Kurzgeschichte. Krankgemeldet

Krankgemeldet

Er brauchte ja gar nicht hier am Fluss zu sein. Hatte sich krankgemeldet. War also zu Hause. Und auf den Gedanken, dass er an einem hellen Werktag zum Angeln ginge, konnte nie jemand kommen. Er ging immer nur am Wochenende zum Angeln. Und nie alleine. Immer sonntags morgens. Und nie alleine. Das wusste jeder. Gut, er war hier. Aber wer wusste das schon? Niemand. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn schon. Er brauchte den Hut ja gar nicht gesehen zu haben, der gerade eben auf dem trägen braunen Fluss vorbeigetrieben war. Gut er hatte ihn gesehen. Aber wer wusste das schon. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn schon. Er brauchte ja den Hut gar nicht erkannt zu haben. Gut, er hatte ihn erkannt. Zu auffällig war er gewesen, der Hut, als dass er ihn nicht wiedererkannt hätte. Gut, er hatte ihn erkannt. Aber wer wusste das schon.  Niemand. Ging ja auch niemand etwas an.

Wenn er also gar nicht hier war, konnte er den Hut nicht gesehen haben. Konnte ihn auch nicht wiedererkannt haben. Brauchte also nichts zu unternehmen. Er brauchte sich also gegenüber niemandem zu erklären. Oder gar zu rechtfertigen. Ging ja auch niemand etwas an.

Und wenn doch? War er etwa verpflichtet eine harmlose unbedeutende Beobachtung zu melden. Und wenn doch? Wem sollte er diesen beiläufigen Vorgang melden? Dem Angelverein? Dem Amt für Wasserwirtschaft? Dem Ordnungsamt? Der Polizei?

Und wenn doch, was sollte er berichten? Dass ein x-beliebiger Hut im Fluss geschwommen sei? Jetzt, an diesem Vormittag? Das wäre nicht berichtenswert.

Er müsste also erklären, warum er eine solche Banalität zum Melden für wichtig genug hielt. Er brauchte doch die Zusammenhänge gar nicht zu kennen. Er hielt keine Zeitung, also konnte er die Zusammenhänge gar nicht kennen.

Dass er beim Zigarettenkauf am Kiosk heute Morgen die Überschrift gelesen hatte? Das konnte niemand wissen. Ging auch niemand etwas an. Also wozu sollte er sich unnötiger Weise Gedanken machen. Er hatte mit der ganzen Sache gar nichts zu tun, aber auch rein gar nichts.

Er hatte nur seine Arbeit getan. Nein, nur seine Pflicht hatte er erfüllt. Pflichtgemäß hatte er die junge Frau mit dem weißen, kecken Sommerhütchen in der Personalabteilung angemeldet. Das war ihr Begehr. Sie habe einen Termin. Ein Vorstellungsgespräch. Und genau das hatte er getan. Den Direktverbindungsknopf zur Personalabteilung gedrückt. Hier ist eine Frau Kammerlander. Nora Kammerlander. Sie hat ein Vorstellungsgespräch um 9.30 Uhr. Ja, genau das hatte er gesagt.

Wer sollte ihm daraus einen Vorwurf machen? Noch nie hatte ihm jemand einen Vorwurf wegen der Erfüllung seiner Arbeit gemacht.  Korrekt war er. Penibel sagten andere. Genau war er. Linsenspalter hatten andere gesagt. Ordentlich war er. Pedant hatten andere gesagt. Sollten sie doch. Seine Chefs waren zufrieden mit ihm. Sehr zufrieden. Alles Weitere brauchte ihn nicht zu interessieren.

Und die Besucher der Firma? Die brauchten ihn auch nicht zu interessieren. Ob ihre Mission erfolgreich war oder in einer Niederlage endete, das konnte er nicht beeinflussen. Brauchte ihn auch nicht zu interessieren. Ging ihn ja auch nichts an.

Auch wenn er dem jungen Fräulein mit dem übermütigen Hütchen gleich hätte sagen können, dass sie die Anstellung, wegen der sie vorsprach, nicht bekommen würde. Er hatte seine Erfahrungen. Seine Firma suchte etwas Solides, Gediegenes, nicht so ein … er tat sich schwer mit dem passenden Ausdruck … nicht so eine leichtfertige, nicht so ein Flittchen. Nein, seine Mutter hätte sie so genannt. Für ihn klang das etwas hart. Ja, er hatte seine Erfahrungen. Aber die Entscheidungen trafen andere. Auch wenn sie ihn vorwurfsvoll anschaute, als sie, ohne eine Miene zu verziehen die Firma wieder verließ.

Dass sie seitdem verschwunden war, gar bei der Polizei als vermisst gemeldet war, dass konnte viele Gründe haben. Gut, vielleicht hatte sie sich die Absage zu Herzen genommen. Aber ihn ging das gar nichts an. Ganz sicher hatte sie sich die Sache zu Herzen genommen. Brauchte ja keiner zu wissen, dass er sie wiedergesehen hatte, als er zur Mittagspause fuhr. An der Bushaltestelle. Warum hätte er sie ansprechen sollen? Sie vielleicht nach Hause fahren sollen? Gut er hatte sie angesprochen. War ja auch nichts dabei. Und er hatte sie auch mitgenommen. Ging aber keinen etwas an.

Jetzt würde er einen Strich unter das Ganze ziehen. Nach Hause gehen. Durch die schmalen Wege der Schrebergärten. Dort sah ihn niemand. Nach Hause. Mittag essen. Mutter wartete bestimmt schon. Bestimmt hatte sie Knödel für ihn gekocht.

Seine Mutter schaute ihn an. Liebevoll. „Man hat sie gefunden.“ Sagte sie. Er lächelte sie an. „Wenn interessiert das schon. Niemanden.“

 

Rezension: Alles eine Frage der Sterne – Silvia Zucca – Blanvalet Verlag

Waage in Rosa

Alles eine Frage der Sterne – Silvia Zucca (Autorin), Ingrid Ickler (Übersetzerin), 560 Seiten, Blanvalet Taschenbuch Verlag (17. Oktober 2016), 9,99 €, ISBN-13: 978-3734102448

„Immer wenn in meinem Leben etwas total danebengeht, dann gebe ich mir eine Überdosis Schnulzen.“ (Seite 8) Das ist wichtiger denn je, weil im Augenblick quasi alles schiefläuft im Leben von Alice, beruflich und privat. Die „Waage“ Alice trifft auf den „Zwilling“ Tiziano, genannt Tio.

