Rezension: Kleine Schwester – Barbara Gowdy – Antje Kunstmann Verlag

Intelligent und spannend

Kleine Schwester – Barbara Gowdy (Autorin), Ulrike Becker (Übersetzerin), 288 Seiten, Antje Kunstmann Verlag, 30. August 2017, 22 €, ISBN 13: 9783956141966

Rose leitet ein Programm-Kino in Toronto, ein Ort, wo Menschen hinkommen, um sich in das Leben von Fremden zu verlieren. Als die Geschichte beginnt, ist es der Sommer 2005 und die Stadt wir über fünf Tag von plötzlichen Gewittern, starken Winden und kräftigen Donnern heimgesucht. Für die flüchtige Dauer dieser Stürme wird Rose in eine Art Zauber gezogen: sie verlässt ihren Körper und betritt den einer Fremden, einer Redakteurin namens Harriet, die in eine faszinierende Liebesbeziehung mit einem verheirateten Mann verwickelt ist. Auch Rose erlebt so etwas wie das Verlieben: Sie fängt an, die Wetterberichte sorgfältig zu verfolgen und ihre Tage neu zu ordnen, um sich für die nächsten zwei oder drei Minuten der Transmigration bereit zu machen und sehnt sich nach der nächsten Gelegenheit, in Harriet zu sein, um ihre Geschichte zu erleben und ihr Leben zu berühren.

Ich möchte das große Thema dieses Buches in einem Satz zusammenfassen:

Du kannst deinen Grenzen entgehen und jemand anderes werden, und damit kannst du auch in der Lage sein, das zu reparieren, was in deinem eigenen Leben gebrochen ist.

Rose ist 34 Jahre alt und ihr Leben ist seit Jahren genau das gleiche, nach einem strengen Zeitplan. Aber sie wird verfolgt vom Tod ihrer einzigen Schwester, ihrer kleinen Schwester, Ava, die in ihrer Kindheit gestorben ist. Sie fühlt sich für den Tod verantwortlich und fragt sich oft, ob sie ihr Leben verdient, nachdem Ava tot ist.

Es ist eine überzeugende Geschichte – mit einem Hauch von Geheimnis und dem emotionalen Gewicht der Memoiren – erforscht Sexualität, Schuldgefühle und die Grenzen des Selbst.

Der Großteil des Buches findet im Laufe einer Woche zwischen dem 29. Juni und 4. Juli 2005 statt. Es gibt auch Rückblenden auf Rose und Avas Kindheit in den frühen 1980er Jahren, die sich mit der Gegenwart abwechseln. Diese Rückblenden enthüllen das Geheimnis, was den Leser endlich entdecken lässt, nahe am Ende des Romans, wie und warum Ava starb.

Dieser Roman über stürmisches Wetter und emotionale Stürme, mit dem Zusammentreffen des Unheimlichen und des Unzüchtigen, des Oberflächlichen und der Tiefe, ist ein überraschend leicht zu lesen. Es ist lustig mit seinen liebevoll beobachteten Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens und kann dich oft erschrecken. Mich erinnert es ein bisschen die Filme von Woody Allen: psychologisch sehr tief und doch nie mehr als ein Satz weg von einem spielerischen Knuffen in den Rippen.

Es ist genau die Art von intelligenten, begeisternden, spielerischen und einfühlsamen Literatur, die ich liebe. Eine spannende, fesselnde Erforschung der Schuld, der weiblichen Psyche und der Bürde der Weiblichkeit. Auch Sie werden diesen phantasievollen, verführerischen Roman lieben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/kleine_schwester-1255/

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Rezension: Borne – Jeff VanderMeer – Antje Kunstmann Verlag

Dystopisch, lyrisch und erschütternd

Borne – Jeff VanderMeer (Autor), Michael Kellner (Übersetzer) 367 Seiten, Verlag: Kunstmann, A; Auflage: 1 (20. September 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3956141973

Eine Welt verwüstet von einem Biotech-Unternehmen, bevölkert von Menschen, Mutanten, Tiere und Hybrid-Kreaturen, die sich als fehlgeschlagene oder abgebrochene Biotech-Experimente ergeben.

