Rezension: Wie es ist und war – David Constantine – Antje Kunstmann Verlag

Das Leben ist chaotisch, mysteriös und durchlässig.

Wie es ist und war – David Constantine (Autor), 320 Seiten, Verlag: Kunstmann, A (20. September 2017), 24 €, ISBN-13: 978-3956141980

Eine beeindruckende Sammlung von 17 Kurzgeschichten, die mich fragen lässt. Warum habe ich von diesem Autor noch nie gehört?

Die Qualität dieses Autors möchte an der ersten Geschichte, die dem Buch auch den Titel gab, deutlich machen:

Eine ältere Frau kommt nach Hause, findet ihren Mann in einem seltsamen Zustand, und fragt ihn in verärgertem Ton: „Was ist jetzt los?“ Ihre Frage öffnet eine alte Wunde, deren Ursache nicht sofort klar wird, auch wenn wir erfahren, dass der Mann gerade herausgefunden hat, dass der Körper einer Frau, die er gekannt hatte, in einem Schweizer Gletscher gefunden wurde, der durch die globale Erwärmung abgeschmolzen die Leiche frei gegeben hat. Wer ist die gefrorene Frau, und warum bedroht ihre Entdeckung, die jahrzehntelange Ehe des Paares?

Die symbolische Verknüpfung des Gedächtnisses mit einem Körper, der in seiner ewigen Jugend durch einen Gletscher bewahrt wurde, der eindringliche Kontrast zwischen den verblassenden Lebensenergien des älteren Protagonisten und seiner romantischen Jugend, das darzustellen ist nicht einfach. Aber David Constantine hat ein bemerkenswertes Gespür für die poetische Prosa und er verbindet geschickt dieses Symbol in der Geschichte mit kaum wahrnehmbaren Klangverschiebungen, als sich die Geschichte entfaltet.

Durch alle Geschichten ziehen sich Felsen, Eis und Wind, wie ein Meilenstein, der hervorragend die Charaktere unterstützt. Constantines Protagonisten neigen dazu, Einzelgänger zu sein, mit insgesamt angespannten und anstrengenden Beziehungen. Seine künstlerische Vision, wie das Land, das er als Hintergrund nimmt, ist düster und schroff; eine harte Seele ist erforderlich, um sich darin zu bewegen.

Zu den verschiedenen Charakteren gehören Ex-Mönche, Prostituierte, Hausbesitzer, erfolgreiche Geschäftsleute und Universitätsprofessoren, die aber alle durch einen gemeinsamen Faden von stillen Leiden und Würde verbunden ist. Das Tragische und das Schöne in jeder ihrer Erfahrungen wird durch die makellose Beredsamkeit und die poetischen Bilder des Autors verstärkt.

Ein Buch, das hoch literarisch ist – in der Art und Weise, wie die Geschichten konventionelle Storytelling-Methoden aussuchen und den Leser herausfordern, auf Nuancen von Technik und Charakter zu achten. Gleichzeitig stürzt diese Mischung aus Phantasie und Allegorie den Leser tief in das grenzenlose Land der menschlichen Psyche.

Mir scheint eine Kernaussage aller Geschichten zu sein: Das Leben ist zu chaotisch, zu mysteriös und durchlässig, um in singuläre Kategorien zu passen. Ein ausgesprochenes Lesevergnügen mit Tiefgang.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/wie_es_ist_und_war-1208/

Advertisements

Rezension: Requiem für den amerikanischen Traum – Noam Chomsky – Antje Kunstmann Verlag

Scharfsinnige und entlarvende Analyse des Neo-Liberalismus

Requiem für den amerikanischen Traum – Noam Chomsky (Autor), Gabriele Gockel (Übersetzerin), Thomas Wollermann (Übersetzer), 192 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (30. August 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3956142017

Noam Chomsky ist Linguistik-Professor der M.I.T. und seit sechs Jahrzehnten ein führender linker politischer Analytiker, Kritiker und Schriftsteller.

