Kurzgeschichte. Krankgemeldet

Krankgemeldet

Er brauchte ja gar nicht hier am Fluss zu sein. Hatte sich krankgemeldet. War also zu Hause. Und auf den Gedanken, dass er an einem hellen Werktag zum Angeln ginge, konnte nie jemand kommen. Er ging immer nur am Wochenende zum Angeln. Und nie alleine. Immer sonntags morgens. Und nie alleine. Das wusste jeder. Gut, er war hier. Aber wer wusste das schon? Niemand. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn schon. Er brauchte den Hut ja gar nicht gesehen zu haben, der gerade eben auf dem trägen braunen Fluss vorbeigetrieben war. Gut er hatte ihn gesehen. Aber wer wusste das schon. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn schon. Er brauchte ja den Hut gar nicht erkannt zu haben. Gut, er hatte ihn erkannt. Zu auffällig war er gewesen, der Hut, als dass er ihn nicht wiedererkannt hätte. Gut, er hatte ihn erkannt. Aber wer wusste das schon.  Niemand. Ging ja auch niemand etwas an.

Wenn er also gar nicht hier war, konnte er den Hut nicht gesehen haben. Konnte ihn auch nicht wiedererkannt haben. Brauchte also nichts zu unternehmen. Er brauchte sich also gegenüber niemandem zu erklären. Oder gar zu rechtfertigen. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn doch? War er etwa verpflichtet eine harmlose unbedeutende Beobachtung zu melden. Und wenn doch? Wem sollte er diesen beiläufigen Vorgang melden? Dem Angelverein? Dem Amt für Wasserwirtschaft? Dem Ordnungsamt? Der Polizei?

Und wenn doch, was sollte er berichten? Dass ein x-beliebiger Hut im Fluss geschwommen sei? Jetzt, an diesem Vormittag? Das wäre nicht berichtenswert.

Er müsste also erklären, warum er eine solche Banalität zum Melden für wichtig genug hielt. Er brauchte doch die Zusammenhänge gar nicht zu kennen. Er hielt keine Zeitung, also konnte er die Zusammenhänge gar nicht kennen.

Dass er beim Zigarettenkauf am Kiosk heute Morgen die Überschrift gelesen hatte? Das konnte niemand wissen. Ging auch niemand etwas an. Also wozu sollte er sich unnötiger Weise Gedanken machen. Er hatte mit der ganzen Sache gar nichts zu tun, aber auch rein gar nichts.

Er hatte nur seine Arbeit getan. Nein, nur seine Pflicht hatte er erfüllt. Pflichtgemäß hatte er die junge Frau mit dem weißen, kecken Sommerhütchen in der Personalabteilung angemeldet. Das war ihr Begehr. Sie habe einen Termin. Ein Vorstellungsgespräch. Und genau das hatte er getan. Den Direktverbindungsknopf zur Personalabteilung gedrückt. Hier ist eine Frau Kammerlander. Nora Kammerlander. Sie hat ein Vorstellungsgespräch um 9.30 Uhr. Ja, genau das hatte er gesagt.

Wer sollte ihm daraus einen Vorwurf machen? Noch nie hatte ihm jemand einen Vorwurf wegen der Erfüllung seiner Arbeit gemacht.  Korrekt war er. Penibel sagten andere. Genau war er. Linsenspalter hatten andere gesagt. Ordentlich war er. Pedant hatten andere gesagt. Sollten sie doch. Seine Chefs waren zufrieden mit ihm. Sehr zufrieden. Alles Weitere brauchte ihn nicht zu interessieren.

Und die Besucher der Firma? Die brauchten ihn auch nicht zu interessieren. Ob ihre Mission erfolgreich war oder in einer Niederlage endete, das konnte er nicht beeinflussen. Brauchte ihn auch nicht zu interessieren. Ging ihn ja auch nichts an.

Auch wenn er dem jungen Fräulein mit dem übermütigen Hütchen gleich hätte sagen können, dass sie die Anstellung, wegen der sie vorsprach, nicht bekommen würde. Er hatte seine Erfahrungen. Seine Firma suchte etwas Solides, Gediegenes, nicht so ein … er tat sich schwer mit dem passenden Ausdruck … nicht so eine leichtfertige, nicht so ein Flittchen. Nein, seine Mutter hätte sie so genannt. Für ihn klang das etwas hart. Ja, er hatte seine Erfahrungen. Aber die Entscheidungen trafen andere. Auch wenn sie ihn vorwurfsvoll anschaute, als sie, ohne eine Miene zu verziehen die Firma wieder verließ.

Dass sie seitdem verschwunden war, gar bei der Polizei als vermisst gemeldet war, dass konnte viele Gründe haben. Gut, vielleicht hatte sie sich die Absage zu Herzen genommen. Aber ihn ging das gar nichts an. Ganz sicher hatte sie sich die Sache zu Herzen genommen. Brauchte ja keiner zu wissen, dass er sie wiedergesehen hatte, als er zur Mittagspause fuhr. An der Bushaltestelle. Warum hätte er sie ansprechen sollen? Sie vielleicht nach Hause fahren sollen? Gut er hatte sie angesprochen. War ja auch nichts dabei. Und er hatte sie auch mitgenommen. Ging aber keinen etwas an.

Jetzt würde er einen Strich unter das Ganze ziehen. Nach Hause gehen. Durch die schmalen Wege der Schrebergärten. Dort sah ihn niemand. Nach Hause. Mittag essen. Mutter wartete bestimmt schon. Bestimmt hatte sie Knödel für ihn gekocht.

Seine Mutter schaute ihn an. Liebevoll. „Man hat sie gefunden.“ Sagte sie. Er lächelte sie an. „Wenn interessiert das schon. Niemanden.“

 

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