Alice, eine Frau in den Dreißigern, läuft Gefahr ihren Job bei einer kleinen lokalen Fernsehstation zu verlieren. Denn Davide Nardi – ein Typ wie Richard Gere –  ist beauftragt den Sender zu sanieren. Carlo, ihr langjähriger Lebensgefährte, von dem sie seit zwei Jahren getrennt ist heiratet eine andere. Auch sonst läuft vieles nicht wie es sollte.

Tio glaubt, das Geheimnis zum Erfolg zu kennen: Astrologie und zwar die wahre Astrologie, die die günstigen Aspekte für den Beruf kennt und uns hilft, für das private Glück einen wirklichen Seelenverwandten zu finden. Alice ist zwar skeptisch, entscheidet sich aber, es zu versuchen und trifft Verabredungen nur mit Männer, die zu ihrem Sternzeichen passen. Aber seltsamerweise schützt sie das auch nicht nicht vor falschen Begegnungen, peinlichen Ausfälle und Überraschungen. Immerhin entwickeln Tio und Alice aus diesen astrologischen Erfahrungen ein neues, erfolgreiches Sendekonzept.

Die Geschichte ist spannend und voller Wendungen. Sie bietet dem Leser viele Innenansichten nicht nur der sympathischen Protagonistin Alice, sondern auch der anderen Personen, insbesondere ihrer besten Freundin Paola. Eine Geschichte voller Leichtigkeit und doch mit viel Stoff zum Nachdenken. Leicht frivol und mit viel Humor. Besonders gelungen ist dieser Roman jedoch in der Darstellung des täglichen Lebens, so dass der Leser in der Lage ist, mit den Protagonisten zu fühlen. Die verschiedenen Wechselfälle sind etwas romantisiert, aber sie bleiben immer soweit realistisch, dass wir denken, „Gott sei Dank, das passiert nicht nur mir.“

Ein zeitgenössischer, romantischer Liebesroman oder auch Komödie mit allem was dazugehört: eine ungeschickte, neugierige Heldin, mit einem prekären Job und einem sehr unglücklichen Liebesleben, ein gut aussehender und charmanter Mann, eine romantische Reise nach Paris und die Gelegenheit, sich selbst zu finden und schließlich anerkannt zu werden.

Leicht und amüsant zu lesen, ironisch, lustig und witzig. Silvia Zucca schafft mit ihrem frischen und knackigen Schreibstil und ihren lebendigen, glaubwürdigen Charakteren eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt. Vor allem, da Alice nichts von romantischen Klischees an sich hat und auch keine Femme fatale ist, sondern ein Mädchen wie jedes andere, das ein Herz voller Liebe hat. Und ihr Herz möchte sie mit jemandem teilen, der sie für das liebt, was und wie sie ist.

„Alles eine Frage der Sterne“ ist das klassische Buch für einsame Abende im Hotel, lange Bahnfahrten oder Strandurlaube. Und vor Allem: Wenn Sie immer noch nach der wahren Liebe suchen, könnte dieses Buch nützlich sein, aber ich empfehle Ihnen, achten Sie auf Ihr Geburtshoroskop.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Blanvalet Verlages

https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Alles-eine-Frage-der-Sterne/Silvia-Zucca/Blanvalet-Taschenbuch/e481280.rhd

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Essay: Der Pakt mit der Kälte

Der Pakt mit der Kälte

… oder warum unsere Gesellschaft immer inhumaner wird

Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat Menschen lange Zeit beschäftigt. Nur in unserer posthumanen Gesellschaft scheint sie keinen mehr zu interessieren. Die Mehrheit wird schon Recht haben: Spaß, Konsum und persönlicher Erfolg, zum eigenen Nutzen und scheißegal auf wessen Kosten

Gibt es in dieser kalten, technisierten, computerisierten, digitalen Welt keine Möglichkeit, heil raus zu kommen? Viele Menschen sehen die Lösung des Problems darin, kein Problem sehen zu wollen. Sie „paktieren“ mit der Bedrohung, in dem Sie vorgeben, keine Wärme zu vermissen.

Die Welt wird kälter und sinnloser. Der neue Mensch im dritten Jahrtausend ist beziehungslos und einsam. Er lebt in der posthumanen Gesellschaft. Gentechnik und Informatik verändern die Wirklichkeit. Humanistische Traditionen werden durch eine neue Moral, eine praktische Ethik abgelöst. Gott-Vater, Gott-Mutter, die von sich aus liebende, schützende, bergende Präsenz wird abgelöst vom Gott des Machbaren. Der Perfektionismus wird angebetet. In den Medien werden permanent neue Menschen kreiert, die ihre Haut wie das Make-up oder die Kleidermode wechseln. Man trägt nicht mehr Herz. Wir entwerfen für uns ein neues Profil, ein neues Ich, neue Kinder, Designerbabys. Geboren werden Ichlinge, eine Wortschöpfung des Soziologen Ulrich Beck, Ichlinge für die Ich-Gesellschaft?“

Unser Gesellschaftssystem ist ausschließlich auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet. Grenzen des Wachstums werden nicht diskutiert, sondern zum großen Teil ignoriert oder gar geleugnet. Vergänglichkeit als Wirtschaftsprinzip und „Alles dürfen, was geht“ als Handlungsmaxime. Auch die Linke – seit Marx – setzt ihre Hoffnung „in die Fortschritte der kapitalistischen Produktionsweisen“

Die Illusion von der allheilenden Kraft des freien Marktes suggeriert uns, dass durch den freien Markt generell der bestmögliche Ausgang der Ereignisse garantiert sei. Und diese Ergebnisse definieren alle Parteien als Wohlstand für alle

Wohlstand baut auf das Elend anderer. Wohlstand für alle ist eine Floskel derer, die andere verarmen und gezielt in Armut halten. Wenn es einen Wohlstand für alle gäbe, bräuchten wir keine Wohlfahrt. Verfassungsmäßig verbürgt: Die Würde der Reichen ist unantastbar.

Zwei der schlimmsten Krankheiten der Menschheit sind Gier und Geiz – beide führen zum sicheren Tode und beide führen zu einem Leben leer jeglicher Liebe.

