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Rezension: Berühre mich nicht – Andrea Camilleri – Nagel&Kimche

Rätselhaft, vielschichtig und außergewöhnlich

Berühre mich nicht – Andrea Camilleri (Autor) Annette Kopetzki (Übersetzerin), 160 Seiten, 18 €, Verlag Nagel & Kimche AG (24. Juli 2017), ISBN-13: 978-3312010349

Der Titel stammt von der Interpretation einer Szene, die die Kunst des Mittelalters und der Renaissance, vor allem durch das berühmte Fresko von Beato Angelico im Kloster von San Marco in Florenz beeinflusst und angeregt hatte.

Der Roman spielt sich in einem bürgerlichen Rahmen ab. Die Handlung dreht sich um Laura Garaudo, ein rätselhafter und vielschichtiger weiblicher Charakter. Eine Frau, die extrem frei von sozialen Konventionen ist, aber innerlich leidet unter ihrem Leben. Er folgt Lauras Leben, das anscheinend dem Untergang gewidmet ist, verbraucht und verfallen.

Der Roman erzählt in Form eines Tagebuches vom 5. Juni 2010 bis zum 5. Juli 2010, mit einigen Rückblenden und einigen Seiten ohne Datum das geheimnisvolle Verschwinden von Laura

Laura ist eine jener schönen weiblichen Figuren; schön, aber von vulgärer Schönheit, animalisch und primitiv und auch faszinierend, raffiniert, sehr charmant. Jung und gebildete, ist sie mit einem renommierten älteren Schriftsteller Mattia Todini verheiratet, der sie mit völliger Hingabe liebt, obwohl Laura weiterhin Beziehungen zu anderen Männern beibehält. Eines Tages verschwindet Laura plötzlich und hier nimmt die Geschichte die Form eines Kriminalromans an und Kommissar Luca Maurizi verfolgt Momente von Lauras Leben zurück. Die Untersuchung ihres Verschwindens wird so zu einer wirklichen Erforschung der Persönlichkeit Lauras, ihres Geschmacks, ihrer Träume, ihrer geheimsten Schmerzen.

Camilleri schreibt präzise, auf das Wesentliche konzentriert. Vor allem in den von ihm bevorzugten Dialogen. Hier schafft er zwischenmenschliche Beziehungen, die den wahren Charakter der Personen bloßlegen.

„Berühre mich nicht“ ist ein ungewöhnlicher Roman, in dem Camilleri das Porträt einer Frau zeichnet, das zunächst rein fiktiv scheint, aber sich nicht viel aus dem wirklichen Leben unterscheidet.

Ein schöner Roman, elegant, unaufdringlich und ungewöhnlich in Stil. Für mich war das Buch zu schnell vorbei. Laura beschäftigt mich weiter als unklares Wesen, von dem ich gerne mehr wissen wollte. Aber wer weiß, vielleicht ist das genau das, was Camilleri erreichen wollte.

Mit dieser Mischung aus Psyche, Kunst, Spurensuche und Literatur hat Camilleri eines seiner besten Werke geschrieben.

Für jeden, vor allem natürlich für Camilleri-Liebhaber ein außergewöhnlicher Leckerbissen.

 

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/beruehre-mich-nicht/978-3-312-01034-9/

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Rezension: So war Auschwitz – Primo Levi – Hanser Verlag

Ein Ort, wohin man nur ging, um zu verschwinden.

So war Auschwitz: Zeugnisse 1945-1986. – Fabio Levi (Herausgeber), Domenico Scarpa (Herausgeber), Primo Levi (Autor), & 1 mehr, 304 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (13. März 2017), 24 €, ISBN-13: 978-3446254497

Die letzten Zeitzeugen des Holocausts sterben so langsam weg. Umso wichtiger scheint es mir die Originalberichte zu lesen, die kurz nach dem Grauen verfasst wurden.

Zu dieser Gruppe gehört Primo Levi, geboren 1919 und gestorben 1987 in Turin durch einen Sturz in den Treppenschacht seines Wohnhauses.  Obwohl ein definitiver Beweis fehlt, wird heute allgemein angenommen, dass es ein Freitod war. Vielleicht hat ihn die eigene Scham, überlebt zu haben, doch noch eingeholt.

Er wuchs in einer liberalen jüdischen Familie auf. Er war Chemiker und Schriftsteller. Levi verbrachte als Zwangsarbeiter elf Monate in Auschwitz-Monowitz bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Da er als Chemiker in den Buna-Werken eingesetzt war, konnte er den schlimmsten Arbeitsbedingungen im Winter 1944/45 entgehen.

Jetzt haben Fabio Levi und Domenico Scarpa zum Teil unveröffentlichte, erst jetzt entdeckte oder wiedergefundene Zeugnisse von Primo Levi und Leonardo De Benedetti von 1945 bis 1986 herausgegeben: Berichte über die hygienisch-medizinische Organisation in Monowitz, Erklärungen und Aussagen für den Prozess Höß, Aussagen für die Anklage gegen Dr. Josef Mengele, Aussagen für den Prozess Eichmann, Erklärungen und Aussagen für den Prozess Boßhammer, direkter Mitarbeiter von Eichmann: insgesamt Aussagen, Erklärungen, Fragebögen, Briefe, Zeitungsartikel, in chronologischer Reihenfolge zwischen 1945 und 1986.

