Familienbild mit dickem Kind – Margherita Giacobino – Antje Kunstmann Verlag

Ammi mi povera donna – Ach, ich arme Frau

Familienbild mit dickem Kind – Margherita Giacobino (Autorin), 320 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH; Auflage: 1 (24. August 2016), 22 €, ISBN-13: 978-3956141195

Canavese, „eine Gegend des Piemont mit ungewissen Grenzen, ungewissen Zugehörigkeiten“ (Seite 21). Hier spielt die Familiensaga von Margherita Giacobino, die Geschichte einer jener Familien, die nach Tolstoi „unglücklich auf ihre eigene Weise sind.“

Wer schon einmal in dieser Gegend war, oder sonst wo im Piemont, der wird sie aus Restaurants und Hotels kennen, diese alten Familienfotos an den Wänden aus der Zeit um 1900: Niemand lächelt. Stolze, trotzige, herrische Männer mit Schnauzbart und Hut. Vorzeitig gealterte Frauen, tragisch und ausdruckslos. Kinder mit weit aufgerissenen Augen in den überraschten Gesichtern. Nirgends eine Spur von Wohlwollen. (siehe auch Seite 9)

Und ein solches imaginäre Bild diente der Autorin als Ausgangspunkt ihrer eigenen Familiengeschichte. Wie ein übervoller Banketttisch so präsentiert sich dieser Roman. Sie verlässt die lineare Zeitschiene, von den Anfängen bis heute. Von der Urgroßmutter bis zur Nichte. Alle Geschichten sind gleichzeitig vorhanden und Margherita Giacobino lässt uns entlanggleiten und regt von Seite zu Seite unseren Appetit auf mehr an: kleine Häppchen, großzügige Schlucke ergeben am Ende ein komplettes Porträt. Trotzdem finden wir als Leser es schade, dass es aufhört. Wir sind immer noch hungrig, begierig, um mehr zu erfahren.

Die Geschichte beginnt im späten neunzehnten Jahrhundert in einem Bauernhaus der Canavese, in dem alle zusammen leben, Jung und Alt. Und alle unterliegen den Gesetzen der Tradition. „Ihr Sakrament wird die Arbeit sein, ihre Religion die Pflicht.“ (Seite 12)

Die Protagonisten sind Frauen, einfache Frauen, kantig, wild und mutig, ein wenig wie Hexen. Da ist die Magna Ninin, Schwester der Großmutter, ihre Schwestern Michin (Domenica), Margherita und Maria, die Lustige: Lachen „ist ein Luxus, den sich jeder leisten kann.“ (Seite 105). Stark und entschlossen verwalteten sie das Leben von Kindern, Männern und den Älteren. Und ohne ihren besonderen Humor hätten sie alle wohl nicht überlebt.

Margherita Giacobino keine triviale Rekonstruktion einer Nostalgie. Nein. Das Buch ist getragen von Empathie, von einem Gefühl Situationen und Charaktere vor uns erscheinen zu lassen, die unvergleichlich ist. Sie verfolgt das Leben in all seinen Erscheinungsformen, lässt es in unsere Welt einfließen.

Wie alle Familiengeschichten, die mehrere Generationen umfassen, kann als einfache Geschichte von Menschen gelesen werden. Oder stattdessen als ein Kompendium der italienischen Geschichte ab Ende des 19. Jahrhundert: Der Abstieg aus den Bergen in die Stadt, den Übergang vom Land in die Fabrik, dann aus der Fabrik in den Laden. Die temporären Emigrationen nach Frankreich und letztlich nach Amerika. Internierung in Deutschland und Rückkehr nach Italien. Der plötzliche Reichtum in den 60-er Jahren. Mehr als in vielen anderen Bücher findet jeder, was er will. Es gibt alles.

Margherita Giacobino hat uns ein ansprechendes, sehr intensives Buch geschenkt, einen Roman von großer Reife. Sie erzählt in ihren Charakteren eine persönliche und kollektive Geschichte von einer Welt, die von den inneren Dimensionen bestimmt ist. Es ist eine tiefe Reflexion über Beziehungen, Identitäten, Nähe und Trennung, Vertrauen und Liebe – ein Weg zur Selbsterkenntnis

Sie schreibt nachdenklich und ungestüm zugleich, manchmal lyrisch, von großer Schönheit. Nichts ist idealisiert. Sie schreibt mit einer Klarheit, die nicht die Augen vor den Verzerrungen und der Gewalt der Geschichte verschließt. Der ungleichen Beziehung zwischen Männern und Frauen, der Ungerechtigkeit der Armut und vor allem der Fähigkeit, sich von all dem durch den Mut zu Entscheidungen zu befreien, all dem verleiht die Autorin eine Sprache. Sie schafft diese kühne Verbindung zwischen Imagination und Reflexion.