Wir lernen drei Menschen kennen, die diese Welt bewohnen. Unser Protagonist, Rachel, ist ein Aasfresser in der gefährlichen Landschaft. Ihr Liebhaber, Wick, ist ein Ex-Mitarbeiter des Unternehmens, der Biotechnik in seinem Schwimmbad-Labor macht. Und „der Magier“ ein zwielichtiges Geschöpf, das, wie es gemunkelt wird, Munition und Soldaten sammelt, um die Kontrolle über das Land von ihm zu beherrschen. Und da gibt es diesen Bären namens Mord von der Größe eines Kaufhauses.

Das ist eine postapokalyptische Fiktion, eine Klage über den Verlust der Welt, in der wir jetzt leben. Mit dem Sturz der alten Ordnungsformen sind Rachel, Wick und die anderen Bewohner der Stadt in ein Ur-Reich von Mythos, Fabel und Märchen geworfen worden. Ihre Welt ist eine Version des verlorenen und sehnsüchtigen Territoriums von Phantasie und Romantik. Und dass wir wirklich nur dann wir selbst werden können, wenn wir aus den Zwängen einer komplexen, denaturierten Gesellschaft freigelassen werden, wenn wir leben dürfen, wie wir uns vorstellen können, dass es unsere Vorfahren einmal getan haben und wenn wir frei sind die zu sein, die wir unter unserer überzivilisierten Tünche wirklich sind. Er zeichnet eine Welt, die sowohl von Technologie als auch vom Übernatürlichen geprägt ist

Jeff VanderMeer kann sich gut in nichtmenschliche Lebensformen hineinversetzen. Doch die meisten Sci-Fi-Nichtmenschen neigen dazu, eine menschliche Erscheinung zu sein, die uns in Größe, Anatomie und in grundsätzlichen Ähneln ähneln und von uns nur in ein oder zwei hervorgehobenen Merkmalen abweichen. Und hier liegt der Unterschied bei VanderMeer: Er schafft wirkliche Unterschiede und er nähert sich nicht so weit wie möglich den Nicht-Menschen an sondern macht eine solche Annäherung auch unmöglich. Komplex und schön, mit vielen Ebenen, mit einer Vision des Nichtmenschen nicht als eine feste Sache, ein festes Schicksal, sondern als friedlich oder katastrophal. Trotzdem ist „Borne“ In seinem Kern ein Roman über menschliche Beziehungen.

Für mich ist dieses Buch eine der schönsten und glaubwürdigsten postapokalyptischen Erzählungen: Eine beträchtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass „Borne“ nicht nur eine zukünftige, namenlose Stadt ist; ein enormer, fühlender, zerstörerischer biotechnischer Bär und der liebenswerte, intelligente Kopffüßler, der dem Buch seinen Titel gibt.

Ein Buch, das insgesamt nicht ganz an die Kraft und Tiefe der Southern-Reach-Trilogie heranreicht, aber trotzdem ein ausgesprochenes Lesevergnügen bedeutet.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Kunstmann Verlages

http://www.kunstmann.de/titel-1-1/borne-1192/

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Rezension: Verrat – Pascale Robert-Diard – Paul Zsolnay Verlag

Was der Vater wusste, der Sohn verkündet es.

Verrat – Pascale Robert-Diard (Autorin), Ina Kronenberger (Übersetzerin), 160 Seiten, 18 €, Verlag Paul Zsolnay (24. Juli 2017), ISBN-13: 978-3312010349

„Solange sie die Leiche nicht finden, habe ich nichts zu befürchten“ Es ist dieser eine Satz seines Vaters, der das Leben von Guillaume Agnelet für immer verändert. Der Sohn ist gerade 14 Jahre alt, als er die lässig hingeworfene Bemerkung erstmals hört. Gemeint als beruhigende Floskel – in Wahrheit ein furchtbares Geständnis.

