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Rezension: Falke – Helen Macdonald – C.H. Beck Verlag

Wie wir die Natur als Spiegel benutzen

Falke: Biographie eines Räubers – Helen Macdonald (Autorin), Frank Sievers (Übersetzer), 240 Seiten, C.H.Beck; Auflage: 2 (31. März 2017), 19,95 €, ISBN-13: 978-3406705748

Er ist das schnellste Tier auf Erden. Mit einer atemberaubenden Kombination von Geschwindigkeit, Kraft, Schönheit und Grausamkeit strahlt der Falke seit Jahrtausenden eine Faszination auf Menschen aus, der sich keiner zu entziehen vermag. „Schrecken und Schönheit, kaltes Silber und heißes Blut sind in ihnen vereint.“ (Seite 17)

Dieses Buch, das die Wissenschaft und die Kulturgeschichte überbrückt, untersucht die praktischen und symbolischen Verwendungen von Falken in der menschlichen Kultur auf neue und aufregende Weise.

Helen Macdonald verbindet tiefgehende praktische, persönliche und wissenschaftliche Kenntnisse über Falken und beschreibt so die ganze Geschichte des Vogels, die über die ganze Welt und über viele Jahrtausende reicht. Mir gefällt vor allem die starke analytische Perspektive auf die Bedeutung dieser Vögel in der Geschichte der Menschheit. Alle Aspekte werden angesprochen:  Naturgeschichte, Mythen und Legenden, Falknerei, Falken beim Militär, in städtischer Umgebungen und in der Firmenwelt, in der Spionage, im Dritten Reich, beim Weltraumprogramm, Falken in erotischen Geschichten und in der Werbung. Falken als romantische Ikonen einer bedrohten Wildnis.

Helen Macdonald hat „Falken“ vor ihrem preisgekrönten Buch „H wie Habicht“ geschrieben, anstatt ihre Dissertation abzuschließen, einfach weil das populärere Format es ihr erlaubte, Anekdoten und Geschichten einzuschließen, die sie für unsere Beziehung zu Falken und zur Natur für wichtig hielt. Und vor allem, weil sie fasziniert war von dem Gedanken „… dass wir Menschen die Natur als Spiegel benutzen, Dass jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen.“ (Seite 7)

Was macht dieses Buch so bemerkenswert? Zum einen ist es hervorragend geschrieben, mit unprätentiöser Gelehrsamkeit, mit Leichtigkeit und Witz. Zum anderen verliert es niemals das große Bild aus den Augen: die Art und Weise, wie diese exquisiten Vögel eine ständig wechselnde Bedeutung für den Menschen waren und sind.

Helen Macdonald widersteht der Versuchung, der Eitelkeit des Schreibens zu verfallen und eine aufgeblähte und übermäßige Prosa zu verwenden. Trotz der Materialfülle hat sie es geschafft, das Buch auf respektablen 240 Seiten zu halten. Sie geht tief in das Thema, und schafft trotzdem eine einfache, schnelle und angenehme Lektüre. Eine Meisterklasse, wie man Kulturgeschichte und Naturgeschichte schreibt.

Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube für jeden. Spezialisten und Laien werden es gleichermaßen genießen.  Liebhaber der Landschaft, Vogelbeobachter und alle, die sich jemals gefragt haben, warum Falken so überzeugend sind.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des C.H.Beck Verlages

http://www.chbeck.de/Macdonald-Falke/productview.aspx?product=17634371

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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Essay: Die Weisheit der Sprache

Die Weisheit der Sprache …

…. oder wie wir das verraten, was wir nicht sehen wollen

Der Mensch besteht nicht nur aus dem Körper, sondern er bildet eine Einheit zwischen Seele, Psyche und Körper.

Wir erröten, erbleichen, zittern. Unser Herz klopft oder unser Puls jagt. Seelische Erregungen und Reaktionen des Körpers beeinflussen sich gegenseitig. Und unser Körper wird recht gefräßig, wenn die unsere Seele hungert und Mangel leidet an Liebe, Zuwendung und Geborgenheit. Und unausgesprochene Gedanken und Gefühle machen krank.

Der Volksmund sieht die Dinge schon richtig. Fast alle unsere Aussprüche und Redewendungen, die wir auf unangenehme, belastete Situationen anwenden, beziehen sich auf irgendeinen Körperteil, eine Körperfunktion oder einen Körperausdruck.

Das Herz

Das Herz ist unser Gefühlszentrum und der Sitz der Liebe. Es steht im Gegensatz zum Verstand und hat statt Wissen die Weisheit:

Sich etwas zu Herzen nehmen – Sein Herz verlieren – Mein Herz springt/zerspringt vor Freude – Das Herz rutscht in die Hose – Das Herz bleibt vor Schreck stehen – Es liegt mir sehr am Herzen – Hochherzig, kaltherzig, hartherzig, warmherzig, halbherzig, treuherzig oder unbarmherzig sein – Jemanden von ganzem Herzen lieben – Jemanden in sein Herz schließen – Die Herzen finden zueinander – Herzeleid und Herzenslust – Mit ganzem Herzen bei der Sache sein – Das gebrochene Herz – Tun, was der Herz einem eingibt – Sein Herz verschenken

Die Atmung

Jede gefühlsmäßige Veränderung spiegelt sich auch in der Atmung wider.

Da stockt mir der Atem – Da bleibt mir die Luft weg – Da wage ich kaum zu atmen – Eine atemberaubende Spannung – Eine atemlose Stille – Eine erstickende Atmosphäre – Da muss ich erst einmal Luft holen – Jemandem etwas husten – Jemanden anblasen oder anpfeifen – Dampf ablassen – Seiner Wut Luft machen

Die Sinnesorgane

Die Haare und die Haut

Ein Mensch kann leben, wenn er blind oder taub ist, weder hären noch schmecken kann. Aber ohne die Funktion der Haut ist er nicht lebensfähig, sage die blinde Helen Keller. Und außerdem: Die Haut ist das Spiegelbild der Seele.

