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Rezension: Im Rausch des Schreibens – Katharina Manojlovic – Paul Zsolnay Verlag

Sind Kunst und Kreativität ohne Drogen möglich?

Im Rausch des Schreibens: Von Musil bis Bachmann – Katharina Manojlovic (Herausgeber), Kerstin Putz (Herausgeber), 256 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (28. April 2017), 27 €, ISBN-13: 978-3552058262

„Dem Alkohol müsste man Tantiemen zahlen“, behauptet Wilfried Schoeller in seinem Artikel „Das letzte Glas“, „er ist der mächtigste Erzeuger von Literatur, der sich denken lässt“, und er untermauert seine Behauptung sogleich mit einer Aufzählung einer ganzen Reihe von Flaschengeistern: Unter den ersten sechs Amerikanern, die den Literaturnobelpreis erhielten, waren nicht weniger als fünf – Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck und Eugene O`Neill – gestandene Alkoholiker. Der Alkohol führte sie in Tiefen, die sie als Nüchterne wohl nie erreicht hätten. Der Lohn war Weltenruhm, der Preis nicht selten Siechtum.

Alkohol und andere Drogen steigern aber nicht nur Kreativität und Erfindergeist, verleihen nicht nur Charisma, sondern sorgen vor allem für jene permanente Ruhelosigkeit, die Fortschritt, Expansion und Wachstum erst die Wege ebnen – seien diese nun auf Dauer nutzbringend oder destruktiv.

Rausch des Schreibens? Schreiben im Rausch? All diesen Fragen über Treibstoffe des Schreibens, der Literatur und der Rauschkultur geht das Begleitbuch zur Ausstellung im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Reihe Profile sehr akribisch nach. Das tut es an ausgewählten Beispielen aus dem Schaffen von:

Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Friedrich Mayröcker, Peter Handke, Gert Jonkes, Ernst Jandl, Ernst Herbeck, Edmund Munch, Peter Hammerschlag, Géza Csàth, Leo Perutz, Wolfgang Bauer, Oswald Wiener, Falco, Rober Musil, Robert Müller, Mela Hartwig, Robert Menasse, Werner Schwab, Werner Kofler, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Hermes Phettberg, Karl Kraus, Günther Anders und Andreas Okopenko.

Der Band ist ein sehr breit angelegtes Werk. 29 Autoren thematisieren in fünf großen Kapiteln die verschiedenen Substanzen und Stimulanzien von Alkohol bis zu harten Drogen, die Ekstase, die Exzesse der Süchte jeder Art, die Trance und die Entrückung, aber auch die Askese und die Schreib- und Selbstdisziplin. Das Buch moralisiert nicht, betreibt auch keinen Voyeurismus auf die ach so verkommenen Künstler, es berichtet einfach. Und dieses Beschreiben findet an Texten, Schriften, Bildern, Zeichnungen, Abbildungen korrigierter Seiten, Fotos von Originalmanuskripten, Tagebüchern, Skizzen und ähnlichem statt. Wie zum Beispiel das Gedicht der jungen Ingeborg Bachmann:

In meiner Trunkenheit kann ich nur Immerwährendes denken / Und über die Tage lächeln und über die Menschen, die sterben … / In meiner Trunkenheit kann ich nur maßlos sein / Und trinken und nehmen und dauern / Drum geh ich so schwindelnd und hoch, / und füll die Krüge der anderen. (Seite 13)

Und nur so können wir uns diesem Thema nähern. Denn wissenschaftliche Untersuchungen über Rauschmittel und Kreativität sind ziemlich selten. Es bleiben nur die Beispiele aus dem realen Leben. Diese Aufgabe erfüllt der vorliegende Band mit viel episodischem Wissen. Was soll dieses Buch? Was kann es leisten? Was nicht? Was können wir mit ihm anfangen?