Shoppen ist zu einer eigenständigen Aktivität mit einem Wert an sich geworden und liefert zur gleichen Zeit die Grundlage für die Pose, für das Schauspiel, das an die Stelle des Handelns getreten ist.

Alle sozialen Beziehungen und Strukturen in der Gesellschaft sind von der Warenwirtschaft festgelegt. Dadurch sind die Menschen nicht nur von ihrer Arbeit, sondern von ihrem ganzen Leben entfremdet. Durch den Konsum aller sozialen Beziehungen ist der Mensch zum passiven Beobachter seines Lebens geworden. das Schauspiel ist die Kultur der Warenwirtschaft – die Bühne ist aufgebaut, die Handlung läuft, wir applaudieren, wenn wir uns freuen, wir gähnen, wenn wir uns langweilen, aber wir können die Show nicht verlassen, da es keine Welt außerhalb des Theaters gibt.

Nur die ständige Vergrößerung des Warenangebots könne die dauernde Konsumgier befriedigen und so „die Brennstäbe des Neids vor dem Durchbrennen“ schützen. Nur, wer sich von der Sklaverei freimacht, bleibt Herr seiner selbst und seines Lebens

Alles Theater – Die Frage ist nicht, wer an den Fäden des „politischen Puppentheaters“ hängt oder wer den „Kasper“ spielt, sondern, wer an den Fäden zieht. Aber dummerweise sieht man immer nur die „Marionetten“ – nie die „Puppenspieler“. Das „Publikum“ Volk betrachtet das Spektakel auf der „politischen Bühne“, ahnt aber nichts von den Geschehnissen und Verhältnissen im Hintergrund: Während die Figuren scheinbar agieren, um ernste Konflikte zu lösen, bereden die wahren Akteure heimlich, wie sie gemeinsam die Kasse plündern…

Die mediale Gehirnwäsche Volksverdummung schreitet nicht nur weiter voran, sondern wird bewusst gefördert und bedient. „Spaßkultur“ und „Klamauk-Kommunikation“ herrschen aller Orten

Bloß nichts fühlen – Bloß nicht denken. Einer ganzen Gesellschaft patriarchalisch stolz, konsumgeil und fleischgeil, geil nach Waschbrettbauch und weißen Zähnen – Gleichgültigkeit ist immer Droge Nr. 1 und die Schizophrenie wird zum Alltäglichen.  Lifestyle – Ekstase und Abgebrühtheit – „Coolness“ bezeichnet eine Art von Schlingern zwischen Begeisterungssucht und Gelassenheit in der so genannten Spaßgesellschaft

Bei den meisten steht in ihrer Hierarchie der Werte ihre individuell-persönliche, vor allem ihre berufliche Selbstverwirklichung an erster Stelle und dann kommt erst alles andere. Denn die Sehnsucht, dazuzugehören, ist verführerisch, in dieser Image-Gesellschaft, die schillert, glänzt und leuchtet, so grell, dass der Schein blendet

Wir leben in einer narzisstischen Gesellschaft, und das heißt auch, des Oberflächlichen, das heißt auch der Beziehungsverarmung, einem kränkelnden Bedürfnis nach Anerkennung, ohne Vorbehalte und ohne Hinweise darauf, dass man die Anerkennung auch verdient hat oder nicht. Das Narzisstische ist das, was die Pose der Werbung zum Menschenbild erhebt.

Jenseits der schieren Quantität haben „die Netze“ nichts zu bieten; ihre Qualität ist die nicht mehr zu bewältigende Menge, die längst zur Un-Menge geworden ist. Und alles wird reduziert auf „Gefällt“ oder „Gefällt nicht.“ Über Sinnloses wissen wir fast alles, über Wertvolles so gut wie nichts – das ist, zugespitzt, die kritische Formel für den qualitativen Aggregatzustand der Information in der Informationsgesellschaft.

Ist es das, was uns droht: dass wir über alles wissen und doch nichts, was wir brauchen können, um uns Ziele zu setzten und das Leben zu gestalten? Dass wir alles anklicken können und abrufen, jedoch nichts erfahren, was uns hilft, unsere Orientierungsnöte zu lindern: den Hunger nach Sinn, den Durst nach Erkenntnis zu stillen, das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu befriedigen? Dass wir unter den aufgehäuften Bergen von nutzlosem Wissen das Existenzwissen verschütten, so, dass wir am Ende über alles Auskunft geben können, nur nicht mehr darüber, was wir eigentlich wollen und was für uns und für andere gut ist?

Die moderne Gesellschaft ist auf dem Weg zurück in die Antike, zu einer „Zivilisation der neuen Grausamkeit“ und Demokratie ist zu einem Schlagwort für Vorherrschaft verkommen. Ganze Menschengruppen werden auf Teilbereiche des Menschen reduziert z.B.: Empfänger von Sozialleistungen = Schmarotzer

Die Weichen für eine humane Welt werden ausschließlich im Inneren unserer eigenen Seele gestellt. Liebe, Vertrauen, Wärme und Wahrheit – was wir Menschen hier bekommen oder nicht bekommen, das entscheidet mehr als alles andere über Krieg oder Frieden in der Welt. Ob sich die gesunde Lebenskraft in einer weichen Atmosphäre von Vertrauen und Wärme in Kinderherzen sammeln kann, ob Liebende ohne Angst und Lüge, ohne Unterdrückung und falsche Moral sich begegnen können, das entscheidet weltweit über das Schicksal der Völker.

Essay: Parteien, Programme, Popanz

Parteien, Programme, Popanz

… oder warum wir Transparenz brauchen und keine Programme

Den Piraten wurde vorgeworfen, dass sie kein Programm hätten und so nicht auf alle Fragen des gesellschaftlichen und politischen Lebens eine Antwort. Den Linken wurde über Jahre das gleiche vorgeworfen. Inzwischen können sie endlich jubeln über ein Grundsatzprogramm. Den Grünen wurde in den achtziger Jahren Ähnliches vorgehalten wie heute den Linken und den Piraten. Und heute kommen aus ihren Reihen selber die kritischsten und unreflektiertesten Stimmen: „Die Linke beschließe unverantwortlichen Unsinn in allen Bereichen,“ erklärte SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann. „Die Partei könne nicht mehr ernst genommen werden, ihre Forderungen nähmen immer absurdere Züge an.“ Und jetzt wird der AfD das gleiche vorgehalten: keine Antworten auf die wirklichen Fragen, kein umfassendes Programm zu haben.