Eine haarsträubende Situation – Etwas geht unter die Haut – Etwas kostet Haut und Haare – Etwas geht mir gegen den Strich – Ich möchte aus der Haut fahren – Ich bekomme eine Gänsehaut – Bei etwas Haut und Haar riskieren – Blass werden vor Schreck – Vor Scham erröten – Haarspalterei ist das –  sich die Haare raufen – über Nacht weiße/graue Haare bekommen – schwitzen vor Angst oder Aufregung – sich in seiner Haut nicht wohlfühlen – auf der faulen Haut liegen – ein dickes Fell haben – eine dünne Haut haben

Das Sehen – Die Augen

Im Vergleich zu anderen Sinnesorganen werden über die Augen überproportional viele Sinneseindrücke aufgenommen

Kurzsichtig oder weitsichtig handeln – Blind für etwas sein – Etwas nicht sehen wollen – Auf einem Auge blind sein – Löcher in die Luft starren – Die Augen „blitzen“, leuchten oder strahlen – Etwas kann ins Auge gehen – Liebe macht blind – In jemanden vergucken – mir ist etwas nicht klar – keinen Durchblick haben – es fällt mir wie Schuppen von den Augen –  Tomaten auf den Augen haben -in jemand vergucken – die Augen vor etwas verschließen. mit einem blauen Auge davonkommen – jemand am liebsten die Augen auskratzen – jemandem die Augen öffnen – kurzsichtig/weitsichtig handeln

Das Riechen – die Nase

Gefühle kann man riechen. Wenn die Nase ins Spiel kommt, hat der Verstand erst mal Pause. Düfte haben einen direkten Draht zu entwicklungsgeschichtlich uralten Zentren unseres Gehirns und umgehen damit das bewusste Denken.

Jemanden nicht riechen können – Eine feine Nase haben – Von jemandem die Nase voll haben – Einen guten Riecher haben – Verschnupft sein – mir stinkt es

Das Hören – Die Ohren

Unsere Ohren sind 24 Stunden am Tag auf Empfang. Unsere Ohren versorgen unser Gehirn mit überlebenswichtigen Signalen aus der Umwelt. Es warnt uns, gibt uns Orientierung und ist unerlässlich für soziale Kommunikation und Klänge jeder Art haben eine emotionale Wirkung.

Wer nicht hören will muss fühlen – Für etwas taub sein – Auf dem Ohr hört der nichts – Auf jemanden hören – anderen Gehör schenken – von allem nichts hören wollen – ein offnes Ohr haben – auf einem Ohr taub sein

Aufnehmen und Ausscheide

Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung sind lebenswichtig für den Menschen. Kein Wunder, dass viele Gedanken und Sorgen um diese körperlichen Funktionen kreisen. Heftige Gemütsbewegungen wirken sich meist negativ auf diese elementaren Vorgänge aus, während schönes Essen, unproblematische Verdauung und befriedigende Ausscheidung zum Wohlbefinden beitragen. Bevor wir etwas verdauen, müssen wir es aufnehmen, kauen und schlucken. Ärger schlägt auf die Leber bzw. die Galle. Mit dem Magen müssen wir alles verdauen, ob es uns schmeckt oder nicht. Und wenn wir es nicht verdauen, dann kotzen wir es raus: „Schlechte Verdauung kommt weniger von der Nahrung selbst als von der Stimmung, in der wir unsere Nahrung zu uns zu nehmen pflegen.“ (Prentice Mulford)

Mund und Zähne

das Wasser läuft einem im Munde zusammen – Daran habe ich noch lang zu kauen – Verbissen sein – Zähneknirschend zustimmen – Die Zähne zusammenbeißen – Sich durchbeißen – mit den Zähnen klappern – auf dem Zahnfleisch gehen (fix und fertig sein)

Halsregion

Einen dicken Hals bekommen/haben – Ein Bissen bleibt im Halse stecken – Das Wasser steht einem bis zum Hals – Sich etwas aufhalsen – Ein Geizhals oder Geizkragen sein – Den Hals nicht voll bekommen, nicht voll genug kriegen – Halsstarrig oder hartnäckig sein – Sich den Hals brechen – Den Nacken beugen – Sich den Hals nach etwas verrenken – Etwas kann den Hals kosten – Zuviel auf den Hals geladen bekommen – zum Halse heraushängen – das schnürt einem die Kehle zu – einen Kloß im Halse haben – etwas nicht schlucken wollen/können

Die Leber

Da kommt einem die Galle hoch – Es ist einem die Laus über die Leber gelaufen – sich ausgelaugt fühlen – Gift und Galle spucken – die Galle läuft über – sich grün und gelb ärgern.