„So war Auschwitz“ ist eine Sammlung von Schriften, meist nicht veröffentlicht: Es ist nicht als einfacher Hintergrund eines endgültigen Buchs zu sehen, sondern als ein neues Werk in der Tat innovativ und unabhängig. Levi ist als einer der Wenigen in der Lage, die Fakten zu Auschwitz über vierzig Jahre lang zu untersuchen.

Levi neigt dazu, das Phänomen des Vernichtungslagers im Wesentlichen als einzigartig zu betrachten, zumindest so weit wie es sich durch die Art der Organisation der Fabriken des Todes, von anderen Lagern und anderen allgemeinen Monstern des Totalitarismus unterscheidet.

Levi ist nicht nur ein Analyst von Auschwitz, war nicht nur ein Zeuge, sondern übernahm auch die Rolle des Forschers. Das zeigt sich für mich vor allem auch in seiner neutralen, leidenschaftslosen Sprache, die das Grauen noch deutlicher macht.

Es ist nicht nur ein Buch von Historikern für Historiker, sondern darüber hinaus ein Wegweiser für ein vertiefendes Nachdenken über diese Zeit.

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/so-war-auschwitz/978-3-446-25449-7/

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Rezension: Verfahren eingestellt – Claudio Magris – Carl Hanser Verlag

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Verfahren eingestellt – Claudio Magris (Autor), Ragni Maria Gschwend (Übersetzer), 400 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (13. März 2017), 25 €, ISBN-13: 978-3446254664

Ein großes Buch. Claudio Magris erzählt von der Besessenheit eines Mannes, der seit Jahrzehnten Waffen, Gewehre, Maschinengewehre, Kanonen, Flugzeugen und Militäruniformen sammelt. Dieser Mann, ein Professor, hat wirklich existiert, lebte in den Räumen inmitten seiner gesammelten „Kriegsgegenstände“. Er schlief dort in einem Sarg und starb 1974 bei einem mysteriösen Feuer.

Schauplatz ist Triest. Nicht nur weil der Autor dort geboren wurde und lebte, sondern weil Triest Kulturen und Ethnien auf fatale Weise mischte und auch weil in Triest, das einzige KZ Italiens angesiedelt war, das KZ Risiera (ehemalige Reismühle) im Triester Ortsteil San Sabba. Vor allem macht ihn, diesen Professor etwas für die lokale Gesellschaft gefährlich: er hat in diesem KZ Namen abgeschrieben, die Häftlinge in die bald nach Kriegsende geweißten Zellenwände geritzt hatten – Namen von Vertretern der „guten“ Triestiner Gesellschaft, die im KZ ein und aus gingen, um Geschäfte mit den Deutschen und deren Helfern zu machen. Nach dem Krieg wirtschafteten sie unbehelligt weiter: Die Verfahren gegen die Täter und deren Unterstützer wurden eingestellt.

Der Roman hat zwei Protagonisten: einmal dieser Unbenannte, dieser schon fast peinliche Freak, dieser Erzengel der Gerechtigkeit und der Rache. Dann Luisa, der faszinierende Kontrapunkt. Es ist die junge Frau, die den Auftrag hat, das Projekt des Museums, des größten Museums über das Unrecht des Krieges zu entwickeln. Auch ihre Geschichte ist von weltumspannender Gewalt geprägt: Die Mutter eine Jüdin, die die Verfolgung überlebt hat, der Vater ein afroamerikanischer Schwarzer: „Menschenhandel und Shoah“ vereinen sich in Luisas Genealogie, die exemplarisch ist für Magris‘ Roman, der in assoziativen Schwüngen und novellenartigen Einschüben die These illustriert, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

Das Buch ist einzigartig in seiner Struktur, die ohne Vorbild ist, und es erweckt ständig den Wunsch, am Ende jeder Seite wissen zu wollen, was auf der nächsten Seite passiert. Ein großer Baum mit vielen Verästelungen, eine Art Matrjoschka der Wunder und Bosheiten. In ihrem Bauch, enthüllen sich unzählige Romane, Kurzgeschichten, Geschichten, Erzählungen und Rinnsale. Es ist ein epischer, politischer, religiöser und poetischer Roman, voll von Qual und Schmerz, voll von den Abenteuern des Todes.

Claudio Magris ist ein großer Denker und begnadeter Essayist. Ideenreichtum und Klarheit des Denkens verbinden sich bei ihm mit seinem Hang zur Metaphorik, zu einem fast barock anmutendem Schreibstil. Es entsteht ein Werk, düster wie eine Feuersbrunst.

Die Lektüre ist nicht einfach, vielleicht sogar anstrengend. Und gerade deswegen ist es hohe Literatur, die uns dieser selbstbezügliche Roman bietet.