Eins zeigt dieses routinehafte Bashing durch den Mainstream: Die etablierten, selbstzufriedenen Parteien, die uns die gegenwärtige gesellschaftliche Misere eingebrockt haben, wittern Gefahr. Die Gefahr von Veränderungen, die ihnen ihre Pfründe beschneiden könnten.

Jetzt wollen wir uns die Programme der verschiedenen Parteien gar nicht erst anschauen. Sie bestehen weitgehend aus einer gehörigen Portion Valium, sowohl inhaltlich wie stilistisch. Stört ja auch nicht, denn in der Wirklichkeit verlieren sie schnell an Gültigkeit. Denken wir nur an die überraschende Energiewende der Christlich-Liberalen Koalition. Oder nehmen wir die immer neuen Ausweitungen von ominösen Rettungsschirmen. Immer neue Bekenntnisse samt entsprechender Phrasendrescherei. Ein populistischer Popanz nach dem anderen wird neu geschaffen: Ethik-Kommissionen, Europäischer Stabilitäts-Mechanismus, Euro-Rettungsschirm. Ein Popanz ist eine nicht ganz ernst zu nehmende Gestalt, die in ihren Handlungen von anderen Menschen abhängig oder stark beeinflussbar ist, zugleich aber den Eindruck von Macht und Selbstbestimmtheit zu erwecken versucht.

Alleine der Ruf nach wirklicher Transparenz versetzt die herrschenden Parteien in Unruhe. Ändern wir doch das „Prinzip der Geheimhaltung“ in ein „Prinzip der Öffentlichkeit“.

Stellen wir uns mal vor, jeder von uns könnte jederzeit auf allen Ebenen unseres Gemeinwesens jede Akte einsehen?

Stellen wir uns mal vor, es gäbe keine „nicht öffentliche Sitzungen“, weder bei Ortsräten noch im Bundestag, weder in Kabinettsitzungen noch bei Ausschüssen? Im öffentlichen Teil werden allgemeine und unbedeutende Dinge behandelt. Wenn es ans Eingemachte geht, wenn es also wirklich interessant wird, dann heißt es „nicht öffentlich.“

Stellen wir uns mal vor, Politiker, Abgeordnete und andere Personen im öffentlichen Dienst, die ja schließlich vom Bürger bezahlt werden, müssten ihre wirklichen Nebenverdienste veröffentlichen? Die heutige Veröffentlichungspflicht ist nur eine Scheintransparenz: Ob ein Politiker 15.000 oder 150.000 Euro für ein Aufsichtsratsmandat oder eine Beratertätigkeit erhält, erfahren wir Bürger nicht. Stattdessen werden Nebeneinkünfte – und damit auch mögliche Abhängigkeiten – mit einem Stufensystem verschleiert.

Stellen wir uns mal vor, der Zusammenhang zwischen beispielsweise den Milliardengewinnen der Rüstungsindustrie, der Genehmigung durch die Regierungen und den gleichlaufenden Spenden an politische Parteien würde wirklich veröffentlicht werden. Von privaten Zuwendungen an Einzelne wollen wir gar nicht reden.

Stellen wir uns einmal vor, Politiker müssten nicht nur verkünden, was sie tun oder tun werden, sondern auch wie und warum bestimmte Entscheidungen so und nicht anderes gefallen sind?

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um den Zündstoff zu zeigen, der in der Forderung nach Transparenz steckt.

Erstaunlich, dass wir so wenig Transparenz haben. Ist sie doch unerlässlicher Bestandteil der Demokratie. Ohne Transparenz ist eine freie Willensbildung und eine fundierte Wahlentscheidung doch gar nicht möglich.

Nur bei voller Transparenz können wir Bürger Probleme überhaupt wahrnehmen, Beschwerden äußern und Verbesserungsvorschläge den politischen Repräsentanten mitteilen. Nur dadurch kann der Repräsentant die drängenden Probleme wahrnehmen und folglich effizienter arbeiten.

Und vor allem, Transparenz verhindert Machtmissbrauch. Jeder kann sich informieren, kann am politischen Geschehen teilhaben und so die Politiker zur Rechenschaft verpflichten.

Durch die Offenheit wird das Vertrauen der Bürger in die Regierung gestärkt.

Wir hätten eine ganz andere Form des Regierens: Der Bürger als wirklicher Entscheider und die Politiker lediglich als Moderator.

Das haben die „Piraten“ ja auch gefordert. Theoretisch. Und was taten sie in der Praxis? Da sagte doch einer der neuen Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses in der ersten Fraktionssitzung: „Ich halte es für wichtig, einmal ein Treffen zu haben, wo wir wirklich wissen, da können wir offen miteinander reden. Danach können wir dann für die Öffentlichkeit zusammenfassen.“

Das scheint in der Politik so üblich zu sein: „Was kümmert uns unser Geschwätz von gestern…“ Gut, jeder, der an die Macht kommt gerät in Versuchung. Aber sich sofort bei der ersten Sitzung nicht mehr an die Versprechen zu halten, das ist schon besonders gottserbärmlich. Vor allem die Aussage, es solle differenziert werden zwischen dem, was die Öffentlichkeit angeht, und dem, was fraktionsintern bleiben soll.

Wer Transparenz fordert muss Transparenz bieten. Je weniger Transparenz wir fordern und erhalten, um so mehr wird der Staat zusehends zum Rundum-Bevormunder. Dieser Trend gehört dringend gestoppt. Nehmen wir ein Beispiel aus den Verordnungen zu Allgemeinen Geschäftsbedingungen:

„Nach der Rechtsprechung sind auch die Versicherer als Verwender von Allgemeinen Geschäftsbedingungen verpflichtet, die Rechte und Pflichten ihrer Vertragspartner eindeutig und verständlich darzustellen, damit diese sich bei Vertragsschluss hinreichend über die rechtliche Tragweite der Versicherungsbedingungen informieren können. Wirtschaftliche Belastungen und Nachteile müssen erkennbar werden. Klauseln müssen aus der Sicht eines durchschnittlichen Versicherungsnehmers grundsätzlich aus sich heraus verständlich sein.“

Sollte das, was uns bei Versicherern Recht ist, nicht auch bei Politikern und Regierungen billig sein? Wir wollen dort auch das „Kleingedruckte“.

