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Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

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Essay: Risiko statt Routine – Mutiger werden

Risiko statt Routine – Mutiger werden

… oder raus aus der Behaglichkeit, rein in die Gefahr

„Da bekommt jemand ein wahnsinnig gutes Jobangebot, schlägt es aus, weil er es sich nicht zutraute. Und dann sitzt eine totale Gurke auf den Posten und bekommt viel Geld für schlechte Arbeit.“ „Da wird jemand seit zwei Jahren von einer Kollegin terrorisiert. Diese denkt, weil sie älter und erfahrener ist, kann sie die andere wie eine Praktikantin behandeln. Und jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit schwört sie sich hoch und heilig, der werde ich es heute zeigen, und wenn sie mir doof kommt, kontere ich so, dass ihr die Spucke wegbleibt. Doch jedes verdammte Mal macht sie mich so klein, dass ich kusche und mich unterwerfe. Ich hasse mich dafür!!!“ „Da fragt eine umwerfend aussehende Frau nach dem Weg und lächelt einen dabei die ganze Zeit voll süß an. Und wir trauen uns trotzdem nicht, zu fragen, ob sie vielleicht Lust hätte, einen Kaffee mit uns trinken zu gehen.“ „Oder da stehen wir in einer langen Schlange vor irgendeinem Schalter oder an der Einkaufstheke. Schon seit zwanzig Minuten. Da drängelt sich doch wahrhaftig ein unverschämter Jungdynamiker nach vorne unter dem Satz „Ich hab`s besonders eilig:“ Alle schütteln den Kopf. Keiner sagt etwas.“ „Da sitzen wir mit Freunden abends in der Kneipe und amüsieren uns über einen Mann an der Bar, da er offensichtlich betrunken ist und sich kaum auf seinem Hocker halten kann. Nach dem Bezahlen greift er zu seinem Autoschlüssel und wankt in Richtung Tür. Keiner sagt was. Keiner nimmt ihm den Schlüssel weg. Wir lassen ihn einfach so in sein Schicksal hinfahren.“

Ärger über uns selbst, hämische Kollegen, verpasste Chancen, ein schlechtes Gewissen. All das bliebe uns erspart, wenn uns der Mut nicht so oft verlassen würde.

Ab morgen wird alles anders! Wer von uns kennt ihn nicht, diesen Vorsatz, mit dem wir uns Mut machen und uns das eine oder andere vornehmen. Zum Beispiel: Ab morgen mache ich reinen Tisch! Morgen sage ich meinen Kollegen im Büro einmal frisch von der Leber weg, was mich bei unserer Teamarbeit stört! Und wenn ich dieses Risiko schon auf mich nehme, dann springe ich auch gleich vom 10-Meter-Turm ins Schwimmbecken. Das wollte ich schon lange tun. Herzrasen hin oder her!

Denn sobald es so weit ist, lässt uns der Mut nur allzu schnell im Stich, und wir bekommen kalte Füße. Warum? Weil die Angst eben doch größer war, als man dachte. Also krebst man zurück, bis zum nächsten Anlauf. Oder tröstet sich mit einer Ausrede über die Mutlosigkeit hinweg.

Habe ich in meinem Leben wirklich erreicht, was ich wollte, fragen wir uns. Sollten wir nicht mutiger sein und weniger Kompromisse eingehen? Haben wir Angst, aus der Reihe zu tanzen, und am Ende alleine dazustehen? Ist es das, was uns bremst? Und allmählich dämmert uns, dass wir erst dann wieder wirklich zufrieden sein können, wenn wir den Mut fassen, etwas zu ändern, und über unseren eigenen Schatten springen. Courage ist lernbar – und Träume möchten verwirklicht werden. Wer kreativ sein will, braucht Mut. Aber auch im Leben braucht man oft Mut. Dumm nur, dass man Mut nicht im Supermarkt kaufen kann. 😉 Im Gegenteil, es ist gar nicht so leicht, gegen seine Ängste und Bedenken anzugehen. Doch es ist nicht unmöglich.

