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Rezension: Falke – Helen Macdonald – C.H. Beck Verlag

Wie wir die Natur als Spiegel benutzen

Falke: Biographie eines Räubers – Helen Macdonald (Autorin), Frank Sievers (Übersetzer), 240 Seiten, C.H.Beck; Auflage: 2 (31. März 2017), 19,95 €, ISBN-13: 978-3406705748

Er ist das schnellste Tier auf Erden. Mit einer atemberaubenden Kombination von Geschwindigkeit, Kraft, Schönheit und Grausamkeit strahlt der Falke seit Jahrtausenden eine Faszination auf Menschen aus, der sich keiner zu entziehen vermag. „Schrecken und Schönheit, kaltes Silber und heißes Blut sind in ihnen vereint.“ (Seite 17)

Dieses Buch, das die Wissenschaft und die Kulturgeschichte überbrückt, untersucht die praktischen und symbolischen Verwendungen von Falken in der menschlichen Kultur auf neue und aufregende Weise.

Helen Macdonald verbindet tiefgehende praktische, persönliche und wissenschaftliche Kenntnisse über Falken und beschreibt so die ganze Geschichte des Vogels, die über die ganze Welt und über viele Jahrtausende reicht. Mir gefällt vor allem die starke analytische Perspektive auf die Bedeutung dieser Vögel in der Geschichte der Menschheit. Alle Aspekte werden angesprochen:  Naturgeschichte, Mythen und Legenden, Falknerei, Falken beim Militär, in städtischer Umgebungen und in der Firmenwelt, in der Spionage, im Dritten Reich, beim Weltraumprogramm, Falken in erotischen Geschichten und in der Werbung. Falken als romantische Ikonen einer bedrohten Wildnis.

Helen Macdonald hat „Falken“ vor ihrem preisgekrönten Buch „H wie Habicht“ geschrieben, anstatt ihre Dissertation abzuschließen, einfach weil das populärere Format es ihr erlaubte, Anekdoten und Geschichten einzuschließen, die sie für unsere Beziehung zu Falken und zur Natur für wichtig hielt. Und vor allem, weil sie fasziniert war von dem Gedanken „… dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen, Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.“ (Seite 7)

Was macht dieses Buch so bemerkenswert? Zum einen ist es hervorragend geschrieben, mit unprätentiöser Gelehrsamkeit, mit Leichtigkeit und Witz. Zum anderen verliert es niemals das große Bild aus den Augen: die Art und Weise, wie diese exquisiten Vögel eine ständig wechselnde Bedeutung für den Menschen waren und sind.

Helen Macdonald widersteht der Versuchung, der Eitelkeit des Schreibens zu verfallen und eine aufgeblähte und übermäßige Prosa zu verwenden. Trotz der Materialfülle hat sie es geschafft, das Buch auf respektablen 240 Seiten zu halten. Sie geht tief in das Thema, und schafft trotzdem eine einfache, schnelle und angenehme Lektüre. Eine Meisterklasse, wie man Kulturgeschichte und Naturgeschichte schreibt.

Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube für jeden. Spezialisten und Laien werden es gleichermaßen genießen.  Liebhaber der Landschaft, Vogelbeobachter und alle, die sich jemals gefragt haben, warum Falken so überzeugend sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des C.H.Beck Verlages

http://www.chbeck.de/Macdonald-Falke/productview.aspx?product=17634371

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Denen man vergibt – Lawrence Osborne – Klaus Wagenbach Verlag

Das dünne Eis der Kulturen

Denen man vergibt – Lawrence Osborne (Autor), Reiner Pfleiderer (Übersetzer), 272 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach, Verlag (3. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3803132864

Eine dekadente Wochendparty mitten in der Wüste von Marokko. Veranstalter und Einlader ist das schwule Paar Richard und Dally. Das englische Ehepaar David und Jo Henniger wollen ihrer unglücklichen Ehe und ihrem unglücklichen Leben in London entfliehen, aber ihre Probleme sind ihnen gefolgt. Sie kommen zu spät. Sie hatten einen Unfall. Und ab jetzt ist nichts mehr wie es war. Unvorhergesehenes und Unerwartetes machten die Situation extrem kompliziert. Ist David ein Alkoholiker? Sind alle Menschen aus dem Westen rücksichtslos und moralisch unverantwortlich? Kann Reue ausreichen, um ihr Schicksal zu beeinflussen?