Der Magen

Das liegt mir schwer im Magen – Alles in sich hineinfressen – Etwas schlägt mir auf den Magen – Mir dreht sich der Magen um – Etwas nur schwer verdauen – Etwas liegt wie ein Stein im Magen – Etwas verdirbt mir den Appetit – Mir ist zum Kotzen – Wut im Bauch – bei dem Gedanken wird mir übel – Etwas frisst, bzw. nagt etwas ständig an mir? – Wut im Bauch haben – etwas zum Kotzen finden

Stuhlgang

Jemanden anscheißen – Er ist ein „Korinthenkacker“ – Vor Angst in die Hose machen – Vor etwas Schiss haben – nicht zu Topfe/Stuhle kommen – Den Arsch zusammenkneifen – den Arsch aufreißen

Die Nieren

Etwas geht einem an die Nieren – Etwas auf Herz und Nieren prüfen – Etwas im Urin haben – Auf jemanden sauer sein

Haltung und Bewegung

Die innere, geistig-seelische Haltung eines Menschen spiegelt sich auch in seiner äußeren Haltung wider. Wenn es der Seele schlecht geht, sieht man es am gesamten Erscheinungsbild

Bewegung

Aus dem Gleichgewicht geraten – verkrampft – verklemmt – mit beiden Beinen auf dem Boden stehen – auf großem Fuß leben – nicht voran kommen – auf dem Fleck treten – man tritt uns auf die Zehen –  wir treten jemandem zu nahe

Die Haltung

Er hat einen breiten Buckel – Kein Rückgrat haben – Vor jemandem katzbuckeln – Das Schicksal hat ihn gebrochen – Ein aufrechter Mensch sein – Haltung zeigen in einer Situation – Etwas auf sich nehmen – Sich auf etwas versteifen – Sich übernehmen – alle Last der Welt auf den Schultern tragen – ein Stehvermögen haben – sich hängen lassen – aufrichtig handeln – Haltung bewahren – in den Seilen hängen – vor jemandem buckeln

Der Kopf

Den Kopf oben behalten – Sich den Kopf zerbrechen – Kopflos handeln – Den Kopf ziemlich hoch tragen – Weinen vor Kummer und Schmerz – Das macht mir Kopfschmerzen – ein Brett vor dem Kopf haben – etwas zu Kopf steigen – dickköpfig sein –  mit dem Kopf durch die Wand wollen – Kopf und Kragen riskieren – die Hände über den Kopf zusammenschlagen – sich kopfüber in etwas stürzen

Die Seele schafft sich ihren Körper. Lassen wir die Klagen der Seele raus: im Gespräch, im Schreiben, im Malen, im Musizieren.

Rezension: Gilles’ Frau – Madeleine Bourdouxhe – Klaus Wagenbach Verlag

Das kleine, traurige Glück am Küchenherd

Gilles’ Frau – Madeleine Bourdouxhe (Autorin), Monika Schlitzer (Übersetzerin), 160 Seiten, Klaus Wagenbach Verlag (28. April 2017), 12 €, ISBN-13: 978-3803127792

„Durch die Nässe verfaulen die letzten Herbstblumen, noch bevor sie Zeit hatten zu welken.“ (Seite 130) Ein Satz, der für vieles gilt, auch und insbesondere für Elisa.

Elisa ist die Frau von Gilles, einem Stahlarbeiter, irgendwo am Rande einer Industriestadt in Belgien, vielleicht Lüttich. Sie führen eine sogenannte ganz normale Ehe, zwischen Kindern, Küche, Garten, Arbeit und dem Warten auf den von der Arbeit kommenden Mann, den sie abgöttisch liebt.

Damit beginnt auch dieser Roman. „Fünf Uhr … Er wird bald heimkommen“ denkt Elisa. Und kaum hat sie das gedacht, ist sie zu nichts mehr fähig […] Eine Welle der Zärtlichkeit ergreift sie wie ein Schwindel.“ (Seite 5) So erwartet sie die Ankunft von Gilles von der Arbeit in der örtlichen Fabrik in der belgischen Landschaft. Sie ist verliebt in ihren Mann und erwartet ihr drittes Kind, Elisa will wenig mehr, als sich um ihre Familie zu kümmern. Dabei bemüht sie sich, ein möglichst komfortables Zuhause zu schaffen. Die Eröffnungsszenen malen idyllisches Bilder, voll von den einfachen Freuden des Lebens: „Gilles lehnt sich wieder aus dem Fenster. Er denkt an nichts und an eine Menge winziger Kleinigkeiten. Morgen ist Sonntag … Der Duft der Suppe steigt ihm noch immer in die Nase … Die Blumen im Garten sind schön. Wie angenehm das Leben doch ist. Er sieht Elisa zu, wie sie im Licht der untergehenden Sonne seine beiden nackten kleinen Töchter badet, und Frieden erfüllt ihn.“ (Seite 9)

Doch es dauert nicht lange, bis diese harmonische Existenz auseinanderfällt. Kurz vor der Geburt ihres Babys beginnt sie, ein vages Gefühl von Unbehagen zu erleben. Gilles erscheint in irgendeiner Weise unbeständig. Zuerst setzt Elisa es auf ihren eigenen Zustand – schließlich ist alles ein wenig seltsam, wenn man hoch schwanger ist. Aber eines Abends, als Gilles im Begriff ist, mit Victorine (Elisas attraktiver jüngerer Schwester) auszugehen, ist Elisa von einem akuten Gefühl der Angst gepackt.

Madeleine Bourdouxhe beschreibt die Katastrophe sehr gut: die Art und Weise, in der der Verrat in einem Blick oder einer Geste des Augenblicks sichtbar wird; oder auch wie ein neugieriges, fast euphorisches Schockgefühl das Herz in den ersten Phasen der Gefahr schützt. Dann kommt das hartnäckige Geschäft des emotionalen Überlebens: Es ist nicht so viel der Verlust von Gilles Liebe, die Elisa fürchten muss, sondern der Verlust ihrer eigenen Liebe.

„Gilles’ Frau“ ist eine klassische Tragödie. Die Orte sind einfach, die mitspielenden Personen ebenfalls. Und es sind nicht viele. Keiner verliert den Überblick. Bourdouxhe Stärke ist es, aus wenig viel zu machen. Dabei nutzt sie einen Sprachstil, der sowohl blumig elegant als auch ruppig und grausam ausfallen kann, der minimalistisch, aber zugleich sehr emotional ist. Hinzu kommt eine überaus genaue und treffende Analyse der Unterschiede von männlicher und weiblicher Sexualität. Und sie zeigt die schmalen Grenzen auf, die zwischen Liebe und Anbetung verlaufen.

