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Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Sońka- Ignacy Karpowicz – Berlin Verlag

Es war einmal – das Leben ist wie ein Märchen

Sońka- Ignacy Karpowicz (Autor), Katharina Kowarczyk (Übersetzerin), 208 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3827013439

Zwei Personen begegnen sich in Królowe Stojlo, vier Häuser am Ende des Nichts im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland. Ein Ort, wo fast niemand wohnt und wo, allem Anschein nach, im Augenblick nichts passiert.  Der junge polnische Theaterregisseur Igor Grycowski bleibt wegen einer Autopanne liegen. Er trifft Sonia, die alte Frau mit ihrer Kuh. Sie hat eine Geschichte zu erzählen, ihre Geschichte aus dem Jahre 1941. Und er will sie hören.

Sie lädt ihn auf eine Tasse Milch ein und beginnt zu sprechen. Es ist zunächst eine ungleiche Beziehung – sie legt ein Geständnis ab, ein Sterbebettgeständnis. Er sieht das Ganze als ein großes Material für eine Theateraufführung. Ganz langsam wandelt sich diese Beziehung immer mehr zu einer Partnerschaft.

Der Anfang von Fall von Sonia ist die Liebe, eine verbotene, unerfüllbare und sündige Liebe. Zusammen mit der Liebe erlebt Sonia das Leben jenseits des Lebens – außerhalb der Geschichte, der Moral und der Gesellschaft als Gegensatz zu dem, was möglich ist. Aber die Liebe hat keine Chance im Kampf gegen den Hass, gegen das Böse, gegen das Schicksal, das niemanden glücklich sein lässt.

Die Geschichte des belarussischen Mädchen Sonia ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach im Konzept einer verrückten, jugendlichen Liebe, die nichts beachtet. Kompliziert, weil die Liebe in schwierigen Zeiten des Krieges zu erhaben und schön ist. Sonia wählte die Liebe als Leidenschaft, die nicht darüber nachdenkt, was ist, was war und was sein wird. Liebe, konzentrierte sich nur auf sich selbst. Idealisierte Liebe als eine Flucht aus der Realität.

Ignacy Karpowicz entwickelt aus den Erzählungen und Erinnerungen der Alten zusammen mit den Gedanken und Überlegungen von Igor ein fantastisches, ein trauriges Buch. Eine Geschichte vom Glück und seinem Preis. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise an die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen möglicher Wahrheit und dem künstlerischen Schaffen.

Dem Autor gelingt es über diese unausgesprochenen Momente der Geschichte und das tragische Schicksal zu schreiben, ohne in falschen Pathos oder in Kitsch zu verfallen. Er zwingt den Leser in Angst, in Gefühle und in Misstrauen. Ein ergreifendes fiktives Schauspiel.

Es ist ein gutes Buch, magisch und schmerzhaft, klug und wahr, ergreifend, zweideutig. Und vor allem ist er wunderschön geschrieben.

Lesenswert, weil es zeigt, was wirklich wichtig ist.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/sonka-isbn-978-3-8270-7936-7-ebook

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Rezension: Die Taufe – Ann Patchett – Berlin Verlag

Familien und ihre Geheimnisse

Die Taufe – Ann Patchett (Autorin), Ulrike Thiesmeyer (Übersetzerin), 400 Seiten, Berlin Verlag (2. Mai 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3827013446

Die Geschichte beginnt in den frühen 1960er Jahren. Fix Keating, ein Polizist, verheiratet mit der wunderschönen und verführerischen Beverly. Ihre Tochter Franny wird getauft und sie haben zu einer Party eingeladen. Dort erscheint uneingeladen auch Albert Cousins, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt. Er wollte bloß der Langeweile mit heulenden Kleinkindern und seiner müden schwangeren Frau Teresa an einem Sonntagnachmittag entkommen. Er bringt eine große Flasche Gin mit. Der Inhalt wird eine ganze Familie auflösen.

Die Geschichte entfaltet sich zwischen dem Leben der Familien Keating und Cousins in den nächsten fünf Jahrzehnten.

Als sie 30 Jahre alt ist beginnt Franny Keating eine Beziehung mit dem renommierten Schriftsteller Leon Posen, ein viel älterer Mann, der dringenden Inspirationen für ein neues Buch braucht. Die Geschichten, die Franny ihm von ihrer Kindheit erzählt, bilden die Basis für sein Bestseller-Comeback. Die Auswirkungen dieses Romans, und die Geheimnisse, die er enthüllt, verwendet Ann Patchett, um uns die Geschichten von 10 Personen zu erzählen: die sechs Keating-Cousins Kinder und ihre vier Eltern.