Kleine Schritte wagen. Wie jede Tugend erfordert Mut fortgesetztes Üben: In Familie und Freundeskreis, der Schule, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit. Mit kleinen Mutproben beginnen: Sich mit der eigenen Meinung erkennen lassen, für die persönliche Überzeugung stehen, Einspruch erheben, wenn Unrecht geschieht. – Kleine Schritte verhindern, dass wir uns überfordern. Wir sollten unser persönliches Maß an Mut herausfinden und die Gegenkräfte zur Angst stärken.

Angst ist eine Kraft. Mutig handeln bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Nur wer seine Ängste zulässt, kann Mut entwickeln, sich mit der Angst einmischen und für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Angst verweist uns auf die Gefahr, der wir begegnen, und vor der wir uns schützen müssen. Deshalb ist es wichtig, angstfähig zu sein.

Sachkenntnis macht mitsprachefähig. Wer sachkundig ist, kann argumentieren und stärkt sein Selbstbewusstsein. Fachliche Kompetenz ist eine Gegenkraft zur Angst und eine Voraussetzung dafür, soziale Anliegen durchzusetzen. Wir brauchen Sachkenntnis dort, wo wir von gesellschaftlichen Zuständen betroffen sind, an denen wir etwas verändern möchten.

Zusammenarbeit vermindert die Furcht. Wer öffentlich widerspricht, kann von der Mehrheit isoliert werden. Deshalb ist es hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren. Die Zugehörigkeit erleichtert es, für demokratische Grundwerte einzutreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe richtet sich nicht gegen „Feinde”, sondern dient menschlichen Grundwerten, tritt für das Gute ein. Durch Kooperation wächst das Sachverständnis.

Sich mit Wertvorstellungen kenntlich machen. Erkennen lassen, wie wir denken, für welche Werte wir uns einsetzen, statt anderen unsere Meinung aufzwingen zu wollen. Wir vertreten glaubwürdig die eigene Überzeugung und versuchen gleichzeitig, Andersdenkende zu verstehen. Dadurch gelingt es, Überzeugungs-Machtkämpfe zu vermeiden und sich zu verständigen.

Ob man den Mut in kleinen Schritten probt oder zum großen Befreiungsschlag ausholt, ist eine Frage des Temperaments. Wer aber einmal über seinen eigenen Schatten gesprungen ist und ein Erfolgserlebnis hatte, dem fällt das nächste Wagnis leichter. Denn mit jeder positiven Erfahrung fassen wir zusätzlichen Mut.

„Mehr als Nein sagen kann er nicht.“ – „Das Nein habe ich schon. Wenn ich nichts mache, bleibt es beim Nein. Nun mache ich mich auf den Weg, um mir ein Ja, oder wenigstens ein Vielleicht zu holen.“ – „Die meisten Dinge kosten nicht das Leben, sondern nur Einsatz und Mühe.“

Bringen Sie etwas mehr Übermut in Ihr Leben. Mit jeder übermütigen Bemerkung oder Aktion verlassen Sie das Territorium der Bedrohung. In der Zeit des Übermuts sind Sie immun gegenüber jedem Bedrohungsgefühl. Die Insel des Übermutes ist weit entfernt vom Festland der Besorgtheit und Gefährdung.

Richard I. von England war ein sehr berühmter König. Er zählte zu den mächtigsten Herrschern Europas im 12. Jahrhundert. Heute ist er uns vor allen Dingen wegen seines Beinamens im Gedächtnis, der da lautet: Löwenherz. Angeblich war er ein sehr tapferer Kriegsführer und Kämpfer, was zu dieser Namensgebung betrug. Das Herz eines Löwen, dieses edlen Tieres, das bei uns vor allen Dingen mit einer Eigenschaft assoziiert wird: Mut. In welchen Situationen wünschen wir uns ein Löwenherz?