Gehen Sie als Leser mit diesem auf eine Reise. So können auch Sie ihre eigenen Wurzeln erkennen und lernen, sich zu bewegen, zu denken und zu hinterfragen.

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Rezension: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen – Tim Parks – Antje Kunstmann Verlag

So viele Bücher, so wenig Zeit

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen – Tim Parks (Autor), 240 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (24. August 2016), 20,00 €, ISBN-13: 978-3956141300

Wer wäre berufener als Tim Parks über das Reden über Bücher zu sprechen?

Er, ein Engländer, der seit über dreißig Jahren in Italien lebt, hat einen ziemlich beeindruckenden und vielfältigen Lebenslauf: mehrfach preisgekrönter Romancier, Autor von Romanen und erzählenden Sachbüchern, Essayist, Rezensent bei der New York Review of Books und anderswo, und ein Übersetzer, der Bücher aus dem Italienischen ins Englische wie z.B. Calvino, Moravia und Machiavelli und er lebt als Professor für Literarisches Übersetzen in Mailand.

Wie man aus diesem breit angelegten Hintergrund erwarten könnte, hat er viele interessante Dinge über die Welt der Bücher zu sagen. Obwohl es schon viele Bücher zu diesen Themen gibt, Bücher über Bücher, Bücher über Autoren, Bücher über das Schreiben, Bücher über das Lesen: die Buchlisten sind voll davon. Diese Sammlung von Aufsätzen verbindet alle vier Bereiche.

In 33 Essays und Aufsätzen berührt er so gut wie alle Themen aus dem Bereich Literatur: Über die Bücher selber. Über die Bedeutung des Buches in der Welt. Über die Arbeit und Denkwelt von Schriftstellern. Über das Schreiben rund um die Welt.

Warum brauchen wir Fiktion? Warum müssen Bücher auf Papier gedruckt sein? Warum sollten sie urheberrechtlich geschützt sein? Sollen wir Bücher bis zum Ende lesen? Lesen wir um unsere Vision von der Welt herausfordern oder sie zu bestätigen? Ist das Schreiben von Romanen zu einem Job wie jeder andere geworden? Verändern die Bücher, die sie schreiben auch die Autoren? Warum wollen Menschen Schriftsteller werden? Gibt es Bücher, die gut sind, aber nicht gut für alle in jedem Augenblick? Gibt es den globalen Roman? Verschwinden literarische Stile?

Sein lebenslanges, kritisches Lesen von Leopardi, Dickens, und Tschechow, Woolf, Lawrence, und Bernhard, Gide, Beckett, oder Nietzsche und auf die zeitgenössische Arbeit von James Joyce, Jonathan Franzen, Peter Stamm, Stieg Larsson und viele andere sind die Basis seiner Erläuterungen.

Seine Antworten sind faszinierend, obwohl sie nicht unbedingt für alles und jeden gelten, was das Wort „Wir“ im Titel impliziert. Mir scheint der Leser im Vordergrund zu stehen: wer liest was und warum? Wie verstehen die unterschiedlichen Leser einander? Wie sehen wir die Dinge und können darüber reden, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, wenn wir das Gleiche lesen?

Diese feine Sammlung von Essay sind seine persönlichen Erfahrungsberichte, die zeigen, wie wir mit Büchern umgehen und welche Bedeutung unsere Erziehung hat. So gelingt ihm, vielleicht etwas Licht auf die unterschiedlichen Meinungen zu werfen.

Tim Parks schreibt in einer fröhlichen Respektlosigkeit, trocken, mit messerscharfer Beweisführung, oft selbstironisch, in einem skeptischen Ton, in dem manch einer auch einen gewissen Zynismus entdecken kann. Er hat einen ganz erstaunlichen Geist, der Fragen aufwirft, die viele von uns wahrscheinlich nie denken würden.