Zunächst eine Warnung: es geht um eine bestimmte Literatur und nicht um die, über die der französische Dichter Julien Green sagte: „Die Unterhaltungsliteratur wird vom Teufel geschrieben. Und wir werden wohl nie erfahren, was diese Literaturgattung in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.“ (Seite 95)

Für die Behandelte Literatur und ihre Freunde ist es eine wahre Fundgrube von Geschichten und Details aus dem Leben und den Arbeiten der besprochenen Künstler. Wir bekommen einen Einblick in die verschiedenartigen Schreibprozesse und Schreibstile. Wie erfahren, wie die produktive Dynamik des Schreibrausches funktioniert.

Aber es kann auf keinen Fall aus einem Schreiber einen Literaten machen. Literatur kann man nicht erklären, man muss sie erleben, da sie tief im Innersten eines jeden Menschen verborgen ist.

Für alle, die an große Literatur interessiert sind; für alle, die die Illusion hinter unserer bildorientierten Zeit erkennen und ahnen, wieviel mehr das Wort zu leisten im Stande ist; für alle, die wissen, dass die eigene Überzeugung fehlerhaft und höchst unzuverlässig ist; für all diesen Lesern wird es die literarischen Sinne schärfen und erweitern. Passend zum Gedicht von Karl Kraus (Seite 336)

Reflex der Eitelkeit / Die Welt, die im Gewande lebt, / nach Genuß und Gewinn und nach Würden strebt, an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt, / ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt / und sich dünkt der Schöpfung Scheitel – / sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt, / sich täglich mit sich zufrieden stellt / und sich weitaus besser als mir gefällt, / der sie nicht für die beste der Welten hält: / ich sei eitel.

Das Buch lädt alle Literaturbegeisterten und – besessenen zu einer Entdeckungsreise ein. Der Leser wird dabei am meisten gewinnen, dem deutlich wird, wo die Grenzen seines eigenen Horizonts verlaufen.

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/im-rausch-des-schreibens/978-3-552-05826-2/

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Rezension: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch – Andrew Miller – Paul Zsolnay Verlag

Die fantastische Reise einer Meerjungfrau

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch – Andrew Miller (Autor), Nikolaus Stingl (Übersetzer), 368 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 24 €, ISBN-13: 978-3552058187

 

Tim und Maud treffen sich im Universitätssegelclub. Sie ist ruhig, in sich geschlossen, hat etwas von einem Rätsel, ist eine dieser unerkennbaren, faszinierenden, mysteriösen Frauen. In ihrem Unterarm eintätowiert ist der Satz „sauve qui peut“ – „rette sich wer kann“.

Maud stürzt im wahrsten Sinne des Wortes in Tims Leben. Trotz ihrer Unvereinbarkeiten werden sie ein Paar: sie, aus bescheidenen Verhältnissen, die eigenwillige Naturwissenschaftlerin, die an neuen Schmerzmitteln arbeitet und er, der sorglose Sohn einer reichen, alten Familie, der seine Tage mit Gitarre, Yoga, Kochen und Spaziergängen durch die Stadt verbringen kann.

Zunächst scheint sich das Porträt einer Partnerschaft zu entfalten, aus Tims Perspektive, der um unsere Sympathie bittet und der versucht, Zugang zu Mauds Innenleben zu gewinnen. Dann, ohne Vorwarnung, beginnt die Tragödie und das ganze Gewebe des Romans wird zerrissen durch einen tragischen Unfall. Der Autor schickt Maud allein in die Welt. Maud die Meerjungfrau, Maud,  der verhinderte Seemann baut ein vernachlässigtes Boot wieder auf und macht sich auf eine Solo-Reise über den Atlantik. Der erzählerische Blickwinkel dreht sich um 180°. Tim verschwindet aus der Geschichte und wir werden mit Maud alleine gelassen, die buchstäblich aufs Meer geht.

