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Essay: Risiko statt Routine – Mutiger werden

Risiko statt Routine – Mutiger werden

… oder raus aus der Behaglichkeit, rein in die Gefahr

„Da bekommt jemand ein wahnsinnig gutes Jobangebot, schlägt es aus, weil er es sich nicht zutraute. Und dann sitzt eine totale Gurke auf den Posten und bekommt viel Geld für schlechte Arbeit.“ „Da wird jemand seit zwei Jahren von einer Kollegin terrorisiert. Diese denkt, weil sie älter und erfahrener ist, kann sie die andere wie eine Praktikantin behandeln. Und jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit schwört sie sich hoch und heilig, der werde ich es heute zeigen, und wenn sie mir doof kommt, kontere ich so, dass ihr die Spucke wegbleibt. Doch jedes verdammte Mal macht sie mich so klein, dass ich kusche und mich unterwerfe. Ich hasse mich dafür!!!“ „Da fragt eine umwerfend aussehende Frau nach dem Weg und lächelt einen dabei die ganze Zeit voll süß an. Und wir trauen uns trotzdem nicht, zu fragen, ob sie vielleicht Lust hätte, einen Kaffee mit uns trinken zu gehen.“ „Oder da stehen wir in einer langen Schlange vor irgendeinem Schalter oder an der Einkaufstheke. Schon seit zwanzig Minuten. Da drängelt sich doch wahrhaftig ein unverschämter Jungdynamiker nach vorne unter dem Satz „Ich hab`s besonders eilig:“ Alle schütteln den Kopf. Keiner sagt etwas.“ „Da sitzen wir mit Freunden abends in der Kneipe und amüsieren uns über einen Mann an der Bar, da er offensichtlich betrunken ist und sich kaum auf seinem Hocker halten kann. Nach dem Bezahlen greift er zu seinem Autoschlüssel und wankt in Richtung Tür. Keiner sagt was. Keiner nimmt ihm den Schlüssel weg. Wir lassen ihn einfach so in sein Schicksal hinfahren.“

Ärger über uns selbst, hämische Kollegen, verpasste Chancen, ein schlechtes Gewissen. All das bliebe uns erspart, wenn uns der Mut nicht so oft verlassen würde.

Ab morgen wird alles anders! Wer von uns kennt ihn nicht, diesen Vorsatz, mit dem wir uns Mut machen und uns das eine oder andere vornehmen. Zum Beispiel: Ab morgen mache ich reinen Tisch! Morgen sage ich meinen Kollegen im Büro einmal frisch von der Leber weg, was mich bei unserer Teamarbeit stört! Und wenn ich dieses Risiko schon auf mich nehme, dann springe ich auch gleich vom 10-Meter-Turm ins Schwimmbecken. Das wollte ich schon lange tun. Herzrasen hin oder her!

Denn sobald es so weit ist, lässt uns der Mut nur allzu schnell im Stich, und wir bekommen kalte Füße. Warum? Weil die Angst eben doch größer war, als man dachte. Also krebst man zurück, bis zum nächsten Anlauf. Oder tröstet sich mit einer Ausrede über die Mutlosigkeit hinweg.

Habe ich in meinem Leben wirklich erreicht, was ich wollte, fragen wir uns. Sollten wir nicht mutiger sein und weniger Kompromisse eingehen? Haben wir Angst, aus der Reihe zu tanzen, und am Ende alleine dazustehen? Ist es das, was uns bremst? Und allmählich dämmert uns, dass wir erst dann wieder wirklich zufrieden sein können, wenn wir den Mut fassen, etwas zu ändern, und über unseren eigenen Schatten springen. Courage ist lernbar – und Träume möchten verwirklicht werden. Wer kreativ sein will, braucht Mut. Aber auch im Leben braucht man oft Mut. Dumm nur, dass man Mut nicht im Supermarkt kaufen kann. 😉 Im Gegenteil, es ist gar nicht so leicht, gegen seine Ängste und Bedenken anzugehen. Doch es ist nicht unmöglich.

Kleine Schritte wagen. Wie jede Tugend erfordert Mut fortgesetztes Üben: In Familie und Freundeskreis, der Schule, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit. Mit kleinen Mutproben beginnen: Sich mit der eigenen Meinung erkennen lassen, für die persönliche Überzeugung stehen, Einspruch erheben, wenn Unrecht geschieht. – Kleine Schritte verhindern, dass wir uns überfordern. Wir sollten unser persönliches Maß an Mut herausfinden und die Gegenkräfte zur Angst stärken.