 

Rezension: Metamorphosen – Natalie Zemon Davis – Klaus Wagenbach Verlag

Eine Frau, die sich nicht festlegen lässt

Metamorphosen Das Leben der Maria Sibylla Merian – Natalie Zemon Davis (Autorin), Wolfgang Kaiser (Übersetzer), 192 Seiten. Wagenbach, K (28. November 2016), 13,90 €, ISBN 978-3-8031-2766-2

Die Historikerin Natalie Zemon Davis untersucht in diesem Buch das Leben von Maria Sibylla Merian, eine bekannte deutsche Naturforscherin und begabte Zeichnerin, Graveurin und Verlegerin Künstlerin und Mitglied einer radikalen protestantischen Sekte aus der Schweizer Familie Merian.

Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn über Maria Sibylla Merian gibt es wenig Nachgelassenes: Kein Tagebuch, außer ihrem Skizzenbuch, kein ausführlicher Briefwechsel, keine Autobiographie. Nur ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Neues Blumenbuch, 3 Bände (1675, 1677 und 1680); 3 Bände Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung (1679, 1683, 1717) und Metamorphosis insectorum Surinamensium (1705)

Als eine der ersten Insektenforscherinnen beschäftigte sie sich intensiv mit der Metamorphose von Insekten.

Und so greift Natalie Zemon Davis auch zu den Phasen der Metamorphose im Leben der Maria Sibylla Merian, nach denen sie das Buch aufbaut. Als Raupe scheint mir die Zeit in Frankfurt und Nürnberg zu gelten. Eine Zeit in der sie die Grundlagen, künstlerisch und handwerklich für ihr weiteres Schaffen legte.

Als Verpuppung mag die Zeit ab 1685 gelten. Sie entschloss sich Merian nach zwanzigjähriger Ehe, mit 38 Jahren, zusammen mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern (damals 17 und 7 Jahre alt) für unbestimmte Zeit nach Schloss Waltha bei Wieuwerd im niederländischen Friesland zu gehen. Das Schloss gehörte drei Schwestern des Gouverneurs von Surinam, Cornelis van Aerssen van Sommelsdijk; sie hatten es der frühpietistischen Sekte der Labadisten als Zufluchtsort zur Verfügung gestellt. Die etwa 350 Personen der Kolonie fühlten sich urchristlichen Idealen verpflichtet, jenseits der naturfernen Orthodoxie der Amtskirche. Allerdings hatte sich gerade diese Gruppe unter Leitung ihres Predigers Yvon (1646–1707) zu einer strengen, moralisch engherzigen, dabei zu schwärmerischer Übertreibung neigenden Gemeinschaft entwickelt, die Merians Wesen kaum entsprach. „Wie immer behielt sie ihr inneres Leben für sich […] dieser fünfjährige Rückzug […] war nichts anderes als eine Zeit der Verpuppung, des Wachstums im Verborgenen, eine Zeit des Lernens für eine Frau, die sich nicht festlegen ließ.“ (Seite 55)

Und dann ab 1691, als sie Schloss Waltha verließ und nach Amsterdam ging sowie ihre Reise nach Surinam war wohl die Zeit als prachtvoller Schmetterling. Und hier zeigten sich die Wirkungen ihrer Vorstufen. „Merian hätte niemals das Insektenbuch geschaffen, wenn sie bei den Erwählten geblieben wäre, aber sie hätte nie die Überfahrt nach Surinam gewagt, wäre sie nicht einst das Wagnis eingegangen, eine Labadistin zu werden.“ (Seite 65)

Was macht diese Frau zu etwas Besonderem? Sie sieht sich selber weniger als Frau, sondern als Künstlerin und Wissenschaftlerin und die Autorin lässt sie sagen „Man hätte mich zusammentun müssen mit den naturforschenden Malern und den Gelehrten, die Insekten und Pflanzen studieren.“ (Seite 8)

Sie ist ein Mensch, der mit Konventionen bricht, ihren eigen Weg geht, immer neue Ansätze findet. Sie ist eine der ersten Umweltaktivistin der Welt, da sie einerseits dokumentierte, wie einzelne Arten miteinander interagieren und andererseits das entwickelte, was wir Nahrungskette nennen.

Es ist auch ein zentrales Buch über das Leben der Frauen des 17. Jahrhunderts. Aber auch über die Möglichkeit von starken Frauen aus den ihr zugewiesenen Rollenverständnis auszubrechen und ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen, obwohl Frauen damals nur begrenzte Möglichkeiten hatten. So gehört Maria Sibylla Merian auch zu den ersten Feministinnen. Maria Sibylla Merian, führte ein Leben von erstaunlicher Vollendung und Unabhängigkeit für eine Frau des 17. Jahrhunderts.

Das Buch ist für den interessierten Laien wie auch für den Wissenschaftler eine wahre Fundgrube und ein Lesevergnügen der besonderen Art. Das Porträt einer ungewöhnlichen Frau und einer großen Entdeckerin einer Zeit, die so manche Parallelen zum Heute hat.

Natalie Zemon Davis hat eine eigene Art der Geschichtsschreibung entwickelt, vielstimmig und voller Inspiration. Das Buch liest sich wie ein Roman. Erleben Sie selbst, wie interessant diese vormoderne Zeit sein kann.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1060-metamorphosen.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Essay: Lobbykratie statt Demokratie …

Lobbykratie statt Demokratie …

… oder wer regiert uns wirklich?

„Mehrheit ist Mehrheit“ Dieser Zwischenruf in einer Bundestagssitzung zeigt den Zerfall der Gewaltenteilung. Die Exekutive (Regierung) dominiert die Legislative (Parlament), da die Mehrheit des Parlamentes die Regierung stellt und über Fraktionszwang automatisch und immer die Regierungsmeinung vertritt. Die alte Gewaltenteilung gibt es nur bedingt.