Es ist ungewöhnlich, einen Roman von zwei solcher inkongruenten Hälften zu lesen, besonders wenn der erste in all seiner provinziellen Gewöhnlichkeit so überzeugend ist und der zweite so problematisch in all seinem exotischen Abenteuer.

Das macht für mich aber den Reiz dieses Buches aus, vor allem der Versuch von Andrew Miller, einen zentralen Charakter in den Griff zu bekommen, dessen innere Existenz aus einer klaffende Leere besteht. Diese Maud fasziniert: ist sie eine mythische Figur oder vielleicht eine Meerjungfrau oder einfach nur eine langweilige Wissenschaftlerin mit einem Hauch von Asperger? Sie ist nicht nur rätselhaft, sondern sehr sexy.

Andrew Miller liefert eine verheerende Betrachtung über Liebe, Verlust und menschliche Natur, eine atemberaubende Lektüre, mit eleganter Prosa, krassen Bildern und einer wirklich überraschenden Handlung. So schafft er das unauslöschliche Porträt einer geheimnisvollen Frau und ihrer tragischen Suche, die etwas zu finden scheint, was sie braucht, auch wenn wir niemals wirklich wissen, wonach sie gesucht hat.

Diese Maud wird noch lange in Ihrem Kopf verweilen, lange nachdem Sie diesen bemerkenswerten Roman fertiggelesen haben. Wer ist diese unnachahmliche, rätselhafte Maud und wofür steht sie?

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Rezension: Das angehaltene Leben – Maurizio Torchio – Paul Zsolnay Verlag

Gefängnisse sind die Eingeweide der Welt

Das angehaltene Leben – Maurizio Torchio (Autor), Annette Kopetzki (Übersetzer), 240 Seiten,  Paul Zsolnay Verlag (20. Februar 2017), 22 €, ISBN-13: 978-3552058217

Die Handlung dies Romans von Maurizio Torchio können wir in ein paar kurzen Worten beschreiben: Ein Häftling erzählt in der ersten Person von seinen Erfahrungen in Einzelhaft, in einem nicht näher bezeichneten Gefängnis, auf einer nicht spezifizierten Insel.  Der Mann war für die Entführung einer jungen Frau verurteilt worden und später wurde seine Strafe um einen Mord erweitert, den er während seiner Haft begangen hat.

Der Autor fügt mit großem Geschick Schnipsel des Gefängnislebens mit der Rekonstruktion der Entführung im Wechsel zusammen.

Der Text zeigt den ständigen Abstieg des Ich-Erzählers, der weder Name noch Alter hat und so für eine allgegenwärtige Zeit spricht, eine Art von Geschichte wie ein alter Mythos, eine Art der Geschichten, die sich mit den tiefsten Wurzeln unseres Wesens beschäftigen: Was ist der Mensch?

Und das vor allem, weil der eigentliche Protagonist nicht der Häftling ist, noch seine Mitgefangenen, noch der Gefängnisdirektor noch die Wächter. Keiner von ihnen hat einen wirklichen Namen, noch eine bestimmte Identität, sondern wird lediglich über seine Funktion definiert. Nein, der eigentliche Protagonist scheint mir das Gefängnis selbst zu sein. Diese Demütigungen aus Isolation, Dunkelheit, Stille und dem Mangel an körperlichen Kontakten. Das Gefängnis ist ein integraler Bestandteil der Gesellschaft und als solcher ihr Spiegel.

Das Gefängnis wird als Gegenpol zum Chaos gesehen, wo es gilt den Idealzustand der Disziplin zu bauen und zu verwalten. So wie beim Ursprung der Schöpfung, als am Anfang das Wort war, und Namen noch nicht existierten. „Als meine Worte noch etwas wert waren, habe ich geschwiegen. Jetzt will ich reden.“ (Seite 30).

Das Gefängnis, dieser extreme Bereich, diese von Torchio mit wissenschaftlicher Genauigkeit und authentisch-existentiell beschriebener Wirklichkeit, ist irgendwie der Rand der Welt und des Lebens und gleichzeitig der Zustand, in dem der Erzähler seine äußerste Grenze findet.