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/verfahren-eingestellt/978-3-446-25466-4/

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Rezension: Ein Sommer – Vincent Almendros – Klaus Wagenbach Verlag

Subtil und delikat mit unerwartetem Ende

Ein Sommer – Vincent Almendros (Autor), 96 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach, (13. März 2017), 15 €, ISBN-13: 978-3803113245

Jean lädt seinen Bruder Pierre mit dessen neuer, skandinavischer Freundin Lone zu einer Mittelmeer-Kreuzfahrt auf seiner Segelyacht ein. Mit an Bord ist Jeanne, die Lebensgefährtin von Jean, die einmal mit Peter zusammen war.

Ist es wirklich eine gute Idee, diese wenigen Tage Urlaub in auf kleinen, intimem Raum? „Ich hatte für einen Moment den Eindruck, dass unsere Reise zu Ende ging. In Wahrheit begann sie gerade.“ (Seite 17) Noch kann sich Pierre nicht vorstellen, dass diese wenigen Tage mit dem Boot in der Nähe der italienischen Küste, sein Leben ändern würden.

Peter, Erzähler dieser Geschichte, versucht Gegenwart und Vergangenheit zu verstehen. Es entwickelt sich eine einfache Geschichte von komplizierten Beziehungen zwischen Geschwistern, von im Entstehen begriffener neuer Liebe, alter Liebe und Lust.

Eine kleine Bootsfahrt unter anstrengender italienischer Sonne, ein Mitternachtsbad. Ist die Liebesgeschichte zwischen Peter und Jeanne vollständig abgeschlossen? Alles sieht aus wie ein Spiel, aber welches? Wer manipuliert wen und warum? Lone scheint viel mehr Dinge, als ihr Begleiter zu erkennen. Aber für den Leser bleibt die Überraschung intakt bis zur letzten Seite.

Ein kleiner Roman voller Wärme und Sinnlichkeit in der engen, intimen Abgeschiedenheit an Bord einer kleinen Yacht. Weniger als 100 Seiten, aber ein Konzentrat von Wärme und duftenden Empfindungen, voller Begierde, Stille und Zweideutigkeiten, voller Fieber. Eine Geschichte von präziser Konstruktion.

Es passiert nicht viel in diesem Roman. Aber mich begeistern die ganz fein artikulierten Empfindungen: Unterdrückung, Langeweile, drückende Hitze, Ersticken, die banalen Gespräche, ein wenig Wehmut, viel Resignation.

Vincent Almendros beschreibt in einer schönen, sinnlichen und konzentrierten Sprache auf sehr subtile Weise die Gefühle und die Gerüche der Vergangenheit. Der Autor schreibt fast im Stil eines begnadeten Aquarellmalers, minimalistisch und flüssig.

Der Reiz dieses Textes liegt vor allem im Unausgesprochenen der Charakterzeichnungen, ihren Fantasien und Frustrationen. Vincent Almendros spielt mit Bildern, Objekten, Ahnungen und er beherrscht sowohl das Schreiben als auch den Aufbau dramatischer Spannung.

Nehmen Sie sich die Zeit, diesen hypnotischen Text zu genießen, so wie Sie den Wein eines großen Jahrganges genießen. Nachdem Sie in einem ersten Durchgang die Grundtöne ermittelt haben, gießen Sie sich ein zweites Glas ein, lesen Sie das Büchlein nochmal und konzentrieren Sie sich auf die bis dahin unentdeckten Feinheiten.

Ausgesprochen lesenswert dieser kurze, aber dichte poetische Roman.

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https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1087-ein-sommer.html

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Rezension: Chirú – Michela Murgia – Klaus Wagenbach Verlag

Die Brüche der menschlichen Seele

Chirú – Michela Murgia (Autorin), Julika Brandestini (Übersetzerin) 206 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach (10. März 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3803132871

Chirú ist ein Roman über die Geschichte der Beziehung zwischen Eleonora, einer versierten Theaterschauspielerin von achtunddreißig und Chirú, einem aufstrebenden und ambitionierten Geiger zwanzig Jahre jünger, dem Eleonora helfen will, eine Karriere zu starten.

Zwischen ihnen entsteht sofort ein Vertrauensverhältnis, das über die herkömmliche Beziehung zwischen einem Lehrer und dem Lernenden hinausgeht. Es bleibt unklar, wer lehrt oder wer lernt und ob es angemessen ist, aus ihren Rollen etwas zu übertragen. „Ich habe Chirú an dem Geruch von Fäulnis erkannt, der aus seinem Inneren drang, derselbe Geruch wie bei mir.“ (Seite 7).

Die Unterrichtsstunden finden nicht in den vier Wänden eines Klassenzimmers statt, sondern in der Altstadt von Cagliari, wenn sie Sandwiches und Pommes essen, beim Sprechen über Mozart und Da Ponte; in Cafés, in den Straßen und am Strand, wenn der Mistral weht. Die Lektionen werden fortgesetzt auf einer Tournee von Eleonora in Stockholm, Prag und Florenz; und es ist in der Stadt Florenz, wo ihre Geschichte eine neue Wendung nimmt.