Das klingt zunächst wie eine große Familiensaga mit all ihren Verwicklungen, Tragödien und Momenten des Glücks. Ist sie auch. Aber sie ist noch mehr: Wie die Familien sich erinnern und sich selbst beurteilen, wird zu einem der wichtigsten Themen des Romans. Welche Familiengeschichten gehören uns allein? Wer bringt falsche Teile in unsere Geschichte? Wie entwickeln sich Schuld und Vergebung über die Generationen? Und vor allem gibt uns die Autorin tiefe Einblicke in die realen und emotionalen Auswirkungen der Entwurzelung von Familien.

Patchett wählt eine episodische Struktur, indem sie zwischen den Charakteren und Jahrzehnten wechselt und Details herauszieht. So gelingt es ihr, wie in einem überreichen Teppich eine faszinierende Geschichte zu weben.

Um eine Geschichte mit 10 Protagonisten zu schaffen, die sich über 50 Jahre erstreckt – und viele Orte verteilt ist, das ist schon ein Balanceakt, der große Erzählkunst erfordert. Und Ann Patchett ist eine meisterliche Geschichtenerzählerin. Vor allem versteht sie es perfekt etwas zu zeigen, anstatt nur zu beschreiben. Sie schreibt voller Witz und Wärme, nuanciert, sehr komplex und vor allem authentisch.

Ein kluger, aufregender Roman, ernst und anspruchsvoll, dabei von einer erfrischenden Ehrlichkeit, durch die er besonders vergnüglich zu lesen ist. Ein Genuss, den Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages

https://www.piper.de/buecher/die-taufe-isbn-978-3-8270-1344-6

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Rezension: Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr – btb-Verlag

Der Blonde führt die Blinde

Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr (Autor), Werner Löcher-Lawrence (Übersetzer), 528 Seiten, btb Verlag (11. Juli 2016), 10,99 €, ISBN-13: 978-3442749850

Die Geschichte kreist um das blinde französische Mädchen Marie-Laure LeBlanc und dem deutschen Waisenknaben Werner Pfennig. In fünf großen Episoden wird ihr Schicksal während des Krieges ausgebreitet: Die Kindheit vor dem Krieg – Der Neuanfang während des Krieges – Die Teilnahme am Krieg – Die Bombardierung von Saint-Malo – Nach dem Krieg.

Doerrs Roman ist die Geschichte von zwei in der Gewalt des Zweiten Weltkriegs gefangenen Kinder. Marie-Laure LeBlanc ist sechs Jahre alt, als der Roman im Jahr 1934 in Paris beginnt. Hier lebt sie mit ihrem geliebten Papa, einem Schlosser und Hüter der rund zwölftausend Schlüssel im Muséum National d’Histoire naturelle. Marie-Laure und ihr Vater entkommen Paris im Jahre 1940, und nehmen Zuflucht in Saint-Malo, „in dieser letzten Zitadelle am Rand des Kontinents, diesem letzten deutschen Bollwerk an der bretonischen Küste.“ (Seite 21) Werner Hausner und seine Schwester Jutta sind Waisen auf dem Gelände der Zeche Zollverein in der Nähe von Essen. Er ist ein Junge von sieben mit weißen Haaren. „Schnee, Milch und Kreide. Eine Farbe ohne Farbe.“ (Seite 35) Werners Talente bringen ihm die Aufmerksamkeit der Nazis ein, und er wird zu einer Schule geschickt, wo die Elite-Kader für das Dritte Reich herangezogen werden. Die Kapitel über Werners Schulbildung, und das Schicksal seines verrohten Freund Frederick, sind die besten in dem Buch.

Marie-Laure ist ein exquisit realisierte Schöpfung. Ihre Blindheit ist überzeugend dargestellt, und die stetige Liebe ihres Vaters (der maßstabsgetreue Modelle der Nachbarschaften baut) macht ihre Geschichte sowohl schön als auch glaubwürdig.

Die bloße Idee einer Begegnung zwischen Marie-Laure und Werner, dieser beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten trägt ein erhebliches Potential in sich. Am schwächsten scheint mir das Buch, wenn Doerr versucht, sich mit dem Nazitum zu beschäftigen. Aber das ist ja auch nicht seine unbedingte Hauptaufgabe.