Maurizio Torchio gelingt es, seinem Protagonisten eine glaubwürdige Stimme zu geben, die etwas Schreckliches und Außerordentliches in sich hat.

In präzisem Stil, ohne Schnörkel, ohne Posen, nie künstlich inszeniert er eine Wahrheit über Opfer und Täter, so dass wir einen Mann, der eine böse Tat begangen hat und damit als schlecht anzusehen ist, zugleich als Opfer sehen. Er nähert sich der zutiefst menschlichen Frage, was gut und was böse ist. Ihm gelingt es, uns einen wirklichen Einblick in die Komplexität der menschlichen Seele zu geben.

Herausgekommen als stilistisches und strukturelles Ergebnis ist eine sehr kompakte Erzählung,  ein hartes Buch, aber interessant, gut geschrieben und vor allem wirksam.

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Rezension: Maria Theresia – Élisabeth Badinter – Paul Zsolnay Verlag

Mutter, Geliebte und Karrierefrau – ein Vorbild?

Maria Theresia: Die Macht der Frau – Élisabeth Badinter (Autorin), Horst Brühmann (Übersetzer), Petra Willim (Übersetzer), 304 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (13. März 2017), 24 €, ISBN-13: 978-3552058224

Mythos Maria Theresia: die mächtigste Frau in der Geschichte, überaus schön, erotische Legende, charmant, akribische Arbeiterin, Supermutter, hingebungsvoll Liebende, König (männlich), perfekte Schauspielerin, Reichshausfrau, Märchenkönigin, entscheidungskräftig und machtbewusste Strategin, kaum ein Attribut, das ihr nicht verliehen wurde.

Maria Theresia von Österreich wurde 1717 in Wien geboren und starb dort im Jahre 1780. Sie war eine der prägenden Monarchen des aufgeklärten Absolutismus. Politisch unerfahren besteigt sie mit gerade 23 Jahren den Thron. Und sie war genauso widersprüchlich, wie das Zeitalter in dem sie gelebt hat und das sie in 40 Regierungsjahren als Machtpolitikerin und als Mutter von 16 Kindern maßgeblich mitgeprägt hatte.

Es gibt nichts, was wir über sie nicht wissen könnten. Warum also eine neue Biographie? Ausser zum Anlass ihres 300ten Geburtstages?

Élisabeth Badinter ist in erster Linie Philosophin und Feministin und erst in zweiter Linie Historikerin. Wir erfahren also, wie nicht anders zu erwarten, keine neuen Fakten, sondern bekommen eine andere Blickweise auf diese ungewöhnliche Frau.

Wie geht diese Frau mit den Widersprüchen, Spannungen, Misserfolgen  und Problemen ihres Lebens um? Wie hat sie ihre weibliche Seite genutzt und den Trumpf der Gefühle und der Verführung ausgespielt? Was können wir heute von ihr lernen?

Élisabeth Badinter prägt das Buch durch den Untertitel „Die Macht der Frau“. Damit gibt sie dieser Ausnahmefrau einen Allgemeingültigkeitsaspekt, den sie auf die moderne Frau übertragen möchte. Ob ihr der Nachweis schlüssig gelungen ist? Oder waren die Verhältnisse der Zeit und die Persönlichkeit von Maria Theresia zu aussergewöhnlich? Lesen Sie und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil.

Auf jeden Fall ist dieses Buch sehr lesenswert. Ein exquisiter Schreibstil, ein gut strukturierter Aufbau und eine perfekte Dokumentation umrahmen diesen interessanten, sozialgeschichtlichen und psychologischen Essay. Es ist keine traditionelle Biographie, sondern eine Reflexion über die drei Aspekte der Königin: Frau, Herrscherin und Mutter.