In 18 Lektionen erfahren wir nicht nur über die Beziehung zwischen Chirú und Eleonora, sondern Eleonora denkt zurück an ihre Kindheit, die Beziehung zu ihren Eltern, mit einem dominanten Vater, einer Mutter, die nicht Rebell sein konnte und einem Bruder, mit denen es keine Verständigung gab. Wir kehren zurück zu der Zeit, als sie selber eine Schülerin von Fabrizio war, der auch heute noch viele Jahre später, ihr Führer, ihr Mentor ist. Zusätzlich atmen wir in diesen „Unterrichtsstunden“ einen Hauch von Freiheit, aus dem neue Gedanken entstehen und wir lernen, Dinge aus einer Sicht zu sehen, die wir nicht kennen.

Das große Thema des Romans ist ein universelles: wie und von wem lernen wir, uns von Einflüssen zu lösen und unseren persönlichen Einsichten unabhängig zu folgen? „Ich war ein fröhliches Kind, dessen Laune nur durch bestimmte Anlässe getrübt wurde. Anders als der Rest meiner Familie verstand ich bereits mit acht Jahren, mich alleine glücklich zu machen, und mit achtunddreißig setzte ich jeden Tag alles daran, mir diese Autarkie des Herzens zu bewahren, ohne dies als Einsamkeit zu bezeichnen.“ (Seite 110) Oder täuschen wir uns, wenn wir glauben in der Lage zu sein, unsere Gefühle in ihrer Unberechenbarkeit steuern zu können?

Es geht um zwei zentrale Elemente jedes Menschen: über Macht, über das Verhältnis zur Macht und über Machtverhältnisse. Und das zweite Element ist die Rolle der Geschlechter, die in der Kombination mit Macht einen besonderen Reiz entfaltet. „Die Mutter, die Geliebte und die Lehrerin bildeten eine symbolische Triade, die nicht einen ihrer Bestandteile verlieren durfte. Die ersten beiden hielten sich gegenseitig im Zaum, und die dritte erinnerte die beiden anderen daran, dass das Privileg dieser Spannung nicht ewig fortdauern würde.“ (Seite 115)

Die beiden Protagonisten stellen dar, was wir nicht sind, sondern zeigen das Streben, was wir gerne werden wollen. Und wir sehen, dass die Grenzen zwischen Realität und Fantasie viel schwächer und durchlässiger sind, als den meisten Menschen bewusst ist.

Michaela Murgia schreibt einen faszinierenden Stil, schnörkellos, lebendig und scharf, manchmal roh. Die Autorin schafft es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, authentisch und spannend. Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Michela Murgia den Gefühlen Wort zu geben, die Schatten  der Seele und ihre psychologische Falten in dieser ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem Schüler und Lehrer auszuleuchtet. Jeder Satz kriecht in verborgene Bereiche der menschlichen Seele. Ein Stil der den Leser fordert, und ihn gleichzeitig verwöhnt. „Whisky, der in einem Glas schwappte und sein unverwechselbares Aroma von gelöschtem Feuer verbreitet.“ (Seite 113) Allein schon wegen des ästhetischen Genusses solcher Sätze und Vergleiche lohnt sich das Buch.

Michela Murgia liefert mit Chirú eine starke Geschichte von Begegnungen und Auseinandersetzungen, von Gewissheiten und Zweifel.

Ganz einfach: ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1104-chiru.html

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Rezension: Aus Liebe zu den Pflanzen – Stefano Mancuso – Antje Kunstmann Verlag

Alles ist Blatt (J.W. von Goethe)

Aus Liebe zu den Pflanzen – Stefano Mancuso (Autor), Christine Ammann (Übersetzerin), 176 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (15. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3956141706

Es gibt Nobelpreise für Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und für Friedensbemühungen. Wo bleibt die Biologie? Eine unterschätzte Wissenschaft?!

Ja, wer verbindet mit Biologe nicht das Bild des verschrobenen Studienrates, der mit Botanisiertrommel durch die Landschaft streift, Blütenblätter zählt und Blattformen bestimmt, alles eifrig sammelt, trocknet, presst und in handbeschrifteten Kladden sammelt?

Und unterschätzen wir die Bedeutung der Pflanzen nicht ebenso?