Angst ist eine Kraft. Mutig handeln bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Nur wer seine Ängste zulässt, kann Mut entwickeln, sich mit der Angst einmischen und für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Angst verweist uns auf die Gefahr, der wir begegnen, und vor der wir uns schützen müssen. Deshalb ist es wichtig, angstfähig zu sein.

Sachkenntnis macht mitsprachefähig. Wer sachkundig ist, kann argumentieren und stärkt sein Selbstbewusstsein. Fachliche Kompetenz ist eine Gegenkraft zur Angst und eine Voraussetzung dafür, soziale Anliegen durchzusetzen. Wir brauchen Sachkenntnis dort, wo wir von gesellschaftlichen Zuständen betroffen sind, an denen wir etwas verändern möchten.

Zusammenarbeit vermindert die Furcht. Wer öffentlich widerspricht, kann von der Mehrheit isoliert werden. Deshalb ist es hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren. Die Zugehörigkeit erleichtert es, für demokratische Grundwerte einzutreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe richtet sich nicht gegen „Feinde”, sondern dient menschlichen Grundwerten, tritt für das Gute ein. Durch Kooperation wächst das Sachverständnis.

Sich mit Wertvorstellungen kenntlich machen. Erkennen lassen, wie wir denken, für welche Werte wir uns einsetzen, statt anderen unsere Meinung aufzwingen zu wollen. Wir vertreten glaubwürdig die eigene Überzeugung und versuchen gleichzeitig, Andersdenkende zu verstehen. Dadurch gelingt es, Überzeugungs-Machtkämpfe zu vermeiden und sich zu verständigen.

Ob man den Mut in kleinen Schritten probt oder zum großen Befreiungsschlag ausholt, ist eine Frage des Temperaments. Wer aber einmal über seinen eigenen Schatten gesprungen ist und ein Erfolgserlebnis hatte, dem fällt das nächste Wagnis leichter. Denn mit jeder positiven Erfahrung fassen wir zusätzlichen Mut.

„Mehr als Nein sagen kann er nicht.“ – „Das Nein habe ich schon. Wenn ich nichts mache, bleibt es beim Nein. Nun mache ich mich auf den Weg, um mir ein Ja, oder wenigstens ein Vielleicht zu holen.“ – „Die meisten Dinge kosten nicht das Leben, sondern nur Einsatz und Mühe.“

Bringen Sie etwas mehr Übermut in Ihr Leben. Mit jeder übermütigen Bemerkung oder Aktion verlassen Sie das Territorium der Bedrohung. In der Zeit des Übermuts sind Sie immun gegenüber jedem Bedrohungsgefühl. Die Insel des Übermutes ist weit entfernt vom Festland der Besorgtheit und Gefährdung.

Richard I. von England war ein sehr berühmter König. Er zählte zu den mächtigsten Herrschern Europas im 12. Jahrhundert. Heute ist er uns vor allen Dingen wegen seines Beinamens im Gedächtnis, der da lautet: Löwenherz. Angeblich war er ein sehr tapferer Kriegsführer und Kämpfer, was zu dieser Namensgebung betrug. Das Herz eines Löwen, dieses edlen Tieres, das bei uns vor allen Dingen mit einer Eigenschaft assoziiert wird: Mut. In welchen Situationen wünschen wir uns ein Löwenherz?

Oder ist unser Bedürfnis nach Sicherheit so stark, dass wir zum „lieber behalten“ als zum „Loslassen“ neigen? Es stimmt, wer Positionen vertritt, wird angreifbar. Aber wer keine vertritt, wird nicht wahrgenommen.

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ Das wusste schon Seneca vor 2000 Jahren.

Ja, manchmal brauchen wir wirklich eine gehörige Portion Mut im Leben. Denn wir werden stets belohnt, wenn wir es nur wagen. Auch wenn das Ergebnis nicht genau das ist, das wir uns gewünscht haben, so ist doch eines sicher: Die Ungewissheit, die gefühlte Feigheit, die Unsicherheit, sie sind weg, denn wir haben es gewagt, wir haben es getan. Und wir haben es, einmal mehr, überlebt.