Einkommens- und Vermögensunterschiede in den USA (aber ähnlich auch in Deutschland) sind kein neues Thema. Dennoch scheint das Buch des berühmten Aktivisten frischer als jeder andere Titel zu diesem Thema. Das Buch basiert auf dem gleichnamigen Dokumentarfilm und ist eine Zusammenstellung von Interviews, die die Regisseure des Films mit Chomsky von 2011 bis 2016 durchgeführt haben. Chomsky beobachtet die heutigen Vereinigten Staaten mit einer so zugespitzten Klarheit, dass die Leser meinen könnten, dass sie vertrautes Terrain zum ersten Mal beträten.

Chomsky bietet 10 grundsätzlich Formeln an, nach denen die plutokratischen Interessen funktionieren. Es sind die Grundprinzipien des Neoliberalismus, dieser absurden Idee, dass die Märkte alle Aspekte der menschlichen Gesellschaft diktieren sollten. Er zerlegt die katastrophalen Konsequenzen dieser Ideologie für unsere Gesellschaft, Kultur und Politik. Er erklärt, wie die Konzerne die Öffentlichkeit, die Wissenschaft und die Massenmedien indoktrinierten, um sie für ein Projekt zu gewinnen, das das Leben von Arbeitern und Frauen verwüstet und das Gemeinwohl auslöscht. Jedes Versprechen der Befürworter des Neoliberalismus ist eine Lüge. Es ist ein Werkzeug, um den größten Transfer von Reichtum nach oben in der amerikanischen Geschichte durchzuführen, während es Lohn- und Nutzenreduktionen schafft und Arbeiter verarmen lässt. Es zerstört demokratische Institutionen. Es nutzt Handelsabkommen, um Steuerhinterziehungen zu ermöglichen. Es fördert, ja, es schafft geradezu pro-faschistische Bewegungen im In- und Ausland. Seine Macht, seine eigenen Gesetze und Vorschriften haben schließlich ein Mafia-Wirtschaftssystem und ein Mafia-politisches System geschaffen, das im Aufstieg zur Macht des Demagogen Donald Trump deutlich wird.

Noma Chomsky wirft ein klares, kaltes, geduldiges Auge auf die ökonomischen Tatsachen des Lebens und legt eine scharfsinnige und entlarvende Untersuchung der Kräfte vor, die die Ungleichheit in Amerika vorantreiben. Und nicht nur die in Amerika

Seine kühne und kompromisslose Vision, seine Perspektive auf die ökonomische Realität und ihre Auswirkungen auf unser politisches und moralisches Wohlergehen sind unbedingt lesenswert.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/requiem_fuer_den_amerikanischen_traum-1286/

 

Superkauz – Sean Taylor – Antje Kunstmann Verlag

Viel Spaß, viel Lachen für Kleine und Große

Superkauz: Meister der Verkleidung – Sean Taylor (Autor), Jean Jullien (Autor) 48 Seiten, Verlag: Kunstmann, A (20. September 2017), 15 €, ISBN-13: 978-3956142079

 

Der Kauz ist auf der Jagd. Es ist dunkel und er schießt durch den Himmel wie eine Sternschnuppe.

Er hat seine großen runden Augen auf ein leckeres Abendessen gerichtet … Mmmm.

Aah, ein Kaninchen. Aber wie kann man das Kaninchen fangen? Zum Glück für den Kauz, ist er ein Meister der Verkleidung, so dass er blitzschnell in ein Karottenkostüm schlüpft. Aber das Kaninchen riecht den Braten.

Weiter geht es. Da ist ein köstliches Lamm. Der Meister der Verkleidung macht einen schnellen Kostümwechsel. Er ist ein … flauschiges Mutterschaf, natürlich! Aber leider ist das kleine Lamm weg.

Immer wieder versucht er etwas zum Abendessen zu finden, aber leider, seine Kostüme schaffen es einfach nicht. Bis … Jaaa!!! Aber was sollte ein Kauz tragen, wenn er der Jagd auf eine Pizza macht?

Dieses Buch erzählt die Geschichte von dem tödlichen Jäger Superkauz mit vielen meisterhaften Verkleidungen in seinen Versuchen, sein Abendessen zu fangen. Seine Pläne können nicht immer funktionieren, aber er gibt niemals auf oder verliert das Vertrauen in seine verborgenen Fähigkeiten nie.