Sex, Millionen und eine vermisste Casino-Erbin: Der Fall Agnès Le Roux beschäftigte die französische Justiz seit 1977. Der Tatverdächtige blieb auf freiem Fuß – bis sein Sohn auspackte.

Pascale Robert-Diard gibt dem Le Roux-Fall eine neue Dimension und konzentriert sich auf den Standpunkt von Guillaume Agnelet, der sich der Journalistin, der Gerichtsreporterin der Tageszeitung „Le Monde“ anvertraut hatte.

Pascale Robert-Diard malt ein Porträt eines gequälten Mannes, der zwischen der Liebe zu und der Schuld seines Vaters und dem Gewicht der Wahrheit hin und hergerissen ist. Dieses Buch spiegelt auch die harten, psychologischen Auswirkungen auf die verschiedenen Akteure wieder: auf die Familie des Opfers, auf den Angeklagten und auf dessen Familie.

Eine komplizierte Familiengeschichte, voller unausgesprochener Fakten. Und ein sowohl berührendes als auch kühles Porträt eines Schuldigen, der seine Familie benutzt, um seine Ziele zu erreichen. Es ist die akribische Analyse eines Familiengeheimnisses und seines unerbittlichen Mechanismus.

Vor allem dieses Porträt von Maurice Agnelet hat mich begeistert: ein eingefleischter Verführer, ein Manipulator, ein Charakter, der sich als amoralisch definiert. Er ist ein Mann, der eine starke Persönlichkeit hat und dem es gelingt, dass alle Menschen, die ihn treffen, und vor allem seine Familie und seine Verwandten, sich ihm zu unterwerfen.

Und zum zweiten hat mich sehr stark beeindruckt, wie Pascale Robert-Diard aus den feinen Beobachtungen der Reaktionen der verschiedenen Protagonisten eine überzeugende Darstellung der Atmosphäre vor Gericht liefert. Ich schwankte ständig zwischen Erschrecken und Voyeurismus.

Für mich der dritte Plus-Punkt dieses Buches ist die Veranschaulichung des langen Prozesses, der Guillaume Agnelet dazu bringt, endlich die zerstörerische Wahrheit der fälschlich schützenden Lüge vorzuziehen.

Pascale Robert-Diards Schreibstil ist klar, schnell, lebendig und zog mich an, als wäre ich direkt als Zuschauer bei dieser dramatischen Erzählung mit dabei: Ein Dokumentarfilm wie ein spannender Thriller, obwohl nur die Fakten präsentiert werden.

Pascale Robert-Diard erzählt diese dreißig Jahre der Untersuchung mit Präzision, wo keine Details und keine Elemente ausgelassen werden. So ist es mehr als ein Buch, mehr als ein Gerichtsroman. Es ist ein spannendes, fesselndes, brillantes Dokument, das dem Leser ein neues Licht auf die Agnelet-Le Roux-Affäre bringt, dank der Aussage von Guillaume Agnelet, der sein Gewissen von der schrecklichen Last eines tyrannischen, manipulativen Vaters entlastet.

Ein Buch, das ich allen Typen von Lesern empfehlen möchte.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Paul Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/verrat/978-3-552-05857-6/

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Rezension: Eine von uns – Harriet Cummings – Deuticke Verlag

Kennen wir unsere Freunde und Nachbarn wirklich?

Eine von uns – Harriet Cummings (Autorin), Walter Goldinger (Übersetzer), 368 Seiten, 20 €, Deuticke Verlag (24. Juli 2017), ISBN-13: 978-3552063358

„Eine von uns“ ist der brillante Debutroman von Harriet Cummings, ein Whodunnit-Roman, den Sie wirklich genießen können.