 

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Rezension: Ein treuer Freund – Jostein Gaarder – Hanser Verlag

Außenseiter mit zusammengekniffenen Augen

Ein treuer Freund – Jostein Gaarder (Autor), Gabriele Haefs (Übersetzer), 272 Seiten, Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (13. März 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3446254435

Jostein Gaarder, der Autor von dem beeindruckenden Buch „Sofies Welt“, lässt diesen Roman mit dem Nachdenken der Hauptfigur Jakop Jakobsen beginnen, der in einem Hotel auf Gotland sitzt, weil er darauf „angewiesen“ ist, aufzuschreiben, um seine Geschichte einer gewissen Agnes darzulegen. Er beginnt mit der Beerdigung von Eric Lundin.

Die Eröffnung des Romans erscheint etwas chaotisch und richtungslos. Jakop ist ein einsamer, gelehrter Mann von mehr als 60 Jahren, der zu Beerdigungen von Bekannten und auch weniger Bekannten geht. „Ich genieße es, zu beobachten, ohne beobachtet zu werden.“ (Seite 8) Hinter ihm liegt eine zerbrochene Ehe. Er hat keine nahen Verwandten. Nur ein ganz besonderer besten Freund, Peter Ellingsen Skrindo, genannt Pelle. „Er kann Dinge sagen, die ich selbst verschweigen würde, weil ich sie nicht sagen will und nicht zu sagen wage.“ (Seite 117) und später im Roman wird er noch eine große Rolle spielen.

Bei Beerdigungen hält Jakop sich in den hinteren Bänken. Aber bei dem Leichenschmaus gerät er oft an einen Tisch mit den engsten Verwandten des Verstorbenen. Hier erzählt Jakop über seine Beziehung zu dem Verstorbenen. Oft haben sie eine ganz besondere Geschichte zusammen. Darüber hinaus gibt Jakop ständig jedem, den er trifft, eine Einführung in die indogermanischen Sprachen und lässt seine seiner Begeisterung für die Etymologie, die Ableitung eines Wortes aus seiner Wurzel u. Nachweisung seiner eigentlichen, wahren Bedeutung, freien Lauf

Jakop schwelgt in den Geschichten und Menschen, die er trifft, hört aufmerksam zu und überlegt genau, was er sagt. Aber er ist ein einsamer Mann. In Abwesenheit von seiner eigenen Familie, erlebt er eine starke Bindung an die Familie der indogermanischen Sprache. Hier sucht er eine tiefere Identität und Zugehörigkeit.

Zwei clevere Wendungen im Buch lässt uns plötzlich verstehen, warum er zu all diesen Beerdigungen geht, warum er seine Geschichte für Agnes aufschreibt und was es mit der Rolle seines Freundes Pelle auf sich hat.

Ein treuer Freund ist ein überraschender Roman und auch ein gewagtes Projekt, spannend und faszinierend, aber auch sehr unkonventionell. Wir Leser werden immer hin und hergerissen zwischen den Fragen, was wahr ist und was fiktiv ist. Und existiert Agnes, für die die Geschichte geschrieben wurde, wirklich?

Es ist ein Buch über Anderssein und Einsamkeit, über die sprachlichen und emotionalen Bindungen, die Menschen zusammen über Zeit und Geographie haben. Was ist ein Mensch, und was ist die Sprache?

Ein großartiges Leseerlebnis für Menschen, die ihre Freude auch an nicht ganz so einfachen Büchern haben. Und die einen Eigenbrötler und Außenseiter auf seiner Suche nach irgendeiner Form der Gemeinschaft begleiten wollen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-treuer-freund/978-3-446-25443-5/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Essay: Mut zum Nein

Mut zum „Nein“

… oder Grenzen setzen ohne Schuldgefühle

Kaum ist der Mensch geboren, so fängt die Umwelt an, seinen Willen zu brechen und ihn zum Ja-Sagen zu zwingen. Andere nennen es Erziehung. Erziehung heißt bei uns heute noch immer „angepasst sein“, das zu tun, was andere von uns verlangen. Wir tun das, was Vater und Mutter uns befehlen. Wir tun das, was die Lehrer von uns wollen. Wir tun das, was die Gesellschaft von uns erwartet. Wir beugen uns Klischees und Vorurteilen. „Ein Junge weint nicht“. „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.“ „Wer Erfolg haben will, muss hart gegen sich selbst sein“ u. Ä. Dieser Schwachsinn verfolgt uns unser ganzes Leben lang und wir sagen „Ja“ zu Dingen, obwohl wir in unserem Innersten laut „Nein“ schreien. Das trifft vor allem für den Beruf zu. Dort ducken wir uns und außerhalb des Firmengeländes lassen wir unsere Aggressionen frei. In unserer Familie. Im Verein. Auf dem Fußballplatz. Auf der Autobahn.