Es ist die interessante Geschichte eines Lebens und die Geschichte einer Dynastie, intelligent und mit begeisterndem Schwung geschrieben, klar, präzise und ​​nie langweilig, fast wie ein historischer Krimi. Das gelungene Porträt einer starken Frau in einer männlichen Zeit. Oder wie es der Hofbaumeister Emanuel Teles da Silva (1691-1771), die graue Eminenz der Regierung Maria Theresias einmal formulierte: Der „Mann des Jahrhunderts ist eine Frau.“

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Rezension: Uhren gibt es nicht mehr – André Heller – Paul Zsolnay Verlag

Willst du sterben? – Falsch wäre es nicht.

Uhren gibt es nicht mehr: Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr – André Heller (Autor), 112 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (13. März 2017), 18 €, ISBN-13: 978-3552058316

Mancher denkt über das Alter, sein Altwerden nach. Manch einer verdrängt das Thema, dass das Leben jeden Augenblick vorbei sein kann. Martin Heidegger zeigte in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ die Bedeutung des Todes für die eigene Lebensgestaltung auf. Durch die gedankliche Vorwegnahme des Todes würde dem Einzelnen seine Endlichkeit bewusst und so würde er die verbliebene Zeit sinnvoll nutzen und sich auf das konzentrieren, was ihm wichtig erschiene. Hat er Recht?

André Heller legt in diesem Buch ein beeindruckendes Beispiel vor, das Beispiel seiner 102 Jahre alten Mutter Elisabeth Heller. Was denkt ein Mensch, eine Frau, die zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 geboren wurde?

In 18 Gesprächen nähern wir uns dieser außergewöhnlichen Frau und dem Alter. In den Gesprächen streifen die Beiden Erinnerungen, reden über Musik, über Ehe, Freundschaften und über Alltägliches. Es sind originelle, innige Gespräche von beeindruckender Klarheit, mit entwaffnenden Aussagen und einem tiefen Humor:

Über Menschen: „sie sind vielleicht fähiger, als sie glauben, aber unwichtiger als sie denken.“ (Seite 90)

Über das Beten: …die Frauen beten um Vernunft und Frieden und die Männer um Erfolge und Siege.“ (Seite 95)

Über Altersheime: „Das ist eine Art von grauslichem Selbstmord.“ (Seite 42)

Über sich selber: „Ich bin konfliktscheu, aber sonst nicht feige. (Seite 30)

Über ihren Ehemann: „Er konnte nett sein.“ … „So nett war er auch wieder nicht, er konnte schrecklich sein.“ (Seite 18

Über Männer: „Es gibt ja noch was Anderes als Männer.“ (Seite 19)

Über die eigene Erinnerung: „Unglaublich, was es alles gibt, das es nicht mehr gibt in meinem Hirn.“ (Seite 22

In diesem kleinen Büchlein wird Alter nicht aus der Sicht der Gesellschaft und damit unter Kosten-Nutzen-Aspekten gesehen, sondern aus einer Innenperspektive heraus, die die Würde des Alters und des Alterns in den Vordergrund stellt.

Eine bereichernde Lektüre, vor allem für diejenigen, die die ewige Jugend für sich reklamieren.

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Rezension: Moorbruch – Peter May – Paul Zsolnay Verlag

Komplexes Mordgeheimnis

Moorbruch – Peter May (Autor), Silvia Morawetz (Übersetzerin), 336 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (30. Januar 2017), 20,00 €, ISBN-13: 978-3552058170

Der ehemalige Edinburgher Detektiv-Inspektor Finlay (Fin) Macleod ist wieder zurück in seiner Heimat auf der Insel Lewis, die zu der Gruppe der äußeren Hebriden gehört. An diesem Ort hatte Fin eine oft schwierige Vergangenheit und hier sucht er eine sinnvolle Zukunft.