Oder ist unser Bedürfnis nach Sicherheit so stark, dass wir zum „lieber behalten“ als zum „Loslassen“ neigen? Es stimmt, wer Positionen vertritt, wird angreifbar. Aber wer keine vertritt, wird nicht wahrgenommen.

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ Das wusste schon Seneca vor 2000 Jahren.

Ja, manchmal brauchen wir wirklich eine gehörige Portion Mut im Leben. Denn wir werden stets belohnt, wenn wir es nur wagen. Auch wenn das Ergebnis nicht genau das ist, das wir uns gewünscht haben, so ist doch eines sicher: Die Ungewissheit, die gefühlte Feigheit, die Unsicherheit, sie sind weg, denn wir haben es gewagt, wir haben es getan. Und wir haben es, einmal mehr, überlebt.

 

Rezension: Madrid, Mexiko – Antonio Ortuño – Antje Kunstmann Verlag

Wir sind Reisende

Madrid, Mexiko – Antonio Ortuño (Autor), 200 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (8. März 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3956141652

„Beim zweiten Schuss wusste er, dass er tot war.“ (Seite 11) Der Roman beginnt mit der Gewissheit des Todes. Alles was folgt ist der verzweifelte Kampf, um die Vollendung dieses Schicksal hinauszuzögern.

Antonio Ortuño erzählt zwei parallele, miteinander verwobene Geschichten, die einen Zeitraum von über 90 Jahren umfassen, von 1923 bis 2014. Die Verbindung zwischen den beiden sind die Familienbande seiner Figuren. Eine sehr komplexe Familiengeschichte. Kapitel und Charaktere wechseln zwischen dem Spanien der 20er Jahr, dem Spanien des Bürgerkrieges (1936-1939), dem Mexiko der spanischen Einwanderer zum Zeitpunkt des Bürgerkrieges und des aktuellen Mexikos der Nachkommen.

Und auch diese spanischen Emigranten der dritten Generation bleiben Ausländer, deren einzige Sicherheit die Unsicherheit ihrer Identität bleibt.

Der Autor erinnert an die extreme Situation von den Anhängern der Zweiten Spanischen Republik und dem Debakel und der Querelen der Linken auf der Iberischen Halbinsel; die andere Geschichte bezieht sich auf zeitgenössische Probleme, unter denen die Nachkommen der spanischen Exilanten in Mexiko leiden, die sich mit der täglichen Gewalt und der Rache auseinandersetzen müssen.

Der Roman befasst sich mit der Frage der nationalen Identität. Themen wie Migration und Grenzen, die mit Humor, Ironie, stilistische Präzision und viel Fantasie erzählt wird. Antonio Ortuño liefert ein klares und buntes Porträt von verschiedenen Epochen und Umgebungen; einprägsame Charaktere sowie einzelne Stimmen und Chöre in wenigen Pinselstrichen.

Aber Madrid, Mexiko“ ist auch für Antonio Ortuño eine Annäherung an seine Wurzeln. So sagte er in einem Interview: „Ich bin der Sohn von Einwanderern und ich fühlte mich immer ein wenig fehl am Platz“.

Ortuños Schreibstil ist wie ein Sirenengesang mit vielen Akkorden, wo es für den Leser darum geht, die Feinheiten in dieser sprachlichen Musik zu entdecken und sich dem fesselnden Tempo des Romans hinzugeben.

Antonio Ortuño, öffnet mit diesem unbequemen Roman die Tür eines Abgrunds. Ein Roman über den ungelösten Mexiko-Spanien Konflikt und über das heutige Mexiko als eine Mischung aus vielen Identitäten. Sehr lesenswert, aus literarischer und historischer Sicht.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/madrid_mexiko-1248/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

 

Rezension: Chirú – Michela Murgia – Klaus Wagenbach Verlag

Die Brüche der menschlichen Seele

Chirú – Michela Murgia (Autorin), Julika Brandestini (Übersetzerin) 206 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach (10. März 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3803132871

Chirú ist ein Roman über die Geschichte der Beziehung zwischen Eleonora, einer versierten Theaterschauspielerin von achtunddreißig und Chirú, einem aufstrebenden und ambitionierten Geiger zwanzig Jahre jünger, dem Eleonora helfen will, eine Karriere zu starten.