Wer fühlt sich nicht manchmal durch Freunde, Familie, Kollegen und deren Ansprüche überfordert? Wer hat nicht mal den Drang, auch mal „Nein“ zu sagen und den Mitmenschen einmal ganz konsequent zu zeigen, wo deren Grenzen liegen?

Nein zu sagen, ist schwierig. Wenn das Selbstwertgefühl fehlt und die Selbstsicherheit auf schwachen Füßen steht, dann fehlt oft auch das Selbstvertrauen, allein ihr Leben zu bewältigen. Deshalb versuchen viele, ständig und überall die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. So wird es immer schwieriger, sich vor unangemessenen Forderungen und Verletzungen der eigenen Persönlichkeit zu schützen. So fällt es vielen Menschen schwer, eine Bitte abzuschlagen. Das Wort „„Nein“ “ will und will einfach nicht über die Lippen kommen, obwohl es auf der Zunge liegt. Obwohl wir genau wissen, wie wir darunter leiden, immer und zu allem „Ja“ zu sagen, schaffen wir es einfach nicht, „Nein“ zu sagen.

Aber warum fällt es bloß so schwer, „Nein“ zu sagen? Vielen Menschen graut vor den Konsequenzen ihres „Neins“. Eine Bitte abzuschlagen, könnte als unfreundlich ausgelegt werden. Man möchte vielleicht auch nicht als Spielverderber gelten und weiterhin beliebt bleiben. Mit einem „Ja“ erspart man sich die Enttäuschung des Bittstellers – eine unangenehme Reaktion bleibt so aus. Hinter der Angst vor Ablehnung steckt oftmals ein zu geringes Selbstvertrauen und wenig Selbstsicherheit. Eher würden sie noch mehr erdulden, weil sie sonst eine komplette Ablehnung als Mensch befürchten.

So bleiben viele die meiste Zeit ihres Lebens Bettler, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Gemocht-Werden, Liebe. Und so sind sie in Schwierigkeiten, wenn es darum geht, zu sich selbst zu stehen. Und nichts setzt Menschen mehr unter Stress, als ständig den Anforderungen anderer zu genügen. „Hast Du nicht mal …?“ „Kannst Du nicht mal …?“ „Mach mal …!“ „Können Sie mal eben …“

Die richtige Antwort darauf ist fast immer ein klares „Nein“. Ein „Nein“, natürlich nicht in aufsässigem, motzigem Stil. Kein unbegründetes „Nein“ um des Prinzips willen, wie wir es von trotzigen Kindern kennen. Was wir brauchen, ist ein argumentatives „Nein“. „Nein“ sagen ist ein erlernbares Verhalten. Wenn wir „Nein“ sagen, setzen wir Grenzen und erhalten dadurch mehr Raum für unsere eigenen Bedürfnisse. Ziehen wir unsere Grenzen durch Bedenkzeit, durch einfache offene Fragen, durch Anbieten von Alternativen, durch Ausdrücken der eigenen Gefühlslage.

Die einfachste Form ist, um Bedenkzeit zu bitten. Dieses Recht hat jeder. Man muss nicht auf der Stelle „Ja“ oder „Nein“ sagen, auch wenn der andere das noch so gerne möchte.

Besser ist es natürlich, wenn wir dem anderen Auswahlfragen stellen, ihm Alternativen anbieten:

Stellen wir uns vor, unser Chef ruft uns an und bittet uns, bis nachmittags um 15.00 Uhr bestimmte Unterlagen vorzubereiten. Er stellt die Sache als äußerst wichtig hin.

Nennen wir unsere Prioritäten und bieten ihm Alternative an: „Ich muss heute noch Aufgabe 1, 2, 3 … erledigen. Wenn ich das alles tue, dann ist Ihre Sache um 17.00 fertig oder reicht ihnen noch morgen Vormittag?“ Es ist jetzt vollkommen gleichgültig, was Ihr Chef antwortet. Akzeptiert er einen Ihrer neuen Vorschläge, ist die Sache okay. Lehnt er sie ab und beharrt auf seinem Termin 15.00 Uhr, dann sind wir auch nicht schlechter dran als vorher.