Angeregt wurde Harriet Cummings durch eine wahre Begebenheit. Im Sommer 1984 wurde ein Dorf in der englischen Provinz von Angst und Misstrauen erfasst, als ein geheimnisvoller Eindringling, der als The Fox bekannt wurde, in die Häuser von mehreren Bewohnern eindrang. Trotz einer erhöhten Polizeipräsenz und regelmäßigen Patrouillen gelang es ihm immer wieder, sich der Ergreifung zu entziehen. Eine riesige Jagd der Polizei nach dem Fox folgte, und schließlich führten forensische Beweise zu der Ergreifung des möglichen Täters.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt, jedes aus der Sicht von vier sehr unterschiedlichen Bewohnern des Dorfes gesehen. Zuerst haben wir die gelangweilt Hausfrau Deloris, die mit ihrer Fixierung auf die wöchentliche Serie „Dallas“ aus der Mühe ihrer täglichen Existenz zu entkommen versucht. Dann haben wir den sanften Jim, einen Pfarrer. Oberflächlich betrachtet scheint Jim eine Säule der Gemeinde zu sein, aber werden die Geheimnisse aus seiner Vergangenheit zurückkommen und ihn einholen? Brian der sympathische Dorfpolizist, der sich um seinen behinderten Bruder kümmert und nun mitten einer großen Polizei-Untersuchung steckt. Schließlich begegnen wir dem exzentrischen Lokal, Stan, der bei der Untersuchung eindeutig etwas Wichtiges von der Polizei versteckt. Das verschlafene Dorf wird im Kern erschüttert, als eine beliebte und harmlose Frau verschwindet und The Fox der Hauptverdächtige ist. Eine freundliche Nachbarschaft verändert sich plötzlich aus Angst und Paranoia in eine feindselige. Und jeder sieht seinen Nachbar als potenziellen Verdächtigen. Der Wechsel des Erzählers hilft, ein wirkliches Gefühl für das Leben in diesem kleinen Städtchen zu bekommen.

Der Roman lässt uns selber fragen, wie gut wir unsere Freunde und Nachbarn wirklich kennen und ob der Gemeinschaftsgeist wirklich so ist, wie er oberflächlich betrachtet scheint.

Obwohl es sich um ein Verbrechen handelt, ist es nicht ganz ein Kriminalroman, und obwohl es eine psychologische Studie darüber ist, was hinter den Vorhängen einer kleinen englischen Stadt vor sich geht, ist es definitiv kein psychologischer Thriller. Cummings verwendet das Whodunnit-Format, um die Beziehungen und Geheimnisse einer kleinen Gemeinschaft zu erforschen.

Cummings legt ein für meinen Begriff perfektes Buch vor. Sie schafft es, die 80er Jahre wunderbar mit ihren schrulligen, kleinen Details zu erfassen. Ihre Fähigkeit wie sie die Spannung ankurbelt, als die Dorfbewohner anfingen, sich gegenseitig zu verdächtigen hat, mich beeindruckt. Ebenso wie sie mich das wachsende Gefühl der Paranoia hat miterleben lassen. Vor allem zeigt die Autorin ein wahres Verständnis der Gefühle und Gedanken ihrer Charaktere, ihrer Stärken oder Mängel und bringt sie mit Sorgfalt und Sympathie zum Leben – alle fühlen sich so an, als ob sie unsere Nachbarn sein könnten.

„Eine von uns“ ist ein faszinierendes Buch, das alle in seinen Bann ziehen wird, vor allem jene, die nicht ein wildes, temporeiches Buch suchen, sondern ihre Freude an durchdachten Geschichte haben über Einsamkeit, Vertrauen, Geheimnisse und die Eigenheiten der Menschen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Deuticke Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/eine-von-uns/978-3-552-06335-8/

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Rezension: Berühre mich nicht – Andrea Camilleri – Nagel&Kimche

Rätselhaft, vielschichtig und außergewöhnlich

Berühre mich nicht – Andrea Camilleri (Autor) Annette Kopetzki (Übersetzerin), 160 Seiten, 18 €, Verlag Nagel & Kimche AG (24. Juli 2017), ISBN-13: 978-3312010349

Der Titel stammt von der Interpretation einer Szene, die die Kunst des Mittelalters und der Renaissance, vor allem durch das berühmte Fresko von Beato Angelico im Kloster von San Marco in Florenz beeinflusst und angeregt hatte.

