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Essay: Risiko statt Routine – Mutiger werden

Risiko statt Routine – Mutiger werden

… oder raus aus der Behaglichkeit, rein in die Gefahr

„Da bekommt jemand ein wahnsinnig gutes Jobangebot, schlägt es aus, weil er es sich nicht zutraute. Und dann sitzt eine totale Gurke auf den Posten und bekommt viel Geld für schlechte Arbeit.“ „Da wird jemand seit zwei Jahren von einer Kollegin terrorisiert. Diese denkt, weil sie älter und erfahrener ist, kann sie die andere wie eine Praktikantin behandeln. Und jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit schwört sie sich hoch und heilig, der werde ich es heute zeigen, und wenn sie mir doof kommt, kontere ich so, dass ihr die Spucke wegbleibt. Doch jedes verdammte Mal macht sie mich so klein, dass ich kusche und mich unterwerfe. Ich hasse mich dafür!!!“ „Da fragt eine umwerfend aussehende Frau nach dem Weg und lächelt einen dabei die ganze Zeit voll süß an. Und wir trauen uns trotzdem nicht, zu fragen, ob sie vielleicht Lust hätte, einen Kaffee mit uns trinken zu gehen.“ „Oder da stehen wir in einer langen Schlange vor irgendeinem Schalter oder an der Einkaufstheke. Schon seit zwanzig Minuten. Da drängelt sich doch wahrhaftig ein unverschämter Jungdynamiker nach vorne unter dem Satz „Ich hab`s besonders eilig:“ Alle schütteln den Kopf. Keiner sagt etwas.“ „Da sitzen wir mit Freunden abends in der Kneipe und amüsieren uns über einen Mann an der Bar, da er offensichtlich betrunken ist und sich kaum auf seinem Hocker halten kann. Nach dem Bezahlen greift er zu seinem Autoschlüssel und wankt in Richtung Tür. Keiner sagt was. Keiner nimmt ihm den Schlüssel weg. Wir lassen ihn einfach so in sein Schicksal hinfahren.“

Ärger über uns selbst, hämische Kollegen, verpasste Chancen, ein schlechtes Gewissen. All das bliebe uns erspart, wenn uns der Mut nicht so oft verlassen würde.

Ab morgen wird alles anders! Wer von uns kennt ihn nicht, diesen Vorsatz, mit dem wir uns Mut machen und uns das eine oder andere vornehmen. Zum Beispiel: Ab morgen mache ich reinen Tisch! Morgen sage ich meinen Kollegen im Büro einmal frisch von der Leber weg, was mich bei unserer Teamarbeit stört! Und wenn ich dieses Risiko schon auf mich nehme, dann springe ich auch gleich vom 10-Meter-Turm ins Schwimmbecken. Das wollte ich schon lange tun. Herzrasen hin oder her!

Denn sobald es so weit ist, lässt uns der Mut nur allzu schnell im Stich, und wir bekommen kalte Füße. Warum? Weil die Angst eben doch größer war, als man dachte. Also krebst man zurück, bis zum nächsten Anlauf. Oder tröstet sich mit einer Ausrede über die Mutlosigkeit hinweg.

Habe ich in meinem Leben wirklich erreicht, was ich wollte, fragen wir uns. Sollten wir nicht mutiger sein und weniger Kompromisse eingehen? Haben wir Angst, aus der Reihe zu tanzen, und am Ende alleine dazustehen? Ist es das, was uns bremst? Und allmählich dämmert uns, dass wir erst dann wieder wirklich zufrieden sein können, wenn wir den Mut fassen, etwas zu ändern, und über unseren eigenen Schatten springen. Courage ist lernbar – und Träume möchten verwirklicht werden. Wer kreativ sein will, braucht Mut. Aber auch im Leben braucht man oft Mut. Dumm nur, dass man Mut nicht im Supermarkt kaufen kann. 😉 Im Gegenteil, es ist gar nicht so leicht, gegen seine Ängste und Bedenken anzugehen. Doch es ist nicht unmöglich.

Kleine Schritte wagen. Wie jede Tugend erfordert Mut fortgesetztes Üben: In Familie und Freundeskreis, der Schule, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit. Mit kleinen Mutproben beginnen: Sich mit der eigenen Meinung erkennen lassen, für die persönliche Überzeugung stehen, Einspruch erheben, wenn Unrecht geschieht. – Kleine Schritte verhindern, dass wir uns überfordern. Wir sollten unser persönliches Maß an Mut herausfinden und die Gegenkräfte zur Angst stärken.