Nehmen wir ein zweites Beispiel. Ein Kunde ruft an und will Fakten, Spezifikation, Preise, Lieferzeiten etc. Sie möchten nicht sofort antworten, egal aus welchen Gründen. Also bieten wir ihm eine Alternative an:

„Ich stelle Ihnen alle Unterlagen zusammen, damit Sie eine umfassende Auskunft bekommen. Ich rufe Sie dann zwischen 11.00 und 12.00 Uhr an. Passt das Ihnen oder ist Ihnen heute am späten Nachmittag angenehmer?“

Üben wir dieses argumentative „Nein“ in allen Lebensbereichen. Und wir werden feststellen, dass kaum jemand sich einer doppelten Alternative entziehen kann.

Aber ziehen wir den Kreis des „Neinsagens“ etwas weiter. Wie schwer fällt es uns oft, den eigenen Unwillen zu äußern? Wie oft sind wir beleidigt, weil unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, auch wenn wir sie gar nicht geäußert haben. Unser Gegenüber kann nicht wissen, was wir denken, sondern nur das, was wir auch aussprechen.

Nehmen wir mal an, Sie sind mit einem Freund oder einer Freundin um 17 Uhr in einem Café verabredet. Es ist 17 Uhr. Sie sind da, ihre Verabredung noch nicht. 17.15 nichts rührt sich. 17.30 Uhr: Sie beschließen, noch 15 Minuten zu warten und dann zu gehen. Genau fünf Minuten vor Ende ihrer vorgesehenen Wartezeit kommt der Freund oder die Freundin rein. Mit dem schönen Satz „Gell, ich bin ein bisschen spät dran. Du bist mir doch nicht böse?“

Statt jetzt nachzugeben und ein verdruckstes „Nein, nein, war überhaupt nicht schlimm“ herauszuquälen, verpacken wir das Ganze der Methode X-Y-Z. X: Wie sehe ich die Situation – Z: Meine Gefühle im Augenblick – Z: Wie möchte ich es in Zukunft haben?

Einfache Antwort nach X-Y-Z-Methode:

„Wir waren um 17 Uhr verabredet. Jetzt ist es gleich Viertel vor sechs. Ich habe mich über dich geärgert. Wenn dir noch mal etwas dazwischenkommt, dann ruf mich bitte an. Danke.“

Und wenn es eine ganz harte Nuss ist? Dann lassen Sie den anderen die Konsequenzen spüren. So lernt er, nicht mehr über Ihre Grenzen zu treten.

Rezension: Der Lärm der Zeit – Julian Barnes – Kiepenheuer & Witsch

Wie überlebt ein Künstler in der Diktatur?

Der Lärm der Zeit – Julian Barnes (Autor), Gertraude Krueger (Übersetzerin) 256 Seiten, Verlag: Kiepenheuer & Witsch (16. Februar 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3462048889

Der Komponist Schostakowitsch hat eine Oper geschrieben, Lady Macbeth von Mzensk. Stalin verlässt in der Pause die Aufführung. Ist Schostakowitsch jetzt zum Abschuss freigegeben? Er entgeht der Säuberung.

Der Lärm der Zeit ist eine Erzählung, in der nichts passiert: ein Mann wartet auf einen Aufzug; Ein Mann sitzt in einem Flugzeug; Ein Mann sitzt im Auto. Die ganze Handlung findet in Schostakowitschs Kopf statt; es sind Reflexionen während dreier großer Krisen, durch Textpassagen dargestellt, die zwischen Erinnerungen und Gegenwart hin und her wechseln.

In seinem Kopf fühlen wir die Wut und Schuld eines Mannes, der sein ganzes Leben lang „Macht“ unterworfen war – ängstlich von seiner übermütigen Mutter, die der Partei, die er verabscheut, gehorcht, Lesungen lesen und Musik produziert, die sich zumindest anzupassen scheint an die sowjetische Ästhetik, auch wenn sie eine verdeckte Subversion beinhaltet. Schostakowitsch betrachtet sich als Feigling – zu erschrocken, um der Autorität zu trotzen, und sobald er gezwungen ist, den Pakt des Teufels mit dem Kommunismus zu feiern, zu feige, um Selbstmord zu begehen.