Dies ist ein lustig-gutes Buch zum Kringeln, das Kinder lachen lässt. Es gibt eine Menge zu lesen und vorzulesen. Und mit den wunderschönen, kontrastreichen Illustrationen werden sowohl Kinder als auch Design-Liebhaber sehr zufrieden sein. Mir gefällt besonders die Zeichnung des Kauzes: irgendwie schafft er es, unheimlich und zugleich komisch zu schauen, und die Einfachheit seiner Form macht all die verschiedenen Verkleidungen noch lustiger. Der tiefe Sinn für Humor wird jeden lächeln lassen. Eine lustige und leicht schräge Geschichte von einem Kauz, der doch nicht ganz der Meister der Verkleidung ist, der er zu sein glaubt. Wir folgen seinen verschiedenen Versuchen und sie sind alle sehr unterhaltsam! Die Abbildungen sind groß und voller kühner, auffälliger Farben.

Es ist ein schrulliges Buch, das das ganz nach dem Geschmack von Kinder ist. Eine originelle Geschichte und es vor allem geeignet zum gemeinsamen Lesen mit den Kindern.

Mein 4-jährige Nichte verehrt dieses Buch, und ich gebe gerne zu, ich auch.  Ein Bilderbuch, das du wirklich genießen kannst.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-0-0/superkauz-1289/

Rezension: Kleine Schwester – Barbara Gowdy – Antje Kunstmann Verlag

Intelligent und spannend

Kleine Schwester – Barbara Gowdy (Autorin), Ulrike Becker (Übersetzerin), 288 Seiten, Antje Kunstmann Verlag, 30. August 2017, 22 €, ISBN 13: 9783956141966

Rose leitet ein Programm-Kino in Toronto, ein Ort, wo Menschen hinkommen, um sich in das Leben von Fremden zu verlieren. Als die Geschichte beginnt, ist es der Sommer 2005 und die Stadt wir über fünf Tag von plötzlichen Gewittern, starken Winden und kräftigen Donnern heimgesucht. Für die flüchtige Dauer dieser Stürme wird Rose in eine Art Zauber gezogen: sie verlässt ihren Körper und betritt den einer Fremden, einer Redakteurin namens Harriet, die in eine faszinierende Liebesbeziehung mit einem verheirateten Mann verwickelt ist. Auch Rose erlebt so etwas wie das Verlieben: Sie fängt an, die Wetterberichte sorgfältig zu verfolgen und ihre Tage neu zu ordnen, um sich für die nächsten zwei oder drei Minuten der Transmigration bereit zu machen und sehnt sich nach der nächsten Gelegenheit, in Harriet zu sein, um ihre Geschichte zu erleben und ihr Leben zu berühren.

Ich möchte das große Thema dieses Buches in einem Satz zusammenfassen:

Du kannst deinen Grenzen entgehen und jemand anderes werden, und damit kannst du auch in der Lage sein, das zu reparieren, was in deinem eigenen Leben gebrochen ist.

Rose ist 34 Jahre alt und ihr Leben ist seit Jahren genau das gleiche, nach einem strengen Zeitplan. Aber sie wird verfolgt vom Tod ihrer einzigen Schwester, ihrer kleinen Schwester, Ava, die in ihrer Kindheit gestorben ist. Sie fühlt sich für den Tod verantwortlich und fragt sich oft, ob sie ihr Leben verdient, nachdem Ava tot ist.

Es ist eine überzeugende Geschichte – mit einem Hauch von Geheimnis und dem emotionalen Gewicht der Memoiren – erforscht Sexualität, Schuldgefühle und die Grenzen des Selbst.

Der Großteil des Buches findet im Laufe einer Woche zwischen dem 29. Juni und 4. Juli 2005 statt. Es gibt auch Rückblenden auf Rose und Avas Kindheit in den frühen 1980er Jahren, die sich mit der Gegenwart abwechseln. Diese Rückblenden enthüllen das Geheimnis, was den Leser endlich entdecken lässt, nahe am Ende des Romans, wie und warum Ava starb.

