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Rezension: Requiem für den amerikanischen Traum – Noam Chomsky – Antje Kunstmann Verlag

Scharfsinnige und entlarvende Analyse des Neo-Liberalismus

Requiem für den amerikanischen Traum – Noam Chomsky (Autor), Gabriele Gockel (Übersetzerin), Thomas Wollermann (Übersetzer), 192 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (30. August 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3956142017

Noam Chomsky ist Linguistik-Professor der M.I.T. und seit sechs Jahrzehnten ein führender linker politischer Analytiker, Kritiker und Schriftsteller.

Einkommens- und Vermögensunterschiede in den USA (aber ähnlich auch in Deutschland) sind kein neues Thema. Dennoch scheint das Buch des berühmten Aktivisten frischer als jeder andere Titel zu diesem Thema. Das Buch basiert auf dem gleichnamigen Dokumentarfilm und ist eine Zusammenstellung von Interviews, die die Regisseure des Films mit Chomsky von 2011 bis 2016 durchgeführt haben. Chomsky beobachtet die heutigen Vereinigten Staaten mit einer so zugespitzten Klarheit, dass die Leser meinen könnten, dass sie vertrautes Terrain zum ersten Mal beträten.

Chomsky bietet 10 grundsätzlich Formeln an, nach denen die plutokratischen Interessen funktionieren. Es sind die Grundprinzipien des Neoliberalismus, dieser absurden Idee, dass die Märkte alle Aspekte der menschlichen Gesellschaft diktieren sollten. Er zerlegt die katastrophalen Konsequenzen dieser Ideologie für unsere Gesellschaft, Kultur und Politik. Er erklärt, wie die Konzerne die Öffentlichkeit, die Wissenschaft und die Massenmedien indoktrinierten, um sie für ein Projekt zu gewinnen, das das Leben von Arbeitern und Frauen verwüstet und das Gemeinwohl auslöscht. Jedes Versprechen der Befürworter des Neoliberalismus ist eine Lüge. Es ist ein Werkzeug, um den größten Transfer von Reichtum nach oben in der amerikanischen Geschichte durchzuführen, während es Lohn- und Nutzenreduktionen schafft und Arbeiter verarmen lässt. Es zerstört demokratische Institutionen. Es nutzt Handelsabkommen, um Steuerhinterziehungen zu ermöglichen. Es fördert, ja, es schafft geradezu pro-faschistische Bewegungen im In- und Ausland. Seine Macht, seine eigenen Gesetze und Vorschriften haben schließlich ein Mafia-Wirtschaftssystem und ein Mafia-politisches System geschaffen, das im Aufstieg zur Macht des Demagogen Donald Trump deutlich wird.

Noma Chomsky wirft ein klares, kaltes, geduldiges Auge auf die ökonomischen Tatsachen des Lebens und legt eine scharfsinnige und entlarvende Untersuchung der Kräfte vor, die die Ungleichheit in Amerika vorantreiben. Und nicht nur die in Amerika

Seine kühne und kompromisslose Vision, seine Perspektive auf die ökonomische Realität und ihre Auswirkungen auf unser politisches und moralisches Wohlergehen sind unbedingt lesenswert.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/requiem_fuer_den_amerikanischen_traum-1286/

 

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Rezension: Falke – Helen Macdonald – C.H. Beck Verlag

Wie wir die Natur als Spiegel benutzen

Falke: Biographie eines Räubers – Helen Macdonald (Autorin), Frank Sievers (Übersetzer), 240 Seiten, C.H.Beck; Auflage: 2 (31. März 2017), 19,95 €, ISBN-13: 978-3406705748

Er ist das schnellste Tier auf Erden. Mit einer atemberaubenden Kombination von Geschwindigkeit, Kraft, Schönheit und Grausamkeit strahlt der Falke seit Jahrtausenden eine Faszination auf Menschen aus, der sich keiner zu entziehen vermag. „Schrecken und Schönheit, kaltes Silber und heißes Blut sind in ihnen vereint.“ (Seite 17)

Dieses Buch, das die Wissenschaft und die Kulturgeschichte überbrückt, untersucht die praktischen und symbolischen Verwendungen von Falken in der menschlichen Kultur auf neue und aufregende Weise.