„Der Lärm der Zeit“ ist eine fiktionale Biographie über das Leben des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Sein zentrales Thema ist der künstlerische Kompromiss, um den Schostakowitsch unter der Stalin-Herrschaft des Schreckens kämpfte und der tiefe Narben auf seiner Seele hinterließ. Dieser Roman zeigt uns die Breite eines ganzen Lebens in einem schmalen Buch, geschrieben in der dritten Person. Der Leser lernt den Komponisten während drei kritischen Momenten in seinem Leben kennen. Die Jahrzehnte dazwischen werden übersprungen.

Wir lesen über Schostakowitschs oft selbstkritische, zunehmend selbstsüchtige, selbstmitleidige und selbstbesessene Angst. Mir scheint es eine Konstruktion eines russischen Anti-Helden zu sein. Wir tauchen in die Welt eines obsessiven Protagonisten ein, in die Gedanken über die Anfälligkeit der Kunst, durch die Staatsmacht korrumpiert zu werden oder auch nicht. Doch fast alle seine Gedanken, seine lyrischen Gedankenblasen und -bilder sind gelehrte, abstrakte Gedanken über Musik, Macht und Ethik.

„Der Lärm der Zeit“ ist ein Beispiel einer hybriden literarischen Form, der wir in den letzten Jahren immer häufiger begegnen – die fiktive Biographie. Dabei geht es um Fragen von universeller Bedeutung: die Macht der Macht über die Kunst, die Grenzen des Mutes und Ausdauer, die manchmal unerträglichen Forderungen der persönlichen Integrität und des Gewissens.

Das Porträt liest sich wie ein Psychokrimi. Ganz lebendig scheint überall die Angst zu lauern. In einer sehr knappen, schlichten Sprache schildert uns Barnes die Auswirkungen der ständigen Bedrohungen aus der Sicht des Opfers.

Ein Buch das unterhält, gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ist und uns selbst mit der Frage konfrontiert „Wie würden wir uns verhalten?“

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des KiWi Verlages:

http://www.kiwi-verlag.de/buch/der-laerm-der-zeit/978-3-462-04888-9/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Uhren gibt es nicht mehr – André Heller – Paul Zsolnay Verlag

Willst du sterben? – Falsch wäre es nicht.

Uhren gibt es nicht mehr: Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr – André Heller (Autor), 112 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (13. März 2017), 18 €, ISBN-13: 978-3552058316

Mancher denkt über das Alter, sein Altwerden nach. Manch einer verdrängt das Thema, dass das Leben jeden Augenblick vorbei sein kann. Martin Heidegger zeigte in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ die Bedeutung des Todes für die eigene Lebensgestaltung auf. Durch die gedankliche Vorwegnahme des Todes würde dem Einzelnen seine Endlichkeit bewusst und so würde er die verbliebene Zeit sinnvoll nutzen und sich auf das konzentrieren, was ihm wichtig erschiene. Hat er Recht?

André Heller legt in diesem Buch ein beeindruckendes Beispiel vor, das Beispiel seiner 102 Jahre alten Mutter Elisabeth Heller. Was denkt ein Mensch, eine Frau, die zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 geboren wurde?

In 18 Gesprächen nähern wir uns dieser außergewöhnlichen Frau und dem Alter. In den Gesprächen streifen die Beiden Erinnerungen, reden über Musik, über Ehe, Freundschaften und über Alltägliches. Es sind originelle, innige Gespräche von beeindruckender Klarheit, mit entwaffnenden Aussagen und einem tiefen Humor:

Über Menschen: „sie sind vielleicht fähiger, als sie glauben, aber unwichtiger als sie denken.“ (Seite 90)

Über das Beten: …die Frauen beten um Vernunft und Frieden und die Männer um Erfolge und Siege.“ (Seite 95)

Über Altersheime: „Das ist eine Art von grauslichem Selbstmord.“ (Seite 42)

Über sich selber: „Ich bin konfliktscheu, aber sonst nicht feige. (Seite 30)

Über ihren Ehemann: „Er konnte nett sein.“ … „So nett war er auch wieder nicht, er konnte schrecklich sein.“ (Seite 18

Über Männer: „Es gibt ja noch was Anderes als Männer.“ (Seite 19)

Über die eigene Erinnerung: „Unglaublich, was es alles gibt, das es nicht mehr gibt in meinem Hirn.“ (Seite 22

In diesem kleinen Büchlein wird Alter nicht aus der Sicht der Gesellschaft und damit unter Kosten-Nutzen-Aspekten gesehen, sondern aus einer Innenperspektive heraus, die die Würde des Alters und des Alterns in den Vordergrund stellt.

