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Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Der Mann, der Luft zum Frühstück aß – Radek Knapp – Deuticke Verlag

Such dir eine eigene Heimat

Der Mann, der Luft zum Frühstück aß – Radek Knapp, 128 Seiten, Deuticke Verlag (20. Februar 2017), 16 €, ISBN-13: 978-3552063365

Der zwölfjährige Walerian emigriert unfreiwillig von Polen nach Wien. Schule und Mutter setzen ihn nach kurzer Zeit auf die Straße. Er gerät in eine völlig andere Welt mit anderer Sprache, anderen Typen, anderen Mentalitäten.

Auf seinem Weg zum Erwachsenwerden begegnet er vielen Menschen, vielen Berufen und manch heiklen Situationen, die ihn prägen, verändern. Walerian sucht seine Heimat, versucht in der fremden Welt seine eigene Identität zu finden und zu entwickeln. Das Thema ist also mehr als zeitgemäß

Radek Knapp schreibt unaufgeregt, fast lapidar mit distanzierter Ironie, kurzweilig. Gleichzeitig sind seine Texte subtil und feinsinnig. Vieles wird nur angedeutet. Typisch für Radeks Erzählstil, für eine Gabe Bilder mit Worten zu malen ist schon der erste Satz des Buches: „“Niemand wusste so richtig, was im Kopf meiner Mutter vorging. Leute, die sie kannten, behaupteten, dass dort eine entzückende Leere herrschte, andere wiederum konnten geradezu den Donner hören, den der eingeschlossene Geist beim Nachdenken erzeugte.“ (Seite 7)

Es ist eine Erzählung, nein, es sind vierzehn kleine Erzählungen, die sich zu einem veritablen Roman verdichten.

„Ab jetzt wirst du viele Grenzen überschreiten. Sie werden aus dir etwas machen, was ich nie geschafft hätte. Einen Mann.“ (Seite 9) Diese Aussage von Walerians Mutter zeigt die Richtung der Geschichte. Eine wunderschöne Erzählung voller Elan, die jungen Menschen zu eigen ist, die an der Grenze zum Erwachsensein stehen. Gleichzeitig macht Radek Knapp diese innere Zerrissenheit eines Kindes deutlich, dem die Verbindungen zu seinen Wurzeln durchtrennt wurden. Was will es wissen? Was soll es tun? Was darf es hoffen?

Das Buch hat für mich einen verhaltenen Charme, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Und es ist ein engagiertes Buch mit einer klaren Haltung wider die Menschenverachtung. Eine sehr lebensbejahende intensive Geschichte über das Erwachsen werden und über die Suche nach Heimat.

Das kürze Büchlein lässt sich leicht in einem Rutsch lesen. Nehmen Sie es anschließend noch einmal zur Hand und genießen Sie es häppchenweise. So entdecken Sie immer mehr tiefsinniger, versteckter Botschaften. Sie entdecken die Ermutigung, sich der planvollen Entmündigung in unserer Zeit zu entziehen und die Ungewissheit anzuerkennen, die unser Leben durchzieht.

So gilt für uns alle das Motto: „Such dir deine eigene Heimat. Koste es was es wolle.“ (Seite 97) Und so können Sie sich in diesem Buch auf die eigene Suche begeben, mal lustig, mal nachdenklich und manchmal auch verwirrend.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-mann-der-luft-zum-fruehstueck-ass/978-3-552-06336-5/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Strandbadrevolution – Kurt Palm – Deuticke Verlag

Gib mir Schutz – ein Sturm bedroht heute mein Leben

Strandbadrevolution – Kurt Palm (Autor) 256 Seiten, Deuticke Verlag (20. Februar 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3552063372

„Am Himmel stehen tausend Sterne. Lass sie dort wo sie sind.“ (Seite 146) Dieser Satz steht mir stellvertretend für die Träume und Illusionen eines besonderen Jahrzehnts.

Die 50er und 60er Jahre sind vorbei. Gemeinsames Badewasser gibt es nicht mehr, aber immer noch geteilte Telefonanschlüsse. Es sind die 70er Jahre. Die engen Denkweisen und das armselige Grau der Nachkriegsjahre scheinen überwunden, das bunte Jahrzehnt hat begonnen.

Mick erzählt uns die Geschichte. Eigentlich heißt er Ernst und wird von vielen Ernsti genannt, aber er nennt sich nach seinem Idol Mick Jagger. Eine Geschichte in deren Mittelpunkt zum einen seine Freunde stehen: Mü, der Müller heißt, Candy, Taylor und Hendrix. Da gibt es noch Rick, der Gitarrenspieler, der immer seine Haare theatralisch zurückwarf und dabei lässig bemerkte: „Ich habe in London Deep Purple bei Studioaufnahmen begleitet.“ (Seite 11)

Alle sind irgendwo zwischen 15 und knappen 20 Jahre alt und, ja, lässig wollen sie alle sein. Auf jeden Fall wollen sie etwas verändern, eine Revolution einleiten, die Musik entscheidend beeinflussen oder eben mindestens als lässige, coole Typen wahrgenommen werden. Dem Mick würde es fast schon reichen, wenn ihm überhaupt jemand irgendeine Form der Aufmerksamkeit schenken würde, vor allem wenn er dadurch Personen des weiblichen Geschlechts etwas näherkommen könnte.