Dieser Roman über stürmisches Wetter und emotionale Stürme, mit dem Zusammentreffen des Unheimlichen und des Unzüchtigen, des Oberflächlichen und der Tiefe, ist ein überraschend leicht zu lesen. Es ist lustig mit seinen liebevoll beobachteten Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens und kann dich oft erschrecken. Mich erinnert es ein bisschen die Filme von Woody Allen: psychologisch sehr tief und doch nie mehr als ein Satz weg von einem spielerischen Knuffen in den Rippen.

Es ist genau die Art von intelligenten, begeisternden, spielerischen und einfühlsamen Literatur, die ich liebe. Eine spannende, fesselnde Erforschung der Schuld, der weiblichen Psyche und der Bürde der Weiblichkeit. Auch Sie werden diesen phantasievollen, verführerischen Roman lieben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/kleine_schwester-1255/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Borne – Jeff VanderMeer – Antje Kunstmann Verlag

Dystopisch, lyrisch und erschütternd

Borne – Jeff VanderMeer (Autor), Michael Kellner (Übersetzer) 367 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (20. September 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3956141973

Eine Welt verwüstet von einem Biotech-Unternehmen, bevölkert von Menschen, Mutanten, Tiere und Hybrid-Kreaturen, die sich als fehlgeschlagene oder abgebrochene Biotech-Experimente ergeben.

Wir lernen drei Menschen kennen, die diese Welt bewohnen. Unser Protagonist, Rachel, ist ein Aasfresser in der gefährlichen Landschaft. Ihr Liebhaber, Wick, ist ein Ex-Mitarbeiter des Unternehmens, der Biotechnik in seinem Schwimmbad-Labor macht. Und „der Magier“ ein zwielichtiges Geschöpf, das, wie es gemunkelt wird, Munition und Soldaten sammelt, um die Kontrolle über das Land von ihm zu beherrschen. Und da gibt es diesen Bären namens Mord von der Größe eines Kaufhauses.

Das ist eine postapokalyptische Fiktion, eine Klage über den Verlust der Welt, in der wir jetzt leben. Mit dem Sturz der alten Ordnungsformen sind Rachel, Wick und die anderen Bewohner der Stadt in ein Ur-Reich von Mythos, Fabel und Märchen geworfen worden. Ihre Welt ist eine Version des verlorenen und sehnsüchtigen Territoriums von Phantasie und Romantik. Und dass wir wirklich nur dann wir selbst werden können, wenn wir aus den Zwängen einer komplexen, denaturierten Gesellschaft freigelassen werden, wenn wir leben dürfen, wie wir uns vorstellen können, dass es unsere Vorfahren einmal getan haben und wenn wir frei sind die zu sein, die wir unter unserer überzivilisierten Tünche wirklich sind. Er zeichnet eine Welt, die sowohl von Technologie als auch vom Übernatürlichen geprägt ist

Jeff VanderMeer kann sich gut in nichtmenschliche Lebensformen hineinversetzen. Doch die meisten Sci-Fi-Nichtmenschen neigen dazu, eine menschliche Erscheinung zu sein, die uns in Größe, Anatomie und in grundsätzlichen Ähneln ähneln und von uns nur in ein oder zwei hervorgehobenen Merkmalen abweichen. Und hier liegt der Unterschied bei VanderMeer: Er schafft wirkliche Unterschiede und er nähert sich nicht so weit wie möglich den Nicht-Menschen an sondern macht eine solche Annäherung auch unmöglich. Komplex und schön, mit vielen Ebenen, mit einer Vision des Nichtmenschen nicht als eine feste Sache, ein festes Schicksal, sondern als friedlich oder katastrophal. Trotzdem ist „Borne“ In seinem Kern ein Roman über menschliche Beziehungen.

Für mich ist dieses Buch eine der schönsten und glaubwürdigsten postapokalyptischen Erzählungen: Eine beträchtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass „Borne“ nicht nur eine zukünftige, namenlose Stadt ist; ein enormer, fühlender, zerstörerischer biotechnischer Bär und der liebenswerte, intelligente Kopffüßler, der dem Buch seinen Titel gibt.