Madeleine Bourdouxhe lässt den Leser ganz nah an Elisas Sicht und gibt ihm einen nahezu vollständigen Zugang zu ihren inneren Gedanken und Gefühlen. Es ist ein verheerendes Porträt einer Frau, die in ihrem Schmerz und Leiden in ihrer selbstaufopferten Liebe zu ihrem Mann isoliert ist.

Das Buch war der Debütroman von Madeleine Bourdouxhe, der erstmals 1937 erschien, als die Autorin Anfang dreißiger Jahre war. Und ihr gelang mit dieser Konzentration auf eine ménage à trois eine zeitlose Geschichte selbstloser Liebe und ihrer Schmerzen.

Sie können das Buch in zwei oder drei Stunden leicht lesen, aber diese Geschichte hat das Potenzial, länger in Ihrem Gehirn und Ihrem Herzen zu verweilen.

Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1099-gilles-frau.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

Essay: Markige Worte und magere Taten

Markige Worte und magere Taten

… oder warum wir lieber reden als handeln.

Telling isn’t selling – Reden ist nicht verkaufen – mit diesem Werbespruch einer Werbeagentur aus den 70er Jahren ist das Thema kurz und knapp umrissen,

Und das gilt besonders für die Deutschen. Deutschland liegt in puncto Einstellungen tatsächlich in der europäischen Spitzengruppe, aber in puncto Handeln sieht es weit weniger positiv aus.

Wir haben laut Gesetz viele Freiheiten, allerdings sind wir in wesentlichen Bereichen eingeschränkt. So darf man Kritik äußern, sich aber nicht entsprechend seiner Kritik verhalten. So lautet die wohl entscheidende Zeile aus dem Lied “Freiheit” von Holger Burner: “Kritik wollen sie nicht praktisch, nur gedacht oder geschrieben!”

„Wir“ ist nicht „Ich“. Es scheint ein großer Unterschied zwischen dem „Wir“ und dem „Ich“ zu sein. So ist die große Mehrheit zwar der Meinung „Wir Bürger müssen mehr für den Klimaschutz tun“ oder „Wir können durch unser Kaufverhalten viel bewegen“ doch praktisch tun dies nur relativ wenige. Offenbar schließt das „Wir“ die eigene Person nicht ein.

Reden ist einfacher als handeln. Faktisch handeln viel zu Wenige und das auch nur auf mehr oder weniger symbolische Weise, indem die eine oder andere Handlung gelegentlich praktiziert wird. Zwischen der allgemein bekundeten Bereitschaft und dem Routinehandeln im Alltag klafft eine gewaltige Lücke.

Alle reden über das „Was“, kaum jemand über das „Wie“

Alle reden über die Zukunft, zum Beispiel was dann zu tun wäre, kaum jemand von der Gegenwart. Ich werde … (später aber nicht jetzt, weil …)

Alle reden über die Bildung. Merkel hat dieses markige Wort geprägt: „Bildungsrepublik Deutschland“. Und was geschieht?? Wenig bis gar nichts.

Alle reden über die Umwelt, die Erderwärmung, den Klimawandel. Und was geschieht? Kaum jemand fährt langsamer oder dreht seine Heizung um 3° zurück. Obwohl das die einfachsten Wege zum Energiesparen wären.

Alle reden über die Wirtschaftskrise, Schuldenkrise, Eurokrise. Und was geschieht? Es kommen neue Ankündigungen mit noch markigeren Worten. Z. B. fordert Klassensprecher Rößler einen „europäischen Stabilitätsrat“ und ergänzt „Wir brauchen einen neuen Stabilitätspakt für den Euro“. Wo bleibt das „Wie“?

„Märkte steigen und Märkte fallen, aber das hier sind die Vereinigten Staaten von Amerika“, sagte Obama. „Egal was eine Agentur sagen mag, wir waren immer ein AAA-Land und werden es auch immer sein.“ Und in der gleichen Rede beklagte Obama „Das Problem sei der politische Stillstand in Washington.“ Und wer hat diesen Stillstand zu verantworten? Er und seine Kollegen.

Alle reden von der Chancengleichheit von Männern und Frauen als Grundsatz von Gesellschaft und Politik. 1999 erhob die Bundesregierung die Gleichstellung unter dem ebenso markigen wie glatten und nichtssagendem Begriff „Gender Mainstreaming“ zum Leitprinzip ihrer Politik. Die schlechten Ergebnisse der PISA-Studie, der Rückgang der Geburtenzahlen und der Wahlkampf haben die Ganztagsbetreuung erneut zur Chefsache gemacht. Trotzdem: Passiert ist bislang wenig.

Alle Parteien und gesellschaftliche Gruppierungen halten die schöne Fata Morgana aufrecht, jeder könne den Aufstieg schaffen. Aber in Wahrheit haben wir in Wirtschaft und Politik eine geschlossene Gesellschaft.

Aber verlassen wir das Feld der großen Politik und gehen in unser kleines Leben hinein. Glauben Sie, dort wäre es anders?

Wir haben immer mehr neue „Erfolgsdiäten.“ Amazon verzeichnet zum Thema Diät 24.301 Bücher. Gleichzeitig sind immer mehr Deutsche krankhaft dick. Und ständig werden es mehr. Der Anteil fettleibiger Männer sei von zwölf Prozent im Jahr 1999 auf sechzehn Prozent in den Jahren 2009/2010 gestiegen, berichtet die Bundesregierung. Der Anteil krankhaft dicker Frauen wuchs im selben Zeitraum von elf auf fünfzehn Prozent.