Die Geschichte bewegt sich rasch und effizient auf ihren Höhepunkt zu, die Begegnung während der alliierten Bombardierung von Saint-Malo, ein paar Monate nach dem D-Day. Obwohl die Erzählung weitgehend aus Rückblenden besteht, ist es einfach, ihr zu folgen, weil es nur auf zwei Personen am schärfsten fokussiert.

Anthony Doerr schreibt schrill, unerbittlich in kurzen, scharfen Sätzen. Ebenso drängen die kurzen ein- bis zweiseitigen lesefreundlichen Kapitel diese akribisch recherchierte Geschichte voran. Gleichzeitig zeigt Anthony Doerr seine große Liebe zum Detail

„Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist etwas mehr als ein thrillerähnliches Drama und etwas weniger als große Literatur.

Dieser Roman ist besonders lesenswert für jeden, der eine lange Flugreise oder einen Strandurlaub vor sich hat. Oder der lange Herbst- und Winterabende mit angenehmer Lektüre verbringen möchte. Es ist eines jener Bücher, die den Leser vollständig gefangen nehmen.

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http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Alles-Licht,-das-wir-nicht-sehen/Anthony-Doerr/btb-Taschenbuch/e474319.rhd

Rezension: Wir sind nicht wir – Matthew Thomas – Berlin Verlag

 Wenn ihr Leben nicht so ist, wie sie es sich wünschen.

Wir sind nicht wir – Matthew Thomas (Autor) – Astrid Becker (Übersetzer), Karin Betz (Übersetzer), 896 Seiten, Berlin Verlag (1. August 2016), 12,99 €, ISBN-13: 978-3-8333-1055-3

Das Buch dreht sich um Eileen, ihren Mann Ed, einem schrulligen, akademischen Wissenschaftler und ihren Sohn Connell. Der Großteil des Buches ist aus Eileens Sicht erzählt. Sie ist das einzige Kind ihrer Eltern, und wir lernen jede Drehung und Wendung in ihrem Leben kennen. Es gibt Kapitel, die ihrem Mann und Sohn gewidmet sind, aber vor allem erleben wir die Geschichte durch Eileens Augen.

Eileen Leary, geborene Tumulty wächst in einem Armenviertel mit wohlmeinenden aber alkoholkranken Eltern auf. „Ihre Mutter trank mehr als ihr Vater es je getan hatte.“ (Seite 41) Sie will mehr. „… aber mit einem Mann zusammen sein, dem es völlig genügte, dreißig Jahre lang einen Lieferwagen zu fahren, konnte sie sich nicht vorstellen.“ (Seite 56) Sie heiratet den brillanten Wissenschaftler Ed, der „… Zeit seines Lebens nicht imstande sein würde, die engen Grenzen seiner Vorstellungskraft zu sprengen, die seine Herkunft ihm gesetzt hatten.“ (Seite 107) Sie will mehr. Ein größeres Haus „Sie begriff jetzt, dass manche Orte mehr und auch weniger Glück verheißen.“ (Seite 31) Sie will ein besseres Standing, ein Kind … Eileen will mehr. „… sie wollte sich nur ein bisschen verbessern.“ (Seite 249) Doch statt immer mehr zu finden, ist Eileen dabei, einen großen Verlust einzufahren, einen Verlust, an dem sie ein Leben lang leiden wird.

Ein ruhiger, kraftvoller Roman, der uns zeigt, dass unser Leben nicht nur unser eigenes ist, sondern auch eine Mischung aus den Leben vor und nach uns. Ein Roman von emotionaler Wahrhaftigkeit.

Die Geschichte ist enorm vielschichtige und unsentimental. Sie reicht von Heimat, Identität und unerwarteten menschliche Entwicklungen. Eine epische Saga, aber knapp ausgeführt, die an eine verlorene Welt erinnert. Eine bewegende Geschichte von einer irisch-amerikanischen Familie, die sich von den frühen 1950er Jahren bis 2011 erstreckt. Ein großes Einwanderer-Epos, große Porträts von drei Generationen einer bemerkenswerten Familie und nicht zuletzt ein wunderbares Porträt des sich ständig wandelnden New-Yorks.

Das Bemerkenswerteste an diesem sehr langen Roman ist, wie realistisch und auch wie normal die Geschichte ist. Niemand wird ermordet. Keine Bomben gehen hoch. Niemand wird berühmt. Sie leben in einem normalen Haus und führen ein normales Leben. Jeder Leser wird sich in diesen Seiten wiederfinden und das macht dieses Buch so unglaublich überzeugend. Wir beobachten unsere eigenen Leben. Das Buch erinnert mich an den frühen John Irving.