Auf jeden Fall lesenswert, in einer sich ständig verändernden Welt der Bücher. Vielleicht werden Sie ihre lang gehegten Annahmen über Literatur und ihre Zwecke umkippen. All jene werden dies Buch genießen, die lesen und sich vor allem darum Gedanken machen, was sie lesen. Es ist eine Herausforderung. Nicht umsonst heißt sein erster Satz. „Es wird Zeit, alles zu überdenken.“ (Seite 7) Gönnen Sie sich das Vergnügen, sie anzunehmen.

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Unter den Arkaden – le marche

Unter den Arkaden

… oder die ganze Vielfalt Italiens in einer Region – le marche

Als ich vor 40 Jahren zum ersten Mal nach Urbino kam, war es eine Offenbarung. Das ist Italien, mit all seiner Landschaft, mit all seiner Kunst, mit seinen Menschen, mit seiner Atmosphäre und mit allen Klischees. Unter den Arkaden der dreieckige Piazza della Repubblica, dem lebhaften Zentrum Urbinos saßen überwiegend Männer, tranken am späten Vormittag ihren Weißwein als Aperitif und lösten in den immer wiederkehrenden gleichen Gesprächen alle Probleme dieser Welt.

Wir kamen aus Richtung Arezzo und wurden begrüßt von den märchenhaft schönen Zwillingstürmen des Palastes, die Urbinos unverwechselbare Silhouette bestimmen. Palazzo Ducale beeindruckt mich noch heute in seiner Friedfertigkeit, die es nicht nötig hatte, einzuschüchtern oder zu prahlen. Streift man durch die steilen Straßen und Gassen von Urbino, der antiken Hauptstadt des Herzogtums Montefeltro, kann man überall Teile eines urbanen Mosaiks erkennen, das von der künstlerischen und kulturellen Geschichte der Stadt geprägt ist: von der neopalladianischen, prächtigen Kathedrale, die nach dem Erdbeben des Jahres 1784 von Valadier erneuert wurde, über das wunderbare Portal aus Travertinstein (mit der Lünette von Luca della Robbia) bei der Kirche S.Domenico, die mittelalterliche Kirche S.Francesco mit dem schönen gotischen Glockenturm und dem Altarbild von Federico Barocci, bis hin zum Geburtshaus von Raffael.

Mit den Jahren lernte ich die gesamten Marken kennen und gebe dem Schriftsteller Guido Piovene uneingeschränkt Recht: „Die ganze Vielfalt Italiens in einer Region.“ Und die einzige Region Italiens, deren Namen im Plural steht. Und die sich auszeichnet durch ihren Abwechslungsreichtum. Ein Meer aus sanft wogenden Hügelketten – feinsandige Küstenabschnitte und schroffe Gebirgsregion sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Eine Region, die das Traditionelle bewahren konnte und trotzdem dem Modernen nicht abgeneigt ist. Beides verbindet sich auf originelle Art und Weise. Ein Land zwischen Meer und Gebirge. Fern „fast“ aller Touristenströme hat sie sich ihren Liebreiz bewahrt. Die ganz großen „Highlights“ fehlen, aber dennoch, jedes dieser vielen kleinen Örtchen hat sich seine Besonderheit bewahrt und überraschen mit vielen gut erhaltenen Bauwerken.

Die Marchigiani, wie die Bewohner der Marken heißen, sind tüchtige Menschen, die die Pünktlichkeit lieben. Nicht umsonst gelten sie unter den Italienern als die „Preußen Italiens“. Außerdem brachte ihnen ihre Eigenschaft als päpstliche Steuereintreiber den Spruch ein. „meglio un morto in casa che un marchigiano dietro la porta“ (Lieber einen Toten im Haus, als einen Marchigiano vor der Tür).

Der Name – Die Marken oder Le Marche auf Italienisch – gibt schon Rätsel auf. Er könnte daher stammen, dass in früheren Zeiten, die Region aus mehren Marken – Grafschaften bestand, die sich später zu der Region „Marken“ zusammenschlossen. Eine andere Version besagt, dass es am Rande des Römischen Reiches lag, an den „Marken“.

Und von Küche und Keller lässt sich, obwohl weitgehend unbekannt, nur positives berichten. Eine eher rustikale als raffinierte Küche, doch stets korrekt, gewissenhaft, gemacht aus Liebe und altem Wissen und bereichert vom Engagement und der Sorgfalt der sparsamen Frauen dieses Landstrichs. Und von der Fahrt über das trockene Land oder beim Bummel durch eine der Städte erholt man sich am besten in rustikalen Lokalen.