Die klassische Staatslehre unterscheidet zwischen drei Staatsgewalten, der ersten Gewalt (gesetzgebende Gewalt = Legislative = Parlament), der zweiten Gewalt (ausführende Gewalt = Exekutive, bestehend aus Regierung und Verwaltung) und der dritten Gewalt (rechtsprechende Gewalt = Judikative = Richter). Die erste Gewalt stellt die Spielregeln (Gesetze) auf, nach denen der Staat funktionieren soll und denen alle unterworfen sind (vgl. Art 20 Grundgesetz). Die zweite Gewalt handelt praktisch im Rahmen der Gesetze (macht die Politik, führt die Gesetze aus). Die dritte Gewalt (vgl. Art. 92 Grundgesetz) wacht darüber, dass die Gesetze eingehalten werden (beispielsweise auch darüber, dass sich die zweite Gewalt an die von der ersten Gewalt festgelegten Spielregeln hält). Das Zusammenspiel der drei Staatsgewalten setzt voraus, dass keine über die anderen die Oberhand gewinnt und sie beherrscht. Andernfalls hätte man nicht mehr eine Aufteilung der Staatsgewalt auf drei verschiedene Machtträger, sondern die Alleinherrschaft einer einzigen Gewalt, was die Gewaltenteilung gerade verhindern soll.

Das alte Herrschaftsprinzip „divide et impera“ (teile und herrsche) hat anscheinend bis heute nichts von seiner Wirkmächtigkeit verloren. Die Parteien teilen die Bevölkerung in Untergruppen ein und spielen deren Interessen dann gegeneinander aus: Mann gegen Frau, Jung gegen Alt, geringverdienende Abhängige gegen besserverdienende Abhängige, Inländer gegen Ausländer, Christen gegen Moslems, Raucher gegen Nichtraucher, Linke gegen Rechte, Dicke gegen Dünne, Homo gegen Hetero, Hund gegen Katz und so weiter und so fort.

Aber warum tun Parteien und Regierenden das? Neben der Absicht ihren Job zu erhalten und ihre Macht zu sichern, stehen sie unter zwei Einflüssen, denen sich kaum ein Politiker entziehen kann: der vierten und fünften Gewalt in unserer Gesellschaft, den Medien und den Lobbyisten.

Mehr als 6000 Lobbyisten agieren in Berlin, 15 000 in Brüssel, 27 000 in Washington. Viele Gesetze sind – bis hin zum Wortlaut! – das unmittelbare Werk von Lobbyisten. Kein Wähler hat sie je gewählt – sind sie dennoch unsere heimlichen Herrscher? Unbehelligt von der Öffentlichkeit, kaum kontrolliert vom Bundestag. Größtenteils mit freiem Zugang: Bürgen fünf Abgeordnete oder ein Fraktionsvorsitzender für einen Lobbyisten, kann er einen Hausausweis für den Bundestag bekommen. Das heißt: freier Zugang zu den Abgeordnetenbüros. An die Berliner Interessenvertreter wurden 4500 dieser Ausweise ausgegeben – die Journalisten, beispielsweise, bekamen erheblich weniger. Ein Beleg dafür, wie gut in Berlin Volks- und Wirtschaftsvertreter miteinander vernetzt sind.

Es ist ein Spiel weniger Personen. Mal gewinnt die Atom-Lobby, dann wieder die Windkraft-Lobby, umweltfreundlich sind sie beide nicht. Offenbar könnten die Energiekonzerne wie zuvor die Großbanken sowie die Pharma- und die Privatkassen-Lobby der Politik die Bedingungen diktieren, über die die Öffentlichkeit „gezielt im Unklaren“ gelassen werde.

Wenn der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) Papiere gegen das Arzneimittelsparpaket der Bundesregierung schreibt und sich später Formulierungen des Papiers wörtlich in Gesetzestexten wiederfinden, dann mag sich manch ein Vorstand eines Pharmakonzerns denken, dass sich die Ausgaben für die Dependance in Berlin gelohnt haben. Mit Transparenz und einem demokratischen Verfahren hat dies nicht viel zu tun. Völlig unkontrollierbar wird es aber, wenn einstige Lobbyisten direkt in die Ministerien versetzt werden.

Ein Lobbyist der Privaten Krankenversicherer (PKV) in Berlin wurde Leiter der mächtigen Grundsatzabteilung des Gesundheitsministeriums. In den vergangenen zehn Jahren sind fünf geplante Reformen im Gesundheitswesen gescheitert. Ein Mitarbeiter von Fraport, dem Betreiber des Frankfurter Flughafens, sitzt im Verkehrsministerium, schreibt an den Lärmschutzbestimmungen für Flughäfen mit und verhindert ein bundesweites Nachtflugverbot. Ein Lobbyist der Deutschen Börse AG schreibt mehr als drei Jahre im Finanzministerium am Gesetzentwurf zur Modernisierung des Investmentwesens mit und trägt dazu bei, dass die Zwischensteuer bei Investmentfonds abgeschafft wird. Die Krankenkasse DAK finanziert einen Angestellten, der im Gesundheitsministerium arbeitet und dort vertrauliche Dokumente zur Gesundheitsreform kopiert und an seinen Arbeitgeber weiterleitet.

Einem Bericht des Bundesrechnungshofes aus dem Jahr 2008 zufolge waren in den Jahren 2004 bis 2006 jährlich zwischen 88 und 106 externe Mitarbeiter in den Ministerien beschäftigt. Über 60 % dieser Wirtschaftsvertreter wirkten an der Außenvertretung der Bundesregierung mit, über 20 % waren an der Erarbeitung von Gesetzes- und Verordnungsentwürfen beteiligt und in Einzelfällen wurden durch sie sogar Führungspositionen in den Ministerien bekleidet.

Wie sagte schon der erste Reichskanzler Otto von Bismarck: „Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie.“

Und bei den öffentlichen Medien? Sie haben natürlich die Manipulationsmacht. Das fängt bei der Themenauswahl an: Mit der Auswahl kommt es zwangsläufig zu einer Gewichtung. Außerdem hat niemand einen Anspruch auf Medienpräsenz. Medienschaffende entscheiden, was veröffentlicht wird. Und wer sich bei der veröffentlichten Meinung kein Gehör verschaffen kann, wird im Medienzeitalter zur Nichtperson.

Hinzu kommt, dass wir sehr viele Nachrichten haben, die eigentlich keine Nachrichten sind, sondern allenfalls geschickte PR oder Propaganda. Untersuchungen deutscher Universitäten besagen, dass 70% aller Nachrichten, die ein Bürger täglich konsumiert, direkt oder indirekt aus den Pressestellen, aus den PR-Abteilungen der politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Kräfte kommen. Nicht einmal 10% sind echte eigenredigierte Nachrichten. Insofern haben wir eher ein Defizit an aufklärerischen Nachrichten als einen Überschuss.