Gewalt und Ausschweifungen in der marokkanischen Wüste führen zu kulturellen Missverständnissen … und zu mehr Gewalt und Ausschweifungen. Osborne schafft ein fiebriges und erschreckendes Szenario: die internationalen Gäste, von denen einige mit dem Hubschrauber angekommen sind, das verschwenderische Essen und die Getränke aus der ganzen Welt eingeflogen, das Kokainschnupfen, der einheimische Honig, gewürzt mit Cannabis, das Nacktschwimmen, und diese Dekadenz wird subtil gegen die Reaktion der örtlichen Marokkaner gesetzt, die die unverschämten Westler beneiden und verachten. Hamid, der oberste Hausdiener, der die teuren ungläubigen Weine dekantiert, beaufsichtigt die Picknicks, das Feuerwerk und die endlose Versorgung mit Eis, Champagner und Kif, ist ein wunderbar gezeichneter Charakter. Er versteht gut beide Welten, in denen er lebt. Und er hat eine tiefe Abneigung gegen westliche Werte. Dieser Zusammenstoß von Werten ist eines der Motive dieses Buches.

Der Glanz der Partys und ihrer Gäste stehen im Gegensatz zu den düsteren Lebeweisen der armen Marokkaner: Ein Zusammenstoß der Welten, die postkoloniale Angst und die seit dem 11. September gewachsenen kulturellen Missverständnisse.

Verschiedene Elemente von „Der große Gatsby“ tauchen in diesem Buch auf: extravagante Parteien, sorglose Menschen, eheliche Zwietracht. Lawrence Osborne hat ein scharfes Auge für diese Art von sozialer Gelegenheit. Er schildert die Leere und Hohlheit der hohen Gesellschaft so herrlich und schneidend, wie er das Unbehagen der Kulturen in die unversöhnliche Wüste verlegt.

Es ist unglaublich, wie viele Charaktere Lawrence Osborne erschafft. Es gibt sensible Porträts von Männern und Frauen, Besuchern und Marokkanern. Besonders gelungen sein Porträt einer missglückten Ehe. Er seziert seine Charaktere gnadenlos, wenn er zum Beispiel Richard über David Henninger sagen lässt: „Ein Mediziner, der nur öffentliche Schulen besucht hat. Was erwartest du denn?“ (Seite 86) Und nicht nur seine Charaktere, auch die jahrhundertealte kulturelle Kluft zwischen den Wüstenleuten und den westlichen Ungläubigen zerlegt er mit der Präzision eines Pathologen. „Die Ungläubigen kannten keine Zufriedenheit, kein Feingefühl. Sie hatten keinen Sinn für Ordnung, Sauberkeit und Anstand.“ (Seite 80) Er verbindet Angst, Langeweile, Vergebung, Urteil, Ehre und sexuelle Anziehung in seinem Roman, der mit einem finsteren Tempo auf sein Ende stürzt, das zugleich ironisch, überraschend, dunkel und komplett passend ist.

Niemand ist unschuldig in dieser Geschichte. Werden alle verzeihen und vergessen, oder gibt es Dinge, die man nicht vergeben kann? Diese Frage hängt über der Erzählung bis zur allerletzten Seite.

Lawrence Osborne hat ein scharfes und manchmal grausames Auge für Menschen und ihre Manieren und Moral und für die natürliche Welt. Sie können fast jede Seite öffnen und finden brutal feine Beobachtungen, zynisch, zärtlich, außerordentlich akut über die menschliche Natur. Er schreibt eine schön nuancierte Prosa, intensiv und mit viel Liebe zum Detail voller Atmosphäre und Spannung. Und er liefert moralischer Mehrdeutigkeit in Hülle und Fülle.

So kann und sollte dieser Roman aus vielerlei Blickwinkeln gelesen werden. Einmal unter dem Aspekt der Entfremdung voneinander. Zum anderen unter dem Blickwinkel der Überbleibsel des Kolonialismus. Oder unter der Perspektive der ganz unterschiedlichen Kulturen, die hier aufeinanderprallen. Aber auch die hoffnungsvolle Sichtweise ist vertreten, wie ein Mensch in einer sehr schlimmen Situation mit dieser leben und sich sogar verbessern kann.

Es gibt so viel Möglichkeiten, das Buch zu lesen, dass man am Ende gerade wieder neu beginnen könnte.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1085-denen-man-vergibt.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de