Der Roman spielt sich in einem bürgerlichen Rahmen ab. Die Handlung dreht sich um Laura Garaudo, ein rätselhafter und vielschichtiger weiblicher Charakter. Eine Frau, die extrem frei von sozialen Konventionen ist, aber innerlich leidet unter ihrem Leben. Er folgt Lauras Leben, das anscheinend dem Untergang gewidmet ist, verbraucht und verfallen.

Der Roman erzählt in Form eines Tagebuches vom 5. Juni 2010 bis zum 5. Juli 2010, mit einigen Rückblenden und einigen Seiten ohne Datum das geheimnisvolle Verschwinden von Laura

Laura ist eine jener schönen weiblichen Figuren; schön, aber von vulgärer Schönheit, animalisch und primitiv und auch faszinierend, raffiniert, sehr charmant. Jung und gebildete, ist sie mit einem renommierten älteren Schriftsteller Mattia Todini verheiratet, der sie mit völliger Hingabe liebt, obwohl Laura weiterhin Beziehungen zu anderen Männern beibehält. Eines Tages verschwindet Laura plötzlich und hier nimmt die Geschichte die Form eines Kriminalromans an und Kommissar Luca Maurizi verfolgt Momente von Lauras Leben zurück. Die Untersuchung ihres Verschwindens wird so zu einer wirklichen Erforschung der Persönlichkeit Lauras, ihres Geschmacks, ihrer Träume, ihrer geheimsten Schmerzen.

Camilleri schreibt präzise, auf das Wesentliche konzentriert. Vor allem in den von ihm bevorzugten Dialogen. Hier schafft er zwischenmenschliche Beziehungen, die den wahren Charakter der Personen bloßlegen.

„Berühre mich nicht“ ist ein ungewöhnlicher Roman, in dem Camilleri das Porträt einer Frau zeichnet, das zunächst rein fiktiv scheint, aber sich nicht viel aus dem wirklichen Leben unterscheidet.

Ein schöner Roman, elegant, unaufdringlich und ungewöhnlich in Stil. Für mich war das Buch zu schnell vorbei. Laura beschäftigt mich weiter als unklares Wesen, von dem ich gerne mehr wissen wollte. Aber wer weiß, vielleicht ist das genau das, was Camilleri erreichen wollte.

Mit dieser Mischung aus Psyche, Kunst, Spurensuche und Literatur hat Camilleri eines seiner besten Werke geschrieben.

Für jeden, vor allem natürlich für Camilleri-Liebhaber ein außergewöhnlicher Leckerbissen.

 

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Nagel & Kimche Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/beruehre-mich-nicht/978-3-312-01034-9/

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Rezension: Falke – Helen Macdonald – C.H. Beck Verlag

Wie wir die Natur als Spiegel benutzen

Falke: Biographie eines Räubers – Helen Macdonald (Autorin), Frank Sievers (Übersetzer), 240 Seiten, C.H.Beck; Auflage: 2 (31. März 2017), 19,95 €, ISBN-13: 978-3406705748

Er ist das schnellste Tier auf Erden. Mit einer atemberaubenden Kombination von Geschwindigkeit, Kraft, Schönheit und Grausamkeit strahlt der Falke seit Jahrtausenden eine Faszination auf Menschen aus, der sich keiner zu entziehen vermag. „Schrecken und Schönheit, kaltes Silber und heißes Blut sind in ihnen vereint.“ (Seite 17)

Dieses Buch, das die Wissenschaft und die Kulturgeschichte überbrückt, untersucht die praktischen und symbolischen Verwendungen von Falken in der menschlichen Kultur auf neue und aufregende Weise.