Ein Buch, das insgesamt nicht ganz an die Kraft und Tiefe der Southern-Reach-Trilogie heranreicht, aber trotzdem ein ausgesprochenes Lesevergnügen bedeutet.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/borne-1192/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Verrat – Pascale Robert-Diard – Paul Zsolnay Verlag

Was der Vater wusste, der Sohn verkündet es.

Verrat – Pascale Robert-Diard (Autorin), Ina Kronenberger (Übersetzerin), 160 Seiten, 18 €, Verlag Paul Zsolnay (24. Juli 2017), ISBN-13: 978-3312010349

„Solange sie die Leiche nicht finden, habe ich nichts zu befürchten“ Es ist dieser eine Satz seines Vaters, der das Leben von Guillaume Agnelet für immer verändert. Der Sohn ist gerade 14 Jahre alt, als er die lässig hingeworfene Bemerkung erstmals hört. Gemeint als beruhigende Floskel – in Wahrheit ein furchtbares Geständnis.

Sex, Millionen und eine vermisste Casino-Erbin: Der Fall Agnès Le Roux beschäftigte die französische Justiz seit 1977. Der Tatverdächtige blieb auf freiem Fuß – bis sein Sohn auspackte.

Pascale Robert-Diard gibt dem Le Roux-Fall eine neue Dimension und konzentriert sich auf den Standpunkt von Guillaume Agnelet, der sich der Journalistin, der Gerichtsreporterin der Tageszeitung „Le Monde“ anvertraut hatte.

Pascale Robert-Diard malt ein Porträt eines gequälten Mannes, der zwischen der Liebe zu und der Schuld seines Vaters und dem Gewicht der Wahrheit hin und hergerissen ist. Dieses Buch spiegelt auch die harten, psychologischen Auswirkungen auf die verschiedenen Akteure wieder: auf die Familie des Opfers, auf den Angeklagten und auf dessen Familie.

Eine komplizierte Familiengeschichte, voller unausgesprochener Fakten. Und ein sowohl berührendes als auch kühles Porträt eines Schuldigen, der seine Familie benutzt, um seine Ziele zu erreichen. Es ist die akribische Analyse eines Familiengeheimnisses und seines unerbittlichen Mechanismus.

Vor allem dieses Porträt von Maurice Agnelet hat mich begeistert: ein eingefleischter Verführer, ein Manipulator, ein Charakter, der sich als amoralisch definiert. Er ist ein Mann, der eine starke Persönlichkeit hat und dem es gelingt, dass alle Menschen, die ihn treffen, und vor allem seine Familie und seine Verwandten, sich ihm zu unterwerfen.

Und zum zweiten hat mich sehr stark beeindruckt, wie Pascale Robert-Diard aus den feinen Beobachtungen der Reaktionen der verschiedenen Protagonisten eine überzeugende Darstellung der Atmosphäre vor Gericht liefert. Ich schwankte ständig zwischen Erschrecken und Voyeurismus.

Für mich der dritte Plus-Punkt dieses Buches ist die Veranschaulichung des langen Prozesses, der Guillaume Agnelet dazu bringt, endlich die zerstörerische Wahrheit der fälschlich schützenden Lüge vorzuziehen.

Pascale Robert-Diards Schreibstil ist klar, schnell, lebendig und zog mich an, als wäre ich direkt als Zuschauer bei dieser dramatischen Erzählung mit dabei: Ein Dokumentarfilm wie ein spannender Thriller, obwohl nur die Fakten präsentiert werden.

Pascale Robert-Diard erzählt diese dreißig Jahre der Untersuchung mit Präzision, wo keine Details und keine Elemente ausgelassen werden. So ist es mehr als ein Buch, mehr als ein Gerichtsroman. Es ist ein spannendes, fesselndes, brillantes Dokument, das dem Leser ein neues Licht auf die Agnelet-Le Roux-Affäre bringt, dank der Aussage von Guillaume Agnelet, der sein Gewissen von der schrecklichen Last eines tyrannischen, manipulativen Vaters entlastet.

Ein Buch, das ich allen Typen von Lesern empfehlen möchte.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/verrat/978-3-552-05857-6/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Rezension: Eine von uns – Harriet Cummings – Deuticke Verlag

Kennen wir unsere Freunde und Nachbarn wirklich?