Nicht so Stefano Mancuso, der schon in seinem Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ sagte: Pflanzen sind uns ähnlicher als wir glauben: „Bäume leben so ähnlich wie wir. Sie essen und wachsen, kämpfen mit der Armut, sind betrübt und leiden. Sie können stehlen, sich aber auch gegenseitig helfen, Freundschaften schließen und ihr Leben für die Nachkommen opfern.“ (Seite 152)

In seinem neuen Buch „Aus Liebe zu den Pflanzen“ zeigt er uns mit Botanikern, Genetikern und Philosophen, aber auch Landwirte und schlichte Liebhaber aus fünf Jahrhunderten bekannt, die alle zu seiner Erkenntnis beigetragen haben: „… dass ich Pflanzen heute als komplexe Wesen mit kommunikativen Fähigkeiten, raffinierten Verteidigungsstrategien und sozialen Beziehungen betrachte, verdanke ich zu einem großen Teil den Protagonisten dieses Buches.“ (Seite 7)

Zwölf Männer stellt er uns vor: George Washington Carver, der erste Schwarze, der an einer amerikanischen Universität studierte; Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der mit einer Samenbank Russlands Nahrungssicherheit geben will; Ephraim Wales Bull, der die Concordtraube zu einem Erfolgsmodell werden ließ; Leonardo da Vinci, der sich mit Blattstellungen (Phyllotaxis) beschäftigte; Marcello Malpighi, der die Pflanzenanatomie begründete und als Galileo Galilei der Botanik bezeichnet wird; Charles Darwin, der seinen ersten Anstoß zur Entwicklung der Evolutionstheorie durch die Erforschung der Pflanzenwelt erhält; Federico Delpino, der als erster die Mechanismen erforscht, die Pflanzen zur Interaktion mit der Umwelt befähigen und so zum Begründer der Pflanzenbiologie wurde; Odoardo Beccari, der den Titanwurz entdeckte; Gregor Johann Mendel, dessen Forschungsergebnisse aus den Erbsenkreuzungen noch heute die Therapieforschung zur Heilung von Krebs nachhaltig beeinflusst; Johann Wolfgang von Goethe, der nach dem Urorgan sucht; Jean-Jaques Rousseau, der ganz vernarrt in die Botanik war; Charles Harrison Blackley, der die Verursacher des Heuschnupfens entdeckte.

Ein Buch voller Neugier und Liebe für das grüne Universum. Mancuso bietet uns die Geschichten, zeigt die Idee, das Genie von jedem, gibt uns Hinweise, weckt unsere Neugier. Es sind Geschichten von liebenden Naturforscher, Botaniker, Genetiker, Philosophen, Entdecker, ihrem Leben, Anekdoten, Experimente und Forschungen, die unser Verständnis der Pflanzenwelt revolutioniert haben.

Entstanden ist ein kleines, gut geschriebenes Meisterwerk über wirklich außergewöhnliche Geschichten von berühmten und weniger bekannten Persönlichkeiten.

Mit seinen 176 Seiten ließe sich das Büchlein schnell lesen. Aber Sie sollten es sehr sorgfältig lesen, ja, langsam und aufmerksam studieren. Erst dann werden Sie erkennen, dass Stefano Mancuso uns eine seltene aber wichtige Fertigkeit lehrt: die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die uns umgeben. Vielleicht wird dann auch im Leser dieses tiefe Gefühl geweckt, das über das Wahrnehmen physikalischer Phänomene hinausgeht und uns die Lebenskraft der Natur fühlen lässt. Und ein Bewusstsein dafür zu wecken, was die Pflanzenwelt für uns Menschen und unsere Zukunft bedeutet. Vielleicht helfen uns die Lebensberichte der 12 Männer dabei, die Perspektive eines Kindes mit seinen Fragen wieder einzunehmen.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/aus_liebe_zu_den_pflanzen-1176/

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Rezension: Die Verlockung – Andrea Camilleri – Nagel & Kimche Verlag

Wer ist frei von Schwächen?

Die Verlockung – Andrea Camilleri (Autor), Karin Krieger (Übersetzerin), 160 Seiten, Verlag Nagel & Kimche AG (25. Juli 2016), 18 €, ISBN-13: 978-3312009961

Gibt es einen Menschen, der frei ist von Schwächen? Nein!

„Die Verlockung“ von Andrea Camilleri erzählt die verzweifelte Suche nach der schwächsten Stelle eines einfachen Mannes, Mauro Assante.

Er ist staatlicher Bankprüfer und soll einen Bericht über die Bank Santamaria abgeben. Das wird nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Folgen haben.

Während des Schreibens dieses Berichts, er ist in der Endphase, gibt es unerklärliche Ereignisse. Eine mysteriöse Gruppe von Menschen, scheinbar ohne Skrupel und mit der klaren Absicht, den Bericht zu verhindern, stören sein Leben ganz empfindlich. Sie suchen den Riss in seiner Seele. Bisher verlief das Leben unseres Protagonisten routinemäßig und genau, eintönig, aber beruhigend.

Mauro Assante ist, wie wir alle, ein fragiles Geschöpf. Es braucht nur sehr wenig, um es zu zerstören. Wenn eine gute Portion Bösartigkeit mit einem hinterhältigen Geist verbunden ist, gibt es kein Entkommen. Vor allem nicht für Menschen wie Mauro, die keine Kompromisse eingehen wollen und die nicht sehen wollen oder können, dass das Leben voller Missverständnisse ist und die weiterhin nicht sehen wollen oder können, dass Menschen in der Lage sind, alles zu tun, um ihre eigenen Interessen zu schützen. Sollen wir es Dummheit nennen? Oder Naivität? Auf jeden Fall wird das vorsichtige und ruhige Temperament von Mauro, seine analytischen Fähigkeiten und Rationalität, auf die er so stolz ist, auf eine harte Probe gestellt.