Angst ist eine Kraft. Mutig handeln bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Nur wer seine Ängste zulässt, kann Mut entwickeln, sich mit der Angst einmischen und für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Angst verweist uns auf die Gefahr, der wir begegnen, und vor der wir uns schützen müssen. Deshalb ist es wichtig, angstfähig zu sein.

Sachkenntnis macht mitsprachefähig. Wer sachkundig ist, kann argumentieren und stärkt sein Selbstbewusstsein. Fachliche Kompetenz ist eine Gegenkraft zur Angst und eine Voraussetzung dafür, soziale Anliegen durchzusetzen. Wir brauchen Sachkenntnis dort, wo wir von gesellschaftlichen Zuständen betroffen sind, an denen wir etwas verändern möchten.

Zusammenarbeit vermindert die Furcht. Wer öffentlich widerspricht, kann von der Mehrheit isoliert werden. Deshalb ist es hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren. Die Zugehörigkeit erleichtert es, für demokratische Grundwerte einzutreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe richtet sich nicht gegen „Feinde”, sondern dient menschlichen Grundwerten, tritt für das Gute ein. Durch Kooperation wächst das Sachverständnis.

Sich mit Wertvorstellungen kenntlich machen. Erkennen lassen, wie wir denken, für welche Werte wir uns einsetzen, statt anderen unsere Meinung aufzwingen zu wollen. Wir vertreten glaubwürdig die eigene Überzeugung und versuchen gleichzeitig, Andersdenkende zu verstehen. Dadurch gelingt es, Überzeugungs-Machtkämpfe zu vermeiden und sich zu verständigen.

Ob man den Mut in kleinen Schritten probt oder zum großen Befreiungsschlag ausholt, ist eine Frage des Temperaments. Wer aber einmal über seinen eigenen Schatten gesprungen ist und ein Erfolgserlebnis hatte, dem fällt das nächste Wagnis leichter. Denn mit jeder positiven Erfahrung fassen wir zusätzlichen Mut.

„Mehr als Nein sagen kann er nicht.“ – „Das Nein habe ich schon. Wenn ich nichts mache, bleibt es beim Nein. Nun mache ich mich auf den Weg, um mir ein Ja, oder wenigstens ein Vielleicht zu holen.“ – „Die meisten Dinge kosten nicht das Leben, sondern nur Einsatz und Mühe.“

Bringen Sie etwas mehr Übermut in Ihr Leben. Mit jeder übermütigen Bemerkung oder Aktion verlassen Sie das Territorium der Bedrohung. In der Zeit des Übermuts sind Sie immun gegenüber jedem Bedrohungsgefühl. Die Insel des Übermutes ist weit entfernt vom Festland der Besorgtheit und Gefährdung.

Richard I. von England war ein sehr berühmter König. Er zählte zu den mächtigsten Herrschern Europas im 12. Jahrhundert. Heute ist er uns vor allen Dingen wegen seines Beinamens im Gedächtnis, der da lautet: Löwenherz. Angeblich war er ein sehr tapferer Kriegsführer und Kämpfer, was zu dieser Namensgebung betrug. Das Herz eines Löwen, dieses edlen Tieres, das bei uns vor allen Dingen mit einer Eigenschaft assoziiert wird: Mut. In welchen Situationen wünschen wir uns ein Löwenherz?

Oder ist unser Bedürfnis nach Sicherheit so stark, dass wir zum „lieber behalten“ als zum „Loslassen“ neigen? Es stimmt, wer Positionen vertritt, wird angreifbar. Aber wer keine vertritt, wird nicht wahrgenommen.

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ Das wusste schon Seneca vor 2000 Jahren.

Ja, manchmal brauchen wir wirklich eine gehörige Portion Mut im Leben. Denn wir werden stets belohnt, wenn wir es nur wagen. Auch wenn das Ergebnis nicht genau das ist, das wir uns gewünscht haben, so ist doch eines sicher: Die Ungewissheit, die gefühlte Feigheit, die Unsicherheit, sie sind weg, denn wir haben es gewagt, wir haben es getan. Und wir haben es, einmal mehr, überlebt.