Eine von uns – Harriet Cummings (Autorin), Walter Goldinger (Übersetzer), 368 Seiten, 20 €, Deuticke Verlag (24. Juli 2017), ISBN-13: 978-3552063358

„Eine von uns“ ist der brillante Debutroman von Harriet Cummings, ein Whodunnit-Roman, den Sie wirklich genießen können.

Angeregt wurde Harriet Cummings durch eine wahre Begebenheit. Im Sommer 1984 wurde ein Dorf in der englischen Provinz von Angst und Misstrauen erfasst, als ein geheimnisvoller Eindringling, der als The Fox bekannt wurde, in die Häuser von mehreren Bewohnern eindrang. Trotz einer erhöhten Polizeipräsenz und regelmäßigen Patrouillen gelang es ihm immer wieder, sich der Ergreifung zu entziehen. Eine riesige Jagd der Polizei nach dem Fox folgte, und schließlich führten forensische Beweise zu der Ergreifung des möglichen Täters.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt, jedes aus der Sicht von vier sehr unterschiedlichen Bewohnern des Dorfes gesehen. Zuerst haben wir die gelangweilt Hausfrau Deloris, die mit ihrer Fixierung auf die wöchentliche Serie „Dallas“ aus der Mühe ihrer täglichen Existenz zu entkommen versucht. Dann haben wir den sanften Jim, einen Pfarrer. Oberflächlich betrachtet scheint Jim eine Säule der Gemeinde zu sein, aber werden die Geheimnisse aus seiner Vergangenheit zurückkommen und ihn einholen? Brian der sympathische Dorfpolizist, der sich um seinen behinderten Bruder kümmert und nun mitten einer großen Polizei-Untersuchung steckt. Schließlich begegnen wir dem exzentrischen Lokal, Stan, der bei der Untersuchung eindeutig etwas Wichtiges von der Polizei versteckt. Das verschlafene Dorf wird im Kern erschüttert, als eine beliebte und harmlose Frau verschwindet und The Fox der Hauptverdächtige ist. Eine freundliche Nachbarschaft verändert sich plötzlich aus Angst und Paranoia in eine feindselige. Und jeder sieht seinen Nachbar als potenziellen Verdächtigen. Der Wechsel des Erzählers hilft, ein wirkliches Gefühl für das Leben in diesem kleinen Städtchen zu bekommen.

Der Roman lässt uns selber fragen, wie gut wir unsere Freunde und Nachbarn wirklich kennen und ob der Gemeinschaftsgeist wirklich so ist, wie er oberflächlich betrachtet scheint.

Obwohl es sich um ein Verbrechen handelt, ist es nicht ganz ein Kriminalroman, und obwohl es eine psychologische Studie darüber ist, was hinter den Vorhängen einer kleinen englischen Stadt vor sich geht, ist es definitiv kein psychologischer Thriller. Cummings verwendet das Whodunnit-Format, um die Beziehungen und Geheimnisse einer kleinen Gemeinschaft zu erforschen.

Cummings legt ein für meinen Begriff perfektes Buch vor. Sie schafft es, die 80er Jahre wunderbar mit ihren schrulligen, kleinen Details zu erfassen. Ihre Fähigkeit wie sie die Spannung ankurbelt, als die Dorfbewohner anfingen, sich gegenseitig zu verdächtigen hat, mich beeindruckt. Ebenso wie sie mich das wachsende Gefühl der Paranoia hat miterleben lassen. Vor allem zeigt die Autorin ein wahres Verständnis der Gefühle und Gedanken ihrer Charaktere, ihrer Stärken oder Mängel und bringt sie mit Sorgfalt und Sympathie zum Leben – alle fühlen sich so an, als ob sie unsere Nachbarn sein könnten.

„Eine von uns“ ist ein faszinierendes Buch, das alle in seinen Bann ziehen wird, vor allem jene, die nicht ein wildes, temporeiches Buch suchen, sondern ihre Freude an durchdachten Geschichte haben über Einsamkeit, Vertrauen, Geheimnisse und die Eigenheiten der Menschen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/eine-von-uns/978-3-552-06335-8/

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de