Er ist Chef des Sicherheitsdienstes eines weitläufigen Anwesens der Jagd und der Lachsfischerei. Besitzer ist Jamie Wooldridge und sein direkter Vorgesetzter ist ein guter Bekannter aus Schülerzeiten, Kenny John, genannt Big Kenny.

Und da ist auch sein alter Weggefährte, John Agnus Macaskill, genannt Whistler. Beide entdecken im unwegsamen Bergland ein kleines einmotoriges Flugzeug, es scheint mehr oder weniger intakt zu sein, auf dem Grund eines Sees, der infolge eines Moorbruchs leergelaufen ist. Am Steuer, erschlagen Roddy Mackenzie, vor 17 Jahren der talentierteste und erfolgreichste keltische Rockstar seiner Generation und damals mit seinem Flugzeug als verschollen gemeldet. Mehr will ich über den Fortgang der Geschichte nicht verraten.

Auf jeden Fall bringt diese Entdeckung Fin dazu, über die Menschen und Erfahrungen nachzudenken, die die Männer zusammen als Teenager hatten, die Frau, die sie geliebt hatten, die Faustkämpfe, die engen Gespräche und – am allermeisten – die Insel selbst. Als Teenager war die Gruppe in ihrem Wunsch vereint, die Insel zu verlassen. Im mittleren waren alle zurückgekommen, einige waren noch nie weggegangen.

Um die genannten Personen, zu denen auch Donald Murray, Pfarrer und früher Manager der Band, Anna Macaskill, Tochter des Whistlers, Marsaili, die Jugendliebe von Fin und ihrem gemeinsamen Sohn Fionnlagh gehören, spinnt Peter May ein Netz von Geschichten und Geschichtchen, Erinnerungen, Geheimnissen aus der Vergangenheit. Ein Netz, das sich immer enger zuzieht und einen ungeheur spannenden Sog auf den Leser ausübt. Mit eingewebt ist die Geschichte der Iolaire-Schiffskatastrophe am Ende des Ersten Weltkrieges.

Darüber hinaus spielen die düstere und unwirtliche Landschaft der Hibriden-Inseln vor der nordwestlichen Küste von Schottland eine weitere Hauptrolle. Und der Leser bekommt einen wirklich tiefen Eindruck von der Landschaft, ihren Menschen und ihrer Denkweise. Diese schroffe Insel ist eine ideale Kulisse, mit seinen unfruchtbaren Landschaften, dem grausamen Wetter und dem tiefen Einfluss der Kirche für diese etwas melancholische Geschichte, in der es keine Sonne und keine Sieger zu geben scheint. Es ist faszinierend zu sehen, wie das Leben aller Figuren ineinandergreifen kann, und wie jedes Geheimnis eine dauerhafte Spur auf ihnen hinterlassen hat.

Mich beeindruckt am meisten natürlich Fin, ein unruhiger Charakter. Obwohl sein Leben sich grundlegend verändert hat, bekommen wir ein Gefühl für die ewige Unruhe diese Menschen und für ein Leben, das von der Tragödie berührt wird. Und dann liebe ich insbesondere die Überschneidungen der Ebenen und Untergeschichten, aus denen die Handlung besteht und wie sie sich zu unterschiedlichen Zeiträumen entfalten.

Aus meiner Sicht ist es ein sehr kluger Roman, ein hochliterarischer Krimi, voller Geheimnisse und Verbrechen, mit einem wirklich atemberaubenden Ende. Leider ist es laut Autor das letzte Buch seiner Trilogie, die auf der Insel Lewis spielt. Aber vielleicht überlegt er es sich noch einmal. Auf jeden Fall sollten Sie sich dieses wahre Lesevergnügen gönnen. Die Atmosphäre, die Charaktere und die Geschichte selber werden Sie nicht ruhen lassen, bis Sie das Buch zu Ende gelesen haben.

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Rezension: Das Spiel der hundert Blätter – Varujan Vosganian – Paul Zsolnay Verlag

Ins Tal der Tränen tritt man nicht irgendwie ein.