Eine bereichernde Lektüre, vor allem für diejenigen, die die ewige Jugend für sich reklamieren.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/uhren-gibt-es-nicht-mehr/978-3-552-05831-6/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Essay: Raus aus dem Labyrinth

Raus aus dem Labyrinth ….

… oder gibt es den Weg zum Glück

Kommen Sie heraus aus Ihrem Labyrinth, aus den verschlungenen Pfaden, von Prägungen, Vorurteilen, standardisierten Verhalten, Ängsten und Konflikten.

Sie können natürlich auch drinbleiben, stumpfsinnig immer die gleichen Pfade ablaufen, sich hilflos im Kreise bewegen oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Sie können sich auch Ihren Weg nach außen suchen. Nehmen Sie auf diesem Weg den Menschen mit, den sie lieben. Leicht gesagt. Aber wie?

Keine noch so gute Ausbildung, kein noch so hoher Intelligenzquotient hilft Ihnen dabei. Solange Sie nicht in der Lage sind, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, wird Ihr Leben öde, eintönig und langweilig verlaufen.

Manche Menschen fühlen sich dem Leben eher ausgeliefert, sind passive und machen für ihr persönliches Glück oder Unglück überwiegend die äußeren Umstände verantwortlich, die sie jedoch als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Sie reagieren auf Situationen und Ereignisse, ohne selbst aktiv darauf einzuwirken und sie zeigen einen chronischen Mangel an Bereitschaft, etwas gegen ihre Lage zu unternehmen.

Andere Menschen sind in hohem Maße bereit, ihre Probleme und Lebenslagen aktiv und selbst gestaltend anzugreifen, um sich selbst ihre Grundlage für psychische Gesundheit und für ihr Glück zu bauen. Dabei besitzen sie eine gewisse Abendteuerlust und eine Bereitschaft, sich ins Unbekannte vorzuwagen und Risiken einzugehen – eine Haltung, die fast automatisch ihre Phantasie entriegelt.

Deshalb:

Sich selbst entfalten: Persönlichkeit ist nie fertig. Sie entwickeln, verändern sich ständig. Ob Sie es wahrhaben oder nicht. Jeder neue Tag, jede Begegnung bringen Ihnen neue Erfahrungen, andere Einsichten, zusätzliches Wissen. Ob diese Entwicklung dann in die von Ihnen gewollte Richtung führt, liegt nur noch an Ihnen. Folgende Voraussetzungen brauchen Sie:

  • Eine klare Standortbestimmung (Wo stehe ich?)
  • Eine eindeutige Zieldefinition (Wo will ich hin?)
  • Eine Analyse der Differenzen (Was muss ich dazu tun?)

Um die Ecke denken: Niemand wird als Durchschnittstyp geboren. Jeder hat das Potential, etwas Besonderes zu sein. Und jeder hat die Kraft dazu. Er muss sie nur wecken. Nur wer überraschend neu und anders denken kann, hat gute Chancen, dass sein Leben erfüllter und abwechslungsreicher wird.

 

 

Essay: Nicht alles was ist, hat einen Sinn

Nicht alles was ist, hat einen Sinn …

… oder warum wir lieber ein Bier trinken gehen sollen.

Manchmal scheint das Leben eine Hölle von dunklen Tagen zu sein, und wir fragen uns: Warum gerade ich? Warum gerade das? Warum gerade jetzt? Warum?“ „Warum bin ich so krank?“, „Warum geht es mir so schlecht?“, „Warum…?“ Was ist richtig, was ist falsch? Gut oder schlecht? Warum man selbst vom Pech verfolgt wird und andere angeblich nicht, beruht auf einer subjektiven Einschätzung, die sich nicht beweisen lässt

Also liefert das „Warum?“ keine Antwort, es sei denn eine Schuldzuweisung, die niemand etwas nützt und ungerechtfertigt sein kann, sondern das Warum ist der Beginn des Grübelns, in dem wir die Realität immer mehr aus den Augen verlieren … eine einsame Angelegenheit, bei der wir immer mehr auf ein Abstellgleis geraten. Was kann uns in Zeiten der Verzweiflung noch Zuversicht geben.

„Alles hat einen Sinn. Am Ende wirst Du sehen das alles für irgendetwas gut war.“ Es lässt sich in allem einen Sinn finden, wenn man nur lange genug danach sucht. Sinn ist menschliche Interpretation, um negative Lebensvorgänge erträglicher zu machen. In einem Menschenleben geschehen einfach Dinge, die man positiv, andere, die man negativ interpretiert.