Helen Macdonald verbindet tiefgehende praktische, persönliche und wissenschaftliche Kenntnisse über Falken und beschreibt so die ganze Geschichte des Vogels, die über die ganze Welt und über viele Jahrtausende reicht. Mir gefällt vor allem die starke analytische Perspektive auf die Bedeutung dieser Vögel in der Geschichte der Menschheit. Alle Aspekte werden angesprochen:  Naturgeschichte, Mythen und Legenden, Falknerei, Falken beim Militär, in städtischer Umgebungen und in der Firmenwelt, in der Spionage, im Dritten Reich, beim Weltraumprogramm, Falken in erotischen Geschichten und in der Werbung. Falken als romantische Ikonen einer bedrohten Wildnis.

Helen Macdonald hat „Falken“ vor ihrem preisgekrönten Buch „H wie Habicht“ geschrieben, anstatt ihre Dissertation abzuschließen, einfach weil das populärere Format es ihr erlaubte, Anekdoten und Geschichten einzuschließen, die sie für unsere Beziehung zu Falken und zur Natur für wichtig hielt. Und vor allem, weil sie fasziniert war von dem Gedanken „… dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen, Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.“ (Seite 7)

Was macht dieses Buch so bemerkenswert? Zum einen ist es hervorragend geschrieben, mit unprätentiöser Gelehrsamkeit, mit Leichtigkeit und Witz. Zum anderen verliert es niemals das große Bild aus den Augen: die Art und Weise, wie diese exquisiten Vögel eine ständig wechselnde Bedeutung für den Menschen waren und sind.

Helen Macdonald widersteht der Versuchung, der Eitelkeit des Schreibens zu verfallen und eine aufgeblähte und übermäßige Prosa zu verwenden. Trotz der Materialfülle hat sie es geschafft, das Buch auf respektablen 240 Seiten zu halten. Sie geht tief in das Thema, und schafft trotzdem eine einfache, schnelle und angenehme Lektüre. Eine Meisterklasse, wie man Kulturgeschichte und Naturgeschichte schreibt.

Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube für jeden. Spezialisten und Laien werden es gleichermaßen genießen.  Liebhaber der Landschaft, Vogelbeobachter und alle, die sich jemals gefragt haben, warum Falken so überzeugend sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des C.H.Beck Verlages

http://www.chbeck.de/Macdonald-Falke/productview.aspx?product=17634371

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Die Küche der Achtsamkeit – Tainá Guedes- Antje Kunstmann Verlag

Die Raffinesse des Einfachen

Die Küche der Achtsamkeit – Tainá Guedes, MOTTAINAI: Nichts verschwenden, kreativ kochen, gesund essen, 208 Seiten, 28,00 €, Antje Kunstmann Verlag, 08.03.2017, ISBN 978-3-95614-135-5

Die Geschichte des Menschen ist eigentlich eine Geschichte des Essens. Und wir reden heute gerne von früher und Omas Küche. Als ob es früher besser gewesen wäre? Oder wollen wir mit dieser Illusion dem heimtückischen Virus entfliehen, der sich Fastlife, schnelles Leben nennt, der unsere Gewohnheiten beeinträchtigt, unser Privatleben durchdringt und uns zwingt, Fastfood zu essen?

Alle landestypischen Küchen folgen der Aussage von Heinrich Heine: „Nichts ist köstlicher als die Raffinesse des Einfachen.“ Diese Küche bezeichnet man im italienischen gerne als „cucina povera“ – Arme-Leute-Küche. Das ist natürlich eine Fehlinterpretation, denn hier bedeutet povera nicht arm im Sinne von Besitz, sondern wenige, einfache Zutaten, die ihren Reichtum aus ihrer Einfachheit bezieht.