Helen Macdonald verbindet tiefgehende praktische, persönliche und wissenschaftliche Kenntnisse über Falken und beschreibt so die ganze Geschichte des Vogels, die über die ganze Welt und über viele Jahrtausende reicht. Mir gefällt vor allem die starke analytische Perspektive auf die Bedeutung dieser Vögel in der Geschichte der Menschheit. Alle Aspekte werden angesprochen:  Naturgeschichte, Mythen und Legenden, Falknerei, Falken beim Militär, in städtischer Umgebungen und in der Firmenwelt, in der Spionage, im Dritten Reich, beim Weltraumprogramm, Falken in erotischen Geschichten und in der Werbung. Falken als romantische Ikonen einer bedrohten Wildnis.

Helen Macdonald hat „Falken“ vor ihrem preisgekrönten Buch „H wie Habicht“ geschrieben, anstatt ihre Dissertation abzuschließen, einfach weil das populärere Format es ihr erlaubte, Anekdoten und Geschichten einzuschließen, die sie für unsere Beziehung zu Falken und zur Natur für wichtig hielt. Und vor allem, weil sie fasziniert war von dem Gedanken „… dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen, Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.“ (Seite 7)

Was macht dieses Buch so bemerkenswert? Zum einen ist es hervorragend geschrieben, mit unprätentiöser Gelehrsamkeit, mit Leichtigkeit und Witz. Zum anderen verliert es niemals das große Bild aus den Augen: die Art und Weise, wie diese exquisiten Vögel eine ständig wechselnde Bedeutung für den Menschen waren und sind.

Helen Macdonald widersteht der Versuchung, der Eitelkeit des Schreibens zu verfallen und eine aufgeblähte und übermäßige Prosa zu verwenden. Trotz der Materialfülle hat sie es geschafft, das Buch auf respektablen 240 Seiten zu halten. Sie geht tief in das Thema, und schafft trotzdem eine einfache, schnelle und angenehme Lektüre. Eine Meisterklasse, wie man Kulturgeschichte und Naturgeschichte schreibt.

Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube für jeden. Spezialisten und Laien werden es gleichermaßen genießen.  Liebhaber der Landschaft, Vogelbeobachter und alle, die sich jemals gefragt haben, warum Falken so überzeugend sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des C.H.Beck Verlages

http://www.chbeck.de/Macdonald-Falke/productview.aspx?product=17634371

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Essay: Die Weisheit der Sprache

Die Weisheit der Sprache …

…. oder wie wir das verraten, was wir nicht sehen wollen

Der Mensch besteht nicht nur aus dem Körper, sondern er bildet eine Einheit zwischen Seele, Psyche und Körper.

Wir erröten, erbleichen, zittern. Unser Herz klopft oder unser Puls jagt. Seelische Erregungen und Reaktionen des Körpers beeinflussen sich gegenseitig. Und unser Körper wird recht gefräßig, wenn die unsere Seele hungert und Mangel leidet an Liebe, Zuwendung und Geborgenheit. Und unausgesprochene Gedanken und Gefühle machen krank.

Der Volksmund sieht die Dinge schon richtig. Fast alle unsere Aussprüche und Redewendungen, die wir auf unangenehme, belastete Situationen anwenden, beziehen sich auf irgendeinen Körperteil, eine Körperfunktion oder einen Körperausdruck.

Das Herz

Das Herz ist unser Gefühlszentrum und der Sitz der Liebe. Es steht im Gegensatz zum Verstand und hat statt Wissen die Weisheit:

Sich etwas zu Herzen nehmen – Sein Herz verlieren – Mein Herz springt/zerspringt vor Freude – Das Herz rutscht in die Hose – Das Herz bleibt vor Schreck stehen – Es liegt mir sehr am Herzen – Hochherzig, kaltherzig, hartherzig, warmherzig, halbherzig, treuherzig oder unbarmherzig sein – Jemanden von ganzem Herzen lieben – Jemanden in sein Herz schließen – Die Herzen finden zueinander – Herzeleid und Herzenslust – Mit ganzem Herzen bei der Sache sein – Das gebrochene Herz – Tun, was der Herz einem eingibt – Sein Herz verschenken

Die Atmung

Jede gefühlsmäßige Veränderung spiegelt sich auch in der Atmung wider.