Beginnen wir mit einem Verdicchio di Matelica. Die Rebsorte stammt vermutlich von der Trebbiano-Greco Familie ab und ist schon seit der Zeit der Etrusker in Italien bekannt. Intensiv strohgelb mit grünlichen Reflexen, klar, gute Konsistenz; die Weintränen geben Hinweis auf den Glycerin- und Alkoholanteil. Geruch von Äpfeln und Mandeln, blumige Noten von Ginster und Jasmin. Auf der Zunge trocken, angenehm weich und frisch, ausgewogen alkoholisch und körperreich. Im Nachhall vollmundig und mandelartig.

Und dazu „la liva fritta all’ascolana“. In Salz eingelegte Oliven gut waschen, um das Salz und den bitteren Geschmack zu entfernen. Nun die Oliven entkernen, und dafür die Oliven im Rund schneiden, spiralförmig, sodass sie einen einzigen Streifen formen und wieder zusammensetzbar sind. In eine Kasserolle mageres Rindfleisch, Hühnerbrust und mageres Schweinefleisch geben, alle drei Sorten in Würfel geschnitten. Olivenöl, Zwiebel, Sellerie, Karotte, Salz und eine Prise schwarzen Pfeffer hinzufügen. Wenn alles gut angebraten ist, das Ganze gut hacken und danach in einer Schüssel mit Parmigiano-Reggiano, Muskatnuss und Eiern vermengen. Gut kneten, bis man einen homogenen Teig erhält, und aus dem Teig Kügelchen in der Größe einer kleinen Nuss formen. Diese mit der Schale der entkernten Oliven umhüllen, sodass sich die Oliven wieder zusammensetzen. Die Oliven nun einmehlen, in zwei verschlagenen Eiern wälzen, abtropfen, und in Semmelbröseln wenden. In heißem Öl frittieren und heiß servieren. Eine echte Spezialität! Und harmoniert ausgezeichnet mit der frischen Säure des Verdicchio.

„Il Quinto Quarto“ heißen in Italien auch Gerichte, wie Bäckchen oder Leber, die kulinarisch eher im Hintergrund stehen und doch vielfach mit verstohlener Freude genossen werden. Deshalb nehmen wir als Zweites eine „vincisgrassi“ das Vorzeigegericht der Marken. Sie präsentieren sich wie große, rechteckige Lasagne, sind hausgemacht und werden zubereitet mit Weißmehl, Grieß, Butter, Eiern, Salz und Vin Santo aus den Marken. Man macht sie an mit Pilzen, Hühnerleber und möglichst mit Trüffeln; oder mit Hühnerklein, Kalbshirn, Kalbsbries und Schinken; danach bedeckt man sie mit Béchamel und bäckt sie im Ofen. Diesem Gericht liegt eine Geschichte, wie immer ein wenig Legende, zugrunde. Sie soll auf das Jahr 1799 zurückgehen, als der Prinz Windisch-Graetz, Hauptmann des österreichischen Heeres gegen Napoleon, in Ancona mit großer Genugtuung Lasagne gegessen haben soll, die von einem lokalen Koch oder einem Koch aus dem Gefolge auf diese Weise zubereitet worden waren. Tatsache ist, dass das Volk den Prinzen, dessen schwierigen Namen es so schlecht aussprechen konnte, seitdem mit einem seiner beliebtesten Gerichte verband. Ein wenig zweifelhaft scheint das schon. In Wirklichkeit müsste dieser Lasagne ein sehr viel älteres Rezept zugrunde liegen: Wahrscheinlich hat sie von dem adeligen Fremden nur den Namen bekommen. Pflichtbewusst weisen wir deshalb auch darauf hin, dass in der viele Jahre vor dem Besuch des Prinzen von Antonio Nebbia geschriebenen Rezeptsammlung der Marken eine Soße für prinzgras (ein Ausdruck unbekannter Herkunft) erwähnt wird, die mit der Soße für die vincisgrassi übereinstimmt.

Und dazu einen Lacrima di Morro, ein äußerst charmanter Rotwein aus der sehr seltenen Rebsorte gleichen Namens, die nur in ein paar wenigen Gemeinden der Provinz Ancona angebaut wird. Intensives Rubinrot mit violetten Reflexen leuchte im Glas. Ein blumig-fruchtiger Wein von femininem Charakter: In der Nase überwältigende Blütenaromen von Rosen und Veilchen mit feinen, fruchtigen Noten von Erdbeere und Süßkirsche. Am Gaumen samtig und weich mit schöner Mandelnote.