Zwischen ihnen entsteht sofort ein Vertrauensverhältnis, das über die herkömmliche Beziehung zwischen einem Lehrer und dem Lernenden hinausgeht. Es bleibt unklar, wer lehrt oder wer lernt und ob es angemessen ist, aus ihren Rollen etwas zu übertragen. „Ich habe Chirú an dem Geruch von Fäulnis erkannt, der aus seinem Inneren drang, derselbe Geruch wie bei mir.“ (Seite 7).

Die Unterrichtsstunden finden nicht in den vier Wänden eines Klassenzimmers statt, sondern in der Altstadt von Cagliari, wenn sie Sandwiches und Pommes essen, beim Sprechen über Mozart und Da Ponte; in Cafés, in den Straßen und am Strand, wenn der Mistral weht. Die Lektionen werden fortgesetzt auf einer Tournee von Eleonora in Stockholm, Prag und Florenz; und es ist in der Stadt Florenz, wo ihre Geschichte eine neue Wendung nimmt.

In 18 Lektionen erfahren wir nicht nur über die Beziehung zwischen Chirú und Eleonora, sondern Eleonora denkt zurück an ihre Kindheit, die Beziehung zu ihren Eltern, mit einem dominanten Vater, einer Mutter, die nicht Rebell sein konnte und einem Bruder, mit denen es keine Verständigung gab. Wir kehren zurück zu der Zeit, als sie selber eine Schülerin von Fabrizio war, der auch heute noch viele Jahre später, ihr Führer, ihr Mentor ist. Zusätzlich atmen wir in diesen „Unterrichtsstunden“ einen Hauch von Freiheit, aus dem neue Gedanken entstehen und wir lernen, Dinge aus einer Sicht zu sehen, die wir nicht kennen.

Das große Thema des Romans ist ein universelles: wie und von wem lernen wir, uns von Einflüssen zu lösen und unseren persönlichen Einsichten unabhängig zu folgen? „Ich war ein fröhliches Kind, dessen Laune nur durch bestimmte Anlässe getrübt wurde. Anders als der Rest meiner Familie verstand ich bereits mit acht Jahren, mich alleine glücklich zu machen, und mit achtunddreißig setzte ich jeden Tag alles daran, mir diese Autarkie des Herzens zu bewahren, ohne dies als Einsamkeit zu bezeichnen.“ (Seite 110) Oder täuschen wir uns, wenn wir glauben in der Lage zu sein, unsere Gefühle in ihrer Unberechenbarkeit steuern zu können?

Es geht um zwei zentrale Elemente jedes Menschen: über Macht, über das Verhältnis zur Macht und über Machtverhältnisse. Und das zweite Element ist die Rolle der Geschlechter, die in der Kombination mit Macht einen besonderen Reiz entfaltet. „Die Mutter, die Geliebte und die Lehrerin bildeten eine symbolische Triade, die nicht einen ihrer Bestandteile verlieren durfte. Die ersten beiden hielten sich gegenseitig im Zaum, und die dritte erinnerte die beiden anderen daran, dass das Privileg dieser Spannung nicht ewig fortdauern würde.“ (Seite 115)

Die beiden Protagonisten stellen dar, was wir nicht sind, sondern zeigen das Streben, was wir gerne werden wollen. Und wir sehen, dass die Grenzen zwischen Realität und Fantasie viel schwächer und durchlässiger sind, als den meisten Menschen bewusst ist.