Wir haben unendlich viele Kochshows im deutschen Fernsehen. Lange Sendungen über „Wie Deutschland isst“ und gesundes Ernähren. Zur gleichen Zeit steigt die Nachfrage nach Salat aus der Tüte, nach Gemüsesuppe zum Anrühren, nach Komplettmahlzeiten in der Aluschale – das Angebot an Fertigprodukten ist riesig.

Viele Menschen haben Wünsche und Erwartungen. Die Wenigsten werden verwirklicht. Warum?

Der Hauptgrund ist wohl, dass diese Menschen nicht zwischen Wunsch und Wirklichkeit trennen können. Wie kompliziert, und wie erfolglos ihr Leben dadurch bleibt, hängt in hohem Maße davon ab, ob sie sich hartnäckig illusionären Wunschvorstellungen hingeben, statt sich und die Welt so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Hüten Sie sich davor, Wunschdenken und Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Haben Sie niemals soviel Angst vor der Wahrheit, dass Sie sich weigern, sie anzuerkennen. Wunschdenker begnügen sich mit Forderungen (an andere) und mit Absichtserklärungen.

Wir reden über Absichten, über Strategien, über Maßnahmen, aber seltener über Ergebnisse. Wäre ja auch peinlich, wenn wir Ergebnisse anstrebten und dann zugeben müssten, sie nicht erreicht zu haben. Dann müssten wir ja über unsere eigene Inkonsequenz reden und Fehler einräumen.

Oft werden Ziele nicht erreicht, weil sie: Einfach zu unrealistisch sind, weil sie nicht detailliert genug sind und weil sie unkontrollierbar weit in der Zukunft liegen.

Und wer ist schuld? Natürlich die anderen.

Das alles ist nichts Neues. Schon vor über 2000 Jahren soll sich in Galiläa Folgendes abgespielt haben:

„Als Jesus weitergehen wollte, lief ein Mann auf ihn zu, warf sich vor ihm auf die Knie und fragte: „Guter Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“  Jesus entgegnete: „Weshalb nennst du mich gut? Es gibt nur einen, der gut ist, und das ist Gott. Du kennst doch seine Gebote: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht die Ehe brechen! Du sollst nicht stehlen! Sag nichts Unwahres über deinen Mitmenschen! Du sollst nicht betrügen! Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ „Lehrer“, antwortete der junge Mann, „an diese Gebote habe ich mich von Jugend an gehalten.“ Jesus sah ihn voller Liebe an: „Etwas fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen Reichtum gewinnen, der niemals verloren geht. Und dann komm und folge mir nach!“ Über diese Forderung war der Mann tief betroffen. Traurig ging er weg, denn er war sehr reich.“

Der einzige Beweis für das Können ist das Tun. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Fangen Sie an.

 