Dieser Roman liest sich wie ein Gedicht. Matthew Thomas schreibt sehr detailliert und sehr nuanciert, gestaltet wunderschöne Sätze, poetisch, nachdenklich und von emotionaler Genauigkeit. Trotzdem ist es nicht zu dicht und zu wortreich. Es ist eher eine schlanke Prosa mit geschmeidigen, in sich stimmigen und gleichzeitig sehr komplexen Charakteren. Schon nach wenigen Seiten fühlt sich der Leser, als ob er ein Teil der Familie Leary sei.

Dieser Roman erfordert Geduld, Einfühlungsvermögen für Charaktere. Es wird Sie mitnehmen auf eine emotionale Reise, einfühlsam und tragisch. Eine starke Geschichte, die um die Frage kreist, woran wir am Ende unseres Lebens gemessen werden. „Wir sind nicht wir“, ein herrliches Buch, das Ihre Lesezeit wert ist und Sie zum Nachdenken anregen wird.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlinverlages:

http://www.berlinverlag.de/buecher/wir-sind-nicht-wir-isbn-978-3-8333-1055-3

Rezension: Porträt einer Ehe – Robin Black – Luchterhand Verlag

Die Wahrheit liegt im Ungesagten

Porträt einer Ehe von Robin Black (Autorin), Brigitte Heinrich (Übersetzerin), 320 Seiten, Luchterhand Literaturverlag (24. Mai 2016), 19,99 €, ISBN-13: 978-3630873220

Die Partner in langjährigen Ehen sind allesamt Experten für Zwischentöne, für das nicht Gesagte und schließlich fürs Unaussprechliche. „In einer Ehe laufen oft zwei Gespräche nebeneinander ab. Das, das man gerade führt, und das, das man gerade nicht führt. Manchmal weiß man nicht einmal, wann dieses zweite, stillschweigende, begonnen hat.“ (Seite 54)

Gus (Augusta) als Malerin und Owen als Schriftsteller haben sich in die Einsamkeit einer ländlichen Idylle zurückgezogen. Owen steckt in einer kreativen Krise und es gibt, nicht nur deshalb, Spannungen in ihrer Ehe. Dann mietet die schöne und charmante Alison Hemmings das benachbarte Bauernhaus. Sie ist eine geschieden und Mutter einer Tochter, Nora. Jetzt mögen Sie denken „Alles klar, ich weiß wie es weitergeht.“ Es wird anders weitergehen, als Sie denken. Ich muss ehrlich sagen, dass in den meisten Fällen – bis auf den explosiven Schluss, nicht viel passiert. Die Handlung des Romans ist die altehrwürdige Ehe selbst. Aber wie jämmerlich ungenau eine solche Beschreibung wäre, sehen Sie, wenn Sie das Buch lesen. Es geht um mehr.

Es entsteht vom ersten Satz an ein Gefühl der Bedrohung: „In den letzten Tagen vor seinem Tod besuchte mein Mann Alison jeden Tag.“ (Seite 9) Was passiert mit Owen? Diese Spannung hält bis zum furiosen Ende.

Gus als durchgehende Icherzählerin schildert die Ereignisse, die sich im Laufe von mehreren Monaten abspielen. Sie schaut zurück auf ihre Ehe mit Owen und ihren jüngsten Umzug in das ländlichen Pennsylvania.

Robin Black hat eine unheimliche Fähigkeit, ihre Figuren in einer solch fein abgegrenzten Art und Weise zu beschreiben, dass die Leser sicher sind, diese Personen auf der Straße erkennen zu können. Zu den drei Hauptfiguren kommen Nora, die Tochter von Alison ins Spiel und auch der demenzkranke Vater von Gus spielt eine Rolle.

Robin Black wirft in diesem angespannten, eng gestrickten Roman viele Fragen auf: Wert der Isolation gegenüber Interaktion; Strafe und Buße für eheliche Untreue; Entstehen und Abläufe kreativer Prozesse; Blockaden des künstlerischen Arbeitens; Verlust von geliebten Menschen; Unfähigkeit ein Kind zu zeugen; Einfluss des Gemütszustandes auf die Kreativität des Künstlers

Es ist ein fast lyrisches, unbeschreiblich schön geschriebenes Buch, das bedrückend ehrlich ist, klar und direkt, detailreich und beobachtungsstark. Es ist nicht immer leicht, Gus zu mögen, noch ist es Owen. Mich beeindruckt die authentische und trotzdem elegante Prosa. Robin Black hat die seltene Gabe Atmosphäre zu vermitteln: diese unsichtbare, aber fühlbare Qualität der Luft, die Stimmungen und die Gefühle, die zwischen Menschen entstehen, fließen und vergehen. Sie ist eine Schriftstellerin von großer Weisheit und beleuchtet, ohne übermäßige Betonung, die schillernde Komplexität der einzelnen Geschichten.