Michaela Murgia schreibt einen faszinierenden Stil, schnörkellos, lebendig und scharf, manchmal roh. Die Autorin schafft es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, authentisch und spannend. Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Michela Murgia den Gefühlen Wort zu geben, die Schatten  der Seele und ihre psychologische Falten in dieser ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem Schüler und Lehrer auszuleuchtet. Jeder Satz kriecht in verborgene Bereiche der menschlichen Seele. Ein Stil der den Leser fordert, und ihn gleichzeitig verwöhnt. „Whisky, der in einem Glas schwappte und sein unverwechselbares Aroma von gelöschtem Feuer verbreitet.“ (Seite 113) Allein schon wegen des ästhetischen Genusses solcher Sätze und Vergleiche lohnt sich das Buch.

Michela Murgia liefert mit Chirú eine starke Geschichte von Begegnungen und Auseinandersetzungen, von Gewissheiten und Zweifel.

Ganz einfach: ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1104-chiru.html

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Rezension: Strafe – Håkan Nesser – btb-Verlag

Verwirrspiel der Extraklasse

STRAFE: – Håkan Nesser (Autor), Paula Polanski (Autor), Paul Berf (Übersetzer), 288 Seiten,  btb Verlag (12. Dezember 2016), 9,99 €, ISBN-13: 978-3442714520

„Strafe“ ist mehr als ein Krimi, mehr Rätsel als eine Detektivgeschichte, voller Finten und Fallen. Denn Håkan Nesser hat für diesen Roman eine angebliche Co-Autorin, Paula Polanski, die zugleich eine der Protagonistinnen ist.

Aber nun der Reihe nach:

Der preisgekrönte Autor Max Schmeling wird von seinem alten Schulfreund Tibor Schittkowski kontaktiert, den er seit 40 Jahren nicht mehr gesehen hat. Tibor liegt im Sterben und gibt Max ein Dokument mit seiner Lebensgeschichte; eine tragische Bilanz von Liebe, Gewalt und Verrat, die Tibor für Jahrzehnte ins  Gefängnis gebracht hatte. Je mehr Max liest desto geheimnisvoller erscheint die ganze Angelegenheit, und die Frage ist, was letztlich Tibors Ziel war, den Kontakt wieder aufzunehmen.

Bis dahin ist noch alles klar: Ein alternder Autor, der nach drei gescheiterten Ehen zu Depressionen neigt, ein geheimnisvoller Text, ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Je weiter sich Max allerdings in Tibors Manuskript vertieft, umso deutlicher wird, dass dies kein Krimi wie alle anderen ist. Warum tauchen in Tibors Geschichte exakt jene Schauplätze auf, die auch in dem Roman, an dem Max arbeitet, eine Rolle spielen? Was ist aus Kristiana geworden? Und was genau will Tibor nun eigentlich von Max?

Ein neues Buch von Håkan Nesser. Nicht nur. Håkan Nesser hat für seinen Roman „Strafe“ eine Mitautorin gefunden, die zugleich eine der Protagonistinnen ist. Das bleibt nicht die einzige Verwirrung in diesem Buch. Tibors Bericht, Paulas Niederschrift, Max‘ Erinnerungen – geschickt ineinander verschachtelt, der Roman scheint sich auch irgendwie selbst zu beobachten, schwappt immer wieder in die Wirklichkeit des Lesers und behandelt gleichsam nebenbei eine Fülle von Themen. Serviert wird es in Nessers typischer, oft schräger, aber auch oft poetischer Prosa. Manche Fäden bleiben unaufgelöst. Hier wird mit Pseudonymen gespielt, genauso wie die Verwirrung der Hauptfigur auch den Leser ergreift. Und dann bleibt noch die Frage: Wer ist diese Paula Polanski eigentlich? Eine Romanfigur? Oder eine – wie es beim Verlag heißt – deutsche Publizistin, die anonym bleiben möchte? Vielleicht beides, vielleicht nicht – und vielleicht muss man das auch gar nicht so genau wissen.