Das Spiel der hundert Blätter – Varujan Vosganian (Autor), Ernest Wichner (Übersetzer), 224 Seiten, Paul Zsolnay Verlag (22. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3552058002

Varujan Vosganian, ein rumänischer Wirtschafts-wissenschaftler, Politiker, Essayist und Lyriker armenischer Abstammung, legt mit „Das Spiel der hundert Blätter“ seinen zweiten Roman auf Deutsch vor.

Mir scheint es das Epos einer, seiner, Generation, nicht allein von Rumänen, sondern aller derer, die im Osten Europas als Erwachsene den Systembruch um das Jahr 1990 erlebt haben.

Vier Freunde waren es: Tili, Jenica, Maca, Luca. Jetzt, zwanzig Jahre nach dem Umbruch von 1989/90 treffen sich drei wieder. Luca fehlt. Sie erinnern sich an ein Spiel, das sie als Kinder erfunden haben: Bei jedem Schritt auf dem Schulweg mussten sie den Fuß auf ein herabgefallenes Kastanienblatt setzen. Lag gerade keines vor ihren Füßen, durften sie eines von abgezählten hundert Blättern aus ihrem Ranzen vor sich hinlegen.

Es sind drei skurrile, verschrobene Typen die drei: Tili berät einen Puppenmacher indem er dessen Puppen Namen verleiht. Jenica hilft in einer Lottoannahmestelle aus, wo er in erster Linie versucht die Kunden vom Spiel abzuhalten. „Es ist nicht gut, wenn das Glück einfach so, so unerwartet eintrifft.“ (Seite 69) und Maca rast mit seinem Motorrad durch die Gegend und sammelt Flüche. „Wie man weiß, hielt er Flüche für Versöhnungsformeln mit der Welt.“ (Seite 212) Jenica hat Zugang zu den Akten der Securitate und gemeinsam versuchen sie, das Schicksal ihres ehemaligen Freundes Luca zu klären.

Vor dem Hintergrund der realen Geschichte erzählt der Roman sehr bildhaft und in Gleichnissen von den großen Themen des Lebens: Von Tod, Glück, Verzeihen und Vergessen, von Vergangenheit und Zukunft und von Menschen, die vor vielem Angst haben und vergeblich ihre Identität in diesen unsicheren Zeiten suchen. Eindringlich schildert Vosganian das prekäre und sinnentleerte Leben der Hauptpersonen im postkommunistischen Land. Irgendwie können sie nichts mit der neuen Freiheit anfangen: „Ich habe diese Mengen an Zukunft ziemlich satt. Anstelle einer strahlenden Zukunft, die niemals eintrifft, hätte ich lieber eine Vergangenheit, an der ich mich erfreuen könnte. Ich will das Recht auf eine Vergangenheit erwirken.“ (Seite 63) Jeder der Protagonisten verzweifelt auf seine Art.

Varujan Vosganian schreibt traurig, lakonisch, manchmal wunderlich, mit vielen Bildern und Metaphern (die hundert Blätter, der Eilzug nach Bukarest, das Bild des Spiegels), die immer wieder auftauchen und miteinander verwoben sind. Und der Roman endet auch mit Tills Blick in den Spiegel. „Der Puppenmeister hatte einen Spiegel aus der Kiste geholt. Till sah sich selbst, und zum allerersten Mal fiel ihm kein Name ein. Er bemühte sich, etwas zu finden, aber er spürte es war zu spät. Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und stöhnte. Die Welt, mit oder ohne ihn, auch unbenannt, existierte weiter …“ (Seite 223)

An sich sehr locker und entspannt zu lesen, wer aber einen angenehmen und leichten Stoff erwartet, irrt. Denn eine Aufgabe kommt auf den Leser dieser anspruchsvollen Lektüre zu: Er muss diese Geschichte weiter erzählen.

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https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-spiel-der-hundert-blaetter/978-3-552-05800-2/

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