Bis dahin lesen sie Camus, Adorno und Sartre, planen revolutionäre Aktionen „Erhebt euch, ihr Untertanen! (Seite 40), gehen ins Schwimmbad, „Ich setzte mich im Schneidersitz auf mein Badetuch und warf meine Haare theatralisch nach hinten. Aber niemand sah mir dabei zu.“ (Seite 36) oder verfassen wie Candy Traktate: „intensiv leben kann man nur auf kosten des ich.“ (Seite 15), treiben sich auf Rockkonzerten rum. Die Musik, insbesondere die Songtexte, vor allem die der Rolling Stones geben ihnen alle Orientierung und Lebenshilfe.

Kurt Palm entwirft ein stimmiges Bild, wie das damals, Anfang der 70er so war in der österreichischen Provinz. Die scheinbare Idylle in der Familie und die Konflikte, die natürlich alle außerhalb der Familie liegen. Eine Jugendzeit, wie sie tausendfach erlebt wurde.

Kurt Palm erzählt uns einfühlsam, ja liebevoll vom Ende der Kindheit und dem Beginn von etwas, das vielleicht Leben heißt, von Liebe und Tod und dem Anfang von vielem, das Ende von etwas.

Leicht und locker geschrieben. Vor allem die Dialoge sind stimmig, geradezu dem Leben abgelauscht. Faszinierend wie Kurt Palm ein bis in die Details korrektes Bild des Beginns des roten Jahrzehnts entwirft und dabei auch die schwarzen Seiten nicht auslässt.

Ein Lesegenuss für alle, die diese Zeit bewusst miterlebt haben und für alle, die sich ein Bild davon machen wollen, wie ihre eigenen Eltern groß geworden sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/strandbadrevolution/978-3-552-06337-2/

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Rezension: Suchbild mit Katze – Peter Henisch – Deuticke Verlag

Beim Essen redt ma net.

Suchbild mit Katze – Peter Henisch (Autor), 208 Seiten, Deuticke Verlag (26. September 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3552063273

„Woher kommen wir, wohin gehen wir, was wird aus uns werden? Wer sind wir, wer waren wir, wer werden wir sein? Unglaublich, was damals alles noch Zukunft war. Und dann ist es passiert und das heißt ja, vorbeigegangen, und schon war es Vergangenheit.“ (Seite 162)

Peter Henisch geht diesen Fragen in seinem neuen Roman nach, in einer Art Autobiographie der anderen Art.

Als Standpunkt wählt er den Blick aus den Fenstern. „All die Fenster, aus denen ich schon geschaut habe. Nicht ganz wenige im Laufe eines Lebens.“ (Seite 10). An seiner Seite immer wieder eine Katze, eine von vielen, die ihn in seinem Leben begleitet haben.

Und so blickt er auf die Gasse, auf sein Viertel, auf Wien, auf Österreich, auf die Welt, auf sein Leben. Auf seine Mutter, auf seinen Vater, den Fotographen, auf Großeltern, auf Onkel Willi, auf Friedi, seine heimliche Liebe, auf die Besatzung durch die Russen, auf den Staatsvertrag, „Österreich ist frei.“ (Seite 162), auf die Weltgeschichte. „Und schaute hinaus in die Welt. Eine Welt, von der ich mir erst nach und nach eine Vorstellung zu machen begann.“ (Seite 95)

Er schreibt aus unterschiedlichen Perspektiven: aus dem Blick des Kindes, aus der Sicht des Erwachsenen auf die Eindrücke des Kindes, aus den Eindrücken und Überlegungen des Erwachsenen, als Dichter, als Interviewter im Gespräch mit einer Journalistin. Er folgt keiner chronologischen Reihenfolge. Im Zentrum steht die Zeit der späten 40er Jahre und der 50er Jahre. Ganz leicht und locker springt er hin und her, kehrt zurück, folgt einem Nebengleis, streut Bemerkungen ein, kommt wieder in die aktuelle Gegenwart und greift daraus wieder ein Thema aus seiner Kindheit auf. Und das ganze überhaupt nicht verwirrend.

Das ist der erste entscheidende Punkt für mich in diesem Buch: Der Leser weiß immer ganz genau, wo und in welcher Zeit er sich befindet.

Der zweite entscheidende Punkt für mich ist die Denk- und Erlebniswelt des kleinen Knaben. Ich selbst bin gerade ein Jahr jünger als der Autor, in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen als er, aber ich entdecke Erlebnisse, Vorstellungen, Überlegungen des Kindes, an die ich mich auch bei mir erinnere. Und diese kindliche Zeiterfahrung und Zeiterleben haben nicht nur die Entwicklung des Autors nachhaltig beeinflusst, sondern die von all denen, die in dieser Zeit groß geworden sind.

Peter Henisch spricht ein kollektives Gedächtnis an. Und das tut er mit einer ganz wunderbaren Erzählkraft: in schöner, unaufdringlicher, fließender Sprache, spannend, manchmal ironisch, manchmal tiefgründig, sehr facettenreich und vor allem sehr eingängig. Er zieht den Leser in einen Bann, der bis zur letzten Seite anhält.

Gönnen Sie sich unbedingt dieses Lesevergnügen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/suchbild-mit-katze/978-3-552-06327-3/

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