Essay: Die Angst ist ein Meister aus Deutschland

Die Angst ist ein Meister aus Deutschland
… oder warum das Glas bei uns immer halb leer ist
Früher hatten viele „Angst vor Deutschland“. Heute haben wir „Angst in Deutschland“. Verzagtheit eine typisch deutsche Eigenschaft? Die Deutschen haben Angst, vor allem Angst vor der Zukunft. Aber nicht nur:
Sie haben Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, Angst vor der Technik, Angst und Unsicherheit, was sie noch essen dürfen. Angst vor dem Alter, Angst vor Krieg und der Klimawandel, Angst vor Pickeln und Nagelpilz, Angst davor ihr Geld zu verlieren, Angst vor Falten und Allergien, Angst vor zu viel Sonnenschein, Angst vor Radioaktivität, die so groß wurde, dass in diesem Frühjahr Geigerzähler ausverkauft waren. Angst vor Hochwasser und Angst vor Terroranschlägen. Angst vor dem Islam und Angst vor dem Papst. Angst vor steigenden Preisen und davor, im Alter ein Pflegefall zu werden. Angst vor Überfremdung, Angst vor Extremisten, Angst vor gepanschtem Essen. Angst vor Viren und Angst vor der Steuer. Und neu natürlich Angst vor Europa, vor dem Euro und vor Brüssel. Die Regierung hat Angst vor den Wählern und die Industrie hat Angst vor steigenden Kosten. Und natürlich die deutsche Urangst ums Geld.
Angst ist zunächst mal ein ganz normaler Zustand. Es gibt niemanden, der nicht auch mal Angst hat.
Angst vor Dingen und Orten ist leicht zu erkennen. Sie reicht von Angst vor Hunden über Angst vor geschlossenen Räumen bis hin zu Angst vor Krankheiten. Diese Gruppe von Ängsten wird Phobie genannt.
Soziale Ängste sind weniger leicht zu erkennen. Angst vor Zurückweisung, Angst vor Versagen oder auch Angst vor Misserfolg gehören in diese Gruppe. Sie zu erkennen ist deshalb besonders schwer, weil der Betreffende es immer wieder versteht, den Angstsituationen geschickt auszuweichen. Oder er hat sie rationalisiert, indem er in erster Linie das Fünkchen Wahrheit registriert, aber nicht seine überzogene Reaktion darauf.
Dann gibt es noch Angst vor der Angst. Hier ängstigt sich der Mensch vor einem Gefühl oder einem Gedanken. Diese Angst steigert sich, da er den eigenen Gefühlen und Gedanken nur schwer entfliehen kann. Zwanghaftes Handeln oder übertriebene Vermeidungsreaktionen können die Folge sein.
Die heimtückischste Angst ist die, die jemand vor sich selbst hat. Die Angst vor der eigenen Persönlichkeit ist schwierig zu durchschauen und deshalb auch schwer zu bekämpfen. Denn Angst vor sich selbst ist eigentlich Versagensangst aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen.
Jetzt reagiert jeder anders auf Angst. Da gibt es den Drückeberger, der der Angstsituation ausweicht. Oft gibt er sie nicht offen zu, sondern schlägt „bessere Alternativen“ vor. Oder der Ausreißer: Er setzt sich der Angstsituation zwar aus, sucht aber wieder herauszukommen, bevor die Angst nachlässt. Der Kopflose setzt sich Angstsituationen aus und konzentriert sich so sehr auf seine Angstgefühle, dass er nicht mehr vernünftig reagieren kann. Und es gibt natürlich auch den Schwarzseher: Er denkt an drohende Gefahren, konzentriert seine Gedanken auf das Schlimmste und verrennt sich darin.
Angst haben wir weitgehend Angst erlernt. Entweder durch ein schlimmes Erlebnis oder durch eine Vielzahl weniger tiefgehender Erlebnisse der gleichen Art. Oder wir haben es von Vorbildern gelernt: entweder von Menschen, die wir in Angstsituationen erlebt haben oder andere haben uns durch ständiges Warnen Angstgefühle beigebracht. Gefühlsmäßige Reaktionen wie Angst beschränken sich nicht auf die eine Situation, in der wir sie erlernt haben. Sie überträgt sich auch auf andere Situationen. Auch unsere Angst ist erlernt. Wir können sie demnach jederzeit wieder verlernen. Das können wir umso leichter je besser wir die Ursachen unserer Angst kennen.
An erster Stelle scheint mir das Besitzdenken zu stehen. Jede Veränderung birgt die Gefahr, dass wir unseren Besitz wieder verlieren könnten.
Unwissenheit ist eine weitere Angstquelle. Jetzt leben wir zwar in einer der bestinformierten Gesellschaften, aber diese Welt ist komplexer, undurchschaubarer geworden und viele verstehen weder das Problem noch die Lösungen. Und eine Unzahl selbst ernannter Experten liefert uns immer neue Lösungen. Und die Orientierungsschwäche unserer Politiker verschärft noch die Situation.
Wer schwierige Herausforderungen meistern will, braucht ein hohes Selbstwertgefühl. Wer durch ständiges Bedenken und Kritisieren vernünftiges Handeln verhindert, zerstört das Selbstwertgefühl und damit auch Lösungen für die Zukunft.
Das Nachdenken über den Sinn der eigenen Existenz verunsichert viele. Sollen wir Kinder in die Welt setzten? Ist das Älterwerden jetzt ein Segen oder eher doch ein Fluch?
Gut, wir Deutsche haben Untergangserfahrung. Inflation und Weltkriege haben das deutsche Selbstbewusstsein schwinden lassen. Die Lücke wurde durch Unsicherheit und Angst gefüllt, und niemand tat etwas, um dem entgegenzuwirken.
Eine der Hauptursachen für die deutsche Angst liegt im deutschen Wahn alles zu reglementieren, festzuschreiben und zu zementieren. Das hat uns in weiten Bereichen handlungsunfähig werden lassen. Und wer sich eingesperrt fühlt oder für jeden Fehler sofort bestraft werden kann, muss ängstlich werden. Wir haben zu viel auf Sicherheit und zu wenige auf Freiheit und Unabhängigkeit gesetzt. Sicherheit geht immer auf Kosten der Freiheit.
Die zweite Hauptursache scheint mir in unseren Medien zu liegen. Jeder noch so kleine, belanglose Furz wird von diesen zur Katastrophe, zur Tragödie, zum Debakel aufgeblasen. Die Medien beschwören immer neue Untergangsszenarien: Seien es Lebensmittelskandale, Asche speiende Vulkane, Grippeviren oder an sich harmlose Dinge wie angekündigte Wetterkapriolen von großer Hitze bis zu Starkschneefällen. Und die Politik liefert ausreichendes Material mit Antiterrorgesetzen, Vorratsdatenspeicherungen und mit immer neuen Reglementierungen. So treiben sich beide Ursachen gegenseitig an und bedienen die „Vollkaskomentalität“, die besonders uns Deutschen gerne nachgesagt wird.
Doch wie sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: „Damit wurde nur einem gefühlten Bedrohungs-Szenario Nahrung gegeben. Die Spirale aus Sicherheitsgesetzen und Symbolpolitik drehte sich immer schneller“.
Fallen die Ursachen weg, so geht auch die Angst zurück. Wir brauchen ein neues Selbstbewusstsein und vor allem wieder mehr Freiheit. Nur Freiheit schützt vor Angst. Und natürlich unsere eigene Sichtweise der Dinge: Das Glas – ist es halb voll oder halb leer?

Essay: Mut zum Nein

Mut zum „Nein“

… oder Grenzen setzen ohne Schuldgefühle

Kaum ist der Mensch geboren, so fängt die Umwelt an, seinen Willen zu brechen und ihn zum Ja-Sagen zu zwingen. Andere nennen es Erziehung. Erziehung heißt bei uns heute noch immer „angepasst sein“, das zu tun, was andere von uns verlangen. Wir tun das, was Vater und Mutter uns befehlen. Wir tun das, was die Lehrer von uns wollen. Wir tun das, was die Gesellschaft von uns erwartet. Wir beugen uns Klischees und Vorurteilen. „Ein Junge weint nicht“. „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.“ „Wer Erfolg haben will, muss hart gegen sich selbst sein“ u. Ä. Dieser Schwachsinn verfolgt uns unser ganzes Leben lang und wir sagen „Ja“ zu Dingen, obwohl wir in unserem Innersten laut „Nein“ schreien. Das trifft vor allem für den Beruf zu. Dort ducken wir uns und außerhalb des Firmengeländes lassen wir unsere Aggressionen frei. In unserer Familie. Im Verein. Auf dem Fußballplatz. Auf der Autobahn.