Durch die ständig wachsende Macht der immer weniger werdenden Medien wird das Wesen einer Gewaltenteilung unterminiert.

In Italien beispielsweise hat Berlusconi nahezu „Gleichschaltung“ der Medien erreichte. Und bei uns in Deutschland?

Der Markt bundesweiter seriöser Zeitungen wird von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung beherrscht. Eine geringere Bedeutung haben Die Welt und die Frankfurter Rundschau. Das private Fernsehen in Deutschland wiederum wird heute von zwei Mediengruppen beherrscht, der RTL Group und von ProSiebenSat.1. Im PayTV-Bereich ist Sky marktbeherrschend.  Bundesweit besitzt die Bild-Zeitung eine Monopolstellung als einzige bundesweite Boulevardzeitung. Der Markt populärer Zeitschriften wird von der Verlagshäusern Gruner und Jahr, Burda, Bauer und Axel Springer AG beherrscht.

Die Gewaltenteilung gilt als eines der Hauptmerkmale für die Demokratie als politisches System. Wie sieht es mit der Demokratie aus, wenn zwei der fünf Gewalten, die offiziell ja gar nicht existieren, völlig ohne Kontrolle sind?

Man kann über die Funktion des Lobbyismus’ im politischen System auch grundsätzlich debattieren. Aber ich glaube nicht, dass es notwendig ist, gegen Lobbyismus an sich etwas zu tun. Stattdessen sollte konstruktiv darüber gesprochen werden, wie Rahmenbedingungen aussehen müssen, um Auswüchse zu verhindern. Und diese Rahmenbedingungen sind dann auch zwingend durchzusetzen. Wäre das politisch durchsetzbar?

Gegen Lobbyismus hilft meiner Meinung nach nur Transparenz. Und vor allem eine Trennung zwischen „externem Sachverstand“ und „Interessenvertretung“. In Italien gibt es den Begriff „dietrologia“, eine    Manie (vor allem in der Politik), hinter allem verborgene Beweggründe zu vermuten. Vielleicht täte uns ein bisschen mehr „dietrologia“ gut oder einfach gesagt, etwas mehr Misstrauen gegenüber allem, was uns täglich so vorgesetzt wird, an Meldungen, Erklärungen, Verharmlosungen, Dementis, Versprechen und Entschuldigungen. Sonst gilt weiterhin:

Rückständige Diktaturen manipulieren Wahlen, die sogenannten Demokratien manipulieren die Wähler.

Essay: Bildung und soziale Durchlässigkeit

Bildung und soziale Durchlässigkeit

… oder warum Bildung nicht gleichbedeutend mit Aufstieg ist.

Für, Konrad, 28 Jahre alt, ist es unmöglich den ausgehängten Fahrplan zu lesen, vom Ausfüllen eines Formulars bei egal welcher Behörde wollen wir gar nicht reden. Konrad kann zwar Buchstaben erkennen und ist durchaus in der Lage, seinen Namen und ein paar Wörter zu schreiben, jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes versteht er gar nicht, um praktischen Nutzen davon zu haben.

Evelyn arbeitet als Bedienung in einer Gastwirtschaft, bei den Gästen beliebt wegen ihrer Freundlichkeit, beim Chef geachtet wegen ihres Arbeitens. Nur wenn es ans Bezahlen geht, dann hat sie Schwierigkeiten. Auch für das Addieren von zweimal 1,70 Euro für zwei Bier bekommt sie Schwierigkeiten, auch wenn sie es schriftlich macht.

Und beide Fälle nach über 9 Jahren Schulbesuch!!! Kann das sein? Schüler sind nicht dumm, Lehrer sind nicht faul und unsere Schulen sind nicht kaputt. Aber irgendetwas stimmt nicht.

„Bildung für Alle“, „Aufstieg durch Bildung“, „Bildung ist der Rohstoff der Zukunft“ „Bildungsrepublik Deutschland“ sind die Schlagwörter der Politik. Taten? Fehlanzeige. Ist auch kein Wunder bei einem derart schwammigen Begriff wie Bildung.

Meint Bildung jetzt einen bestimmten Schul- bzw. Hochschulabschluss? Dann wären mehr als Dreiviertel der Erwerbstätigen in Deutschland ungebildet, denn sie haben keinen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss.

Oder zielt Bildung auf einen bestimmten Wissensstand? Brauchen wir ein Allgemeinwissen, bei der wir Fragen beantworten können wie zum Beispiel: „Wer hat diesen oder jenen Spruch im vorvorletzten Jahrhundert getan?“ oder „Wie heißen die Länder Afrikas oder Europas und welche Hauptstädte haben sie?“

Oder vermutet man hinter Bildung einfach eine bestimmte soziale Schicht, wie zum Beispiel das „Bildungsbürgertum“? Kann auch nicht sein, denn Bildungswege werden heute immer noch vererbt. Gerade einmal 17 Prozent aller Studierenden kommen heute noch aus Arbeiterfamilien. Etwa 10 % der deutschen Taxifahrer sind Menschen mit einem Hochschulabschluss.

Oder steckt hinter Bildung eigentlich das Wort Erziehung. Erziehung bedeutet, dass Erwachsene ihre Vorstellung darüber, wie ein Kind sein soll – wenn „nötig“ auch gegen den Willen des Kindes – durchsetzen. Ein Erzieher geht von der Vorstellung aus, Kinder seien „machbar“. Eigenschaften des Zöglings, die der Erzieher als negativ ansieht, versucht er zu unterdrücken, während er „positive“ Eigenschaften verstärken will. Erziehung respektiert junge Menschen nicht, sondern versucht sie zu manipulieren. Sie hat den Anspruch, Menschen zu ändern.  Der Erzieher versucht zu erreichen, dass das Kind in der von ihm festgelegten Zeit zu den von ihm festgesetzten Zielen gelangt. Er stellt Ge- und Verbote auf und sorgt für deren Einhaltung, indem er nach entsprechender Androhung auch seine Machtmittel einsetzt. Es gibt bei Erziehung immer ein Erziehungssubjekt und ein Erziehungsobjekt, den Ziehenden und den Gezogenen, den Erzieher und den Zögling, ein Oben und ein Unten. Damit ist Erziehen immer undemokratisch. Allein schon das Setzen eines Zieles, das das Kind erreichen soll, ist undemokratisch. Auch die so genannte antiautoritäre Erziehung hält an dem Ziel fest, junge Menschen zu formen; sie sollen besonders autoritätskritisch werden. Erziehung ist immer von oben nach unten – also hierarchisch – gedacht. Der Erzieher glaubt, er handele im Interesse des Kindes, so wie die Kolonialherren einst auch glaubten oder vorgaben, im Interesse der Kolonisierten zu handeln.