Ein Wein für Liebhaber außergewöhnlicher Weine, mit Charakter und Stil. Ein erlebnisreicher Wein für die Geschmackssinne. So wie die Marchen Italien von seiner schönsten, seiner wahrsten Seite zeigen. Nichts für den Durchschnittstouristen aber eine Fundgrube für den Entdecker und Liebhaber von Kunst, Kultur, speziellem Essen und ungewöhnlichen Weinen.

Rezension: Tram 83 – Fiston Mwanza Mujila – Paul Zsolnay Verlag

Genial, brillant, ohne Tabus

Tram 83 – Fiston Mwanza Mujila (Autor), Katharina Meyer (Übersetzerin), Lena Müller (Übersetzerin), 208 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (25. Juli 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3552057975

Requiem und Lucien, zwei Freunde oder zwei Feinde. Lucien, ein edler Dramatiker, keusch wie ein Mönch. Requiem, nicht sehr edel, Verbrecherchef, Soldat, Unternehmer, endlos hungrig. Diese beiden treffen sich in einer unbenannten kongolesischen Bergbaustadt. Ein Ort, an dem Lucien viele Jahre verbracht hat, um zu kämpfen. Kämpfen für sein Schreiben. Bestraft für sein Schreiben. Bestraft zu schreiben?

Zentrum ist Tram 83, das schlagende Herz dieser Bergbaustadt, Auge des Sturms, wo Künstler, Arbeiter, Intellektuelle, Prostituierte, Arbeiter verschmelzen. Eine Bar, ein Bordell, ein Tanzschuppen, eine Jazzkneipe, ein Treffpunkt für Gescheiterte und Hoffnungsvolle, Resignierte und Verzweifelte, gebrochene Existenzen, Elemente des Elends, Korruption und Gelegenheit sammeln sich in einem Dunst von Drogen in betrunkenen Tänzen, durch die Sexualität, Philosophie und Politik wabert. Alle gefangen in einer gesellschaftspolitischen Kultur, in der Bewohner und Besucher gleichermaßen konkurrieren.

Und dann beginnt ein polyphoner Wirbelsturm, der mehr ist als ein Roman. Das ist Rumba, Salsa, Jazz, Klassik, Rock und alle möglichen Fusionen. Das ist ein Theaterstück aus Gesprächen und Gesprächsfragmenten, eines auf das andere geschichtet. Eine schwarze Komödie, obwohl schreckliche Dinge passieren, kommt das Lachen bemerkenswert leicht. Das ist ein Text, gleichzeitig für Augen und Ohren.

Tram 83 ist brillante afrikanische Literatur, ehrlich und erfrischend. Zum großen Teil besteht er aus faszinierenden Dialogen. Diese Sprache entwickelt eine eigentümliche Magie und einen betörenden Rhythmus. Ein frenetischer und bunter Stil. Ehrlich, unerbittlich und intellektuell herausfordernd. Fiston Mwanza Mujila schreibt mit einem siebten Sinn für Tempo und Timing. Ein Epos von Gewalt, Verzweiflung und Ablenkung

Ich habe den Eindruck, dass er versucht, die Wahrheit wieder herzustellen oder besser, zusammenzusetzen. Dabei steigt er tief in ein kollektives Gedächtnis.

Genießen Sie einfach diesen Roman, der daherkommt wie eine literarische Lokomotive, wie ein Vulkan. Genießen Sie diese magnetische Atmosphäre, diese Lava von Wörtern, dieses Stück Freiheit und Unabhängigkeit der Sprache und der Weltanschauung. Machen Sie sich selber ein Bild von diesem afrikanischen Realismus der Hinfälligkeit.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Zsolnay Verlages

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/tram-83/978-3-552-05797-5/

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Rezension: Freddie Mercury: Die Biografie – Lesley-Ann Jones – Piper Verlag

Break free

Freddie Mercury: Die Biografie – Lesley-Ann Jones (Autor), Stefan Rohmig (Übersetzer) 448 Seiten, Piper (1. August 2016), 24 €, ISBN-13: 978-3492057608

Freddie Mercury, das Genie, die Legende, die Ikone der Rockmusik starb vor 25 Jahren an Aids. Jetzt legt Lesley-Ann Jones die ultimative Biographie über einen der berühmtesten und geheimnisvollen Rockstars der Welt vor.