Das Buch ist echtes Juwel. Ein Spiel mit der Erzählung, wo der Erzähler Co-Schöpfer ist und man nicht weiß, wer sich auf welcher Seite des Spiegels befindet? Es ist eine dunkle und bedrohliche Geschichte, die nach einem etwas langwierigen und kniffligem Beginn eine Wendung nimmt, die den erfahrenen Nesser-Leser bist zur letzten Seite fesseln wird. Es ist voll unwiderstehlicher Unberechenbarkeit und leiser Melancholie.

All das servieren Nesser und Polanski in einer oft schrägen, oft poetischen Prosa, die mit Absicht manche Fäden unaufgerollt lässt und mit Pseudonymen und der Frage des gemeinsamen Schreibens ebenso genussvoll spielt wie mit der Verwirrung der Hauptfigur und des Lesers. Und selbst die überraschende Auflösung lässt noch so manche Frage offen – etwa jene nach Paula Polanski.

Es ist eine anspruchsvolle Geschichte mit einer etwas komplizierte Handlung. Doch die Mühe lohnt sich. Nehmen Sie als Leser diese Herausforderung an.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des btb Verlages

https://www.randomhouse.de/Buch/STRAFE/Paula-Polanski/btb-Hardcover/e465029.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Essay: Raus aus dem Labyrinth

Raus aus dem Labyrinth ….

… oder gibt es den Weg zum Glück

Kommen Sie heraus aus Ihrem Labyrinth, aus den verschlungenen Pfaden, von Prägungen, Vorurteilen, standardisierten Verhalten, Ängsten und Konflikten.

Sie können natürlich auch drinbleiben, stumpfsinnig immer die gleichen Pfade ablaufen, sich hilflos im Kreise bewegen oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Sie können sich auch Ihren Weg nach außen suchen. Nehmen Sie auf diesem Weg den Menschen mit, den sie lieben. Leicht gesagt. Aber wie?

Keine noch so gute Ausbildung, kein noch so hoher Intelligenzquotient hilft Ihnen dabei. Solange Sie nicht in der Lage sind, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, wird Ihr Leben öde, eintönig und langweilig verlaufen.

Manche Menschen fühlen sich dem Leben eher ausgeliefert, sind passive und machen für ihr persönliches Glück oder Unglück überwiegend die äußeren Umstände verantwortlich, die sie jedoch als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Sie reagieren auf Situationen und Ereignisse, ohne selbst aktiv darauf einzuwirken und sie zeigen einen chronischen Mangel an Bereitschaft, etwas gegen ihre Lage zu unternehmen.

Andere Menschen sind in hohem Maße bereit, ihre Probleme und Lebenslagen aktiv und selbst gestaltend anzugreifen, um sich selbst ihre Grundlage für psychische Gesundheit und für ihr Glück zu bauen. Dabei besitzen sie eine gewisse Abendteuerlust und eine Bereitschaft, sich ins Unbekannte vorzuwagen und Risiken einzugehen – eine Haltung, die fast automatisch ihre Phantasie entriegelt.

Deshalb:

Sich selbst entfalten: Persönlichkeit ist nie fertig. Sie entwickeln, verändern sich ständig. Ob Sie es wahrhaben oder nicht. Jeder neue Tag, jede Begegnung bringen Ihnen neue Erfahrungen, andere Einsichten, zusätzliches Wissen. Ob diese Entwicklung dann in die von Ihnen gewollte Richtung führt, liegt nur noch an Ihnen. Folgende Voraussetzungen brauchen Sie:

  • Eine klare Standortbestimmung (Wo stehe ich?)
  • Eine eindeutige Zieldefinition (Wo will ich hin?)
  • Eine Analyse der Differenzen (Was muss ich dazu tun?)

Um die Ecke denken: Niemand wird als Durchschnittstyp geboren. Jeder hat das Potential, etwas Besonderes zu sein. Und jeder hat die Kraft dazu. Er muss sie nur wecken. Nur wer überraschend neu und anders denken kann, hat gute Chancen, dass sein Leben erfüllter und abwechslungsreicher wird.