Und genau dem Konzept folgt auch Tainá Guedes mit dem japanischen Konzept von Mottainai: Respekt vor den Dingen und das Bestreben, entsprechend mit ihnen umzugehen und nichts mehr zu verschwenden. Sie nimmt die Sehnsucht nach bewusstem Umgang mit Lebensmitteln zum Anlass und feiert die genussvolle, inspirierende und kreative Verwertung von Resten.

In zehn Kapiteln und 50 Rezepten, mit wunderschönen Food-Fotografien gestaltet, zeigt Tainá Guedes, die als Kind einer japanischen Immigrantin in Brasilien aufgewachsen ist und heute in Berlin lebt, was „Mottainai“ für sie bedeutet.

Es gibt so verblüffende Rezepte wie „Schnitzel“ aus Bananenschalen (Seite 132), Salate aus Gemüseschalen (Seite 162) oder Kuchen aus überreifen Bananen (Seite 168). Aber auch klassische Gerichte wie Cuscuz Paulista aus Brasilien (Seite 19), torta verde aus Italien (Seite 104) oder Sukiyaki aus Japan (Seite 54). Auch Deutschland kommt mit Steinpilzserviettenknödel mit Kerbelsuppe (Seite 78) nicht zu kurz.

Es geht Tainá Guedes dabei nicht nur um gesunde, vegetarische Rezepte, sondern um kreatives Denken und eine bewusste Herangehensweise an Lebensmittel und Essen. Es geht ihr um die emotionale und kulturelle Bedeutung des Essens für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft. Denn „die Art, wie wir essen, hat ganz direkte Auswirkungen auf die Welt, in der wir leben.“ (Seite 6)

Diese Mischung gelingt ihr in diesem liebevollen und sorgfältigen Buch ganz ausgezeichnet. Dass Kunst und Essen die zwei Herzen sind, die in der Brust von Tainá Guedes schlagen, merkt man besonders an der prachtvollen Buchgestaltung und -ausstattung.  So ist es nicht nur zum selber darin stöbern und nachkochen geeignet, sondern auch und vor allem eine ganz besondere Geschenkidee für Menschen, die Ihnen etwas bedeuten.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_kueche_der_achtsamkeit-1222/

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Rezension: Aus Liebe zu den Pflanzen – Stefano Mancuso – Antje Kunstmann Verlag

Alles ist Blatt (J.W. von Goethe)

Aus Liebe zu den Pflanzen – Stefano Mancuso (Autor), Christine Ammann (Übersetzerin), 176 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (15. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3956141706

Es gibt Nobelpreise für Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und für Friedensbemühungen. Wo bleibt die Biologie? Eine unterschätzte Wissenschaft?!

Ja, wer verbindet mit Biologe nicht das Bild des verschrobenen Studienrates, der mit Botanisiertrommel durch die Landschaft streift, Blütenblätter zählt und Blattformen bestimmt, alles eifrig sammelt, trocknet, presst und in handbeschrifteten Kladden sammelt?

Und unterschätzen wir die Bedeutung der Pflanzen nicht ebenso?

Nicht so Stefano Mancuso, der schon in seinem Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ sagte: Pflanzen sind uns ähnlicher als wir glauben: „Bäume leben so ähnlich wie wir. Sie essen und wachsen, kämpfen mit der Armut, sind betrübt und leiden. Sie können stehlen, sich aber auch gegenseitig helfen, Freundschaften schließen und ihr Leben für die Nachkommen opfern.“ (Seite 152)

In seinem neuen Buch „Aus Liebe zu den Pflanzen“ zeigt er uns mit Botanikern, Genetikern und Philosophen, aber auch Landwirte und schlichte Liebhaber aus fünf Jahrhunderten bekannt, die alle zu seiner Erkenntnis beigetragen haben: „… dass ich Pflanzen heute als komplexe Wesen mit kommunikativen Fähigkeiten, raffinierten Verteidigungsstrategien und sozialen Beziehungen betrachte, verdanke ich zu einem großen Teil den Protagonisten dieses Buches.“ (Seite 7)