Robin Black nimmt uns mit unter die Oberfläche der schon viel erzählten Midlife-Geschichten, der oft analysierten Ehekrisen und macht so aus all dem ein Leseerlebnis, das atemberaubend, glänzend und neu ist. Ein brillanter Roman, den Sie nicht versäumen sollten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Luchterhand Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Portraet-einer-Ehe/Robin-Black/Luchterhand-Literaturverlag/e308502.rhd

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Rezension: Beides sein – Ali Smith – Luchterhand Verlag

Eine Migrantin der eigenen Existenz

Beides sein von Ali Smith (Autorin), Silvia Morawetz (Übersetzerin) 320 Seiten, Luchterhand Literaturverlag (21. März 2016), 22,99 €, ISBN-13: 978-3630874951

Manche Bücher sind einfacher zu lesen, als zu beschreiben. Das trifft auf diesen spielerischen, brillanten neuen Roman von Ali Smith zu.

Wir lesen zwei Geschichten, von denen die Autorin sagt, man könne sie in beliebiger Reihenfolge lesen:

Zum einen die eines italienischen Malers über den wenig bekannt ist, der an den Fresken im Inneren des Palazzo Schifanoia in Ferrara arbeitet, bis er offenbar verärgert über den kargen Lohn war. Auf dem dürren Gerippe der Geschichte (Francesco del Cossa (1430- 1477), ein italienischer Maler über den wenig bekannt ist) entwickelt Ali Smith das Leben eines altklugen, jungen Künstlers, der/die sich die Brust mit Leinen bindet, den Namen Francescho wählt und vorgibt, ein Mann zu sein. Dieser Teil kommt in dieser Ausgabe an zweiter Stelle, ab Seite 164. Trotzdem trägt auch er die Nummer 1.

In der ersten Nummer 1 (ab Seite 13) erleben wir das Leben eines 16-jährigen Mädchens namens George, eine etwas herbe High-School-Schülerin im heutigen England. Obwohl in der dritten Person erzählt wird, bewegt sich Georges Geschichte, ebenso wie diejenige von Francescho, frei durch die Zeit, kreist über wichtige Momente und Themen, die nach und nach in den Fokus kommen. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehört eine Reise mit der Familie nach Italien, wo sie und ihre Mutter sich Fresken von Francesco del Cossa ansahen.

Jede der beiden Geschichten enthalten Verweise auf die jeweils andere. Ali Smith schreibt einen akrobatischen Roman, ohne sich im Gewirr der postmodernen Netze, die sie knüpft, zu verlieren. Das mutet an wie ein Roman, der mit postmodernen Spielereien überfrachtet scheint, aber Ali Smith schafft zwei phantastische, komplexe und auch unglaublich rührende Geschichten.

Insgesamt scheint es mir eine tiefe Reflexion über Kunst und Trauer, über das Verwischen und Vermischen der Geschlechter, über die Verbindung Gegenwart und Vergangenheit, über Geschichte und Spekulation. Franceschos Geschichte liefert fundierte Einsichten über das Wesen und die Kraft der Malerei. Wie können auf einem Malgrund Pigmente und Öl zum Leben erweckt werden? Georges Geschichte bietet eine ganz eigene Erforschung der verwirrenden Macht der Trauer. Wie kann ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr existieren ? Und über allem kreist die Frage: Wer oder was ist männlich und wer oder was ist weiblich?

Ali Smith hat eine ungeheuer beeindruckende Doppelhelix geschaffen, einen radikalen Roman. Sie spielt uns mit ihrem Textspiegelkabinett einen furiosen Streich. Nichts ist sicher. Nichts ist vorhersehbar. Mit großer Subtilität und Erfindungsreichtum hat die Autorin die Grenzen des Romans radikal erweitert.

Die schiere Erfindungskraft dieses Romans hat mich atemlos bis zur letzten Seite geführt. Es bleiben mehr Fragen als Antworten. Ob es Ihnen genauso geht, hängt davon ab, welche Art von Leser Sie sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Luchterhand Verlages

http://www.randomhouse.de/Buch/Beides-sein/Ali-Smith/Luchterhand-Literaturverlag/e484536.rhd

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