Da stockt mir der Atem – Da bleibt mir die Luft weg – Da wage ich kaum zu atmen – Eine atemberaubende Spannung – Eine atemlose Stille – Eine erstickende Atmosphäre – Da muss ich erst einmal Luft holen – Jemandem etwas husten – Jemanden anblasen oder anpfeifen – Dampf ablassen – Seiner Wut Luft machen

Die Sinnesorgane

Die Haare und die Haut

Ein Mensch kann leben, wenn er blind oder taub ist, weder hären noch schmecken kann. Aber ohne die Funktion der Haut ist er nicht lebensfähig, sage die blinde Helen Keller. Und außerdem: Die Haut ist das Spiegelbild der Seele.

Eine haarsträubende Situation – Etwas geht unter die Haut – Etwas kostet Haut und Haare – Etwas geht mir gegen den Strich – Ich möchte aus der Haut fahren – Ich bekomme eine Gänsehaut – Bei etwas Haut und Haar riskieren – Blass werden vor Schreck – Vor Scham erröten – Haarspalterei ist das –  sich die Haare raufen – über Nacht weiße/graue Haare bekommen – schwitzen vor Angst oder Aufregung – sich in seiner Haut nicht wohlfühlen – auf der faulen Haut liegen – ein dickes Fell haben – eine dünne Haut haben

Das Sehen – Die Augen

Im Vergleich zu anderen Sinnesorganen werden über die Augen überproportional viele Sinneseindrücke aufgenommen

Kurzsichtig oder weitsichtig handeln – Blind für etwas sein – Etwas nicht sehen wollen – Auf einem Auge blind sein – Löcher in die Luft starren – Die Augen „blitzen“, leuchten oder strahlen – Etwas kann ins Auge gehen – Liebe macht blind – In jemanden vergucken – mir ist etwas nicht klar – keinen Durchblick haben – es fällt mir wie Schuppen von den Augen –  Tomaten auf den Augen haben -in jemand vergucken – die Augen vor etwas verschließen. mit einem blauen Auge davonkommen – jemand am liebsten die Augen auskratzen – jemandem die Augen öffnen – kurzsichtig/weitsichtig handeln

Das Riechen – die Nase

Gefühle kann man riechen. Wenn die Nase ins Spiel kommt, hat der Verstand erst mal Pause. Düfte haben einen direkten Draht zu entwicklungsgeschichtlich uralten Zentren unseres Gehirns und umgehen damit das bewusste Denken.

Jemanden nicht riechen können – Eine feine Nase haben – Von jemandem die Nase voll haben – Einen guten Riecher haben – Verschnupft sein – mir stinkt es

Das Hören – Die Ohren

Unsere Ohren sind 24 Stunden am Tag auf Empfang. Unsere Ohren versorgen unser Gehirn mit überlebenswichtigen Signalen aus der Umwelt. Es warnt uns, gibt uns Orientierung und ist unerlässlich für soziale Kommunikation und Klänge jeder Art haben eine emotionale Wirkung.

Wer nicht hören will muss fühlen – Für etwas taub sein – Auf dem Ohr hört der nichts – Auf jemanden hören – anderen Gehör schenken – von allem nichts hören wollen – ein offnes Ohr haben – auf einem Ohr taub sein

Aufnehmen und Ausscheide

Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung sind lebenswichtig für den Menschen. Kein Wunder, dass viele Gedanken und Sorgen um diese körperlichen Funktionen kreisen. Heftige Gemütsbewegungen wirken sich meist negativ auf diese elementaren Vorgänge aus, während schönes Essen, unproblematische Verdauung und befriedigende Ausscheidung zum Wohlbefinden beitragen. Bevor wir etwas verdauen, müssen wir es aufnehmen, kauen und schlucken. Ärger schlägt auf die Leber bzw. die Galle. Mit dem Magen müssen wir alles verdauen, ob es uns schmeckt oder nicht. Und wenn wir es nicht verdauen, dann kotzen wir es raus: „Schlechte Verdauung kommt weniger von der Nahrung selbst als von der Stimmung, in der wir unsere Nahrung zu uns zu nehmen pflegen.“ (Prentice Mulford)