 

 

Rezension: Thomas & Mary – Tim Parks – Antje Kunstmann Verlag

Eine Liebesgeschichte, die keine ist

Thomas & Mary – Tim Parks, 336 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (15. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3956141645

Tim Parks schreibt oft über Italien, wo er lebt. Sein neuester Roman kehrt zu seinem Geburtsort Manchester zurück.

Szenen einer Ehe. Die alltäglichen Konflikte.  Wie Thomas seinen Ehering am Meer verliert, damit beginnt die Geschichte. Es folgen viele Alltagsszenen: Was wird im Fernsehen geschaut? Wer geht wann und vor wem zu Bett? Wer geht wann und warum mit dem Hund raus? Lapidare Alltäglichkeiten.

Nachdem sie zwei Kinder erzogen haben, leben sich Thomas und Maria langsam aber sicher auseinander und Tim Parks folgt diesem schmerzlichen Prozess durch all seine Windungen und Wendungen. In einer Sammlung von miteinander verknüpften Kurzgeschichten, die meisten aus der Sicht von Thomas erzählt, entsteht ein Roman über die kleinlichen Ressentiments, so persönlich und universell wie schmutzige Wäsche. Der Autor liefert eine fast buchhalterisch nüchterne Darstellung des langsamen Auseinanderlebens.

Eigentlich gibt es keinen Grund für das Scheitern von Thomas und Marys Ehe. Stattdessen wird das allmähliche Nachlassen der Intimität und das Einschleichen von Selbstgefälligkeit aufgezeichnet und untersucht. Es liest sich wie Zeugenaussagen, bei denen die Sprecher keine Auswirkungen auf das Ergebnis haben können. Die beschriebenen Banalitäten, von Missverständnissen, Groll und verlorener Leidenschaft sind eine genaue Reflexion darüber, wie die meisten Ehen enden.

Tim Parks folgt nicht einem sauberen Erzählbogen, sondern liefert Fragmente, kurzen Episoden die zufällig in der Zeit und der Sichtweise hin und her springen. So wird der Autor der Komplexität von Beziehungen und der nicht getroffenen Entscheidungen gerecht. Das wirkliche Leben ist komplizierter und jede Wahrheit hat mehrere Perspektiven. Und genau hier liegt meiner Meinung nach der Reiz dieses Romans: Die Dinge sind weder gut noch schlecht, aber es entsteht ein vages Gefühl, das sich die Situation verändern könnte. „Irgendwie kam es ihm so vor, als ließe sich das Problem lösen, wenn er noch einmal ans Meer fahren und den alten 22-karätigen goldenen Ring, auf dessen Innenseite ihre Namen und ihr Hochzeitsdatum eingraviert waren, wiederfinden und ihn sich an den Finger stecken würde; dann würde die Welt wie von Zauberhand wieder so sein wie zuvor. Wie viele Jahre zuvor. Das passiert nicht.“ (Seite 9)

Nicht untypisch für die reale Welt, Maria selbst hat keine Stimme. Wir sehen sie durch die Augen der anderen. So scheint es mir auch mehr ein Buch zu sein über Thomas und nicht über Thomas & Maria. Thomas ist die Art von Mann, der nicht bereit ist zu sehen, wie er sich anders hätte verhalten können.

Der Stil von Tim Parks ist wie immer kurz, bündig und unaufgeregt. Und eines beherrscht er bis zur Perfektion: zu zeigen, dass die kumulative Wirkung von kleinen Ereignissen genauso schädlich sein kann, wenn nicht mehr als eine einzige, große Katastrophe. Aufschlussreich wie Tim Parks es schafft sich in Gedanken- und Gefühlsgänge dieses Mannes hinein zu versetzen und die widersprüchlichen Gefühle offenlegt.

Ein amüsanter und gleichzeitig tief trauriger Roman, ein literarischer Roman, der die Tragödie einer gebrochenen Ehe mit komödiantischen Untertönen porträtiert.  Für den geübten Leser besonders reizvoll: Er muss selbst beurteilen, ob das alles sinnvoll ist.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/thomas_und_mary-1173/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de