Die Autorin tourte mit Queen und hatte einzigartigen Zugang zu ihnen und ihrem Kreis. So erfahren wir vielleicht nicht soviel über die Musik, aber sehr viel über den Musiker.

Von seiner Geburt als Farrokh Bulsara in Sansibar an, über seine Kämpfe der Jugendjahre, seine erfolgreichen, stürmischen Jahren des Rock ’n‘ Roll bis zu seinem Tod durch AIDS, nichts lässt dieses Buch in seiner brutalen Ehrlichkeit aus. Die Autorin bezieht die verschiedenen Liebhaber, die kamen und gingen, die zerbrochenen Freundschaften und die Masse der Widersprüche, die Freddie Mercury ausmachen, mit ein und spickt das ganze mit Anekdoten von Bandkollegen und Bettgenossen gleichermaßen.

Fantastisch das Kapitel über das LIVE AID Konzert 1985, einfach das größte Musikspektakel aller Zeiten. Hier hatten Queen einen zwanzigminütigen perfekten Auftritt. Danach waren sie wieder in aller Munde. Diese zwanzig Minuten gelten auch heute noch nicht nur als Höhepunkt des Konzerts, sondern oft sogar als bester Live-Auftritt aller Zeiten. „Sie hauten einfach einen Hit nach dem anderen heraus. […] Gott, wer hat diesen Sound so hingekriegt?“ (Seite 29)

Aus Interviews mit über hundert Personen, wobei viele Befragte jeweils eine ganz andere Person zu schildern scheinen, entsteht ein intimes Porträt des Sängers. Kapitel für Kapitel, fundiert bis ins Detail recherchiert, zeigt sie den langsamen, aber stetigen Aufstieg zu Ruhm und den Abstieg in die gefährlichen Exzesse.

Es ist nicht einfach, diesen facettenreichen Künstler, diese komplexe Persönlichkeit, aber auch die sehr private Person Freddie Mercury in Worte zu fassen. Dafür mag es viele Wege geben. Für mich hat Lesley-Ann Jones den richtigen Ansatz gewählt, nämlich die ganze Geschichte zu erzählen und sich nicht nur auf die sensationellen Elemente zu konzentrieren.

Was der Leser bekommt, ist ein Porträt des echten Freddie Merkury. Letztendlich bleibt es aber jedem selber überlassen aus diesem Buch den wahren Freddie Mercury heraus zu filtern. Und wenn er aufmerksam liest, dann findet er „den Freddy, […] der sich hinter der Superstar-Fassade verbirgt, ein Mensch mit all seinen Fehlern, der sich einem Traum verschrieben hat. Zum Missfallen einiger, doch zur Freude von Millionen.“ (Seite 425)

Für alle mit Interesse an einer ausgewogenen und doch nuancierten Darstellung des Lebens einer der größten Rock-Sänger aller Zeiten, ist das zweifellos die eine, ultimative Biographie.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Piper Verlages

https://www.piper.de/buecher/freddie-mercury-isbn-978-3-492-05760-8

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Rezension: Totenspieler – Paul Finch – Piper Verlag

Gänsehaut pur – ein Mystery-Thriller

Totenspieler: Thriller – Paul Finch (Autor), Bärbel Arnold (Übersetzerin), Velten Arnold (Übersetzer), 480 Seiten, Piper Taschenbuch (1. August 2016), 9,99 €, ISBN-13: 978-3492309165

Totenspieler ist das fünfte Buch in der Reihe mit dem Detective Mark Heckenburg genannt Heck und seiner Vorgesetzten Gemma Piper. Aber keine Sorge. Sie lässt sich auch als Einzelgeschichte gut lesen und verstehen.

Diese Geschichte beginnt mit Dazzer und Deggsy, zwei Jugendliche, die ein Auto stehlen. Kein Problem. Aber ihre Fahrt, die wird zu einem Höllentrip, zu einem Albtraum. Aber das ist nur der Anfang. Eine Reihe seltsamer und scheinbar unverbundener Todesfälle fordern von Heck sorgfältige und komplexe Untersuchungen. Unterstützt wird er dabei von der örtlichen Kollegin Gail. Mehr werde ich über den Inhalt nicht verraten.