Bildung löst auch nicht die sozialen Probleme. Ganz unten und ganz oben spielt zum Beispiel Bildung keine Rolle. Und einen kausalen Zusammenhang, zwischen Bildung und Aufstiegschance gibt es nicht.

Also was soll Bildung nun vermitteln? Viel Wissen, ohne es irgendwie anwenden zu können, wird wertlos. Andererseits ist ein blindes Anwenden, ein Tun ohne Ziel oder Sinn, nicht gerade weise. Wer einen Weg geht, kann ohne ein Ziel losmarschieren, kann Abenteuer erleben, aber auch böse Überraschungen. Wer vom Weg abkommt, braucht mit der Zeit doch ein Wissen, wie man den Weg wiederfinden kann. Man kann nach dem Weg fragen oder, falls es einen Kiosk in der Gegend hat, eine Landkarte kaufen. Mit einer solchen Karte kann man sich orientieren, kann man die Orientierung wiederfinden. Ist diese Landkarte aber veraltet, so ist sie wertlos und es ist nicht weise, sich auf allen Wegen auf sie zu verlassen. Doch noch schlimmer als eine veraltete Karte ist gar keine Landkarte, wenn man sich verirrt hat.

Vor dem fachlichen Wissen müssen die methodischen und sozialen Fähigkeiten stehen. Wie lerne ich lernen? Wie entwickle ich Ideen? Wie löse ich Probleme? Wie treffe ich Entscheidungen? Diese Fragen werden uns lebenslang gestellt. Hier brauchen wir die notwenigen Fähigkeiten. Fachwissen ändert sich sowieso mehrmals in unserem Leben. Dazu brauchen wir im Überleben sowohl intuitive als auch emotionale Intelligenz, damit wir mit neuen Situationen und in einem neuen Umfeld überhaupt zurechtkommen.

Geschichtsdaten zu kennen nutzt nichts, wenn wir nicht aus der Geschichte lernen. Grammatikalische Regeln und Ausnahmen zu kennen nutz nichts, wenn wir nicht in der Lage sind, in der fremden Sprache ein ganz normales Alltagsgespräch zu führen. Die 5. Wurzel aus der 6. Potenz zu ziehen bleibt wertlos, wenn wir die Fragestellungen hinter einem Problem nicht sehen.

Und dazu brauchen wir eine Schule, die Lernen für alle Kinder – ohne Aussonderung – ermöglicht. Jedes Kind und auch jeder Erwachsene muss zu jeder Zeit die Möglichkeit haben, ohne Einschränkungen und selbst bestimmt das Bildungsangebot nutzen zu können, dass er möchte. Und ohne Einschränkung heißt weder Förderschule in die die angeblich Geringbegabten abgeschoben werden, noch Eliteschulen in die die angeblich Hochbegabten eine besondere Förderung erhalten.

Während in Deutschland der Trend zur Förderschule anhält, geht das Ausland seit Jahrzehnten andere Wege. So hat man in Italien bereits in den 70er-Jahren konsequent alle Förderschulen abgeschafft und die Kinder in Regelschulen integriert. In Norwegen und Finnland werden über 90 Prozent der Förderkinder an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Vor allem Letztere haben bei den PISA-Studien seit 2001 im Leistungsvergleich in den meisten Fächern besser als Deutschland abgeschnitten.

Nur wenige können sich für eine bessere Bildung ihrer Kinder eine Privatschule leisten. Vielen aber ist es möglich, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Dies geschieht unter geringem Kostenaufwand im Wohnzimmer, am Küchentisch, im privaten Büro oder in einem eigens dafür hergerichteten «Schulzimmer». Unsere Bildungsalternative ist die «Privatschule des kleinen Mannes». Die Lehrer sind die Mütter und Väter, welche auf diese Weise nebenbei selber wieder zu Lernenden werden und gemeinsam mit den Kindern die Welt entdecken und die Bildungsinhalte auswählen und erarbeiten.

Wir brauchen ein Angebot, das stufenförmig aufgebaut ist und wo der Abschluss einer Stufe gleichgewichtig und gleichberechtigt der Zugang zu den weiteren Stufen ist. Warum sollte sich jemand nach einer Lehre nicht gleichgewichtig zwischen Meisterweiterbildung oder Studium entscheiden können?

Wenn wir eine „Vorschule“, früher Kindergarten genannt, haben, dann sollten die Kinder mit dem 6. oder 7. Lebensjahr geeignet dafür sein, eine Schule zu besuchen, die ihnen die Grundlagen vermittelt. Dann können sie mit dem 11. Lebensjahr in eine Schule eintreten, die aufbauend weiteres Wissen und Kenntnisse vermittelt. Mit dem 16ten Lebensjahr kann die fachliche, berufliche Ausrichtung beginnen, sodass mit dem 19. Lebensjahr ein Studium oder ein Meisterkurs begonnen wird und spätestens mit dem 23. Lebensjahr abgeschlossen ist.

Wo und wie jemand sich sein Wissen aneignet, kann egal sein, wenn er es denn kann. Also Schule als Möglichkeit und nicht als Pflicht.

Alle reden gerne von der Notwenigkeit des lebenslangen Lernens. Lernen muss im Alltagshandeln stattfinden. Mit der zunehmenden Auflösung der Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen, aber auch zwischen Arbeit und Freizeit, brauchen wir informelles Lernen: ein Lernen in Lebenszusammenhängen, das ursprünglich vor allem als ein Lernen außerhalb des formalen Bildungswesens (z. B. Schulen) angesehen wurde.

Also orientieren wir uns an der Aussage von Ernst von Feuchtersleben (1806 – 1849): Bis ins späteste Alter lernen (nicht auswendig, sondern inwendig), das ist Genießen, das ist Leben. Da wächst die Seele, in konzentrischen Kreisen, göttlichen Sphären zu.