabei, das Leben zu leben, solange wir es haben. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wer kann das wissen? Aber wenn es so weit ist, werden wir es schon herausfinden. Früher oder später werden wir alle in den Besitz der Antwort kommen. Wir können also gespannt sein!“ (Seite 15)

„Wenn aus morgen heute wird, verschiebt man das ungelebte Leben einfach um einen weiteren Tag in die Zukunft. Und immer so weiter. Doch der einzige Tag, den ich wirklich leben kann, ist der heutige. Da hilft mir auch kein nächstes oder übernächstes Leben. Das Leben, das ich heute nicht lebe, wird ewig ungelebt bleiben. Das Leben, das ich in diesem Augenblick lebe, ist das einzige Leben. Es gibt allein das Jetzt. Nur wenn ich diesen Tag so lebe, als wäre er mein letzter, werde ich auch den nächsten zu leben wissen.“ (Seite 16)

Oder wie Sawaki Kodo es ausdrückte. „Die Hälfte des Lebens / Geburt, Krankheit, Alter, Tod – / vertrödel sie nicht, deine kurze Zeit hier!“ (Seite 15)

„Glück steckt in diesem Atemzug. Nicht im vergangenen und nicht im nächsten.“ (Seite 105)

Lassen Sie sich auf dieses Buch ein. Meines Erachtens ist es eines der besten Bücher über Zen. Vielleicht hilft es Ihnen, Ihren Weg zu finden.

„Alle reden von der Realität, aber die ist nur ein Traum. Erst wenn du stirbst, erkennst du den Traum. Beeil dich! Besser, du erwachst bereits im Leben aus ihm. (Sawaki Kodo Seite 177)

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/ein-regentropfen-kehrt-ins-meer-zurueck-isbn-978-3-8270-1338-5

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Wir sind nicht wir – Matthew Thomas – Berlin Verlag

 Wenn ihr Leben nicht so ist, wie sie es sich wünschen.

Wir sind nicht wir – Matthew Thomas (Autor) – Astrid Becker (Übersetzer), Karin Betz (Übersetzer), 896 Seiten, Berlin Verlag (1. August 2016), 12,99 €, ISBN-13: 978-3-8333-1055-3

Das Buch dreht sich um Eileen, ihren Mann Ed, einem schrulligen, akademischen Wissenschaftler und ihren Sohn Connell. Der Großteil des Buches ist aus Eileens Sicht erzählt. Sie ist das einzige Kind ihrer Eltern, und wir lernen jede Drehung und Wendung in ihrem Leben kennen. Es gibt Kapitel, die ihrem Mann und Sohn gewidmet sind, aber vor allem erleben wir die Geschichte durch Eileens Augen.

Eileen Leary, geborene Tumulty wächst in einem Armenviertel mit wohlmeinenden aber alkoholkranken Eltern auf. „Ihre Mutter trank mehr als ihr Vater es je getan hatte.“ (Seite 41) Sie will mehr. „… aber mit einem Mann zusammen sein, dem es völlig genügte, dreißig Jahre lang einen Lieferwagen zu fahren, konnte sie sich nicht vorstellen.“ (Seite 56) Sie heiratet den brillanten Wissenschaftler Ed, der „… Zeit seines Lebens nicht imstande sein würde, die engen Grenzen seiner Vorstellungskraft zu sprengen, die seine Herkunft ihm gesetzt hatten.“ (Seite 107) Sie will mehr. Ein größeres Haus „Sie begriff jetzt, dass manche Orte mehr und auch weniger Glück verheißen.“ (Seite 31) Sie will ein besseres Standing, ein Kind … Eileen will mehr. „… sie wollte sich nur ein bisschen verbessern.“ (Seite 249) Doch statt immer mehr zu finden, ist Eileen dabei, einen großen Verlust einzufahren, einen Verlust, an dem sie ein Leben lang leiden wird.

Ein ruhiger, kraftvoller Roman, der uns zeigt, dass unser Leben nicht nur unser eigenes ist, sondern auch eine Mischung aus den Leben vor und nach uns. Ein Roman von emotionaler Wahrhaftigkeit.

Die Geschichte ist enorm vielschichtige und unsentimental. Sie reicht von Heimat, Identität und unerwarteten menschliche Entwicklungen. Eine epische Saga, aber knapp ausgeführt, die an eine verlorene Welt erinnert. Eine bewegende Geschichte von einer irisch-amerikanischen Familie, die sich von den frühen 1950er Jahren bis 2011 erstreckt. Ein großes Einwanderer-Epos, große Porträts von drei Generationen einer bemerkenswerten Familie und nicht zuletzt ein wunderbares Porträt des sich ständig wandelnden New-Yorks.

Das Bemerkenswerteste an diesem sehr langen Roman ist, wie realistisch und auch wie normal die Geschichte ist. Niemand wird ermordet. Keine Bomben gehen hoch. Niemand wird berühmt. Sie leben in einem normalen Haus und führen ein normales Leben. Jeder Leser wird sich in diesen Seiten wiederfinden und das macht dieses Buch so unglaublich überzeugend. Wir beobachten unsere eigenen Leben. Das Buch erinnert mich an den frühen John Irving.