Zwölf Männer stellt er uns vor: George Washington Carver, der erste Schwarze, der an einer amerikanischen Universität studierte; Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der mit einer Samenbank Russlands Nahrungssicherheit geben will; Ephraim Wales Bull, der die Concordtraube zu einem Erfolgsmodell werden ließ; Leonardo da Vinci, der sich mit Blattstellungen (Phyllotaxis) beschäftigte; Marcello Malpighi, der die Pflanzenanatomie begründete und als Galileo Galilei der Botanik bezeichnet wird; Charles Darwin, der seinen ersten Anstoß zur Entwicklung der Evolutionstheorie durch die Erforschung der Pflanzenwelt erhält; Federico Delpino, der als erster die Mechanismen erforscht, die Pflanzen zur Interaktion mit der Umwelt befähigen und so zum Begründer der Pflanzenbiologie wurde; Odoardo Beccari, der den Titanwurz entdeckte; Gregor Johann Mendel, dessen Forschungsergebnisse aus den Erbsenkreuzungen noch heute die Therapieforschung zur Heilung von Krebs nachhaltig beeinflusst; Johann Wolfgang von Goethe, der nach dem Urorgan sucht; Jean-Jaques Rousseau, der ganz vernarrt in die Botanik war; Charles Harrison Blackley, der die Verursacher des Heuschnupfens entdeckte.

Ein Buch voller Neugier und Liebe für das grüne Universum. Mancuso bietet uns die Geschichten, zeigt die Idee, das Genie von jedem, gibt uns Hinweise, weckt unsere Neugier. Es sind Geschichten von liebenden Naturforscher, Botaniker, Genetiker, Philosophen, Entdecker, ihrem Leben, Anekdoten, Experimente und Forschungen, die unser Verständnis der Pflanzenwelt revolutioniert haben.

Entstanden ist ein kleines, gut geschriebenes Meisterwerk über wirklich außergewöhnliche Geschichten von berühmten und weniger bekannten Persönlichkeiten.

Mit seinen 176 Seiten ließe sich das Büchlein schnell lesen. Aber Sie sollten es sehr sorgfältig lesen, ja, langsam und aufmerksam studieren. Erst dann werden Sie erkennen, dass Stefano Mancuso uns eine seltene aber wichtige Fertigkeit lehrt: die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die uns umgeben. Vielleicht wird dann auch im Leser dieses tiefe Gefühl geweckt, das über das Wahrnehmen physikalischer Phänomene hinausgeht und uns die Lebenskraft der Natur fühlen lässt. Und ein Bewusstsein dafür zu wecken, was die Pflanzenwelt für uns Menschen und unsere Zukunft bedeutet. Vielleicht helfen uns die Lebensberichte der 12 Männer dabei, die Perspektive eines Kindes mit seinen Fragen wieder einzunehmen.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/aus_liebe_zu_den_pflanzen-1176/

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Rezension: Franz von Assisi – Gunnar Decker – Siedler Verlag

Ausstieg aus dem Immer-schneller-und-immer-mehr.

Franz von Assisi: Der Traum vom einfachen Leben – Gunnar Decker, 432 Seiten, Siedler Verlag (26. September 2016), 26. 09. 2016, 26,99 €, ISBN-13: 978-3827500618

„Was für einen Anfang wagt da einer!“ (Seite 69). Dieser Satz, den Gunnar Decker über das Auftreten des 28-jährigen Franz von Assisi vor Papst Innozenz III. sagt, könnte auch über den Amtsantritt von Jorge Mario Bergoglio stehen, als er sich am 13. März 2013, zum 266. Bischof von Rom gewählt, einen neuen Namen gab: Franziskus I. und damit auch ein völlig neues Programm in der katholischen Kirche auflegte. (siehe dazu auch seine Enzyklika Laudato si`)

Gunnar Decker, der Berliner Religionsphilosoph, nimmt uns in seinem neuen Buch mit auf eine ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Zeitreise ins Mittelalter, als der Bettelmönch Franz von Assisi nichts weniger wollte, als Welt und Kirche zu verändern.