Das Buch lässt sich gut zu lesen und bietet ein paar Stunden angenehmer Lektüre. Der Stil von Camilleri ist sehr flüssig und einnehmend. Mit einfachen Gesten und Gedanken zeichnet er sehr effektiv die Charaktere und nutz dabei seine Fähigkeit, Spannung auf zu bauen und Spannung zu vermitteln, ohne sensationell Fakten zu benötigen. Der Motor des Lesers ist der Wunsch herauszufinden, was wirklich los ist und wie es enden wird.

Das Buch beginnt leise und beschleunigt sanft und der Leser wird vom Erzählrhythmus mitgetragen. Nie Langweilig. Ein perfekter Lesegenuss, vor allem durch die psychologische Selbstbeobachtung der Figur des Mauro Assante

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-verlockung/978-3-312-00996-1/

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Rezension: Bologna und Emilia Romagna – Eine literarische Einladung – Carl-Wilhelm Macke

La mia gente che mi vuole bene

Bologna und Emilia Romagna – Eine literarische Einladung – Carl-Wilhelm Macke (Herausgeber), 144 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach; Auflage: 1. (18. August 2009), 17 €, ISBN-13: 978-3803112675

Ich liebe nicht nur die Landschaft, das Essen und die Weine, sondern auch die Romagnoli, die Menschen aus der Romagna. Und nichts kann es besser ausdrücken als das Lied von Casadei:

La mia gente che mi vuole bene, la gente mia che mi sa capir. La mia gente che m’aspetta ancora, la gente mia ce l’ho qui nel cuor.

Meine Leute, die mich mögen, meine Leute, die mich verstehen. Meine Leute, die mich immer erwarten, meine Leute, die ich im Herzen trage.

Die Romagna ist für mich immer ein bisschen, wie nach Hause kommen. Seit über 45 Jahren bereise ich diese Gegend und viele meiner Freunde sind Romagnoli.

So bin ich vorbelastet, wenn ich über dieses schmale Bändchen aus dem Klaus Wagenbach Verlag schreibe. Die Meinung eines Autors beeinflusst natürlich immer den Tenor seines Artikels. Also Vorsicht.

35 Autoren auf 130 Seiten? Manchem mag das zu viel erscheinen. Mir ist es fast zu wenig. Denn bei der Emilia Romagna gibt es so viel zu sehen, zu hören, zu genießen und zu erkunden, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören sollte. Insofern ist diese Auswahl eine gelungene Mischung aus:

Den Städten der Emilia-Romagna: Bologna, Parma, Modena, Piacenza, Reggio Emilia, Ferrara, Ravenna, Rimini mit ihren wunderbaren Plätzen und Renaissancepalästen kommen ebenso zu Wort wie kleine, verschlafene Nester mit Gastwirtschaften im Fünfziger-Jahre-Stil in den Hügeln und Bergen des Apennins oder in der Ebene. Wobei nicht nur das alte Italien in unseren Köpfen so heil und so idyllisch sind, sondern auch die Zerstörung und die Zersiedelung der Emilia-Romagna thematisiert werden und vor allem, die langweiligen, kommerzialisierten und hässlichen Vorstädte mit ihren Supermärkten, Outlet-Stores, Autowaschanlagen und Diskotheken nicht ausgespart werden.

Die Straßen der Emilia Romagna: Auch hier, beispielsweise im Beitrag von Banni Celati „Die Lichtverhältnisse auf der Via Emilia“ wird ein lebensnahes Bild gezeichnet. „… fährt man zwischen zwei Kulissen dahin, die aus großen Werbeplakaten, länglichen, flachen Fabriken, Tankstellen, Möbel- und Lampenlagern, Ausstellungsdepots voller neuer Autos, Bars, Restaurants, kleinen Villen in lebhaften Farben oder ganze Stadtvierteln von mitten auf dem Land hochragenden riesigen Wohnblöcken bestehen.“ (Seite 43/44)

Natürlich der Po, der Vater-Fluss Italiens. „Alles was unrein ist, wird von diesem Wasser angezogen werden, das bereit ist zu leiden wie ein Märtyrer aus Fleisch und Blut, und jedes Jahrhundert wird ihm sein Leid anvertrauen.“ (Seite 98)

Das Essen: „Wenn ihr von der Bologneser Küche sprechen hört, verneigt Euch, denn sie verdient es.“ (Seite 116). Bekanntlich ist ja die italienische Küche die Mutter der französischen Küche und unter den italienischen Regionalküchen ist die der Emilia-Romagna die Regina, die Königin. Besonders gelungen der Beitrag von Alberto Savinio „Der Parmesan ist ein Basiskäse“ „Er ist in der Käsefamilie, das was der Kontrabass in der Familie der Saiteninstrumente ist.“ (Seite 115)