Wie üblich hat Finch eine rasante Geschichte konstruiert, mit äußerst verzwickten Methoden, mit denen die Opfer zu Tode kommen. Das Buch ist noch düsterer, und es hat noch seltsamere Täter, als die Vorgängerbände.

Im Mittelpunkt steht Mark Heckenburg, das physische und emotionale Zentrum, das schlagende Herz der Geschichte, ein sympathischer Kerl, intelligent, sehr intuitiv mit dem Instinkt eines Bluthundes.

Finchs Schreibstil ist sehr visuell und unmittelbar, überzeugend und authentisch. Sein Einfallsreichtum ist einfach fantastisch.

Wer auf detaillierte Schilderungen von Mordopfern steht, wilde Verfolgungsjagden mag und auch unkonventionelle Lösungen liebt, liegt hier richtig.

Dieses Buch hat einfach alles: Krimi, Thriller, Mysterien, Polizeiarbeit, Spannung, Drehungen und Wendungen mit einer guten Portion grausiger Morde und gefährlichen Szenen.

Vollgepackt mit Atmosphäre ist dieser grandiose, beängstigende Krimi eine gruselig, beunruhigende und spannungsgeladenen Lektüre. Dieser Krimi wird Ihnen den Atem rauben.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Piper Verlages

https://www.piper.de/buecher/totenspieler-isbn-978-3-492-30916-5

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Rezension: Die vergessenen Mädchen – Sara Blædel

Tiefes, verhängnisvolles Geheimnis.

Die vergessenen Mädchen – Sara Blædel (Autorin), Marieke Heimburger (Übersetzerin), 352 Seiten, Piper Taschenbuch (1. August 2016), 9,99 €, ISBN-13: 978-3492309097

An ihrem ersten Tag in ihrem neuen Job, eine spezielle Sucheinheit für vermisste Personen, soll die 40-jährige Detektivin Louise Rick ihren Partner, Eik Nordström abholen. Sie findet ihn schlafend, ohnmächtig in einer heruntergekommenen Bar. Ein ordentlicher Schuss Whisky hilft ihm, sich wieder zu beleben, worauf er Louise mit „Wer zum Teufel sind Sie?“ begrüßt. Sie muss ein Büro mit ihm teilen, wo er sie durch Rauchen und die Füße auf den Schreibtisch legen ärgert. Er benutzt ihre Teetasse ohne Erlaubnis, stellt ihr intime, persönliche Fragen. Ein attraktiver und anarchischer Kumpel in schwarzer Kleidung. Das fängt ja gut an.

Und schon sind die beiden in ihrem ersten Fall: eine nicht identifizierte Frau mittleren Alters, deren Körper im Wald außerhalb der Stadt Hvalso gefunden wird, wo Louise aufwuchs. Also sind die Einflüsse von Luises Vergangenheit vorprogrammiert. Und als sich dann herausstellt, dass die Tote, die als Lisemette identifiziert wird, zwei Frauen sind, Lise Andersen und ihre Zwillingsschwester, Mette, und dass beide im Alter von 17 am selben Tag für tot erklärt wurden, ist die Verwirrung komplett: Die Leiche ist eindeutig Lise, aber wie kann sie bis vor kurzem sehr lebendig gewesen sein und was ist aus Mette geworden?

Sara Blædel hat eine sehr engmaschige Geschichte gestrickt. Vielleicht mag es ein paar Seiten brauchen, bis der Leser in die Geschichte hineingezogen wird, aber dann wird er süchtig. Viele Drehungen und Wendungen und dunkle Geheimnisse lassen keine Sekunde Langeweile aufkommen. Ich liebe vor allem die einfache und direkte Art der Prosa und die Empathie sowohl für Opfer als auch für Schurken.

Louise Rick, eine scharf gezeichnete Protagonistin, ringt zusätzlich mit ihren eigenen Schwächen und Ängsten in dieser spannend und gradlinig erzählten Geschichte – in der besten Art und Weise nordischer Kriminalliteratur. Die Auflösung ist schwer zu schlucken.

Beste Lektüre für alle Freunde skandinavischer Kriminalgeschichten, mit ihren harten Detektiven und düsteren Geheimnissen. Ich warte schon ganz gespannt auf den nächsten Fall.

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https://www.piper.de/buecher/die-vergessenen-maedchen-isbn-978-3-492-30909-7

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