Dieser Roman liest sich wie ein Gedicht. Matthew Thomas schreibt sehr detailliert und sehr nuanciert, gestaltet wunderschöne Sätze, poetisch, nachdenklich und von emotionaler Genauigkeit. Trotzdem ist es nicht zu dicht und zu wortreich. Es ist eher eine schlanke Prosa mit geschmeidigen, in sich stimmigen und gleichzeitig sehr komplexen Charakteren. Schon nach wenigen Seiten fühlt sich der Leser, als ob er ein Teil der Familie Leary sei.

Dieser Roman erfordert Geduld, Einfühlungsvermögen für Charaktere. Es wird Sie mitnehmen auf eine emotionale Reise, einfühlsam und tragisch. Eine starke Geschichte, die um die Frage kreist, woran wir am Ende unseres Lebens gemessen werden. „Wir sind nicht wir“, ein herrliches Buch, das Ihre Lesezeit wert ist und Sie zum Nachdenken anregen wird.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlinverlages:

http://www.berlinverlag.de/buecher/wir-sind-nicht-wir-isbn-978-3-8333-1055-3

Rezension: Der Garten über dem Meer – Mercè Rodoreda – Berlin Verlag

Schwebende Melancholie

Der Garten über dem Meer – Mercè Rodoreda (Autorin), Kirsten Brandt (Übersetzerin), 240 Seiten, Berlin Verlag Taschenbuch (1. Juni 2016), 10€, ISBN-13: 978-3833310546

Dieses Buch erzählt die Geschichte des wohlhabenden, jungen Ehepaares Rosamaria und Francesc, die den Sommer in einem herrschaftlichen Anwesen an der Küste mit Freunden verbringen. Der Gärtner beobachtet sechs Jahre lang die Familie und ihr Treiben und berichtet uns als Icherzähler über Liebe, Eifersucht, Klatsch, Spaß, Verlust, Freundschaft, Einsamkeit. eine Geschichte über die dekadenten Liebeshändel der Bourgeoisie, gesellschaftliche Aufstiegsträume und sozialen Ehrgeiz. Irgendwann in den Zwanziger oder frühen Dreißiger Jahren spielt der Roman, auf jeden Fall noch vor dem Spanischen Bürgerkrieg. Irgendwo an der Küste Kataloniens, wohl nicht weit von Barcelona, ist die Handlung angesiedelt.

Eindringlich beschreibt Rodoreda die 20erJahre der Ära vor Franco, eine Zeit, die im Begriff ist zu vergehen, deren Dekadenz sich in der des jungen Paares widerspiegelt. Verlust und Einsamkeit sind wiederkehrende Themen des Romans. Der langsame Untergang einer heilen Welt.

Die Geschichte hat eine lineare Struktur und ist in sechs Kapitel unterteilt. Im ersten lernen wir alle Personen und ihre Aktionen sowie das Haus kennen. Die Geschichte entwickelt sich vom zweiten bis zum fünften Kapitel und schließt mit dem sechsten Kapitel, als das Haus am Meer verkauft wird. Überall eingestreut finden wir Erinnerungen der einzelnen Personen, ohne dass dadurch die Chronologie der Geschichte unterbrochen würde. Die Geschichte ist aber nicht fertig und so bleibt das Ende offen.

Der Erzähler, also der Gärtner, ist nicht der Protagonist, sondern Zeuge, ein Beobachter aus der Ferne und er erzählt nur, was er beobachtet, hört und sieht, so hat er nur einen beschränkten Zugang zu Tatsachen und Hintergründen. Er zeichnet ein Gesellschaftstableau, indem er es vom Rande her beobachtet. Aber dadurch entwickelt er eine emotionale Distanz: ein Erzählstil der mir persönlich sehr behagt.

Die Geschichten entwickeln sich langsam, fast gemütlich, ohne langweilig zu sein. Über dem ganzen Buch liegt ein Hauch von Melancholie, gepaart mit einem guten Schuss Wehmut, der wie ein leichter Nebel über allen Protagonisten liegt. Glück scheint durch seine Abwesenheit zu glänzen. Die Vergangenheit scheint immer besser zu sein als die Gegenwart.

Mercè Rodoreda zeichnet die Charaktere sehr gekonnt durch ihre Gefühle und Ideen. Ihr Schreibstil hat etwas Poetisches, eine Sprache die ruhig und bedächtig dahinfließt. Gelassen und unaufgeregt. Schlicht und doch malerisch. Eine wunderbare leichte und doch eindringliche Erzählweise, mit vielen Andeutungen, Vermutungen und leisen Zwischentönen. Sie lässt uns den Wind spüren, die Blumen sehen und das Rauschen des Meeres hören. Die Autorin ist eine Meisterin der Atmosphäre. Und vor allem sehr positiv: sie vermeidet jede Art der Sentimentalität, indem sie Dinge sagt, ohne sie zu benennen, indem sie sie nur andeutet.

Der Roman ist wie ein verwunschener, geheimnisvoller Garten, der Geschichten und Geheimnisse birgt und diese ab und an zeigt. Der Garten und die Natur zeigen sich als Spiegelbild der Seele.

Ein ganz besonderes Lesevergnügen liebenswert und unterhaltsam. Und auch wenn man es ausgelesen hat, ist man immer wieder geneigt darin zu Schmökern. Wenn Sie geduldige Literatur- und Sprachgenießer sind, dann gönnen Sie sich das Vergnügen und entdecken Mercè Rodoreda, die vielleicht bedeutendste katalanische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

http://www.berlinverlag.de/buecher/der-garten-ueber-dem-meer-isbn-978-3-8333-1054-6

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de