Die Menschen der Emilia Romagna: Die ganz unterschiedlichen Typen kommen zu Wort. Die Schriftsteller der Romagna: „Die Wesensart von Schriftstellern der Romagna ist wie der Garbino, der Südwestwind aus den Bergen.“ (Seite 20). Die jungen Leute: und ihr Verhalten: „… es bedarf unermüdlicher Anwesenheit, um sich den Platz in der Bar zu verdienen.“ (Site 104) Oder ihre Gewohnheiten wie in der unvergleichlichen Geschichte Tonia Todisco (Seite 117) von Jessica Franco Carlevero. Trotz aller Unterschiede, die Menschen in der Emilia-Romagna sind offen, herzlich und gastfreundlich.

Lesen Sie dieses kleine Büchlein und verlieben Sie sich in die Emilia-Romagna, in die sanften Hügelketten, die wilden Schluchten, in diese atemberaubenden Landschaften zwischen Meer und Gebirge, in die feinsandigen Strände, in das unverfälschte, ruhige Hinterland, in die dahindämmernden Dörfern, bunt, verschlafen, gleichzeitig lebendig und unglaublich italienisch. in diese Region des Genusses, die so viel mehr zu bieten hat als Sonne, Meer und Strand. Lernen Sie diese Gegenden des Kontrastes einmal aus literarischer Sicht kennen.

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https://www.wagenbach.de/buecher/titel/401-bologna-und-emilia-romagna.html

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Rezension: Rom. Eine literarische Einladun – Margit Knapp – Klaus Wagenbach Verlag

Rom, schön und hässlich

Rom. Eine literarische Einladung – Margit Knapp (Herausgeber), Luigi Malerba (Vorwort), 144 Seiten,  Wagenbach, K (1. Januar 1996), 17 €, ISBN-13: 978-3803111562

Rom, einst die Hauptstadt der Welt, ist heute so faszinierend wie seit Jahrtausenden. Die Stadt einmal besuchen und ganz viel Zeit für die Menschen und die schier unendlich vielen Bauwerke und Sehenswürdigkeiten zu haben, römische Luft zu atmen und zugleich ein wenig den Alltag mit den Römern zu teilen,  wer hat nicht schon solche Träume gehabt? Rom in all seinen Widersprüchen zu erleben?

Nach Rom ist gar nicht so weit. Nur ein schmales dünnes Bändchen von etwa 140 Seiten und Sie erleben Rom auf eine ganz andere, intensivere und treffendere Art als bei jeder Touristenfahrt.

Maria Knapp hat es möglich gemacht. Sechsundzwanzig Texte, Romanauszüge und Kunstbetrachtungen, Geschichten und Gedichte hat sie zu einem Streifzug durch römische Zustände und zugleich durch die italienische Gegenwartsliteratur zusammengetragen. Ganz unterschiedliche Schriftsteller kommen zu Wort, wie Alberto Arbasino, Ignazio Buttitta, Italo Calvino, Luca Canali, Guido Ceronetti, Umberto Eco, Ennio Flaiano, Carlo Emilio Gadda, Natalia Ginzburg, Marco Lodoli, Curzio Malaparte, Luigi Malerba, Giorgio Manganelli, Dacia Maraini, Elsa Morante, Alberto Moravia, Giampaolo Morelli, Aldo Palazzeschi, Pier Paolo Pasolini, Anna Maria Ortese, Gianni Rodari, Mario Soldati, Sebastiano Vassalli, Sandro Veronesi, Rodolfo Wilcock oder Valentino Zeichen.

Sie geben alle ihr Bekenntnis zu Rom, ihre Erkenntnisse von Rom wieder:

„Es ist die Unentschlossenheit der Stadt Rom, die nie genau weiß, ob sie Süden oder Norden ist, ob sie Tirol oder Afrika ähneln soll.“ (Seite 102) Das meint Natalia Ginzburg in ihrem kleinen Bericht über die Straßen, in denen sie gelebt hatte.

„Alle Übel in Italien kommen von Rom, und das begann schon vor 2500 Jahren. Von Rom, dieser ungeheuerlichen Macht und Gewaltmacht, von diesem in der Weltgeschichte vielleicht einzigartigen Beispiel für Zentralgewalt: eine Stadt, nach deren ein Weltreich, eine Sprache, eine Kultur und schließlich eine Religion benannt wurden!“ (Seite 137) So schreibt Mario Soldati in seinem Beitrag zu diesem Büchlein.

Es entsteht ein Bild von Widersprüchlichkeiten, das Pier Paolo Pasolini wohl am treffendsten beschreibt: „Ganz sicher ist Rom die schönste Stadt Italiens, wenn nicht gar der ganzen Welt. Aber sicher auch die hässlichste, die gastfreundlichste, die dramatischste, die reichste, die elendste.“ (Seite 106)

Mancher mag ein gewisses Jammern in vielen der Beiträge zu lesen. Meiner Meinung nach sind es aber in erster Linie lustige und traurige, geschmeidige, elegante und nuancierte Geschichten, mit präzisen Blick und viel Freude am Detail über die alte Hauptstadt der Welt und die neue Hauptstadt Italiens, die uns Rom sehr viel näherbringen, als die Lektüre eines Reiseführers.