Wer fühlt sich nicht manchmal durch Freunde, Familie, Kollegen und deren Ansprüche überfordert? Wer hat nicht mal den Drang, auch mal „Nein“ zu sagen und den Mitmenschen einmal ganz konsequent zu zeigen, wo deren Grenzen liegen?

Nein zu sagen, ist schwierig. Wenn das Selbstwertgefühl fehlt und die Selbstsicherheit auf schwachen Füßen steht, dann fehlt oft auch das Selbstvertrauen, allein ihr Leben zu bewältigen. Deshalb versuchen viele, ständig und überall die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. So wird es immer schwieriger, sich vor unangemessenen Forderungen und Verletzungen der eigenen Persönlichkeit zu schützen. So fällt es vielen Menschen schwer, eine Bitte abzuschlagen. Das Wort „„Nein“ “ will und will einfach nicht über die Lippen kommen, obwohl es auf der Zunge liegt. Obwohl wir genau wissen, wie wir darunter leiden, immer und zu allem „Ja“ zu sagen, schaffen wir es einfach nicht, „Nein“ zu sagen.

Aber warum fällt es bloß so schwer, „Nein“ zu sagen? Vielen Menschen graut vor den Konsequenzen ihres „Neins“. Eine Bitte abzuschlagen, könnte als unfreundlich ausgelegt werden. Man möchte vielleicht auch nicht als Spielverderber gelten und weiterhin beliebt bleiben. Mit einem „Ja“ erspart man sich die Enttäuschung des Bittstellers – eine unangenehme Reaktion bleibt so aus. Hinter der Angst vor Ablehnung steckt oftmals ein zu geringes Selbstvertrauen und wenig Selbstsicherheit. Eher würden sie noch mehr erdulden, weil sie sonst eine komplette Ablehnung als Mensch befürchten.

So bleiben viele die meiste Zeit ihres Lebens Bettler, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Gemocht-Werden, Liebe. Und so sind sie in Schwierigkeiten, wenn es darum geht, zu sich selbst zu stehen. Und nichts setzt Menschen mehr unter Stress, als ständig den Anforderungen anderer zu genügen. „Hast Du nicht mal …?“ „Kannst Du nicht mal …?“ „Mach mal …!“ „Können Sie mal eben …“

Die richtige Antwort darauf ist fast immer ein klares „Nein“. Ein „Nein“, natürlich nicht in aufsässigem, motzigem Stil. Kein unbegründetes „Nein“ um des Prinzips willen, wie wir es von trotzigen Kindern kennen. Was wir brauchen, ist ein argumentatives „Nein“. „Nein“ sagen ist ein erlernbares Verhalten. Wenn wir „Nein“ sagen, setzen wir Grenzen und erhalten dadurch mehr Raum für unsere eigenen Bedürfnisse. Ziehen wir unsere Grenzen durch Bedenkzeit, durch einfache offene Fragen, durch Anbieten von Alternativen, durch Ausdrücken der eigenen Gefühlslage.

Die einfachste Form ist, um Bedenkzeit zu bitten. Dieses Recht hat jeder. Man muss nicht auf der Stelle „Ja“ oder „Nein“ sagen, auch wenn der andere das noch so gerne möchte.

Besser ist es natürlich, wenn wir dem anderen Auswahlfragen stellen, ihm Alternativen anbieten:

Stellen wir uns vor, unser Chef ruft uns an und bittet uns, bis nachmittags um 15.00 Uhr bestimmte Unterlagen vorzubereiten. Er stellt die Sache als äußerst wichtig hin.

Nennen wir unsere Prioritäten und bieten ihm Alternative an: „Ich muss heute noch Aufgabe 1, 2, 3 … erledigen. Wenn ich das alles tue, dann ist Ihre Sache um 17.00 fertig oder reicht ihnen noch morgen Vormittag?“ Es ist jetzt vollkommen gleichgültig, was Ihr Chef antwortet. Akzeptiert er einen Ihrer neuen Vorschläge, ist die Sache okay. Lehnt er sie ab und beharrt auf seinem Termin 15.00 Uhr, dann sind wir auch nicht schlechter dran als vorher.

Nehmen wir ein zweites Beispiel. Ein Kunde ruft an und will Fakten, Spezifikation, Preise, Lieferzeiten etc. Sie möchten nicht sofort antworten, egal aus welchen Gründen. Also bieten wir ihm eine Alternative an:

„Ich stelle Ihnen alle Unterlagen zusammen, damit Sie eine umfassende Auskunft bekommen. Ich rufe Sie dann zwischen 11.00 und 12.00 Uhr an. Passt das Ihnen oder ist Ihnen heute am späten Nachmittag angenehmer?“

Üben wir dieses argumentative „Nein“ in allen Lebensbereichen. Und wir werden feststellen, dass kaum jemand sich einer doppelten Alternative entziehen kann.

Aber ziehen wir den Kreis des „Neinsagens“ etwas weiter. Wie schwer fällt es uns oft, den eigenen Unwillen zu äußern? Wie oft sind wir beleidigt, weil unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, auch wenn wir sie gar nicht geäußert haben. Unser Gegenüber kann nicht wissen, was wir denken, sondern nur das, was wir auch aussprechen.

Nehmen wir mal an, Sie sind mit einem Freund oder einer Freundin um 17 Uhr in einem Café verabredet. Es ist 17 Uhr. Sie sind da, ihre Verabredung noch nicht. 17.15 nichts rührt sich. 17.30 Uhr: Sie beschließen, noch 15 Minuten zu warten und dann zu gehen. Genau fünf Minuten vor Ende ihrer vorgesehenen Wartezeit kommt der Freund oder die Freundin rein. Mit dem schönen Satz „Gell, ich bin ein bisschen spät dran. Du bist mir doch nicht böse?“

Statt jetzt nachzugeben und ein verdruckstes „Nein, nein, war überhaupt nicht schlimm“ herauszuquälen, verpacken wir das Ganze der Methode X-Y-Z. X: Wie sehe ich die Situation – Z: Meine Gefühle im Augenblick – Z: Wie möchte ich es in Zukunft haben?