Die Motten kreisen ums Licht, orientieren sich nachts am Mond, erliegen auf dem Weg einer Illusion und kreisen anschließend stundenlang um eine Laterne.

Epikur, der große griechische Philosoph rät uns, aus dem Kreisen ums Licht soviel Genuss wie möglich herauszuholen, obwohl dahinter nur Leere gähnt.

Viele benutzen Schicksal und höhere Mächte als Beruhigungsmittel, weil sie nicht damit klarkommen, dass sie auf sich selbst gestellt sind. Viele schaffen es mit Religion sich einen Sinn für bestimmte Ereignisse einzureden. Oder sie verweisen auf das Leben nach dem Tod, in dem alle Scheinhaftigkeit abstreifen und in die unvergängliche Wahrheit eingehen.

Andere Utopisten, die der Wissenschaft und der Technik verfallen sind, hoffen, dass wir so lange an naturwissenschaftlichem Fortschritt basteln, bis wir dem Tod seine biologischen Grundlagen entziehen, um dann das Leben im Hier und Jetzt zu feiern

Aber man kann sich die Wahrheit nicht einfach herdichten. Viele tun es trotzdem, weil sie Angst vor der Freiheit, also der Unabhängigkeit, vor der eigenen Verantwortung haben, weil sie ihre innere Freiheit nicht wahrnehmen und das äußere Schicksal nicht annehmen will.

Unser Leben geschieht HIER und JETZT. Nicht gestern, nicht morgen und auch nicht in einer anderen Welt.

Ein Fabrikbesitzer aus Deutschland geht am Strand seines Ferienortes in Süditalien spazieren. Er, bemerkt einen jungen Mann, der auf der Hafenmole liegt und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Neugierig, wie ein Mensch am frühen Vormittag in aller Ruhe so viel Müßiggang nachhängen kann, sagt der Fabrikbesitzer: Sie sind bestimmt arbeitslos, weil sie jetzt schon hier müßig rumhängen können.“

„Nein ich bin nicht arbeitslos. Ich bin Fischer.“

„Und warum fischen Sie nicht?“

„Hab ich schon. Ich bin heute Morgen um vier Uhr rausgefahren und war um sieben Uhr zurück, habe ausgeladen, das Boot gereinigt und nun genieße ich die Sonne.“

„Aber sie hätten ruhig noch mal rausfahren können, so hätten Sie doppelten Fang.“

„Warum?“ fragt der Fischer

Der Fabrikant zückt seinen Taschenrechner, fragt nach Mengen, nach Preisen, kalkuliert, überlegt:

„Dann könnten Sie sich in zwei Monaten ein größeres, moderneres Boot kaufen, weiter rausfahren, mehr Fische fangen:“

„Und dann?“

Wieder beginnt der Fabrikant zu rechnen, zu kalkulieren, zu planen:

„Dann könnten Sie sich im Laufe der Zeit eine Reihe von Booten zulegen, Leute einstellen und in vier Jahren wären Sie hier das größte Fischereiunternehmen.“

„Ja und dann?“

Neues Rechnen, neue Pläne:

„Sie wissen, ja, dass das eigentliche Geld mit der Verarbeitung verdient wird. Sie könnten eine Halle bauen, Fische verarbeiten, Konserven herstellen, ja ganz Europa könnten Sie mit Ihren Fischprodukten beliefern.“

„Ja und dann?“

„Wenn Sie das noch weitere 15 Jahre machen“ wieder hektisches Rechnen „Ja dann könnten Sie sagen „Ich habe es geschafft.“

„Na und was habe ich davon?“

„Dann, junger Mann, dann könnten Sie sich ruhig in die Sonne legen und den Tag genießen.“

Tja, jeder hat so seine eigenen Vorstellungen. Egal was andere Menschen sagen, es sei das Richtige. Sie haben getan, was ihnen richtig und richtig erschien. Du musst das tun, was dir richtig erscheint.

Was macht dir Freude? Folge dieser Spur. Das Leben gibt Dir das, was Du erwartest. Mit der Ungewissheit zu leben, ist nicht immer ganz einfach, gehört aber zu jedem Leben dazu wie das Atmen. Machen wir uns nicht auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das macht nur Stress. Es gibt keinen Sinn des Lebens. Leben wir einfach. Leben wir am besten unter und mit anderen. Gehen wir lieber ein Bier trinken.