Francesco, geboren als Sohn des reichen und einflussreichen Tuchhändlers Pietro Bernadone geboren, kennt beide Seiten: Reichtum, Macht und Vergnügungen der oberen Gesellschaftsschicht und Armut und Verzweiflung der vielen Zurückgelassenen und Ausgestoßenen. Schnell erkennt er die Fehlentwicklungen von Reichtum (Kapitalismus) und vor allem der weltlichen Macht der Kirche.

Wie wurde aus dem bürgerlichen Lebemann Giovanni Battista Bernadone der asketische Bettelprediger Franziskus? Und was wurde aus seiner Vision von einem Leben in der Nachfolge von Jesus Christus?

Neben einer äußerst klugen und kenntnisreichen Biographie, mit sehr guten Informationen aus primären Quellen und sehr interessanten sekundären Quellen, liefert Gunnar Decker das farbige und plastische Bild eines Mannes, dessen Strahlkraft alle konfessionellen und zeitlichen Unterschiede überwindet und gerade in den Zeiten eines Turbokapitalismus und des Überdrusses, Halt und Zuflucht bietet.

Für mich besonders interessant sind in diesem Buch zwei Aspekte:

Einmal der Einfluss Franz von Assisis auf Kunst und Kultur, von Boccaccio, G.K. Chesterton, Luise Rinser, Hermann Hesse, Rilke bis zu Steven Spielberg, die sich zu allen Zeiten immer wieder mit seiner Botschaft auseinandersetzen, die uns Antworten auf die Fragen gibt, die wir auch heute an das Leben stellen.

Zum anderen die Reaktionen der Amtskirche, die als die wahren Mächtigen in der Kirche seine Reformbewegung ausbremsen, die vergleichbar ist mit dem Kampf, den verschiedene Kreise der Kurie heute gegen Papst Franziskus I. führen. Wer wird siegen? Das kirchliche Establishment oder der unkonventionelle neue Papst?

Eine insgesamt lohnende Lektüre, die ebenso viel Kenntnisse vermittelt wie sie Lesevergnügen bereitet.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Siedler Verlages

https://www.randomhouse.de/Buch/Franz-von-Assisi/Gunnar-Decker/Siedler/e474383.rhd

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Rzezension: The new Jim Crow – Michelle Alexander – Antje Kunstmann Verlag

Die unerwünschten Anderen

The new Jim Crow – Michelle Alexander (Autorin), Gabriele Gockel, Thomas Wollermann (Übersetzer), Antje Kunstmann Verlag, 19.10.2016, 24 €, ISBN 978-3-95614-128-7

Jim Crow, so wurde die rassistische Rassengesetzgebung in den Vereinigten Staaten genannt, die ab 1964 aufgehoben wurde. Michelle Alexander sieht einen „New Jim Crow“, die den alten Jim Crow durch die Praxis der Masseninhaftierungen seit 1980 abgelöst hat.

Die unerwünschten Anderen stehen in diesem rassischen Kastensystem im Fadenkreuz von Polizei, Justiz und Politik.

Die Autorin Michelle Alexander ist Hochschullehrerin an der Ohio State University am Moritz College of Law und Anwältin, vor allem für Sammelklagen wegen Rassen- und Geschlechterdiskriminierung.

In sechs Kapiteln belegt sie ihre Thesen von der Masseneinkerkerung im Zeitalter der Farbenblindheit mit Fakten und Beispielen.