Einfache Antwort nach X-Y-Z-Methode:

„Wir waren um 17 Uhr verabredet. Jetzt ist es gleich Viertel vor sechs. Ich habe mich über dich geärgert. Wenn dir noch mal etwas dazwischenkommt, dann ruf mich bitte an. Danke.“

Und wenn es eine ganz harte Nuss ist? Dann lassen Sie den anderen die Konsequenzen spüren. So lernt er, nicht mehr über Ihre Grenzen zu treten.

Rezension: Chirú – Michela Murgia – Klaus Wagenbach Verlag

Die Brüche der menschlichen Seele

Chirú – Michela Murgia (Autorin), Julika Brandestini (Übersetzerin) 206 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach (10. März 2017), 20 €, ISBN-13: 978-3803132871

Chirú ist ein Roman über die Geschichte der Beziehung zwischen Eleonora, einer versierten Theaterschauspielerin von achtunddreißig und Chirú, einem aufstrebenden und ambitionierten Geiger zwanzig Jahre jünger, dem Eleonora helfen will, eine Karriere zu starten.

Zwischen ihnen entsteht sofort ein Vertrauensverhältnis, das über die herkömmliche Beziehung zwischen einem Lehrer und dem Lernenden hinausgeht. Es bleibt unklar, wer lehrt oder wer lernt und ob es angemessen ist, aus ihren Rollen etwas zu übertragen. „Ich habe Chirú an dem Geruch von Fäulnis erkannt, der aus seinem Inneren drang, derselbe Geruch wie bei mir.“ (Seite 7).

Die Unterrichtsstunden finden nicht in den vier Wänden eines Klassenzimmers statt, sondern in der Altstadt von Cagliari, wenn sie Sandwiches und Pommes essen, beim Sprechen über Mozart und Da Ponte; in Cafés, in den Straßen und am Strand, wenn der Mistral weht. Die Lektionen werden fortgesetzt auf einer Tournee von Eleonora in Stockholm, Prag und Florenz; und es ist in der Stadt Florenz, wo ihre Geschichte eine neue Wendung nimmt.

In 18 Lektionen erfahren wir nicht nur über die Beziehung zwischen Chirú und Eleonora, sondern Eleonora denkt zurück an ihre Kindheit, die Beziehung zu ihren Eltern, mit einem dominanten Vater, einer Mutter, die nicht Rebell sein konnte und einem Bruder, mit denen es keine Verständigung gab. Wir kehren zurück zu der Zeit, als sie selber eine Schülerin von Fabrizio war, der auch heute noch viele Jahre später, ihr Führer, ihr Mentor ist. Zusätzlich atmen wir in diesen „Unterrichtsstunden“ einen Hauch von Freiheit, aus dem neue Gedanken entstehen und wir lernen, Dinge aus einer Sicht zu sehen, die wir nicht kennen.

Das große Thema des Romans ist ein universelles: wie und von wem lernen wir, uns von Einflüssen zu lösen und unseren persönlichen Einsichten unabhängig zu folgen? „Ich war ein fröhliches Kind, dessen Laune nur durch bestimmte Anlässe getrübt wurde. Anders als der Rest meiner Familie verstand ich bereits mit acht Jahren, mich alleine glücklich zu machen, und mit achtunddreißig setzte ich jeden Tag alles daran, mir diese Autarkie des Herzens zu bewahren, ohne dies als Einsamkeit zu bezeichnen.“ (Seite 110) Oder täuschen wir uns, wenn wir glauben in der Lage zu sein, unsere Gefühle in ihrer Unberechenbarkeit steuern zu können?

Es geht um zwei zentrale Elemente jedes Menschen: über Macht, über das Verhältnis zur Macht und über Machtverhältnisse. Und das zweite Element ist die Rolle der Geschlechter, die in der Kombination mit Macht einen besonderen Reiz entfaltet. „Die Mutter, die Geliebte und die Lehrerin bildeten eine symbolische Triade, die nicht einen ihrer Bestandteile verlieren durfte. Die ersten beiden hielten sich gegenseitig im Zaum, und die dritte erinnerte die beiden anderen daran, dass das Privileg dieser Spannung nicht ewig fortdauern würde.“ (Seite 115)

Die beiden Protagonisten stellen dar, was wir nicht sind, sondern zeigen das Streben, was wir gerne werden wollen. Und wir sehen, dass die Grenzen zwischen Realität und Fantasie viel schwächer und durchlässiger sind, als den meisten Menschen bewusst ist.

Michaela Murgia schreibt einen faszinierenden Stil, schnörkellos, lebendig und scharf, manchmal roh. Die Autorin schafft es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, authentisch und spannend. Bemerkenswert ist die Fähigkeit von Michela Murgia den Gefühlen Wort zu geben, die Schatten  der Seele und ihre psychologische Falten in dieser ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem Schüler und Lehrer auszuleuchtet. Jeder Satz kriecht in verborgene Bereiche der menschlichen Seele. Ein Stil der den Leser fordert, und ihn gleichzeitig verwöhnt. „Whisky, der in einem Glas schwappte und sein unverwechselbares Aroma von gelöschtem Feuer verbreitet.“ (Seite 113) Allein schon wegen des ästhetischen Genusses solcher Sätze und Vergleiche lohnt sich das Buch.

Michela Murgia liefert mit Chirú eine starke Geschichte von Begegnungen und Auseinandersetzungen, von Gewissheiten und Zweifel.

Ganz einfach: ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.

 Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1104-chiru.html

Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de