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http://www.wagenbach.de/buecher/titel/429-rom.html

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Rezension: Rom, Rom – Pier Paolo Pasolini – Klaus Wagenbach Verlag

Rom, gezeigt von einem Unbequemen

Rom, Rom –  Pier Paolo Pasolini (Autor), Annette Kopetzki, Hans-Peter Glückler, Bettina Kienlechner (Übersetzer) 120 Seiten, Wagenbach, K (19. August 2014), 16 €, ISBN-13: 978-3803113061

Pier Paolo Pasolini (geboren am 5. März 1922 und ermordet in Rom am 2. November 1975 war ein Dichter, Schriftsteller, Regisseur, Drehbuchautor, Dramatiker und italienischer Journalist, und gilt als einer der größten Künstler und Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Künstlerisch sehr vielseitig verzeichnet er auch Erfolge in einer Reihe von Bereichen, so etwa als Maler, Romancier, Linguist, Übersetzer und Essayist.

Er, Ketzer und Häretiker, war ein unbequemer Beobachter der Veränderungen in der italienischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Mitte der siebziger Jahre, erregte oft starke Kontroversen und hitzige Debatten wegen der Radikalität seiner Urteile, sehr kritisch gegenüber den bürgerlichen Gewohnheiten und der steigenden Konsumgesellschaft aber auch gegen die 68er-Bewegung und ihre Protagonisten.

Mit 27 Jahren, im Winter des Jahres 1949 zieht Pasolini, zusammen mit seiner Mutter, nach Rom, in diese vorindustriell anmutende Stadt, in diese Stadt, die sich radikal von der archaischen, bäuerlichen, friaulischen Kultur unterscheidet, in der er aufgewachsen ist. Dort kommt es zu ersten Kontakten mit Künstlern wie Laura Betti oder Alberto Moravia. Daneben fühlte sich Pasolini aber stets auch zum Milieu der römischen Vorstädte (borgate) hingezogen. Wie zuvor schon in der bäuerlich geprägten Gesellschaft des Friauls, entdeckte er in den borgate eigenständige kulturelle Traditionen und Wertvorstellungen, die sich von den kleinbürgerlichen Vorstellungen seines eigenen Umfeldes deutlich unterschieden. Für diese einfachen Leute in ihren wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen empfand er eine tiefe Sympathie, mit ihnen fühlte er sich wohl. Er entwickelte ein engagiertes Interesse am Aufzeigen und der Änderung der sozialen Missstände.

Neun Geschichten aus und über Rom sind in diesem Büchlein versammelt. Und das sind neun Liebeserklärungen an eine Stadt, Liebeserklärungen an ein Paradies an den Rändern Roms.  Er erkundet darin die Stadt aber auch die eigene Person.

Die des abseitigen, dunklen und schmutzigen Roms der 50er – 60er Jahre. Es ist die Lebenswelt der Zuwanderer, der Ausgestoßenen, der Diebe, Gauner, Huren und Stricher, kurzum die Welt des ungebändigten Proletariats der Nachkriegsjahre, dessen urwüchsige Kraft den Dichter – kreativ wie sexuell – inspirierte und der er schließlich beinahe sein ganzes Œuvre zu verdanken hat. Wie kein anderer verabscheute Pasolini die biedere Bürgerlichkeit des römischen Stadtzentrums und solidarisiert folglich mit den Menschen der Peripherie, um nur wenige Jahre später – 1973 in einem Interview mit dem römischen „Il Messaggero“ – entsetzt festzustellen, dass die aufkommenden Massenmedien der 70er Jahre nun auch die kulturelle Nivellierung dieser Vorstadtrömer bewirkt und sie zu spießigen Kleinbürgern gemacht hat.

Nicht so sehr der Inhalt der Geschichten ist von Bedeutung, sondern eher die Lebenssituation von Pasolini aus der heraus sie entstanden. Und deshalb werde ich auch nicht den Schreibstil von ihm diagnostizieren. Für mich zeichnet er sich durch detailfreudige Beobachtungen von Straßenszenen aus. Und mir scheint sich eine Leitlinie durch zu ziehen: Charaktere zu zeichnen und zu erkennen in einer psychologischen Vielfalt, die ganz unterschiedlich zu unserer eigenen Lebenserfahrung stehen.

Mit dieser Lektüre begreift man vielleicht etwas vom anhaltenden Nachruhm dieses Mannes, der bald länger tot sein wird, als er gelebt hat. Für Pasolini-Leser unverzichtbar, aufschlussreiche Lektüre für all jene, die hinter Roms Gegenwartskulissen schauen wollen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/961-rom-rom.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: paolo pasolinihttp://www.rotezora.deier