Ihr Buch umfasst fast die ganze Geschichte der USA, vor allem der Gesetzgebungsseite her: Von der Abschaffung der Sklaverei durch den 13. Zusatzartikel der Verfassung im Jahre 1833 bis zum Anti-Drug-Abuse-Act von 1986. „Neben anderen harten Maßnahmen sah das Gesetz Mindesthaftstrafen für den Handel mit Kokain vor, und zwar deutlich schärfere für das vor allem mit Schwarzen assoziierte Crack als für das klassische Kokain, das hauptsächlich von Weißen konsumiert wurde.“ (Seite 86)

Sie liefert „eine Bestandsaufnahme der Mittel, mit denen der Krieg gegen die Drogen die Jagd auf einen derart hohen Prozentsatz der US-Bevölkerung und dessen Wegschließung ermöglicht.“ (Seite 95)

All diese Gesetze, Vorgehensweisen, Deals und illegale Machenschaften gehen in erster Linie zu Lasten der Afro-Amerikaner, die in Gefängnissen überrepräsentiert sind. Human Right Watch berichtet, „dass im Jahre 2000 in 7 Bundesstaaten 80 – 90 Prozent der Personen, die wegen Drogenvergehens im Gefängnis saßen, Afroamerikaner waren.“ (Seite 143)

Aber mit einer Verurteilung z.B. wegen eines Schuldeingeständnisses, nur um eine milderes Urteil zu bekommen ist das Martyrium noch lange nicht zu Ende. „Der Täter wird vielleicht zu einer Bewährungsstrafe, Gemeindedienst oder zur Übernahme der Gerichtskosten verurteilt. Ohne Wissen dieses Delinquente […] verliert er aufgrund seiner Verurteilung die Berechtigung zu vielen vom Bund finanzierten Gesundheits- und Sozialleistungen, zum Erhalt von Lebensmittelmarken, einer Sozialwohnung und von Bildungsbeihilfen des Bundes. Ihm kann der Führerschein entzogen werden und er kann sich nicht mehr für bestimmte Tätigkeiten und Berufe bewerben.“ (Seite 200)

Und all das hat dazu geführt, dass ein neues, brutales und ungerechtes System der rassischen und sozialen Kontrolle entstanden ist. „Heute befinden sich mehr Afrikaner in den Mühlen der Justiz – im Gefängnis oder unter Bewährungs- und Meldeauflagen auf freiem Fuß – als es im Jahre 1850, ein Jahrzehnt vor dem Bürgerkrieg, Sklaven gab.“ (Seite 247)

Vor dreißig Jahren wurden in den Vereinigten Staaten weniger als 350.000 Menschen in Gefängnissen und Gefängnissen festgehalten. Heute übersteigt die Zahl der Insassen in den Vereinigten Staaten 2.000.000. Alexander belegt, dass dieses System der Masseneinkerkerung als ein eng vernetztes System von Gesetzen, Politikern, Sitten und Institutionen arbeitet, die kollektiv arbeiten, um den untergeordneten Status einer Gruppe zu gewährleisten, die weitgehend durch Rasse definiert wird.

Das Buch von Michelle Alexander ist sehr gut dokumentiert und die Autorin argumentiert sehr systematisch. Es ist alarmierend, provokant und überzeugend. Und es sollte auch uns, die Leser sensibilisieren für ein Thema, das weit über die USA und die dortigen Afroamerikaner hinausgeht. Denn auch bei uns gibt es „Kastensysteme“, Ausgrenzung und Benachteiligung von Minderheiten, Reiche und Arme, Erfolgreich und schändliche Verlierer. Für all diese gelten auch hier die Worte des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin: „Du wurdest hineingeboren in eine Gesellschaft, die Dir mit brutaler Deutlichkeit und auf jede nur mögliche Art und Weise zu verstehen gab, dass du ein wertloser Mensch bist.“ (Seite 353)

Dieses aufschlussreiche Buch kann Ihnen dazu verhelfen, die Welt in einer anderen Art und Weise zu sehen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/the_new_jim_crow-1186/

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