Mund und Zähne

das Wasser läuft einem im Munde zusammen – Daran habe ich noch lang zu kauen – Verbissen sein – Zähneknirschend zustimmen – Die Zähne zusammenbeißen – Sich durchbeißen – mit den Zähnen klappern – auf dem Zahnfleisch gehen (fix und fertig sein)

Halsregion

Einen dicken Hals bekommen/haben – Ein Bissen bleibt im Halse stecken – Das Wasser steht einem bis zum Hals – Sich etwas aufhalsen – Ein Geizhals oder Geizkragen sein – Den Hals nicht voll bekommen, nicht voll genug kriegen – Halsstarrig oder hartnäckig sein – Sich den Hals brechen – Den Nacken beugen – Sich den Hals nach etwas verrenken – Etwas kann den Hals kosten – Zuviel auf den Hals geladen bekommen – zum Halse heraushängen – das schnürt einem die Kehle zu – einen Kloß im Halse haben – etwas nicht schlucken wollen/können

Die Leber

Da kommt einem die Galle hoch – Es ist einem die Laus über die Leber gelaufen – sich ausgelaugt fühlen – Gift und Galle spucken – die Galle läuft über – sich grün und gelb ärgern.

Der Magen

Das liegt mir schwer im Magen – Alles in sich hineinfressen – Etwas schlägt mir auf den Magen – Mir dreht sich der Magen um – Etwas nur schwer verdauen – Etwas liegt wie ein Stein im Magen – Etwas verdirbt mir den Appetit – Mir ist zum Kotzen – Wut im Bauch – bei dem Gedanken wird mir übel – Etwas frisst, bzw. nagt etwas ständig an mir? – Wut im Bauch haben – etwas zum Kotzen finden

Stuhlgang

Jemanden anscheißen – Er ist ein „Korinthenkacker“ – Vor Angst in die Hose machen – Vor etwas Schiss haben – nicht zu Topfe/Stuhle kommen – Den Arsch zusammenkneifen – den Arsch aufreißen

Die Nieren

Etwas geht einem an die Nieren – Etwas auf Herz und Nieren prüfen – Etwas im Urin haben – Auf jemanden sauer sein

Haltung und Bewegung

Die innere, geistig-seelische Haltung eines Menschen spiegelt sich auch in seiner äußeren Haltung wider. Wenn es der Seele schlecht geht, sieht man es am gesamten Erscheinungsbild

Bewegung

Aus dem Gleichgewicht geraten – verkrampft – verklemmt – mit beiden Beinen auf dem Boden stehen – auf großem Fuß leben – nicht voran kommen – auf dem Fleck treten – man tritt uns auf die Zehen –  wir treten jemandem zu nahe

Die Haltung

Er hat einen breiten Buckel – Kein Rückgrat haben – Vor jemandem katzbuckeln – Das Schicksal hat ihn gebrochen – Ein aufrechter Mensch sein – Haltung zeigen in einer Situation – Etwas auf sich nehmen – Sich auf etwas versteifen – Sich übernehmen – alle Last der Welt auf den Schultern tragen – ein Stehvermögen haben – sich hängen lassen – aufrichtig handeln – Haltung bewahren – in den Seilen hängen – vor jemandem buckeln

Der Kopf

Den Kopf oben behalten – Sich den Kopf zerbrechen – Kopflos handeln – Den Kopf ziemlich hoch tragen – Weinen vor Kummer und Schmerz – Das macht mir Kopfschmerzen – ein Brett vor dem Kopf haben – etwas zu Kopf steigen – dickköpfig sein –  mit dem Kopf durch die Wand wollen – Kopf und Kragen riskieren – die Hände über den Kopf zusammenschlagen – sich kopfüber in etwas stürzen

Die Seele schafft sich ihren Körper. Lassen wir die Klagen der Seele raus: im Gespräch, im Schreiben, im Malen, im Musizieren.